Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 25

Wir diskutieren kurz das weitere Vorgehen und entschlossen uns dann, zunächst Bärbeiß aus den Verliesen unterhalb des Nordturms zu befreien, bevor wir uns auf die Suche nach Nobeline begaben.

Wie wir in die streng bewachten Verliese hinein gelangen sollten, blieb einstweilen ein Rätsel. Also schlichen wir auf leisen Sohlen, Pfoten und Gorgus nicht ganz so leisen Sandalen aufs Geradewohl einen langen Gang entlang und stiegen dann eine mehrfach gewendelte Treppe hinauf. Oben angelangt erspähten wir einen weiteren düsteren Gang, der in regelmäßigen Abständen von runden Fenstern gesäumt war. Gorgus lehnte sich kurzerhand aus einem Fenster hinaus, um sich zu orientieren.

Richtung gut“, brummte er, als er den Nordturm erspähte, der sich schemenhaft gegen den funkelnden Nachthimmel abhob. Also schlichen wir weiter. Mir war alles andere als wohl dabei zumute. Das fahle Mondlicht ließ geisterhafte Schatten auf den Gangwänden tanzen, bei deren Anblick mich das untrügliche Gefühl beschlich, daß unsere Glückssträhne nicht ewig so weitergehen konnte. Wäre ich Buchmacher, hätte ich jetzt eine stattliche Summe darauf gesetzt, daß wir in absehbarer Zeit die Gastfreundschaft des Untergeschosses testen durften. Der Gott der Glücklosen schien das offenbar ähnlich zu sehen und ein wenig nachzuhelfen; denn lautes Scheppern, als seien hundert Blechkannen auf einmal von einem Regal gefallen, dröhnte plötzlich hinter uns durch die nächtliche Stille. Wie ein Mann fuhren wir herum und sahen uns nach Gorgus um, der das Schlußlicht bildete und unverhoffte Gesellschaft bekommen hatte.

„Mußte das sein?“, fauchte Hilly gereizt beim Anblick einer zerbeulten Wache, die offenbar unverhofft aus einem Seitengang aufgetaucht war.

Hat angefangen!“, rechtfertigte sich Gorgus trotzig. Er schien geradezu beleidigt zu sein, daß eine Wache sich erdreistet hatte, ihn anzugreifen. Seine rechte Pranke umklammerte noch immer den Fußknöchel der Wache, die benommen mit dem Kopf hilflos einen Fuß über dem Boden baumelte. Offenbar war sie direkt in den Troll hinein gerannt, der sie kurzerhand gepackt und gegen die nächste Gangwand geschmettert hatte.

„Du Tolpatsch, ich meinte, ob das nicht ein wenig leiser gegangen wäre?“, fauchte Hilly erbost. Ihr wütender Protest bewirkte, daß die Wache aus ihrer Benommenheit erwachte und sofort lautstark zu jammern anfing. Ich hatte das leise Gefühl, daß ihr das nicht gut bekommen würde, da Gorgus seine eigene Art hatte, Probleme abzustellen. Indes hob der Troll die jammernde Wache hoch und betrachtete sie einen Moment mit gerunzelter Stirn, bevor er sie erneut mit Schwung gegen die Wand schmetterte. Das Scheppern der Rüstung hallte laut wie Fanfarenstöße durch den Gang und ließ eine Gruppe Raben jenseits der Gangmauern erschrocken krächzend aufflattern.

Geht nicht leiser“, stellte Gorgus mit der ihm eigenen Logik zufrieden fest, wobei er die inzwischen bewußtlose Wache demonstrativ schüttelte, so daß sich Einzelteile der Rüstung lösten und klirrend zu Boden gingen.

„Eindeutig nicht made in Germany“, merkte der Kater an. Hilly hingegen hob in einer verzweifelt anmutenden Geste die Arme in die Höhe und schüttelte gleichzeitig den Kopf, als könne sie einfach nicht fassen, mit welcher Truppe sie sich auf diese Himmelfahrtskommando eingelassen hatte. Ihr zu einem Zopf gebundenes Haar schwang dabei wie ein Pendel hin und her.

„Ich geb’s auf“, murmelte sie resigniert.

Indes flatterten die Augenlieder der arg in Mitleidenschaft genommenen Wache. Fast hatte ich ein wenig Mitleid mit ihm. Ich konnte mir eine angenehmere Art und Weise des Erwachens vorstellen. Meiner Einschätzung nach mußte er sich fühlen wie ein Betrunkener, der auf der Straße eingeschlafen war und am nächsten Morgen feststellen mußte, daß in der Nacht gleich ein ganzer Zug beladener Fuhrwerke über ihn hinweg gerumpelt war. Zumindest sprach sein Stöhnen für diese Annahme.

Könntet .. Ihr..... mich ... jetzt ..bitte ..... herunterlassen? Ich möchte zum Abort“, ächzte er unter Schmerzen, wobei er gelegentlich den einen oder anderen Zahn ausspuckte.

Gerne“, erwiderte Gorgus freundlich und entsorgte den jammernden Blechhaufen lässig mit einem bewundernswert gut gezielten Wurf durch ein Rundbogenfenster. Mit einem Satz war Mikesch auf der Fensterbrüstung und blickte dem Unglückseligen hinterher, der gerade etliche Dutzend Fuß tiefer Bekanntschaft mit dem Inhalt des schmuddeligen Burggrabens schloß. Das Platschen, mit dem er in dem stinkenden Naß versank, war selbst hier oben noch gut zu vernehmen.

„Er hat ‘n Bauchklatscher hingelegt“, tadelte Mikesch den unwürdigen Abgang. "Das gibt Abzüge in der B-Note“, maunzte er dem Unglücklichen hinterher.

„Unauffällig geht anders“, stöhnte ich angesichts der Tatsache, daß unsere Kurzbekanntschaft nun gut sichtbar, bäuchlings auf dem Wasser trieb. Es grenzte an ein Wunder, daß noch kein Alarm ertönt war. Egal wie voll es gerade auf dem Abort war.

Hilly schien das ähnlich zu sehen.

„Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“, fauchte sie den Troll gereizt an.

Rechte Gangwand“, antwortete Gorgus prompt und bestätigte damit, daß Trolle kein Gespür für leisen Spott hatten. Sie bevorzugten anderen gegenüber eher derbe Späße, die in der Regel für die Adressaten ihrer Späße mit einem längeren Aufenthalt in der Krankenstation einher gingen. Hilly seufzte nur und bedeutete uns, weiter zu schleichen.

Ein paar Dutzend Schritte später endete der Gang an einem Zugang zu einer Wendeltreppe. Das unstete Licht einer vereinsamten Fackel beleuchtete den Weg in die Tiefe aus der uns ein modriger Geruch entgegen schlug. Der ferne Klang von klirrenden Ketten und gelegentliches Wehgeschrei belegten, daß wir auf dem richtigen Weg waren. Mit Mikesch an der Spitze bewegten wir uns vorsichtig Windung um Windung die Treppe hinab. Mein Blick ruhte auf dem Kater, dessen Ohren wie spitze Segel vom Kopf abstanden, um uns rechtzeitig vor Gefahren zu warnen. Die Treppe endete schließlich etliche Umdrehungen später in einem feuchten Kellergewölbe, das in einem Wettbewerb für Trostlosigkeit vielleicht nicht den ersten Platz gemacht hätte, aber für das Halbfinale hätte es bestimmt gereicht.

„Igitt!“

Angewidert rümpfte Hilly, deren Gesichtsfarbe ein blasses Grün angenommen hatte, die Nase. Verstehen konnte ich es. Der Gestank war mit jeder Umdrehung der Wendeltreppe stärker geworden, bis er einem schier den Atem raubte. Wer hier unten die Gastfreundschaft des Sheriffs genoß, konnte nur hoffen, schnell genug gehängt werden, bevor er qualvoll an diesem Gestank zugrunde ging.

Riecht wie Vetter Grumbatz aus Sumpfland“, grunzte Gorgus, der witternd die Nase hob. „Er vielleicht hier eingesperrt.“

„Dann bleibt er hier“, erwiderte Mikesch entschlossen, der mit finsterer Miene ein stinkendes Rinnsal in der Mitte des feuchten Gangs betrachtete. Der Gedanke, mit einer Pfote dort hinein zu treten, schien ihn zu entsetzen.

Ich ignorierte sein Unbehagen und funktionierte indes meinen Turban in einen Atemschutz um. Hilly folgte meinem Beispiel, indem sie ihre ohnehin schon spärliche Bekleidung um einen breiten Streifen weiter reduzierte. Ich bemühte mich den Blick abzuwenden und bewunderte statt dessen Gorgus, dem der Gestank offenbar nichts ausmachte. Vermutlich war er Schlimmeres vom Vetter Grumbatz gewöhnt. Ich machte mir in Gedanken eine Notiz, das Sumpfland aus der Liste potentieller Orte, die ich in meinem Leben noch aufzusuchen gedachte, nachhaltig zu streichen. Dann wandte ich mich dem Kater zu, der unsere Verkleidungsaktion mit schief gelegtem Kopf verfolgt hatte. Seine Augen glühten wie Laternen in dem spärlichen Licht.

„Du gehst vor“, wies ich ihn kurz entschlossen an, wobei ich das protestierende, klägliche Miauen geflissentlich ignorierte. Schließlich miaute der Kater immer, wenn ihm irgend etwas nicht paßte.

„Das sag ich dem Tierschutzverein“, beklagte er sich, schlich dann aber auf leisen Ballen den Gang entlang. Wir ließen ihm einen kleinen Vorsprung, dann folgten wir. 

Wird fortgesetzt....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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