Heinz-Walter Hoetter

Der Kampf um die Hölle

 

Wenn Hölle und Gottferne dasselbe ist, dann ist dies bereits die Hölle. Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass wir dahin gelangen könnten, wo wir schon sind.

***

Der grausame Krieg tobte nun schon seit mehreren Jahren.

Abermillionen Menschen überall auf der Welt waren ihm bereits zum Opfer gefallen. Die grässlich verstümmelten Leichen lagen überall auf den düster wirkenden Schlachtfeldern herum, wo sie im blutgetränkten Boden ihres Planeten stinkend verwesten. Die entsetzlichen Massaker schienen einfach kein Ende zu nehmen. Aber der Hass und die Feindschaft der untereinander kämpfenden Völker währten schon seit Anbeginn ihrer Existenz, und deshalb gab es aus dieser Hölle kein Entkommen, man tötete selbst oder man wurde getötet.

Angestachelt von ihren finsteren Religionen, die den Verlauf ihrer dunklen, mörderischen Geschichte diktierten, kannten die Völker dieser Welt nur einen Frieden, nämlich den, der zur Vorbereitung neuer Kriege diente…

***

Mehrere Geistliche in langen Gewändern und seltsam aussehenden Kopfbedeckungen mit religiösen Motiven segneten laut betend die tödlichen Waffen der frisch aufgestellten Kampftruppen, bevor sie an die Front geschickt wurden, die nur wenige Kilometer weit weg vor ihnen lag. Am fernen Horizont waren gewaltige Explosionsblitze zu sehen und es dauerte eine gewisse Zeit, bis das dumpfe Grollen der heftigen Detonationen bis zu den wartenden Soldaten durchgedrungen war.

Ihr nahendes Sterben schien ihnen nichts auszumachen

Für einen Moment lang roch General Abbas Czion den penetranten Gestank des Todes, der über der brennenden Stadt lag, die bis zum fernen Horizont im beißenden Qualm eingehüllt war. Überall lagen rauchende Trümmer herum und die einstmals von Menschen bewohnten Häuser waren dem Erdboden gleichgemacht worden.

Über Funk wurde der Armee der Angriffsbefehl erteilt. Die Truppen setzten sich mit ihren Fahrzeugen in Bewegung, gefolgt von der Infanterie.

Die Schlacht begann.

Von allen Seiten hörte General Czion das chaotische Brüllen der sich gegenseitig abschlachtenden Soldaten und bemerkte dabei gleichzeitig, wie sich plötzlich direkt vor ihm das uralte Sonnenzeichen im Stein einer mächtigen Gebetsmauer langsam kreiselnd veränderte und sich schließlich wie ein heftig pochendes Herz zu einem hellen mannshohen Durchgang ausweitete.

Der völlig überraschte General trat neugierig näher und wurde kurz darauf von einem unwiderstehlichen Drang erfüllt, das Tor des Lichts zu durchschreiten.

Wie von magischer Hand geführt machte er einen Schritt nach vorn und verschwand kurz danach in dem pulsierenden, hell erleuchteten Kreis. Kälte umgab ihn hinter der flimmernden Wand aus reiner Energie. Dann wurde Abbas Czion von grenzenloser Dunkelheit eingehüllt, die ihn, trotz seines eiskalten Verstandes, erschaudern ließ. Der General verlor sein Bewusstsein, noch während er fallend in eine seltsame Zeitlosigkeit versank…

Als Abbas Czion wieder erwachte, schienen sich Tausend eisige Tentakel ähnliche Hände in seine hilflose Seele zu bohren. Sie kamen aus dem unendlichen Nichts und das Flüstern der Verstorbenen aus dem Totenreich drang in sein Gehirn, das zu zerplatzen drohte.

Planeten, Sonnen, Sterne und Galaxien tauchten vor ihm auf und verschwanden wieder.

Dann materialisierte ein Gang. Seine grau beleuchteten Wände, welche General Abbas Czion an gewebsartige undeutliche Konturen eines Spinnennetzes erinnerten, schienen aus Rissen und Spalten Blut und Wasser zu schwitzen.

Wie in einem Alptraum trugen ihn seine wankenden Schritte weiter. Abbas Czion war ohne eigenen Willen. Der Korridor dehnte sich im diffusen Licht endlos aus. Kein Ende war zu sehen. Der General zwang sich dazu, seinen Kopf nach hinten zu wenden…

Hinter ihm löste sich der Gang ins Leere auf. Ein schwarzer Abgrund zur Unendlichkeit, aus deren Tiefe weit unten die Sterne des Universums leuchteten. Ein Schwindelgefühl kam in Abbas Czion hoch, der erst wieder nachließ, nachdem er seinen Kopf nach vorne drehte.

Plötzlich war da etwas.

Der Angriff kam lautlos.

Das Wesen fiel aus dem Dämmerlicht der Korridordecke, wo es offenbar mit seinen Saugfüßen auf den General gewartet hatte. Im letzten Augenblick sprang Abbas Czion zur Seite und konnte gerade noch dem mörderischen Sprung ausweichen. Etwas, das sich wie geleeartiges Fleisch anfühlte, streifte seine Haut, die an der nackten Stelle jetzt wie Feuer brannte.

Eine stinkende, faulige Brühe verspritzend, zog sich das seltsame Wesen etwas zurück, wobei sich die elastische Form durch den Fall andauernd veränderte. Dann richtete es sich plötzlich auf und nahm die Gestalt eines Menschen an. Stumpfe Arme und ebenso stumpfe Beine endeten in einen wabernden erdbraunen, saugnapfbesetzten Körper, die sich wie übergroße Maden aus seinem schleimigen Unterleib bewegten und abwechselnd darin wieder verschwanden. Auf den mit ekelerregenden Warzen übersäten Schultern stieß der hals- und fleischlose Schädel wie der einer Kobra hervor. Die tiefliegenden, geschlitzten Augen glühten feuerrot und feindliche Intelligenz stach aus ihnen hervor wie zwei flammende Schwerter.

Die satanische Gestalt bewegte sich langsam auf General Abbas Czion zu. Er suchte auf dem glitschigen Gestein unter ihm nach einem sicheren Halt. Im nächsten Moment schoss plötzlich der plumpe Körper des Wesens vor. Mit aller Macht wehrte der General das stinkende Fleisch der widerlichen Kreatur ab, wurde aber durch den heftigen Aufprall zu Boden geschleudert und riss das hässliche Ungeheuer dabei ungewollt mit. Es fiel auf ihn drauf und noch im Sturz bohrten sich die Hände von Abbas Czion wie zwei eiserne Speere durch die Haut hinein bis zu den Eingeweiden dieser abscheulichen Kreatur.

Bei dem Versuch, sich zu befreien, wühlte sich der General nur noch tiefer in den fauligen Leib, aus dem jetzt eine fürchterlich stinkende, Gülle ähnliche Flüssigkeit spritzte, die ihm, ohne es auch nur annähernd verhindern zu können, über das ganze Gesicht lief, sodass er dabei fast erstickte.

Das riesige, gezähnte Maul des Monsters suchte nach seiner Kehle, der kobraartige Kopf stieß herab und kam unaufhaltsam näher…

Abbas Czions Hände glitten aus dem Körper des schrecklichen Wesens, das ihn sofort mit seinen stumpfen Armen festhielt und seine haifischartigen Zähne in die Brust des Generals rammen wollte. Einen Augenblick quoll das Zahnfleisch rot hervor, als es zubiss.

Abbas Czion schrie vor Schmerzen auf.

Tausend scharfe Rasierklingen stießen in sein muskulöses Fleisch. Vor Zorn brüllend stemmte sich General Czion mit seiner ganzen Kraft dagegen. Es versetzte ihn trotz aller Pein in großes Erstaunen, als er bemerkte, wie er plötzlich stärker und stärker wurde, bis er es endlich geschafft hatte, das saugende und beißende Maul von seiner Brust zu reißen.

Dann sprang er hoch und stieß den taumelnden Satan von sich weg, dessen blutiges, weit aufgerissenes Maul einen spitzen Schrei von sich gab. Wie von Sinnen sprang der General die dämonische Kreatur an, welche offenbar in ihrem fauligen Nest von so vielen seiner Opfer dick aufgeschwemmt war.

Mit seinen kräftigen Händen griff der General schnell nach beiden Seiten des teuflischen Schlundes und zerrte ihn weit auseinander, bis dann mit einem Schlag das stinkende Lippenfleisch auseinander fetzte und den zertrümmerten Kiefer darunter frei legte. Schwarzes Blut stürzte wie ein Wasserfall aus einer geplatzten Aorta und bedeckte sowohl seine Arme, als auch seinen Oberkörper. Der schreckliche Dämon starb gurgelnd vor seinen Füßen, dessen massiger Leib noch im Todeskampf wild und unkontrolliert zuckend um sich schlug.

General Abbas Czion hatte den Kampf gewonnen. Doch im gleichen Moment des Sieges veränderte sich sein menschlicher Körper in die Gestalt jener hässlichen Kreatur, die er gerade getötet hatte. Eine flüsternde Stimme drang in sein pochendes Gehirn und rühmte ihn bald darauf laut rufend als neuen Herrscher der Hölle.

General Abbas Czion, oder was davon übrig geblieben war, watete in einem stinkenden Ozean aus Fäulnis und Blut. Er stieß jetzt ebenfalls einen gellend brüllenden Schrei des Sieges aus. Sein wahnsinniges Gelächter hallte wie ein sich vielfach vermehrendes Dauerecho durch die unendlichen Weiten eines Sternen übersäten Universums.

Dann setzte er seine modernde Körpermasse langsam in Bewegung, an der noch einige Fetzen seiner alten Generalsuniform baumelnd herunter hingen und ritt mit weit aufgerissenem Maul auf einem schwarzen Kometen durchs All…, auf der Suche nach der Erde, wo er sich ein neues Nest bauen wollte.

Denn dort, das wusste er, lag seine Heimat – die Hölle.

 

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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