Angie Pfeiffer

Die Protestierten

„Sind wir bald da?“, ungeduldig zappelte Luca auf seinem Sitz hin und her. Sein Bruder, Stefan, kicherte. „Das hat der Esel neulich bei Shrek auch immerzu gesagt. Aber er hat noch so gemacht.“ Stefan steckte einen Finger in den Mund und erzeugte so ein schmatzend-knallendes Geräusch. Sein Bruder tat es ihm gleich. Nach einer Weile drehte sich Maria entnervt um. „Das klingt toll, aber nur im Film. Könnt ihr jetzt damit aufhören, Jungens? Schaut euch doch mal die Gegend an.“
„Die Gegend ist langweilig, Mama. Wann sind wir denn am Meer? Ich will schwimmen.“
„Bald, nur noch eine kleine Weile.“

Etwas später:
„Guck mal, da stehen lauter Frauen rum. Jetzt sind wir bald am Meer, die wollen bestimmt auch schwimmen gehen.“ Luca wies auf ein paar leicht bekleidete Damen, die am Straßenrand standen.
Ein paar Kilometer müssen wir noch fahren“, klärte der Vater auf. „Die Mädel sind aus anderen Gründen so dünn angezogen.“
„Warum denn, Papa?“
Ja, also ... gute Frage.
Maria musterte ihren Mann amüsiert. „Aus der Nummer musst du jetzt mal rauskommen, mein Lieber.“
„Warum, Papa? Ist denen so warm?“
„Genau, die schwitzen so leicht“, erleichtert gab der Vater seinem jüngsten Sohn Recht. Stefan runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich glaube, das sind Protestierte.“
„WAS?“
„Protestierte. Kevin hat das neulich in der großen Pause von erzählt. Er ist mit seinen Eltern wo hin gefahren, und da stand so eine. Sein Papa hat gesagt, dass sie viel Geld verdient, weil sie toll aussieht, und seine Mama hat gemeckert und gefragt, woher er das denn weiß. Da hat Kevins Papa gestottert und die Mama hat ganz viel mehr gesagt und dann nix mehr. Das war jedenfalls eine Protestierte, sagt Kevin.“ Stefan nickte energisch.
„Also wirklich, und so etwas in der ersten Klasse. Wir früher...“
Du, Mama“, Stefan stoppte die Ausführungen seiner Mutter. „Was arbeiten die Protestierten denn, wenn sie so viel Geld verdienen?“
„Es heißt Prostituierte und die Frauen verdienen so viel auch nicht.“
„Aber was arbeiten die denn?“, meldete sich Luca zu Wort.
Maria warf ihrem Mann einen hilflosen Blick zu. „Sag du doch auch mal was!" Der gab einen erstickten Laut von sich, der einem krampfhaften unterdrückten Lachen ziemlich ähnlich klang. „Erklär du das mal lieber. Das machst du ganz fantastisch, Schatz.“
„Feigling! Ja, also, diese Frauen, die stehen dort und warten auf Männer.
„So wie du immer mit dem Essen auf Papa wartest, wenn er mal länger arbeiten muss?“
„Nicht so“, Maria überlegte einen Augenblick. „Es gibt Männer, die wollen Liebe haben und dann gehen sie zu diesen Frauen und geben ihnen Geld dafür.“
„Haben die Männer denn keine Mama die sie lieb hat?“, fragte Luca nachdenklich. Sein Bruder stieß ihm in die Rippen. „Mensch, Luc, du bist ja doof. Die Männer wollen bestimmt so knutschen, wie Papa und Mama das manchmal machen, wenn sie meinen, dass wir es nicht merken.“
Maria wechselte einen Blick mit ihrem Mann, der sie breit angrinste. „So, so, wir knutschen also heimlich“, flüsterte er, fasste ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Maria lächelte ihn an.
„Jetzt sag schon, Mama, wie viel Geld kriegt denn so ne Protestierte von den Männern.“ Stefan interessierte immer noch die finanzielle Seite.
Seine Mutter zuckte mit den Schultern. „Ach ich weiß nicht, vielleicht 50 Euro.“
„Oder vielleicht auch 100?“, fragte Stefan.
„Ja, vielleicht auch 100, das wäre auch möglich.“
Schweigen.
„Sag mal, Mama“, fragte Luca nach einer Weile. „Würdest du gerne eine Protestierte sein und auch so viel Geld verdienen?“
Aber nein, das möchte ich ganz bestimmt nicht.“
„Auch nicht, wenn du immer 100 Euro kriegen würdest?
„Nein, auch dann nicht!“
Und 200 Euro?
„Nei-hein, und überhaupt bin ich ja mit Papa verheiratet!“
„Und wenn du jetzt nicht mit Papa verheiratet wärst, und nicht heimlich mit Papa knutschen könntest?“
„Auch dann nicht, ich will so etwas überhaupt nicht machen!“
„Aber wenn du das jetzt doch mal machen würdest, wie viele Euro würdest du nehmen?“
„Na gut, also dann würde ich mindestens tausend Euro nehmen.“
Wieder runzelte Stefan die Stirn, ein Zeichen für intensives Nachdenken. „Weißt du, Mama. du bist ja schon ziemlich alt. Ich glaube nicht, dass du so viele Euro kriegen könntest.“
„Schaut mal, da hinten ist das Meer. Wir sind fast da.“

3 Wochen später:

Meine Urlaubsgeschichte, Aufsatz von Stefan
Wir wollten im Urlaub zum Meer fahren. Auf der Fahrt dort hin haben wir viele Protestierte gesehen. Die haben herum gestanden und auf Männer zum Knutschen gewartet. Mama hat gesagt, dass sie auch mal knutschen möchte, aber eigentlich nur mit Papa. Aber wenn sie Papa nicht hätte, dann würde sie bestimmt viel Geld verdienen. Mindestens tausend Euro. Das glaube ich nicht, weil Mama schon ziemlich alt ist. Papa hat gar nichts gesagt, aber komisch gekichert.
© by Angie

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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