Anja Pompowski

Wer glaubt denn schon an Horoskope?

Wie jeden Morgen schlug Anne zuerst die Seite mit den Horoskopen auf. „Achtung! Unfallgefahren drohen im Haushalt“, galt heute für die Steinböcke. Oh, nein, dachte sie, denn gleich nach dem Frühstück, das hatte sie sich fest vorgenommen, wollte sie mit dem Frühjahrsputz anzufangen. Ihre Nachbarin Rita steckte schon seit zwei Tagen mittendrin, und Anne fühlte sich enorm in Zeitverzug, denn schon am kommenden Wochenende war Ostern, und wenn die buckelige Verwandtschaft kam, musste alles pikobello sein. 

Eigentlich traf grundsätzlich genau das ein, was Annes Horoskop für den jeweiligen Tag prophezeite, beziehungsweise, wenn sie sich nicht danach richtete, rächte sich das - ausnahmslos immer. 

Am vierten September letzten Jahres zum Beispiel – an diesen Tag erinnerte sich Anne nur zu gut – wurde den Steinböcken dringend geraten, einen reinen Obsttag einzulegen. An jedem anderen Tag hätte sie das auch auf jeden Fall gemacht und es sicherlich sogar als gute Idee empfunden, zumal sie ohnehin ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften hatte. Aber ausgerechtet am vierten September feierte ihre beste Freundin Renate ihren sechzigsten Geburtstag. Auf das Festessen freute Anne sich bereits die ganze Woche über, und so schlug sie beim kalten Buffet kräftig zu. Von heftigsten Magenkrämpfen geplagt musste sie bereits gegen einundzwanzig Uhr die Feier verlassen, verbrachte die ganze Nacht auf dem Klo und war fast eine Woche krank. Möglicherweise hatte der Mettigel zu lange in der Sonne gestanden, denn einigen anderen Fleischessern unter den Partygästen erging es ebenso. 

Zwei Wochen vor Heiligabend prophezeiten die Sterne Anne einen Glückstag. „Gute Gewinnchancen für Lottospieler.“ Anne nahm sich vor, bei der Lottoannahmestelle vorbeizufahren, um einen Schein auszufüllen, schaffte es aber zeitlich nicht, da an jenem Tag überraschend der Vorwerkstaubsaugervertreter vorbeikam, um ihr die neueste Staubsaugergeneration zu präsentieren. Außerdem musste sie noch zwei Kuchen backen für die Weihnachtsfeier der Kirchengemeinde. Während sie auf der Gemeindefeier den Kaffee ausschenkte, ärgerte sie sich die ganze Zeit über die entgangenen sechs Richtigen. Bei der anschließenden Tombolaverlosung gewann Anne dann jedoch tatsächlich den Hauptpreis, einen Thermomix. Genau so ein Küchengerät hatte sie sich schon lange gewünscht. Darüber freute sie sich fast genauso, wie über einen Sechser im Lotto. 

Es lag schon fast dreißig Jahre zurück, da stand in ihrem Horoskop: „Herzlichen Glückwunsch! Sie erwarten Familienzuwachs.“ Die Nachricht traf Anne wie ein Blitz. Oh, Gott!!! Bloß nicht noch ein viertes Kind! Wie hatte das nur passieren können? Sie erinnerte sich, tatsächlich vor einigen Tagen vergessen zu  haben, die Pille einzunehmen. Völlig verzweifelt saß sie am Küchentisch und bemitleidete sich selbst, als ihre mittlere Tochter Mareike vom Spielen mit ihrer Freundin Christine nach Hause kam. „Duu, Maama…“ begann die Kleine. Oh, je, dachte Anne, wenn Mareike so gedehnt sprach, verhieß das nichts Gutes. Konnte es denn noch schlimmer kommen? Jetzt zog das Mädchen ein kleines, schwarz-weißes Kätzchen unter ihrer Jacke hervor. „Christines Minka hat überraschend Junge bekommen“, erklärte Mareike. „Und dieses Baby wollte niemand haben. Christines Oma wollte es schon im Fluss ersäufen, aber, das geht doch nicht, das können wir doch nicht zulassen. Kann ich es behalten? Bitte, Mama, bitte.“ Anne fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Die Katze war also mit „Familienzuwachs“ gemeint. Sofort erhellte sich ihre Miene und freudestrahlend willigte sie ein, das Tierchen auf jeden Fall zu behalten, was ihre Tochter, die sich auf eine längere Quengelei eingestellt hatte, doch sehr überraschte. 

Ein weiteres Mal - es war schon eine Ewigkeit her -, kurz nach Annes zwanzigsten Geburtstag, las sie in ihrem Horoskop: „Heute treffen Sie einen Menschen, der ihr weiteres Leben sehr positiv beeinflussen wird.“ Am selben Tag lernte Anne Dieter kennen, einen großgewachsenen, athletischen jungen Mann, Mitte zwanzig, mit blonden Locken und charmantem Lächeln, den sie ein halbes Jahr später heiratete. Die Astrologie schien wieder mal Recht gehabt zu haben. Jedoch… Sie blickte durch die Küchentür ins Wohnzimmer zu dem stark übergewichtigen Jogginghosenträger, dem schon längere Zeit keine Haare mehr auf dem Kopf wuchsen, dafür aber aus der Nase und den Ohren, der, bis auf den fünfundzwanzigsten, bisher alle Hochzeitstage vergessen hatte - inzwischen also neununddreißig. Dieter, der, seit er wegen seiner kaputten Bandscheibe im Vorruhestand war, von morgens bis abends förmlich auf dem Sofa „klebte“, während nonstop der Fernseher lief, der sich von vorne bis hinten von seiner Frau bedienen ließ, und dessen einzige häusliche Aufgaben darin bestanden, den Müll raus zu bringen und Getränke einzukaufen. 

Anne seufzte, legte die Zeitung weg und holte die Trittleiter aus dem Besenschrank. Zuerst würde sie die Gardinen waschen. 



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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