Monika Litschko

Der Sommer 2016

NEW YORK NEWS

Bei der gestrigen Anhörung einer Doppelmörderin aus dem nahen Fieldbeek, die zwei Menschen eiskalt ermordet hat, war auch unser Reporter Peter Mansen zugegen. Mit Genehmigung veröffentlichen wir Mrs. O’Briens Geschichte. Unverfälscht und wortgetreu. Des weiteren wird dem Artikel ein polizeiliches Protokoll beigefügt.

 

Der Sommer 2016

Ich hatte mich im Lesezimmer meiner Eltern eingeschlossen. Mein Herz schlug, wie wild gegen die Rippen und meine zitternden Hände schwitzten. Unaufhörlich rieb ich meine nassen Handflächen über die Lehne des Sessels. Warum kamen sie nicht wieder? Was dauerte da so lange? Ich schaute auf die alte Standuhr und das monotone Ticken machte mich noch nervöser. Um mich abzulenken, schaute ich mir jedes altvertraute Möbelstück intensiv an. Die alte Eichenvitrine, die neben dem Kamin stand, mochte ich schon immer. Wenn ich sie berührte, fühlte ich die Wärme des Holzes, welches mich immer irgendwie beruhigte. Und die hübschen Bilder an den Wänden beflügelten meine Fantasie. Auf einigen war mein geliebtes New York zu sehen. Unzählige Fotografien in silbernen Rahmen standen auf der hochpolierten Ablage der Vitrine. Fotos von meinen Großeltern, die schon verstorben waren. Von meinen Eltern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins. Und Marys Foto. Die stolze schöne Mary, mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und den unnatürlich grünen Augen, die noch intensiver leuchteten, wenn sie ihr langes schwarzes Haar offen trug. Ich war nicht so schön. Mein Gesicht war nicht ebenmäßig, meine Haare nicht schwarz und meine Augen nicht grün. Ich hatte eher eine runde Gesichtsform. Braune lockige Haare, die mir bis zu den Hüften hingen und stinknormale braune Augen. Unruhig verließ ich meinen Sitzplatz, einen grünen schweren Ohrensessel, in dem mein Vater immer saß, wenn er Zeitung las. Ich ging zur Tür und kontrollierte, ob sie noch verschlossen war. Sie war es. Erleichtert atmete ich aus und stellte mich ans Fenster. Die Farm der O’Brien war nicht gerade groß und wurde auch nicht mehr bewirtschaftet. Meine Eltern hatten, nachdem meine Großeltern verstorben waren, ihren Wohnsitz hierher verlegt. Dad machte es nichts aus, dass er täglich eine Stunde mit dem Auto nach New York pendelte, wo er in einer renommierten Bank als Sachbearbeiter tätig war. Meine Mom musste bei seinem Gehalt nicht arbeiten und hielt dafür das Anwesen in Ordnung. Obendrein pflegte sie die nachbarschaftlichen Kontakte. Ich war in New York geblieben und arbeitete als Fotografin. Die Arbeit machte mir Spaß und füllte mich restlos aus. Also war nur Mary mit nach Fieldbeek gezogen, da sie noch studierte. Es war einfach billiger. Meine Eltern schenkten ihr großzügig einen kleinen Flitzer, damit sie hin und her pendeln konnte. Sie hatten nur einmal durch die Blume angefragt, ob die Möglichkeit bestehen würde, Mary eine Zeit lang bei mir wohnen zu lassen. Natürlich bestand diese Möglichkeit nicht, aber ich verpackte mein ‚Nein‘ einigermaßen gut.

Ich trommelte mit zwei Fingern gegen die Fensterscheibe und betete, dass endlich irgendeine Menschenseele hier aufkreuzen würde.
„Mutters Beet ist herrlich“, murmelte ich und ließ die bunten Farben der Sommerblumen auf mich wirken. Seufzend riss ich mich von ihrem Anblick los und schlich schon fast schleppend wieder zur Vitrine. Lächelnd nahm ich ein Foto in die Hand, welches mich am Tag meines Abschlussballs zeigte. Mom hatte mir ein weißes Kleid gekauft und meine braune Lockenpracht hochgesteckt. Als Dan Miller mich mit dem Wagen seines Vaters abholte, strahlten seine feurigen Augen und ich fühlte mich schön. Solange, bis Mary hinter mir stand und lasziv an einer schwarzen Haarsträhne kaute. Ich stellte das Bild weg und schaute Mary an, die jetzt aufgebahrt im Wohnzimmer lag. Gestorben in einem kleinen schäbigen Flitzer. Getötet von einem übermüdeten Fahrer, der seinen Truck nicht mehr unter Kontrolle hatte. Mary hatte keine Chance. Sie war sofort tot. Dieser Gedanke, dass sie kalt und tot nur ein Zimmer weiter lag, nahm mir die Luft. Ich traute mich nicht alleine zu Ihr, denn ich hatte Angst vor Mary.
Der ortsansässige Bestatter hatte Mary in einen Sarg gebettet, der kontinuierlich gekühlt wurde. Ein gläserner Deckel verhinderte, dass diese Kühle entweichen konnte. Komischerweise war ihr Körper total zerquetscht worden, aber nicht Marys Gesicht. Heute würde ich zu Mary gehen müssen, meinen Eltern zuliebe. Da ich heute Morgen erst angekommen war, eher hätte ich es nervlich nicht geschafft, hatte ich dieses tunlichst vermieden. Ein guter Bekannter hatte mich gefahren, damit ich unversehrt hier ankam. Ich hörte Motorengeräusch. Meine Eltern waren zurück. Endlich.


Dad sah grau aus. Mit eingefallenen Wangen und tief in den Höhlen liegenden Augen stand er vor mir und schluchzte. „Jetzt ist alles geregelt.“ Er drückte mich an sich und ich roch sein herbes Rasierwasser.
Mom ließ ihre Handtasche fallen und rannte weinend an uns vorbei, direkt ins Wohnzimmer zu Mary. Kein Wort für mich, kein Blick, nichts.
„Sie meint das nicht so“, sagte Dad und schob mich vor sich her. „Du solltest auch zu Mary gehen, Elena, denn morgen wird deine Schwester fort sein. Fort für immer.“
„Dad ich …“
„Komm Ella, wir gehen gemeinsam. Du musst keine Angst haben.“
„Du hast Ella gesagt, Dad. So hast du mich schon lange nicht mehr genannt.“
Mein Vater sah mich liebevoll an, sagte aber nichts dazu.


An der Schwelle zum Wohnzimmer blieb ich stehen. Nur zögerlich setzte ich einen Fuß vor den anderen. Mir war, als würde ein Geruch von Tod und Verwesung in der Luft liegen. Dass dem nicht so sein konnte, sagte mir mein Kopf, aber meine Seele roch den Tod. Sie roch Mary.
Mom stand bewegungslos vor Marys Sarg. Kalt, unbarmherzig, aschfahl und mit rot verquollenen Augen starrte sie ihre tote Tochter an, als wollte sie diese bestrafen. Bestrafen für einen unverdienten Tod. Dafür, dass Mary so einfach gegangen war und niemals wiederkommen würde. Niemals. Ich stellte mich neben Mutter. Meine Beine zitterten, als ich mich zwang, Mary anzusehen.

Da lag sie. Weiß, kalt und tot mit bläulichen Fingernägeln. Die gefalteten Hände knöchern und das schwarze Haar verlor langsam allen Glanz. Mary trug ein hellblaues Seidenkleid und in ihrem Haar steckte eine weiße Rose, auf deren Blätter feine Wassertropfen lagen. Sie sah wie ein Engel aus, der jeden Moment die Augen aufschlagen könnte, um sich zu erheben. Mir schauderte bei dem Gedanken. Ich zwang mich, nicht daran zu denken, wie es unter dem Kleid aussah. Gebrochene, aus dem Fleisch stehende Knochen, die notdürftig in tiefe Wunden geschoben waren, die dann notdürftig verschlossen wurden.
„Sie ist zu grell geschminkt“, sagte meine Mutter unvermittelt und beugte sich vor. „Das muss neu gemacht werden. Elena, das können wir zusammen machen.“
Ich erstarrte. „Mom, das kann ich nicht. Sie ist nicht zu stark geschminkt. Schau doch, Mary trägt nur rosa Lipgloss und ein zartes Rouge.“
Mutter schluchzte und kniete sich vor den Sarg. „Das ist zu wenig. Es unterstreicht Marys Schönheit nicht. Ihre Fingernägel sind nicht lackiert, sie sehen so blau aus.“
Mein Vater zog Mutter vorsichtig hoch und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Sie sieht hübsch aus, Dana. Du solltest dich etwas hinlegen. Komm, wir gehen hoch und du nimmst die Tabletten, die der Arzt dir verschrieben hat.“
Mom nickte und folgte meinem Vater nach oben.

Ich weiß nicht, warum ich bei Mary blieb, obwohl mein Herz bis in den Hals schlug, aber der gläserne Sargdeckel war wie ein unüberwindbarer Schutz für mich. Hunderte von Erinnerungen stiegen schlagartig in mir auf. Unsere vielen Streitereien, bei denen ich den Kürzeren gezogen hatte. Verehrer, die Mary mir immer systematisch ausgespannt hatte. Ihre Hänseleien, bezüglich meines einfachen Aussehens. Das Hervorheben ihrer eigenen Schönheit. Wie leicht es immer für Mary war alles zu bekommen. Dinge, für die ich hart kämpfen musste. Ich weinte, aber eher vor Wut. Und ich fürchtete mich vor mir selber, weil ich keine Trauer empfand. Das Schlimmste aber war, dass ich mich dafür nicht einmal schämte.
„Hättest du gedacht, dass du nur dreiundzwanzig Jahre werden würdest, Mary O’ Brien? Hier stehe ich nun und kann nichts fühlen. Keine Liebe, keine Trauer. Du bist mir so fremd Mary. Du warst mir immer fremd.“
Ich ging um den Sarg herum und betrachtete meine Schwester noch intensiver. Sie war immer noch schön. Es schien, als könnte auch der Tod Mary nichts anhaben. Warum stand ich überhaupt noch hier? Mir wurde schwindlig und ein seltsames Gefühl stieg in mir auf. Ich wollte mich gerade wegdrehen, als Mary ganz langsam ihr rechtes Auge öffnete. Über ihre graue trübe Pupille zog sich ein schleimig gelber Faden. Klebstoff war mein erster Gedanke. Dann hörte ich mich schreien. Ich schrie und schrie, bis mich ein harter Schlag traf. Meine Wange brannte wie Feuer, als ich meinem Vater in die Arme fiel. Wortlos und unendlich traurig zog er mich aus dem Wohnzimmer.

„Elena beruhige dich. Ich werde den Bestatter anrufen, damit er das in Ordnung bringt. Deine Mutter darf das auf keinen Fall sehen und auch nie erfahren. Versprichst du mir das?“
Ich nickte und fragte stotternd. „Sie hat es nicht selber geöffnet?“
Dad schüttelte den Kopf. „Nein, das hat sie nicht.“
In mir zog sich alles zusammen und ich hatte nur noch einen Wunsch. Ich wollte weg, weit weg von hier. Aber das konnte ich Mom und Dad nicht antun. Morgen würde es leichter sein, denn dann kamen alle Verwandten und Freunde, um sich von Mary zu verabschieden.
„Es tut mir leid, Dad. Ich habe die Nerven verloren. Kann es sein, dass die Kühlung nicht mehr funktioniert?“
„Ist schon gut, Kleines. Der Bestatter kommt jeden Moment. Wenn er da ist, sollten wir in die Küche gehen und einen Kaffee trinken. Ich glaube, der tut uns beiden gut.“

 

Der Bestatter kam und ich kochte uns einen Kaffee. Wir hörten, wie er die Schrauben des Sargdeckels entfernte. Mehr hörten wir nicht. Schweigend tranken wir unseren Kaffee und vermieden es, uns anzusehen.
„Wie soll es jetzt weitergehen? Schafft ihr das alles?“
Es dauerte eine Weile, bis er mir antwortete. „Ich werde mit deiner Mom wieder nach New York gehen. Wir werden die Farm verkaufen. Sie kann mit den Erinnerungen nicht leben und in New York, dieser sich immer bewegenden Stadt, wird deine Mutter Ablenkung finden. Außerdem wärst du in unserer Nähe. Ob wir es schaffen? Nein Ella, so etwas schafft man nie. Wir haben uns äußerlich nicht verändert, aber innerlich ist nichts mehr an seinem Platz. Ella ich weiß, dass ihr als Geschwister keine Bindung zueinander hattet, wie andere Geschwister sie vielleicht haben. Und ich weiß, wie sehr du als Kind und auch Jugendliche darunter gelitten hast. Aber bitte vergib Mary, damit sie in Ruhe gehen kann.“
Ich griff nach seiner Hand. „Ich bin immer für euch da, das verspreche ich. Ja, ich vergebe Mary. Dad, ich wollte, sie würde noch da sein, damit wir über alles reden könnten. Vielleicht hättet ihr in New York bleiben sollen, denn in jedem Raum hängen Bilder dieser wundervollen Stadt.“
„Es sind nur Bilder Ella, mehr nicht.“

 

Es klopfte und der Bestatter trat ein. Er hatte alles wieder in Ordnung gebracht und entschuldigte sich abermals bei uns. Mein Dad besprach noch einmal mit ihm, wann Mary morgen aus dem Haus geholt werden würde, um auf dem Friedhof in Fieldbeek beigesetzt werden zu können. Da man ihren Leichnam umbetten musste, sollten die Trauergäste frühzeitig das Haus verlassen und zum Friedhof fahren. Er versprach, dass der derzeitige Sarg dann auch nicht mehr da sein würde, sodass der Catering Service seine Arbeit verrichten konnte. Mein Dad begleitete ihn noch zur Tür und ging ins Wohnzimmer. Ich hörte ihn weinen und es zerriss mir das Herz.

Müde hob ich meine Kaffeetasse an und schaute zur Spüle, auf der sich massenhaft dreckiges Geschirr stapelte. Eigentlich war meine Mutter eine penible Hausfrau. Aber an diesen schlimmen Tagen gab es Wichtigeres, als spülen oder sauber machen. Wenn ich zu Besuch war, hatten wir immer in Mutters geliebter Landhausküche gegessen. Mein Dad hatte diese extra für sie anfertigen lassen. Es war einfach nur gemütlich, wenn die Terrassentür im Sommer aufstand und eine leichte Brise Erfrischung brachte. Oder wenn im Winter die großzügig angebrachte Weihnachtsbeleuchtung an den Tannen, Behaglichkeit verbreitete.
„Ich werde deine Küche wieder in Ordnung bringen, Mom.“

Das Spülwasser war angenehm und wärmte meine kalten Hände. Draußen war das Thermometer auf dreißig Grad gefallen. Eigentlich für diese Uhrzeit noch viel zu heiß. Aber der Sommer 2016 war bombastisch und Temperaturen über vierzig Grad an der Tagesordnung. Dennoch war mir kalt. Innerlich wie äußerlich. Ich fing mit den Tassen an und arbeitete den Rest ab. Das Besteck verschwand zuletzt in dem schaumigen Spülwasser und meine Finger suchten nach Messern, Gabeln und Löffeln.
„Autsch!“ Ich hatte mich verletzt und griff nach einem Tuch um das Blut abzutupfen. Ein Messer hatte meine Fingerkuppe erwischt und es blutete immer wieder nach. Gott sei Dank wusste ich, wo meine Mutter Pflaster liegen hatte. Ich zog die Schublade auf, verarztete mich und ließ das Wasser ab, denn ich wollte kein zweites Mal in ein Messer fassen. Das Besteck spülte ich anschließend mit heißem Wasser sauber und stellte es in den Besteckkasten, damit es ablaufen konnte. Als ich die Spüle trocken rieb, fiel mein Blick auf ein Messer mit schwarzem Griff. Wie versteinert starrte ich es an. Eine nie gekannte Angst nahm mich in den Würgegriff und schnürte mir die Luft ab. Panikwellen schossen mir durch den Körper, meine Atmung geriet aus dem Rhythmus und ich zitterte am ganzen Körper. Hilflos hielt ich mich an der Spüle fest und geriet irgendwann in einen Schwebezustand, in dem ich Marys Stimmer hörte. „Erinnere dich, Ella.“ Dann wurde ich ohnmächtig.

„Ella wach auf. Komm Mädchen, mach die Augen auf.“
Es fiel mir verdammt schwer die Augen zu öffnen, denn sie waren schwer wie Blei.
„Braves Mädchen. Komm, trink ein Schluck Wasser.“
Vater kniete vor mir und hielt meinen Kopf. Langsam erinnerte ich mich wieder.
„Trink noch etwas, Ella. Marys Tod, die Hitze und die Trauer, das war zu viel für dich.“
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und weinte bitterlich. Er half mir hoch und setzte mich in eine Sonnenliege, die draußen auf der Terrasse stand.
„Geht es wieder?“
Ich nickte. „Ich habe Marys Stimme gehört. Sie sagte, ich soll mich erinnern.“
Mein Dad wurde blass und sprang nervös auf. Schweißperlen liefen aus seinen Haaren, während er mich wütend ansah.
„Lass das, Elena. Wie kannst du an so einem Tag …?“Er vollendete den Satz nicht, sondern drehte sich um und verschwand im Haus. Es dauerte eine Weile, aber er kam zurück und setzte sich wieder zu mir.
„Es tut mir leid, Ella. Aber ich höre auch oft Marys Stimme. Guten Morgen, Dad. Es wird spät, wartet nicht auf mich. Bill Paxten gibt eine Party und ich habe nichts anzuziehen.“
„War die Party nicht letztes Jahr? Ich erinnere mich, denn da war ich übers Wochenende hier. Du wolltest Mary abholen, hattest aber schon zu viel getrunken und dann bin ich gefahren. Wie geht es Bill? Ich meine, nachdem er von Mary gehört hat?“
Dad sah mich auf eine Art und Weise an, die mir Angst machte. „Er ist vor ein paar Tagen gestorben.“
„Einfach so?“
„Eigentlich ja. Man hat ihn tot in seinem Zimmer gefunden. Die Todesursache ist bis heute unklar und man geht davon aus, dass er einen natürlichen Tod gestorben ist. Außergewöhnlich ist nur, dass er einen guten Anzug trug und auch sonst ordentlich zurecht gemacht war. Ich tippe auf Selbstmord. Ella ich sollte nach Mom schauen, sie schläft mir schon zu lange.“
„Warte, ich komme mit, wenn es recht ist.“

Wir gingen nach oben und erst da fiel mir auf, dass Dad das rechte Bein nachzog. Doch ich fragte nicht, wie es passiert war. Vielleicht hatte er sich auch nur vertreten.
Als wir das Schlafzimmer meiner Eltern betraten, schlug mir ein scharfer Geruch entgegen, von dem mein Vater aber wohl nichts bemerkte. Ich sah schnell, was passiert war und handelte. Mom hatte sich im Schlaf übergeben und ich säuberte ihr Gesicht und die Zudecke so gut es ging.
„Wie viele Tabletten hast du Mutter verabreicht, sie wird ja gar nicht wach? Dad, antworte mir doch.“
Ich drehte mich um, aber mein Vater war nirgends zu sehen. Vielleicht war ihm nicht gut.
„Mom wach auf. Mom bitte.“
Ich schüttelte sie ein wenig, aber es war zwecklos. Also blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Während ich neben ihr saß, griff ich nach dem Tablettendöschen auf ihrem Nachttisch und sah, dass sie hoch dosiertes Diazepam bekam. Da ihre Atemzüge regelmäßig waren, stand ich auf und öffnete das Fenster, damit der Geruch abziehen konnte. Nun würde ich mit Dad ein ernstes Wort reden müssen, denn er konnte ihr das Diazepam nicht in so hoch dosierten Dosen verabreichen. Was er ja wohl getan hatte. Außerdem musste er einen Fliegenfänger aufhängen, da etliche von den lästigen Plagegeistern durch das offene Fenster eingedrungen waren. Ein Nachteil des Landlebens. Ich schaute noch einmal nach Mom und verließ das Zimmer.


Unschlüssig stand ich im Flur. Wo war Dad nur hingegangen? Als ich im Gästezimmer nachschauen wollte, hörte ich ein Stöhnen. Es kam aus dem Treppenhaus und ich lief los.
„Was ist passiert? Oh mein Gott. Warte, ich komme.“
Mein Vater lag am Ende des Treppenaufganges und stöhnte.
„Elena, ich bin gestürzt. Meine Beine, bitte hilf mir.“
Ich rannte die Stufen herunter und kniete mich zu ihm. Sein rechtes Bein war abgeknickt und zeigte nach außen. Sein Linkes schien komplett verdreht zu sein.
„Ich muss sofort einen Krankenwagen rufen. Dad, nicht bewegen. Hältst du so lange durch?“
Mein Vater nickte mit schmerverzerrtem Gesicht und ich lief weiter nach unten. Wo war das Telefon noch mal? Irgendwie fiel mir das Denken schwer. Denk nach Elena. Im Wohnzimmer. Genau, da war das Telefon.
„Dann muss ich aber an Mary vorbei“, flüsterte ich. Angst kroch in mir hoch, da ich mich hilflos fühlte. Mr. Blossem, der ein Haus weiter wohnte, wollte ich auch nicht behelligen oder gar um Hilfe bitten. Ich warf einen Blick auf den Sarg, der mitten im Wohnzimmer stand. Es war ruhig und ich wusste, dass es die Totenstille war. Wie oft sagten die Menschen dieses Wort. Totenstille, Totenstille, Totenstille. Pssst Elena, nicht denken. Mary ist tot, sie kann nicht aus ihrem Gefängnis. Mit klopfenden Herzen ging ich ins Wohnzimmer. Wo war das Telefon nur? Ich sah mich um und entdeckte es auf einem Beistelltisch, der in der Nähe des Fernsehers stand. Was aber auch hieß, dass ich an Mary vorbei musste.
„Nur zu, du musst keine Angst haben.“
Mary hatte den Kopf angehoben und starrte mich mit toten glanzlosen Augen an. Mir wurde schlecht und ich lief so schnell ich konnte wieder nach oben. Mein Herz zersprang fast, als ich die erste Treppe geschafft hatte. Wo war Dad? Er hatte doch gerade noch hier gelegen. Laut nach meinem Vater rufend, lief ich weiter nach oben.
„Dad wo bist Du? Sag doch etwas!“
Ich öffnete jede Tür. Meine Mutter musste aufgestanden sein, denn ihr Bett war leer. Bestimmt war sie mit Dad in Marys Zimmer. Aber auch da waren die beiden nicht. Blieb nur noch das Gästezimmer. Als ich die Klinke herunter drückte, überkam mich wieder dieses unwirkliche Gefühl. Ein Gefühl, welches ich schon lange kannte. Die Tür quietschte leise, als ich sie öffnete und eintrat.
„Dad, was tust du? Was hast Du getan? Und warum kannst Du wieder laufen? Ich habe doch deine verdrehten Beine gesehen. Dad, wer ist das?
„Bill Paxten, Ella.“
Mein Vater trat ein Stück zur Seite und ich erkannte Bill Paxten, der friedlich auf dem Gästebett lag und schlummerte.
„Warum liegt er hier und schläft? Du hast doch gesagt, er ist verstorben.“
Ich beugte mich über Bill und strich durch sein blondes zerzaustes Haar. Gut sah er aus. Der dunkelgraue Anzug und das weiße Hemd kleideten ihn. Aber es störte mich, dass er das Jackett schon beschmutzt hatte. Blut, es war Blut. Ich öffnete das Jackett und sah die Einstichstelle.
„Was hast du getan, Vater? Und wo ist Mom?“
Dad sah mich an, drehte sich um und verließ schweigend das Zimmer. Er beantwortete meine Frage nicht. Warum ließ er mich jetzt alleine mit all meiner Angst?

„Elena … Elena. Willst du mich hier unten ganz alleine lassen?“
„Ja, willst du deine Schwester alleine lassen?“
Die Stimmen überschlugen sich. Sie lästerten und lachten.
„Ruhe, Ruhe, Ruhe!“

Immer wieder rief ich dieses Wort und bald schon herrschte eine himmlische Stille um mich herum.
„Es ging nicht anders“, schrie ich. „Ich werde jetzt Marys Beerdigung vorbereiten, denn morgen werden sich viele Menschen von meiner Schwester verabschieden wollen.“

Ich ging nach unten und stellte jeden Stuhl, den ich finden konnte ins Wohnzimmer, direkt vor Marys Sarg. Ich hatte keine Angst mehr vor ihr. Anschließend ging ich nach oben und holte ihre alten Puppen und Stofftiere, die sie als Kind so geliebt hatte.
„Sagt Lebewohl zu Mary.“

Der schrille Ton des Telefons riss mich aus meiner Geschäftigkeit.
„O ‘Brien.“
„Anna Paxten. Mrs. O’Brien ist Bill zufällig bei Ihnen aufgetaucht? Ich meine er ist volljährig und kann machen, was er will, aber er hat sich vier Tage nicht gemeldet. Ich mache mir ehrlich gesagt, Sorgen. Manchmal stattet er Ihnen ja einen kurzen Besuch ab. Ich bin schon zu seiner Wohnung gefahren, aber da ist Bill auch nicht.“
„Das müssen Sie nicht. Mary war mit Bill vor vier Tagen auf einer Party. Seitdem sind sie fast nur unterwegs. Eigentlich sollte ich Sie darüber informieren. Es tut mir leid, dass ich das vergessen habe.“
„Mrs. O’ Brien, wer ist diese Mary? Bill hat den Namen nie erwähnt. Sie meinen doch nicht Ihre Schwester, oder?“
„Mrs. Paxten, ich habe keine Zeit für so einen Humbug, denn ich muss für diese Mary, wie Sie sie nennen … ach egal, ich bereite Marys Beerdigung vor. Wissen Sie überhaupt, was das für eine Verantwortung ist? Leben Sie wohl.“

Ich dachte nicht weiter über den Anruf nach und beendete meine Arbeit. Alles sollte so schön wie eben möglich werden.
„Gut, alles ist so, wie du es geliebt hättest, Mary O’ Brien. Blumen, ich muss noch ein paar Blumen besorgen. Ich werde einen bunten Sommerstrauß zusammenstellen. Mom hat wunderschöne Blumen in ihrem Garten. Ich denke nicht, dass die Gute etwas dagegen hätte. Weißt Du, ich kann Mutter nicht fragen, da ich nicht weiß, wo sie sich aufhält. Und wo Dad ist, weiß ich auch nicht.“
Doch ich kam nicht mehr dazu, Mary einen Strauß Blumen zu pflücken. Die Haustür wurde aufgebrochen und Männer in dunklen Uniformen stürmten herein.
„Mrs. O’ Brien?“
„Ja, die bin ich.“
„Bleiben Sie bitte stehen.“
„Seid ihr die Sargträger? Dann hat man euch nicht richtig informiert, denn die Beerdigung findet erst morgen statt. Außerdem muss Marys Leichnam noch umgebettet werden.“
„Es ist alles gut.“ Zwei Männer kamen auf mich zu und hielten mich fest. Die Anderen gingen ins Wohnzimmer zu Mary und schauten in den Sarg. Einer griff dann nach seinem Handy und telefonierte. Irgendwann kamen immer mehr Männer und ein Mann mit Brille, der mir etwas in den Arm spritzte. Dann weiß ich nichts mehr.“

NEW YORK NEWS
Diese Geschichte erzählte Mrs. O’Brien bei Ihrer Vernehmung.
Laut psychologischen Gutachten leidet Mrs. O‘Brien an einer schlimmen Form der Schizophrenie. Nach einer wochenlangen medikamentösen Einstellung, durch den Psychiater Dr. Alan Beerbaum, klärten sich alle mysteriösen Verläufe.

Protokoll

Die Beamten fanden das Anwesen der Beschuldigten in einem desolaten Zustand vor. In dem Haus roch es stark nach Verwesung, da im Obergeschoss die Leiche des jungen Bill Paxten vorgefunden wurde, die eine Stichwunde aufwies. Mrs. Elena O’Brien, deren richtiger Name Annalies ist, hatte ihn nach oben gebeten, um ein defektes Türschloss zu reparieren. Oben angekommen stach sie ihm ins Herz. Der Leichnam war sorgfältig eingekleidet und zurecht gemacht. Der Anzug stammte von Mrs. O’Briens Großvater, der vor fünfzehn Jahren verstorben ist. Im unteren Teil des Hauses entdeckte man den verwesenden Leichnam der Fotografin Amanda Zonales, die in einer defekten Kühltruhe aufgebahrt war. Mrs. O’Brien hatte die Truhe mit einer provisorischen Plexiglasscheibe verschlossen. Mrs. Zonales wollte, laut Mrs. O’Brien für drei Wochen ein Zimmer beziehen, da sie Landschaftsfotografin war. Die Angeklagte gab vor, dieses zu vermieten. Als Elena glaubte sie, Mary sei zurückgekommen. Amanda Zonales lehnte, nachdem sie den desolaten Zustand bemerkte, ab. Das war Mrs. Zonales Todesurteil, denn aufgrund der starken Ähnlichkeit mit Mary O’Brien, befahl Elena Annalies, diese zu töten. Bei ihrer Festnahme trug Annalies O’Brien eine braune Langhaarperücke. Ihre eigentlichen Haare sind kurz und blond. Weiterhin saßen Puppen und Stofftiere auf Stühlen. Mrs. O‘Brien behauptete, es seien Trauergäste. Im Lesezimmer standen bilderlose Rahmen. Nur in zwei von ihnen steckten selbst gemalte Bilder, die den Umrissen zufolge weiblich sein mussten. Die Küche des Hauses war total verwüstet. Weiterhin fand man Blutspuren an einer Seite der Kühltruhe und Hämatome an Mrs. O‘Briens Stirn. Annalies O’Brien neigt zur Selbstverletzung.

Mrs. O’Brien sagte weiterhin, dass ihre Mutter vor sechs Jahren verstorben ist, da sie über den Tod der jüngsten Tochter Mary nicht hinwegkam. Annalies, alias Elena O’Brien, litt unter der Lieblosigkeit ihrer Mutter. Sie wurde oft von Ihr geschlagen und beschimpft. Dana O’Brien gab Annalies die Schuld, dass Ed O’Brien, der Vater der Mädchen, die Familie verlassen hatte. Angeblich konnte er Annalies Anblick nicht ertragen. Laut der Angeklagten lebt er in New York. Welches sich aber nicht bestätigte. Annalies O’Brien litt schon als Kind an Schizophrenie und einer Deformation der Beine. Bei ihrer Festnahme zog die Angeklagte ein Bein nach. Nach dem Tod Ihrer Mutter, Dana O’Brien, wurde Annalies in einer psychologischen Einrichtung betreut und medikamentös eingestellt. Monate später war man dort der Auffassung, dass Annalies mit Medikamenten ein einigermaßen normales Leben führen konnte. Bill Paxten kümmerte sich um sie, indem er regelmäßig nach ihr sah oder Einkäufe tätigte. Die Angeklagte deutete dessen Hilfsbereitschaft falsch und glaubte der junge Mann hätte Gefühle für sie entwickelt. Als Amanda Zonales das Zimmer mieten wollte, war Bill Paxten schon tot. Amanda Zonales wurde noch im Tod zu einer Rivalin, da Annalies Mary in der Fotografin sah, die Bill Paxten verführt hatte.

Es stellte sich weiterhin heraus, dass Annalies O’Brien über längere Zeit keine Medikamente mehr zu sich genommen hatte und es somit zu den verheerenden Wahnvorstellungen kam.

Die fiktiven Persönlichkeiten der Annalies O’Brien.
Der Vater, den Annalies eigentlich nicht kannte und mit New York in Verbindung brachte. Daher die Liebe zu New York. Er spiegelte die Hilflosigkeit und auch die Sehnsucht nach Zuneigung wieder.
Die Mutter, die mit inniger Liebe an Mary hing. Annalies hasste Mary, da diese alle Liebe bekam, und tötete Amanda Zonales, die vom Erscheinungsbild Ähnlichkeit mit Mary hatte. Annalies glaubte, ihre Mutter damit zu bestrafen.
Der Bestatter sollte unliebsame Aufgaben übernehmen, vor denen Annalies Angst hatte.
Elena war die stärkste Persönlichkeit, da diese alles verkörperte was Annalies sich wünschte.
Mary verkörperte allen Hass und allen Spott, den Annalies ertragen musste, als ihre Schwester lebte.
Mary O’Brien starb tatsächlich bei einem Autounfall. Das gilt als erwiesen.

Annalies O’Brien wurde heute in das New Yorker Staatsgefängnis überführt. Mittlerweile hat sich Amnesty International eingeschaltet. Denn obwohl Annalies O’Brien an schwerer Schizophrenie leidet, könnte die Todesstrafe gefordert werden.

©Monika Litschko

 



 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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