Olaf Lüken

Wenn der Waldspaziergang überflüssig wird

In der Frühe gehe ich gerne durch den nahen Wald und bin ganz Ohr, wenn der
Morgenwind durch die Baumkronen pfeift, die bunten Blätter leise zu Boden
fallen und ich unter meinen Füßen ein leises Rascheln vernehmen kann. Eine
seltsame, aber angenehme Stille begleitet jeden meiner Schritte. Es herrscht
eine Lautlosigkeit, die deutlich zu hören ist. Die Stimmung ist natürlich und fan-
tastisch zugleich. Sonne durchstrahlt an bestimmten Stellen den lücken-
haften Blätterwald. Ich entspanne, tanke taufrische Energie und bin philoso-
phisch-wandernd unterwegs. Warum lieben wir den Wald so sehr ?
Ein Ausruf von Goethe (1749-1832) kommt mir in den Sinn: "Hier bin ich
Mensch, hier darf ich's sein."

Und alle sind gekommen, die tierischen Waldbewohner, die sich mit ihrer virtu-
osen Stimmgewalt überall bemerkbar machen und eine ganz eigene Geräusch-
kulisse hinterlassen, die ihresgleichen sucht. Alle haben sich dort versammelt.
Die Wühlmäuse, Eichhörnchen, Eichelhäher, Wildschweine, sowie die Konzert-
vögel Amsel, Drossel, Fink und Star und alle anderen Chorbegleiter, die in ein
virtuoses Konzert einstimmen, das einzigartig ist. Natur pur.

Andererseits: Der Konsument in mir sagt: "Das will ich haben, das muss ich
haben." Auch bei miesem Wetter will ich mich entspannen können. Wandern
ist zwar des Müllers Lust und urchaus auch gesund für Körper und Geist, aber
das habe ich bald zu Hause und in meinen eigenen vier Wänden. Bald brauche
ich keinen Schritt vor die Tür zu tun, was bei witterungsbedingter Ungemütlich-
keit mit Matsch, Eisregen, Glatteisgefahr und Minustemperaturen eine echte
und für mich sympathische Alternative ist.

Möglich macht das eine "Zwitscherbox". Entspannt liege ich auf dem Bett und
zugleich im "Wald". Akustisch zumindest. Der Bewegungsmelder mit Blätterrau-
schen und Vogelstimmen schlägt an, sobald das Licht im Raum eingeschaltet
ist. Es raschelt, tiriliert, piept, krächzt und hämmert im Hintergrund und spiegelt
die perfekte Illusion eines Frühlingstages wider. Ich höre aus der Box die Sym-
phonie einer Vogelschar. Nach zwei Minuten ist alles wieder vorbei. Die Zwit-
scherbox schaltet sich automatisch ab. Der hochsensible Sensor reagiert auf
Bewegungen, in bis zu drei Metern Entfernung. Und was kostet so ein Kunst-
stück ? Weniger als 40 Euro.

Jetzt werden Jäger, Förster, Angler und andere Extremökologen den Käufe-
rinnen und Käufern von Zwitscherboxen auf ewig in Freundschaft verbunden
bleiben, solange sie den Wald meiden und ihren Dreck gar nicht erst mit-
bringen.

(c) Olaf Lüken (2017)

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