Iris Klinge

Todesrituale

Unsere Einstellung zum Sterben hier im sogenannten Abendland ist noch immer problematisch. Wir wollen uns nicht mit dem Thema auseinander setzen und verdrängen die Tatsache, dass nicht nur die anderen gehen sondern auch wir selbst eines Tages Abschied von der Welt nehmen müssen.

In Südostasien, wo die meisten Menschen Buddhisten sind, habe ich eine andere Tradition kennen gelernt. Dort herrscht die Vorstellung vor, dass wir wieder geboren werden, um eine zweite (oder mehrere) Chance zu bekommen. Damit die sich Seele vom toten Körper lösen kann, wird der Leichnam einige Tage aufgebahrt, bevor er verbrannt werden darf. Wegen der tropischen Hitze war dies bei einem deutschen Freund in Thailand und anderen Ausländern nur in der Kältekammer möglich. Die Einheimischen können sich einen solchen Luxus meistens nicht leisten.

In Südamerika leben die Indios noch dicht mit der Natur verbunden, und der Schamane hat ungefähr die Stellung eines Priesters, der den Abschied vom Sterbenden begleitet und erleichtert. Die Todesrituale, die dort vollzogen werden, sind von den unseren stark verschieden. Ich hatte das Glück, einen chilenischen Schamanen kennen zu lernen, der mir Einblick in die Tradition seines Volkes gewährte. Was er mir erzählte, hat mich sehr beeindruckt.

„Ihr in der modernen Zivilisation seid von der Nabelschnur zur Erde getrennt. Wir sind noch in Kontakt mit Mutter Erde, ehren sie und alle Kreaturen auf ihr. Geburt und Tod sind die zwei Seiten einer Medallie. Geboren werden ist schwieriger als sterben. Wichtig ist, dass der Mensch seinen Frieden findet, so lang er noch lebt. Und dabei helfen wir Schamanen ihm. Wir sehen den Leuchtkörper („cuerpo luminoso“, bei uns nennen Hellsichtige ihn Energiekörper oder Aura), der den Menschen umgibt, und können diesen beeinflussen, wenn er verletzt oder getrübt ist. Stirbt dieser Mensch, dann helfen wir ihm, sich von seinem Leuchtkörper zu befreien, denn sonst findet er keinen Frieden und irrt weiter als Geist durch die Welt.“

Ein Mann, der zum chilenischen Schamanen kam, weil er krank war und niemand ihm helfen konnte, hatte den Leuchtkörper seines verstorbenen Vaters noch hinter sich. Erst nachdem ein bestimmtes Ritual zur Befreiung vom Geist des Vaters vollzogen war, konnte der Patient gesund werden. Das erinnert mich ein wenig an den Exorzismus der katholischen Kirche. Auch die letzte Ölung des Sterbenden ist eine Art Todesritual bei uns. Doch meinte der Schamane zu mir, so lange die Trennung vom Leuchtkörper nicht vollzogen wird, findet die Seele des Toten keine Ruhe. Wir sprechen ja auch von „Besetzungen“, aber wissen nicht, wie wir damit umgehen können. Wer weiß, ob die sogenannten Gespenster, die manche Kinder nachts heimsuchen, nicht auch solche verlorenen Seelen sind, die noch keine Ruhe gefunden haben.

Unvorbereitet sterben zu müssen, ist wohl besonders tragisch. Dazu gehören Unfälle, Morde, Kriege und andere fatale Geschehen. Sie erlauben keinen friedlichen Abschied, kein Todesritual, um die Seele zu befreien. In der Vorstellung des Schamanen wimmelt es auf der Erde von herumirrenden Geistern, die auf der Suche nach einem Körper sind, um sich anzuhaften. Vielleicht lässt sich damit das zunehmende Chaos in unserer Welt erklären.

Jeder einzelne sollte möglichst rechtzeitig alle seine Angelegenheiten regeln, sich mit allen seinen Lieben versöhnen, damit er in Frieden Abschied von dieser Welt nehmen kann. Diese vor allem innere Arbeit sollte schon früh beginnen, denn werden wir erst krank oder verwirrt, kann es zu spät sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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