Matthias Neumann

Der Wolf im Schafspelz

Der Wolf im Schafspelz

 

Ein Wolf hatte sich in einen Schafspelz gezwängt. Seit einiger Zeit stand er versteckt zwischen ein paar Büschen und beobachtete eine Herde, die in der Nähe graste.

Na, neu hier auf der Weide?“

Erschrocken sah sich der Wolf um. Neben ihm stand ein Schaf, das er nicht hatte kommen sehen, und grinste ihn an.

Er tat so, als würde er etwas Gras kauen und erwiderte nur: „Hm-hm.“

Ich komme eigentlich auch aus einer ganz anderen Gegend. Aber es ist wirklich nett hier.“

Das fand der Wolf auch. Er bestätigte mit einem Nicken, immer noch kauend, dachte sich aber: „Hau bloß ab!“

Man lebt sich wirklich schnell ein“, fuhr das Schaf fort. „Die Herde nimmt wirklich jeden auf, auch so ein Großmaul wie dich. Entschuldige, kleiner Scherz.“

Darüber konnte der Wolf gar nicht lachen. Eigentlich fand er das Schaf sympathisch. Hier zu leben wäre mit Sicherheit erfüllend. Der Aufenthalt in einem Rudel hatte ihm noch nie gefallen, es ging immer nur um Konkurrenz. Darum hatte er es verlassen. Schlimmer jedoch war die Einsamkeit. Die Schafherde schien keine dieser Probleme zu kennen. Gerne hätte der Wolf dazu gehört. Wenn er eine gewisse Zeit unter ihnen lebte, und sie ihn akzeptierten, könnten sie vielleicht über seine wahre Gestalt hinwegsehen. Doch dieser Einfaltspinsel neben ihm gefährdete seine Tarnung. Um nicht reden zu müssen und noch überzeugender zu wirken, überwand er sich und biss diesmal wirklich etwas Gras ab.

Das Schaf redete unbeirrt weiter: „Vor allem gibt es hier weit und breit keine Wölfe, das ist wirklich der größte Vorteil.“

Vor lauter Empörung schluckte der Wolf den scheußlichen Grasklumpen hinunter. „Was ist denn an Wölfen so schlimm?“, entfuhr es ihm. „Hast du überhaupt schon mal einen gesehen?“

Das nicht. Aber der Schäfer trinkt gern einen über den Durst und erzählt uns Schafen dann immer Märchen und Fabeln. Ich kann mir kein grausameres und schrecklicheres Wesen vorstellen als einen Wolf.“

Der Wolf im Schafspelz war empört. „Das ist doch alles bloß erfunden, nichts als üble Nachrede.“

Die Augen des Schafs weiteten sich vor Entsetzen. „Was hast du eigentlich für eine seltsame Stimme? Und was ist mit deinen Zähnen?“

Der Wolf erkannte, dass er sich verraten hatte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und rannte davon. Als er sich weit genug entfernt hatte und in Sicherheit wähnte, verschwand seine Furcht und machte tiefer Trauer Platz.

Manche Vorurteile lassen sich wohl nie abbauen“, klagte er. „Vielleicht habe ich ja mehr Glück bei den Löwen.“

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Matthias Neumann).
Der Beitrag wurde von Matthias Neumann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Trilettantia von Dr. Harald Krusekamp



Trilettantia ist der Titel einer Erzählung, deren Handlung Ende des 22. Jahrhunderts spielt. Trilettantia ist keine SF-Erzählung, was sie vielleicht auf den ersten Blick zu sein scheint. Was in Trilettantia in der Zukunft spielt, ist die Gegenwart, die beleuchtet wird aus einer Perspektive, die unsere heutige Wirklichkeit überwunden zu haben scheint – jedenfalls ihrem Anspruch nach. Denn selbstverständlich geht der aufgeklärte Mensch des 22. Jahrhunderts davon aus, dass in 200 Jahren die Welt – bzw. das, was wir dann darunter verstehen werden – vernünftiger geworden ist, die Vernunft wieder ein Stückchen mehr zu sich selbst gekommen ist. Aus dieser Perspektive werden uns Strukturen und Charaktere des begonnenen 21. Jahrhunderts deutlich als Atavismen erscheinen. Nun ja: jedenfalls vielleicht...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fabeln" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Matthias Neumann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Aus den Aufzeichnungen eines Kellners von Matthias Neumann (Lebensgeschichten & Schicksale)
Der Fuchs und das Mädchen von Michael Haeser (Fabeln)
Meine Bergmannsjahre (sechster Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)