Christa Astl

Kirchliches (Kindheitserinnerungen)


 

In unserem Dorf war nur eine kleine Kapelle. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten mussten wir in den Hauptort unserer Gemeinde, wo auch Schule und Gemeindeamt waren, gehen. Der Weg war zu Fuß, mit besserem Sonntagsgewand, in einer halben Stunde zu bewältigen. Später fuhren wir mit den Fahrrädern.

Ich ging erst in die Kirche, als ich auch schon in die Schule ging. Kinder, die noch nicht so lange still sitzen konnten, hatten damals im Gottesdienst nichts verloren, sie störten die Andacht der Gläubigen. Damals gab es in dieser Pfarrkirche einen Pfarrer und einen Kooperator. Der Kooperator war schon ein alter Herr, groß, korpulent, kahlköpfig, er hat immer nur am Seitenaltar während des Sonntagsgottesdienstes seine stille Messe gelesen.

In der Filialkirche war noch ein alter Pfarrer, der kaum mehr eine Stimme hatte. Das war damals nicht so wichtig, die Werktagmessen waren ohnehin nur "stille Messen", die der Priester zum Altar hin, mit dem Rücken zum Volk, zelebrierte. Mehr als ein leises Murmeln war nicht zu hören. Die Leute in den Bänken, es waren vorwiegend Frauen, beteten derweil ihren Rosenkranz, auch still, nur manche hörte man leise flüstern. Dieser alte Pfarrer ist mir in Erinnerung als kleines Männchen, das kaum über den Altar hinauf sah.

Anders war "Euer Hochwürden", der Herr Pfarrer der St. Ursula-Kirche. Ein großer, kräftiger Mann, mit laut schallender Stimme, die nicht zu überhören war. (Mikrofon und Verstärker waren damals noch Fremdworte.) Wenn er am Sonntag zur Predigt die Kanzel erstieg, wir Schulmädchen saßen genau darunter, glaubten wir uns dem Jüngsten Gericht nahe, wenn er mit Donnerstimme alle Feuer der Hölle auf die Sünder herabrief. Gott war ja der, der das Gute belohnt und die Bösen bestraft - und es schien eben mehr Böse zu geben, die aufgerüttelt und bekehrt gehörten. Es konnte sogar mal sein, dass er mit der Faust auf die Kanzelbrüstung schlug, um seinen Worten noch mehr Gewicht zu geben. Er sprach Hochdeutsch, die Studierten erkannte man an der Sprache, und manchmal übertrieb er dabei, was ich schon sehr früh bemerkte. So sagte er dann statt "feiern" "feuern", nur aus dem Feiertag hat er trotzdem keinen Feuertag gemacht.

Diesen Pfarrer hatten wir natürlich in der Schule in Religion. Er konnte ganz nett uns die biblischen Geschichten erzählen, hatte schöne Bilder dazu,  (heute würde man sie nur kitschig nennen), und wenn wir als Hausaufgabe ein Bild malen mussten, tat ich dies mit Begeisterung. Aber er konnte ganz anders sein. Tat er seinen Zorn in der Predigt nur mit Worten kund, griff er bei den bösen Schulkindern zu seinem Helfer, dem Haselstock. Wer nicht parierte, oder gar schwätzte, da hieß es: Hand auf die Bank! und ein gezielter Schlag traf die Rückseite der Finger. Ich habe beobachtet, dass man die Spuren den ganzen Tag sah.

Eine Schülerin, die dies des Öfteren hinnehmen musste, zog einmal die Hand weg, sei es aus Angst vor dem Schmerz oder wirklich aus Spaß, der Schlag ging aufs Pult, der Stecken brach. - Ein Moment banger Stille, die Schülerin grinste, und alle anderen fingen auch zu kichern an. Und der Pfarrer? Er lief bedenklich rot an, warf den kläglichen Rest seines Marterwerkzeugs in den Papierkorb und unterrichtete weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Es war üblich, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, die Frauen besuchten die Frühmesse, sie mussten ja dann kochen. Um neun Uhr waren die Kinder und die Männer da. Männer gingen meist auf die Empore, "die Puakirch", mein Vater, der mich mit dabei hatte, hatte seinen Stehplatz hinten an der Säule. Ich saß natürlich in der Bank der Schulkinder. Zwei Tage drauf im Religionsunterricht fragte der Pfarrer, wer den Sonntagsgottesdienst besucht hat, und wehe, wer ihn anlügte,  er hatte sich alle gemerkt!

Vater beobachtete natürlich, ob ich brav war. Dafür gab es anschließend beim "Kramer" ein kleines Täfelchen Schokolade, Vater kaufte sich seinen Tabak und manchmal eine "Großglockner", eine dicke Zigarre. Wenn er die  nach dem Essen rauchte, öffnete Mutter weit das Fenster!!

Die Kapelle habe ich vorhin erwähnt. Dort war an den Sonntagabenden im Mai die Maiandacht. Eine Frau betete den Rosenkranz. Die Kapelle war voll, auch ich ging regelmäßig hin. Anfangs wahrscheinlich mit Mutter, später  dann allein. Dieses meditative Beten, andere nennen es Herunterleiern, gefiel mir damals. Oder war es eher die "Broadin", eine alte, fast zahnlose Frau, auf die ich immer gespannt war. Sie tat sich etwas schwer mit Reden und sprach deshalb langsamer, betete auch langsamer. Wenn die andern fertig waren, ertönte noch ihr: "...in Absterbens Amen". Den Sinn habe ich nicht verstanden.

Später, mit etwa zwölf Jahren, durfte ich vor- und nach der Andacht Marienlieder mit der Blockflöte spielen. Dafür bekam ich von der Vorbeterin jedes Mal "a Oa" (ein Ei). Bescheidene Gage, aber ich war stolz darauf!

Wenn jemand starb, wurde er zu Hause aufgebahrt, fast alle Dorfbewohner starben auch noch zu Hause. In der Stube wurde der Sarg aufgestellt, mit Blumen geschmückt, viele Kerzen brannten rundum. Nähere und weiter entfernte Nachbarn kamen zum Sterbegebet zusammen. War es der Kerzengeruch, das abgedunkelte Sterbezimmer, die wegen der vielen Menschen dicke, schwüle Luft, für mich hatten diese Rituale immer etwas Beängstigendes. Oder war es nur die Frage nach dem Sterben allgemein, die mich damals schon belastete? Ich ging nicht gerne hin.

Nur einmal war es mir wichtig. Da gab es im Dorf die "Wabm" (Walburga hieß sie richtig), eine körperlich und geistig etwas zurück gebliebene Frau, die manchem Spott ausgesetzt war, aber immer nett und freundlich zu mir war. Oft trafen wir sie im Wald, wenn sie wie wir Beeren sammelte. Sie zeigte mir verschiedene Blumen, Früchte und Samen, warnte mich vor dem Gift der so wunderschön aussehenden Tollkirsche, ich mochte und verehrte diese Frau im Stillen.

Plötzlich hieß es, sie sei gestorben. Etwas trieb mich, sie noch einmal zu sehen, ich sah natürlich nur den Sarg, Blumen und Kerzen und die weinenden Angehörigen. Ich glaube, bei ihrer Beerdigung war ich auch dabei. Sie hat mir viel bedeutet. Als man die Schaufel Erde auf den Sarg warf, tat sie mir sehr leid, denn dieses von Erde zugedeckt zu werden, war so was Endgültiges, da wusste ich: sie ist gestorben und kommt nie mehr wieder.


ChA 2015

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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