Wolfgang Küssner

Tanzende Buchstaben

Ist es nun witzig oder übermütig, ist es makaber oder sitzt da der Schalk im Nacken? Wird zur Vorsicht gemahnt, oder ist es ein Ausdruck purer Lebensfreude? Wollen sie nur spielen oder sich vom Diktat der Schreibenden befreien? Ist es ein erster bewußter Schritt in die Selbständigkeit oder gar eine Kooperation mit dem Fehlerteufelchen? Sollen unsere Sinne geschärft werden oder äußerst sich hier eine Art von erhaltener Kindlichkeit, Unschuld? Gilt es neue Moeglichkeiten zu entdecken oder kommen hier Trotz, Verselbständigung, Befreiung, Selbstbewußtsein, Euphorie, Überschwenglichkeit zum Ausdruck? Tanzende Buchstaben konfrontieren uns. Ja, mit wem eigentlich? Mit unseren eigenen Texten?

Die Linguistiker, also jene Wissenschaftler, die sich berufsmäßig mit Sprache beschäftigen, meinen die Ursachen längst erkannt zu haben. Eine Sprache habe sich über viele Jahrhunderte bis zur heutigen Version entwickelt und in dieser Phase permanent Veränderungen, Variationen erfahren. Das würde bis heute ganz einfach nachwirken bzw. anhalten. Die Experten melden natürlich ihre Zweifel an; das empirische Material der Wissenschaftler sei viel zu dürftig, um tanzende Buchstaben erklären zu koennen. Die Historie sei nur ein Erklärungsansatz. Für die Fachleute heißt das erste zu klärende Rätsel die Antwort auf die Frage nach dem Tanz zu finden. Ist es der Foxtrott oder der Tango, ist es eine Polka oder ein Walzer? Was ist wirklich ursächlich? Und dann melden sich Kritiker zu Wort und sagen, alles sehe in puncto Tanz doch eher nach Square Dance oder gar Rock´n´Roll aus. Das wäre dann gleichzeitig ein erklärender Hinweis auf den Einfluß anderer Sprachen auf unsere tanzenden Buchstaben.

Die Kenner – an Biertischen und anderswo - wissen alles natürlich besser, als wären sie Partner der tanzenden Buchstaben, eng umschlungen von A und B und C und Z. Bloß aufpassen bei den Drehungen, niemandem auf die Füße treten, laß den Buchstaben doch einfach ihren Tanz. Und dann sind da die vielen Schreiber, die unzähligen Sekretärinnen, die sich wundern, die fluchen. Das sei kein Tanz der Buchstaben; diese würden wohl eher aus der Reihe tanzen. Dabei haben sie bei fortschreitender Technik nicht ganz Unrecht. Die installierten Schreibprogramme entwickeln so etwas wie ein Eigenleben. Ja, da flucht der Schreibende schon, wenn er Salut in die PC-Tastatur eingibt und Salat erscheint, statt  Hummer das häufiger gebrauchte Wort Hammer automatisch geschrieben wird. Dieses Eigenleben der Buchstaben bedarf permanenter Kontrolle, sollen die Texte noch einen Sinn machen. Und dabei waren die Schreibprogramme doch als Erleichterung konzipiert.

Der Leser sei an dieser Stelle vor irreführende, rotierende, leicht wortspielende, unter Umständen mißverständlichen Buchstaben-Kreationen gewarnt. Manchmal liegen Worte so nahe beieinander, manchmal laden sie zu Variationen ein, fordern zum Spiel, zum Tanz geradezu heraus.

Denen, die Dänen beim Dehnen vor sportlichen Aktivitäten sehen, sei gesagt, man koenne Dehnen auch als Stretchen bezeichnen. Die Dänen bleiben allerdings trotz Dehnen Dänen.

Worte der Tarnung koennten kreative Erfindungen, Fälschungen, Falschaussagen, gar Lügen sein; eine Torte der Warnung, ein deutliches Zeichen, ein Hinweis auf giftigen Inhalt geben.

Ich warne Karl, im Karneval nicht allzuviel Alkohol zu trinken.

Der Terrier von Jerry Cotton verließ sein vertrautes Territorium, um auf dem mit Terracotta ausgelegtem Terrain zu kotzen.

Auf leckeres Eis sind Kinder meistens ganz heiß, doch im Winter heißt es beim Frostlecken: Vorsicht vor Rostflecken!

Geraererinnen züchteten einst die besten Geranien von ganz Germanien.

Die Sorben und die Serben sind nicht dieselben. Vielleicht haben Sorben und Serben dieselben Sorgen, das wäre dann aber eine andere Geschichte.

Bei den Rumänen leben Muränen nur im Aquarium. Es gibt zwar keine Romänen, wohl aber Moränen. Und Moränen findet der Leser in den Karpaten der Rumänen.

Manch ein Bart zittert beim Verzehr von Zartbitter.

Gibt es im Leichenwagen auch weiche Lagen? Einen Test sollten wir uns lieber ersparen.

Ach, wenn die Sonne uns nur verwoehne, philosophieren die Einwohner von Moehne, ginge die Parole von Hand: Lauer Sand im Sauerland.

Schwesterlein und Lästerschwein koennen, müssen aber nicht identisch sein.

Der Valentins-Tag und der Wahlendienstag koennen durchaus auf ein und denselben Termin fallen und sind doch so fundamental unterschiedlich. Valantin erinnert uns an Liebe; Wahlen eher an Denkzettel, an Hiebe.

Das Alter, meint Walter, kennt Hoehen und Tiefen. Da gibt es Zeiten für Jubel und Zeiten zum Schniefen. Der eine – noch rüstig – geht zur Domina. Beim Anderen ist Zuhause ´ne Omi da.

„Bäumchen-wechsel-dich“, „Reise nach Jerusalem“ – in anderen Regionen „Tanzende Stühle“ genannt -, das ist doch schon eine verrückte Bande, dieses Alphabet, oder? Ob nun Spaß oder Übermut, Lust oder Hinterhältigkeit, Spiel oder Befreiung - der Leser sollte immer einen Blick darauf haben, Vorsicht walten lassen, sonst sitzen sie einem eines guten Tages auf der Nase, die tanzende Buchstaben.

 

März 2017

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