Matthias Neumann

Merlina die Zauberin

Es muss irgendwo hier sein, ich weiß genau, dass ich noch etwas hatte.“

Merlina stand vor dem hohen Regal mit den Vorräten und rückte verzweifelt die vielen Gläser, Flaschen, Dosen, Töpfe und Tiegel hin und her.

Suchst du etwas bestimmtes?“

Ein pechschwarzer Rabe flatterte auf das oberste Brett, ungeachtet der Tatsache, dass dort nicht genügend Platz war für ihn und die aufgereihten Behälter. Es folgte besorgniserregendes Scheppern, aber augenscheinlich ging nichts zu Bruch.

Edgar!“, rief Merlina erschüttert. „Pass gefälligst auf!“

Sie sah ihn missbilligend an, als er verschämt seinen Kopf über den Rand streckte. Dabei warf sie ihm ihren strengsten Blick entgegen.

Hast du etwas im Auge?“ Der Rabe klang ernsthaft besorgt.

Merlina gab es auf. Dabei hatte sie extra vor dem Spiegel geübt. Jeder Zauber ist ohne strengen Blick nur halb so wirkungsvoll.

Ich suche Schwefel.“

Brauchst du das unbedingt für deine Hexenprüfung?“

Über diese Frage wäre sie am liebsten aus der Haut gefahren. Ein strenger Blick reichte dafür nicht mehr aus. Sie legte ihre Stirn in Zornesfalten.

Er lächelte sie an und fragte: „Und? Brauchst du ihn?“

Merlina seufzte erschöpft.

Es heißt Zauberprüfung“, erwiderte sie kraftlos. „Und ja, ich brauche ihn unbedingt.“

Das war maßlos untertrieben. Heute durfte sie sich keine Unachtsamkeiten erlauben, es war der wichtigste Tag ihres Lebens. Alle Eventualitäten mussten bedacht sein, jede Kleinigkeit berücksichtigt. Das war schon schwer genug ohne Raben, die alles durcheinander brachten.

Ich weiß genau, dass hier noch ein Glas stand. Stör mich nicht bei meinen Vorbereitungen.“

Verzeihung, ich wollte nur helfen.“

Es lag ein unterschwelliger amüsierter Ton in seinem Krächzen, der Merlina vermuten ließ, dass genau das Gegenteil der Fall war.

Verschwinde einfach! Was willst du eigentlich hier?“

Als sie vor einigen Tagen unvermutet ihr Haus betreten hatte, hatte Edgar auf dem Kleiderständer gesessen und war seit dem geblieben.

Du brauchst mich. Was ist schon eine anständige Hexe ohne einen Raben?“

Merlina überging diese Bemerkung und suchte, beleidigt vor sich hin grummelnd, weiter.

Sieh mal, was ich gefunden habe“, erklang es wieder von oben.

Das Ticken eines Schnabels auf Glas erklang, gefolgt von dem rollenden Geräusch eines runden Gegenstandes. Dann einen Moment Stille, unterbrochen von einem lauten Klirren. Der Geruch war unverkennbar: Edgar hatte den Schwefel gefunden.

Siehst du? Du brauchst mich doch.“

Merlina wollte ihn anschreien, ihm sein ganzes Fehlverhalten und alles was sie an ihm nervte an den Kopf werfen. Das einzige was heraus kam war ein knurriges „Fnh!“

Geht es dir gut?“, fragte er irritiert.

Merlina versuchte sich zu fassen. Sie war einfach zu nett. Es würde ihr nie gelingen andere einzuschüchtern. Trotzdem versuchte sie es erneut.

Weißt du was ich von dir halte? Hast du auch nur eine Ahnung, wie du dich benimmst?“

Er sah sie erwartungsvoll an, seine Kopffedern stellten sich etwas auf. Er rechnete damit gleich ein ganz dickes Lob zu erhalten.

Derart entwaffnet fügte sich Merlina. „Danke für deine Hilfe. Ich geh noch einmal los und besorge eine neue Flasche.“

Mit hängenden Schultern ging sie aus dem Vorratsraum. Edgar flog ihr hinterher.

Schwingst du dich jetzt auf deinen Besen?“

Hexen fliegen auf Besen“, erklärte sie ihm. „Wenn hier überhaupt jemand einen Besen schwingen sollte, dann bist du das.“

Mit einer schwungvollen Handbewegung öffnete Merlina ein Portal und ging hindurch...

 

...auf die andere Seite. Ohne Unterbrechung setzte sie ihren Gang fort, verlor aber plötzlich ihren hoch aufragenden Hut. Sie war damit gegen das Ladenschild gelaufen, das direkt vor dem Portal hing: „Meister Naseweiß – Zauberzubehör und Versicherungen“.

Da seine Kundschaft den Laden nie durch die Tür betrat, hatte der Inhaber das Schild mitten in den Raum gehängt. Merlina kam dabei ihre geringe Körpergröße zugute. Unachtsame Erwachsene knallten gelegentlich mit dem Gesicht dagegen. Der Inhaber sah darin keinen Grund, es höher zu hängen. Wenn sich jemand beschwerte und mit Konsequenzen drohte, sagte er immer, er habe nichts zu befürchten, denn er habe schließlich eine gute Versicherung. Und dieser Vorfall sei eine gute Mahnung daran, immer vorzusorgen. Dann zog er ein bedrucktes Blatt Papier und einen Stift hervor und wackelte einladend mit den Augenbrauen.

Das kleine Mädchen – sie mochte es ganz und gar nicht, als klein bezeichnet zu werden, aber leider war sie es nun mal, wie die Episode mit dem Schild aufs Neue bewies – drehte sich, um sich nicht bloßzustellen, so elegant wie es ihr möglich war – das heißt, nach normalem Ermessen, ausgesprochen tollpatschig – um, und hob ihren Hut wieder auf, um ihn mit einer schwungvollen Bewegung wieder auf den Kopf zu befördern. Dabei knallte ihr die Hutkrempe ins Gesicht, worauf sie ihn erneut fallen ließ.

Na so was, die kleine Kunigunde!“, erklang es freudig aus einer Ecke des Ladens, was für Merlina ungefähr genauso so angenehm war, wie eine Hutkrempe ins Gesicht zu bekommen. Sie konnte es nicht ausstehen mit ihrem richtigen Namen angesprochen zu werden. Das lag nicht etwa daran, dass sie ihn nicht leiden konnte – obwohl sie das auch tat. Es war nur kein passender Name für eine Zauberin. Alle Zauberer brauchen einen geheimnisvollen, magisch klingenden Namen, der schon beim Aussprechen die Zunge verzaubert. Darum hatte sie sich nach ihrem Idol benannt. Dieser hatte es genauso mit seinem Namen getan. Dieser legendäre, vorbildhafte Magier, hieß eigentlich Hermann von Zottelig. Das erzählte man sich aber nur hinter vorgehaltener Hand. Wurde Merlin selbst so angesprochen, sprach er im Gegenzug einen Zauber über sein Gegenüber aus, verriet aber nicht welchen. Das ist die schlimmste Strafe, die man sich vorstellen kann. Das ewige Grübeln, die ständige angstvolle Erwartung vor kommendem Unheil, hatte schon einige Zauberer um den Verstand gebracht. Die meisten dieser armen Kreaturen endeten als zaubernde Clowns für Kindergeburtstage.

Merlina selbst hätte sich im Moment auch lieber auf einem Kindergeburtstag aufgehalten – mit solch grausamen Dingen treibt man keine Scherze, aber diesmal stimmte es wirklich – als sie sah, wer vor ihr stand und den Hut reichte.

Dich habe ich ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Das muss ja schon mindestens zwei Wochen her sein.“

Für Merlina war das noch viel zu kurz. „Hallo, Frau Humbug“, erwiderte sie kleinlaut.

Frau Humbug zwei Wochen lang nicht zu sehen, war eigentlich schon eine kleine Ewigkeit. Sie verbrachte für gewöhnlich vierundzwanzig Stunden am Tag damit, aus dem Fenster zu schauen. Und wenn ihr nichts dazwischen kam, noch einmal genauso viel Zeit in der Nacht – was eigentlich nicht geht, aber sie schaffte es trotzdem irgendwie. Das besondere an ihr war, dass man nie wusste, aus welchem Fenster. Niemand konnte sagen, ob sie überhaupt eine eigene Wohnung hatte. Trotzdem wurde sie toleriert, denn die Fensterscheiben hatten die erstaunliche Eigenschaft nach so einem Besuch fabrikneu zu glänzen.

Jederzeit von dieser seltsamen Frau beobachtet zu werden, war schon unangenehm genug. Sie steckte ihre spitze Nase so gern in fremde Angelegenheiten, dass man sie förmlich im Rücken spüren konnte, sobald man in ihr Blickfeld geriet. Aber wenigstens konnte man in so einem Moment schnell an ihr vorbei gehen. Ihr gegenüber zu stehen und sich mit ihr unterhalten zu müssen, kam Merlina äußerst ungelegen.

Ich habe gehört, du bereitest dich schon fleißig auf deine Hexenprüfung vor.“

Merlina nahm ihren Hut entgegen und stopfte ihren Kopf bis zu den Augenbrauen hinein. „Es heißt Zauberprüfung, Frau Humbug.“ Sie rieb sich die Augen, die immer noch von dem Zusammenstoß mit der Hutkrempe tränten. Dabei drückte ihr der Blick von Frau Humbugs spitzer Nase ins Gesicht.

Na, da scheinst du ja schon etwas gelernt zu haben. Ich rate dir, halte an deinen Zielen fest, dann kannst du alles erreichen, was du willst. Nimm dir nur ein Beispiel an mir.“

Danke, Frau Unmut.“ Merlina war frustriert und wollte der unangenehmen Situation entkommen. „Genau darum muss ich jetzt leider gehen.“

Nur zu. Und denk daran, ich sehe dich.“ Frau Humbug wollte ihr verschwörerisch zuzwinkern, aber es sah aus, als hätte sie einen Splitter im Auge.

Merlina nuschelte eine so undeutliche Verabschiedung, dass sie sie selber nicht verstand und suchte Zuflucht in den Tiefen des Ladens.

Nun ging Frau Humbug Herrn Naseweiß auf die Nerven. Aus dem Gespräch wurde ersichtlich, warum sie sich überhaupt die Zeit genommen hatte herzukommen. Alle Fenster des Ladens waren mit Regalen zugestellt. Darüber musste sie ein ernstes Wort reden.

 

Die Reihe der unerwünschten Begegnungen an diesem Tag hatte für Merlina noch nicht ihr Ende erreicht. Wieder gab es beim Betreten eines Gebäudes einen Zusammenstoß, dieses Mal mit einer Person, der dabei ein hohes Kreischen entfuhr.

Als Merlina wieder Herr ihrer Sinne war, erkannte sie eine in schwarze Umhänge gehüllte Gestalt vor sich. Sie hatte schon am Geräusch erahnt, mit wem sie es zu tun hatte. Es war der Kleine Magnus, wie er sich jetzt nannte. Ein freudiges Quietschen ertönte, als er sie erkannte.

Hallo, Kuni“, grüßte er freundlich in seiner hohen Stimme. Seine Umhänge verschluckten das ihn umgebende Licht und wallten vergnügt. „Was machst du denn hier im Institut?“

Das simple Begriff Institut war keine Abkürzung, wie man sie allgemein für die umständlichen Namen von Behörden benutzte. Tatsächlich befand sich draußen ein Schild, aus dem nur dieses eine Wort stand. Wer hierher kam, hatte einen guten Grund und wusste schon um was es sich handelte. Alle anderen sollten gar nicht erst wissen, was sich in dem Gebäude befand. Darum befand sich die Aufschrift auch nur auf einem Briefkastenschild. In einer unleserlichen Handschrift. Mit inzwischen stark verblichenem Bleistift geschrieben. Und spiegelverkehrt.

Für alle, über deren Köpfen aber nun ein Fragezeichen schwebt, sei erklärt, dass es sich bei dem Institut um eine Behörde handelt, die alle magischen Angelegenheiten regelt.

Der Kleine Magnus war seit einiger Zeit dort beschäftigt, er hatte sich in eine Lehre begeben. Man sollte wissen, dass Magie ein weites Feld darstellt und über viele Ausprägungen verfügt. Zauberer decken nur einen kleinen Bereich ab. Daneben gibt es noch eine Vielzahl anderer Formen, wie etwa die schon erwähnten Hexen. Hinzu kommen Beschwörer, die sich auf das Herbeirufen von Dämonen und Geistern verstehen; Schamanen, die sich allein auf die Kräfte der Natur beschränken; Nekromanten arbeiten ausschließlich mit Wesen aus dem Reich der Toten; Druiden, die Begründer der ersten Ökobewegung; nicht zu vergessen die mysteriösesten Wesen von allen, die Hütchenspieler.

Der Kleine Magnus hatte sich auf die Seite der Magier begeben, die ihre Zeit mit der Anrufung von dunklen, zerstörerischen Kräften verbringen, und hart daran arbeiten die Welt mit Katastrophen und Plagen zu überhäufen. Er gehörte der Zunft an, die es sich zum Ziel gesetzt hat Unheil und Verderben über die Menschheit zu bringen.

Kann ich dir weiterhelfen?“, fragte er in seiner gewohnt zuvorkommenden Art.

Merlina zeigte ihm die ausgefüllte Karte in ihrer Hand. Anmeldung zur Zaubererprüfung stand darauf.

Der Kleine Magnus machte große Augen und schaute enttäuscht. „Heißt das, du kommst nicht zum Fest?“

Merlina schüttelte den Kopf. In Wirklichkeit war sie noch viel enttäuschter als der Kleine Magnus. Doch leider fiel die Prüfung immer ausgerechnet auf die Festnacht und irgendwann musste sie nun mal ihren Abschluss machen.

Nächstes Jahr wieder“, vertröstete sie ihn und sich gleichzeitig.

Das ist schade“, beteuerte der angehende Fürst der Dunkelheit traurig. „Bist du dir sicher, dass diese ganze Zauberei das Richtige für dich ist?“

Für Merlina gab es nichts anderes. Schon als kleines Kind hatte sie alles über ihr Vorbild aufgesaugt, Merlins Geschichte und sein Werk eingehend studiert. Für sie gab es keinen anderen Weg als ihrem Vorbild zu folgen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass etwas anderes sie wirklich ausfüllen konnte. Manchmal kamen schon Zweifel, ob sie die Zauberei auch glücklich machen könnte. Bisher hatte der eingeschlagene Weg schon viele Enttäuschungen gebracht, was nur am Unverständnis der anderen Menschen lag. Jungen spielen mit Autos und Mädchen mit Puppen. Die einen werden Zauberer, die anderen Hexen. Darum führte Merlina inzwischen ein recht einsames Leben. Bisher hatte es noch nie eine Zauberin gegeben. Die Formulare des Instituts sahen diese Möglichkeit auch gar nicht vor, überall war ausdrücklich nur die Rede von Zauberer.

Der einzige glückliche Tag im Jahr war für sie die Halbvollmondnacht. Dabei verkleideten sich alle Menschen als die fantasievollsten Figuren und zogen durch die Gegend. Dabei schien niemand Probleme mit der Vorstellung einer Zauberin zu haben. Nur dieses eine Mal im Jahr konnte Merlina ganz sie selbst sein. Und es waren immer diese Momente in denen sie wusste, ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Dass sie dieses Mal darauf verzichte, betrübte sie, aber sie erhoffte sich nach der bestanden Prüfung jeden Tag diese Anerkennung zu erleben.

Auch der Kleine Magnus wusste davon. Seine Sorgen waren ihm anzusehen.

Vielleicht nächstes Jahr wieder“, beschwichtigte ihn Merlina, auch um sich selbst etwas vorzumachen. Denn sie hatte trotzdem große Zweifel, es auch schaffen zu können.

Warum hatte sie ausgerechnet ihn treffen müssen? Er hatte ihr ihre schwere Lage noch einmal richtig bewusst gemacht. Das machte den vorliegenden Gang nur noch schwerer. Egal wie die Chancen standen, sie würde diese Prüfung machen. Trotz aller Ungewissheit was danach überhaupt geschehen mochte. Vielleicht wurde sie von vornherein abgelehnt, oder sie versagte und bekam nie wieder die Gelegenheit.

Still fragend hielt sie die Anmeldekarte hoch.

Das Büro ist in Zimmer Minus Dreizehn“, erklärte der Kleine Magnus. Fast bereute er es, machte sich Vorwürfe es ihr verraten zu haben. Er fühlte sich, als würde er sie in ihr Verderben führen. Er kannte ihre Sorgen und hielt sie für berechtigt. Obwohl er ihr alles Gute gönnte, konnte auch er sich keinen Erfolg vorstellen.

Merlina war daran gewöhnt, dass jeder versuchte ihr ihre Pläne auszureden. Diese Ablehnung stachelte sie eher noch an, auch wenn es bedrückend war. Das betretene Gesicht des Kleinen Magnus zu sehen war jedoch niederschmetternd und nahm ihr den Mut.

Mach's gut“, gab sie sich gelassen, obwohl sie merkte, dass sie niemanden damit etwas vormachen konnte.

 

Mittlerweile wurde es Abend. Aus dem Badezimmer drang fröhliches Pfeifen. Nicht etwa Vogelgezwitscher, sondern so wie es ein Mensch von sich geben würde. Wie Edgar das ohne Lippen schaffte, war für Merlina ein Rätsel, aber damit konnte sie sich jetzt nicht befassen. Sie lernte für die Prüfung.

Edgar rief euphorisch: „Oh man, das wird vielleicht ein Spaß!“ Dann zischte er aus dem Bad, durch den Raum und hinaus aus dem Fenster. Merlina hätte schwören können, eine weiße Taube gesehen zu haben. Selbst der Rabe hatte sich für das Fest verkleidet.

Sich selbst ermahnend ordnete sie wieder ihre Gedanken. Ihr Kopf steckte in einem schweren ledergebundenen Buch mit Metallbeschlägen. Nur nennen Zauberer so etwas nicht Buch sondern Foliant. Sie studierte nicht nur, sie verbarg sich auch darin. Sperrte das fröhliche Treiben draußen aus ihren Gedanken.

Darum wurde sie auch übersehen, als jemand aufgeregt durch die Tür stürmte und aufgeregt ihren Namen rief.

Kuni! Kuni!“

Merlina!“, presste sie kaum vernehmbar zwischen den laut knirschenden Zähnen hervor. Das dicke Buch verschluckte ihre Laute.

Kuni, du musst sofort kommen!“

Verschwinde bloß, dachte sie.

Da bist du ja“, enttarnte sie der aufgeregte Besucher. Der Hut ragte über das Buch hinaus und hatte seine Trägerin verraten.

Merlina richtete sich auf und lugte über den dicken Einband hinüber. Vor ihr stand HERR Paul – soviel Zeit muss sein! Er war zwar erst neun Jahre alt, bestand aber grundsätzlich auf eine korrekte Anrede. Mit einem Vornamen als Nachnamen hatte er es, was das betraf, nicht leicht. Alle sprachen ihn für gewöhnlich einfach nur mit Paul an, worauf er sie grundsätzlich umgehend korrigierte und keine Ruhe gab, bis sie ihren Fehler berichtigten. So viel Zeit muss eben sein!

Sein momentanes Auftreten verriet, dass er nicht so einfach wieder verschwinden würde, wenn man ihn dazu aufforderte. Vielleicht doch, wenn Merlina nur streng und entschieden genug auftreten würde. Also nahm sie ihren Mut zusammen und sagte: „Kann ich die irgendwie helfen?“ Sie hatte es wieder nicht geschafft.

Du bist doch eine Hexe. Vielleicht kannst du etwas unternehmen. Du musst unbedingt in die Stadt kommen, alles geht drunter und drüber.“

Jetzt hatte er es geschafft. „Verschwinde!“, fuhr es aus Merlina heraus. Diese ewigen Verwechslungen und Unterstellungen gingen ihr so auf die Nerven, dass sie manchmal wünschte, sie wäre wirklich eine Hexe und könnte alle in Frösche verwandeln.

HERR Paul – soviel Zeit muss sein! ließ sich nicht abwimmeln. Er bat und bettelte, um sie zu bewegen mitzukommen.

Merlina verschanzte sich hinter ihrem Buch.

Denkst du nie an andere?“, versuchte er es noch einmal.

Genau das selbe wollte ich dich auch gerade fragen, Paulchen.“ Es konnte manchmal so gut tun, gemein zu sein.

Ihre Bemerkung wurde aber nicht als Beleidigung aufgenommen. Stattdessen schlug ihr nur ein verzweifelter Blick entgegen. Der Junge erkannte, dass er nichts erreichen würde und lief ohne ein weiteres Wort wieder davon.

In dem Moment kamen Merlina doch noch Zweifel. So hatte sie Herrn Paul noch nie erlebt. Wenn selbst dafür nicht genug Zeit war, war vielleicht wirklich etwas Ernstes vorgefallen.

Nein!, ermahnte sie sich. Ich muss lernen!

 

Die Halbvollmondnacht war eine magische Nacht. Wenn der Mond exakt zur Hälfte im Schatten der Erde liegt, stellt sich natürlich die Frage, ob er nun halbvoll oder halbleer ist. Bei Gläsern blieb dieses Mysterium bis heute ungeklärt, aber die Astronomen ließen sich nicht so einfach entmutigen. Nach eingehenden Studien fanden sie heraus, dass er tatsächlich halbleer ist. Nur in einer Nacht im Jahr ist er halbvoll. Darum wurde sie auch entsprechend gefeiert, vor allem mit einem Kostümfest in der ganzen Stadt. Jeder wäre enttäuscht gewesen es zu verpassen. Für Merlina hatte es noch einmal eine ganz andere, persönliche Bedeutung, was ihren Wehmut steigerte.

Es wurde langsam Zeit für sie zur Prüfung aufzubrechen. Vielleicht kann ich ja auf dem Weg zum Institut einen kleinen Umweg machen und einmal nach dem Rechten sehen. Dafür musste sie aber auch früher losgehen. Dabei wollte sie jeden Moment zum Lernen nutzen. Außerdem fürchtete sie, einmal beim Fest angekommen, nicht wieder gehen zu können.

So sehr es sie auch dorthin zog, egal wie angestrengt sie nach einer Ausrede sucht, ihre Disziplin trug den Sieg davon. Pflichtbewusst landete die Nase wieder im Buch. Ihr Verstand hingegen nicht, ihre Gedanken zogen sie in eine ganz andere Richtung. Als Merlina die Ecke der Seite zwischen die Finger nahm um umzublättern, fiel ihr auf, dass sie zwar alles gelesen hatte, aber kein einziges Wort in ihrem Kopf angekommen war. Seufzend ließ sie die aufgerichtete Schwarte auf den Tisch kippen, sodass dieser unter dem Gewicht wackelte und die umher liegenden Notizzettel fortgeweht wurden.

Dieser Paul hatte es tatsächlich geschafft sie aus der Ruhe zu bringen. Mit dem Lernen war es vorbei. Trotzdem konnte Merlina nicht sagen, dass sie besonders enttäuscht darüber war.

Wenn die Konzentration nachlässt, ist es am besten, einen kleinen Spaziergang zu machen, redete sie sich ein. Sie versuchte ihre eigenen Gedanken zu überlisten.

Auf keinen Fall würde ich so leichtsinnig sein zum Fest zu gehen.

Ein kleiner Bereich in ihrem Hinterkopf war immer noch nicht überzeugt.

Ich mache das nur, um bei der Prüfung besser abzuschneiden.

Bevor sie ein erneuter Zweifel einholen konnte, war sie schon aus der Tür.

 

Beim Gehen schaute sie nur unschuldig auf ihre Füße.

Mal sehen, wo es mich hinführt.

Es schien tatsächlich zu funktionieren.

Ach, lass doch endlich dieses Theater!, meldete sich ihr Gewissen zu Wort. Es schien erkannt zu haben, dass es nichts mehr ausrichten konnte und sich zu fügen. Sieh doch mal nach oben!

Merlina kam der Aufforderung nach und stellte mit Überraschung fest, dass sie schon in der Stadtmitte angekommen war.

Bist du jetzt zufrieden?, fragte das Gewissen nach.

Merlina genoss den Anblick der vielen Kostüme. Nur einen Augenblick, nahm sie sich vor.

Sie vergaß völlig den Grund ihres Kommens, nämlich Herrn Pauls Besuchs und seine Angst, dass irgendetwas vorgehen sollte. Davon war nichts zu sehen. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung auf dem gefüllten Platz.

Eine ganze Gruppe Kinder befand sich im Kostüm eines chinesischen Drachen, der sich durch die Menge schlängelte. Ein erstauntes Raunen breitete sich aus, als der Drache sich plötzlich erhob, die Beine den Kontakt mit dem Boden verloren. Elegant setzte er seinen schlängelndes Tanz über den Köpfen der Menschen fort.

Auch Merlina staunte. Damit hätten die Kinder selbst ausgebildeten Zauberern Konkurrenz machen können. Um einen besseren Blick zu bekommen, ging sie ein paar Schritte rückwärts, stieß aber plötzlich mit jemandem zusammen.

Pass doch auf, Mensch!“, erklang es empört, bevor sich Merlina umdrehen konnte. „Mein Rüssel ist empfindlich.“, versetzte die verärgerte Stimme erneut.

Sie gehörte zu einem Menschen mit Elefantenkopf, dessen lebensechter Rüssel aufgeregt hin und her schleuderte.

Manche Menschen nehmen solche Anlässe einfach zu ernst, dachte Merlina. Sie wollte sich trotzdem entschuldigen, als der Elefant wild trötete und ängstlich schreiend davon rannte. Eine vorbeikommende menschengroße Maus spurtete einem davonrollenden Käse hinterher. Dass dieser fast genauso groß war wie sie, schien sie nicht zu entmutigen, sondern im Gegenteil ihren Enthusiasmus erst richtig anzufeuern.

Merlina hätte schwören können, dass der Käse ein Gesicht gehabt hatte. Langsam hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass hier doch etwas seltsames vorging. Eigentlich wusste sie es schon, aber ihr Verstand weigerte sich, es einzugestehen. Nur langsam fügte er sich den Tatsachen. Es sah so aus, als würden die Kostüme lebendig werden und ihre Träger in ihr reales Abbild verwandeln.

Wie bedrohlich das werden konnte, wurde deutlich, als sich eine Gruppe Piraten im Bassin des großen Brunnens sammelten. Offensichtlich machten sie sich bereit zum Plündern auszuschwärmen. Mit einem letzten grimmigen „Arrrh!“ gingen sie an Land. Ihr Überfall wurde unvermittelt von einer Gruppe Wikingern auf Raubzug gestoppt, die keine Konkurrenz dulden wollte.

Allem Anschein nach war hier ein Zauber am Werk, und sie war die einzige vor Ort, die etwas dagegen unternehmen konnte. Ohne zu zögern setzte sie alles daran, die Verwandelten in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Dazu zog sie alle Register.

Um sich ein Bild davon zu machen, muss vielleicht erklärt werden, wie genau Zauberer eigentlich zaubern. Der wesentliche Teil besteht darin, glaubhaft zu sein, die anderen Anwesenden zu überzeugen. Laienhaft ausgedrückt, sie arbeiteten mit Tricks. Wenn diese gut genug waren, ließ sich selbst das magieresistenteste Wesen beeinflussen. Daher rührt der Ausdruck „das Publikum verzaubern“. Es galt, andere so sehr von etwas zu überzeugen, dass sie selbst die unmöglichsten Dinge für real hielten.

So schwer es Merlina im alltäglichen Leben fiel selbstbewusst, bestimmend, zurechtweisend oder gar einschüchternd zu sein, konnte sie es mit den entsprechenden Hilfsmitteln der Zauberei ausgleichen.

Zuerst waren da natürlich die Zaubersprüche. Oft reichte ein Reim. War das nicht genug, mussten es ein paar mehr sein. Damit ließen sich aber nur kleine Kinder beeinflussen. Um die älteren zu überzeugen brauchte es schon lateinischer Sprüche. Diese waren schwerer zu lernen, mussten aber wenigstens keinen Sinn ergeben, da sie sowieso keiner verstand. Das hatte natürlich alles nichts mit tatsächlicher Magie zu tun, aber die Leute glaubten daran.

Mit zunehmendem Alter wurden die Erwachsenen immer aufgeklärter und schwerer zu begeistern. In solchen Fällen kommen die Hilfsmittel zum Einsatz. Talismane und antike Schmuckstücke, haltbar gemachte Körperteile von ekligen Tieren um die Macht über gefährliche Kreaturen zu demonstrieren, Spezialeffekte die Rauch und Donner hervorriefen, sind nur die gängigsten von ihnen.

Stück für Stück arbeitete Merlina sich vor, erlöste eine Person nach der anderen. Sie wurde von ihrem Erfolg so sehr in einen Rausch versetzt, dass sie gar nicht bemerkte, wie sich der Platz immer weiter leerte. Auf einmal hatte sie es geschafft, hatte jeden gerettet. Überrascht sah sie sich um. Leider kommt bei jeder Prüfung die härteste Aufgabe zum Schluss. Auf der Treppe des Rathauses standen völlig unbeeindruckt drei immer noch verwandelte Personen. Sie trugen lange Mäntel in grellen Farben, auf denen unzählige Symbole aufgestickt waren. Lange graue Bärte lagen auf ihren runden Bäuchen. Auf dem Kopf saßen spitze Hüte, die sich auch von einem Orkan nicht hätten beeindrucken lassen.

Merlina erschrak. Diese drei Herren hatten sich als Zauberer verkleidet. Hatten sie mit der Verwandlung wohl auch die entsprechenden Fähigkeiten erlangt? Würde sie gegen sie antreten können, oder nicht vielmehr riskieren selbst verzaubert zu werden?

Nicht einschüchtern lassen, sagte sie sich. Einen solchen Erfolg wie heute hatte sie noch nie erlebt. Es hatte ihr deutlich gemacht, dass sie über alles nötige Wissen verfügte. Wenn es jetzt bei diesem Mal nicht funktionierte, dann niemals.

Zielstrebig setzte sie ihren Weg fort. Den falschen Zauberern gegenüberstehend, begann sie, das Werk des Abends zu vollenden. Jedoch ließen sich die Männer durch nichts beeindrucken. Stattdessen sahen sie sich nur mit entgeisterten Gesichtern gegenseitig an. Abwechselnd ging der Blick eines jeden zwischen den beiden anderen hin und her, während Merlina ihr gesamtes Repertoire ausspielte.

Der kleinste von ihnen, der den größten Bart hatte, gewann als erster die Beherrschung zurück.

Nun, werter Kollege, angesichts dieser Umstände halte ich ihre Einschätzung für übereilt.“ Seine Tonlage klang äußerst unangenehm berührt, als würde er sich für etwas schämen.

Fürwahr!“, bestätigte der Herr an der anderen Außenseite des Trios streng. „Eine Anstellung als Assistent eines Lehrlingsgehilfen wäre wohl eher angebracht.“ Als könnte das seine Aussage bestätigen, drückte er die tief sitzende Brille mit dem Zeigefinger wieder nach oben, woraufhin sie wieder von den buschigen Augenbrauen nach unten gedrückt wurde.

Abwarten!“, gab der Mittlere kurz und gelassen von sich. Dabei leuchteten die Symbole auf seinem Mantel auf. Man konnte sie noch so fest anstarren, aber, ohne dass man eine Bewegung wahrnahm, veränderten sie trotzdem unaufhörlich ihre Position.

Merlina fühlte sich angesichts dieser Ignoranz gedemütigt. Nichts schien gegen die Verwandlung zu helfen. Aber es galt sich zu beeilen, bevor die anderen auf die Idee kamen selbst anzufangen zu zaubern. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit. Etwas, das in jedem Fall garantiert half, vor dessen Anwendung aber jeder Zauberer, der etwas auf sich hielt, zurückschreckte.

Sie griff in ihre Manteltasche. Mit ihrem Verhalten hatten es die drei herausgefordert, denn schlimmer konnte es für Merlina sowieso nicht mehr werden. Trotzig schlossen sich ihre Finger um den Gegenstand, den jeder Zauberer fürchtete.

Die falschen Zauberer blieben ungerührt stehen, ahnungslos, was sie erwartete.

Merlina zog die Hand aus ihrer Tasche. Hervor kam ein Zauberstab. Dieser Gegenstand wirkt bei allen Menschen, das war es, was sie am meisten mit Zauberei verbanden. Kein echter Zauberer wollte so tief sinken, sich solcher peinlichen Klischees zu bedienen. Obwohl diese Vorstellung von Zauberei so tief in den Köpfen der Menschen saß, dass diese Methode immer erfolgreich war. Viele nahmen selbst eine Niederlage in Kauf, als darauf zurückzugreifen.

Doch wie es schien, war selbst dieser Einsatz vergebens. Merlina verstand die Welt nicht mehr. Das einzige, was ausgelöst wurde, war ein breites Grinsen des Mittleren, während die beiden anderen betreten zu Boden schauten.

Wie sie sehen“, triumphierte der Mittlere, „hat die Probandin die Situation vollständig unter Kontrolle. Es lässt nur ein mögliches Ergebnis zu.“

Erst jetzt dämmerte es Merlina, was hier vor sich ging. Bei den drei Männern handelte es sich um echte Zauberer. Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Schnell verschwand der Zauberstab wieder.

Ehrenwerte Merlina“, wurde sie angesprochen. „Hiermit erklärt der Rat der Zauberer deine Abschlussprüfung für bestanden.“

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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