Ingrid Baumgart-Fütterer

Trostloser Tod


Autorin: Ingrid Baumgart-Fütterer

Seit Anbeginn allen Seins steht er als Sensenmann rund um die Uhr in der Verantwortung und ist dieser Herkulesaufgabe ausnahmslos pflichtschuldig nachgekommen. Doch inzwischen ist er seines Lebens überdrüssig und sehnt sich nach ewiger Ruhe.
Dankbarkeit für sein unermüdliches und zuverlässiges Tun schuldet die Menschheit ihm nach wie vor. Der Tod steckt daher seit Urzeiten in einer Gratifikationskrise fest. In seinem Brustkorb schlägt kein Herz und in seinem Schädel denkt kein Hirn. Trotzdem leidet er Höllenqualen angesichts der Aussichtslosigkeit seiner Lage und dem schmerzlich erfahrenen Mangel an Zuneigung und Liebe. Hätte er Augen, würde er sich diese am liebsten ausweinen. Besäße er ein Gesicht aus Fleisch und Blut, wäre seine Stirn von Kummerfalten zerfurcht.
Wo immer er auftaucht, gibt man ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er sich zum Teufel scheren soll. Zugleich ist er in aller Munde und zu allem Überfluss bevölkern Fernsehleichen ohne Zahl die Mattscheiben. Über dieses paradoxes Verhalten kann der Tod nur verständnislos den Kopf schütteln.
Er ist der Einzige, auf dessen Tun stets Verlass ist. Der Tod, der irgendwann jeden aufsuchen wird, macht keine Unterschiede zwischen alt und jung, arm oder reich. Eine Begegnung mit ihm verläuft fast immer tödlich. Darauf kann man Gift nehmen. Nur wenige Menschen schaffen es, dem Tod im letzten Moment von der Schippe zu springen. Getreu dem Motto: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, tut dies seinem Ehrgefühl keinerlei Abbruch. Solange die Lebewesen sich vermehren, wird er wohl weiterhin seines Amtes erfolgreich schalten und walten (müssen).
Der Tod kennt die ganze Welt einschließlich des Himmels und der Hölle. Mit den Engeln und dem Teufel versteht er sich gleichermaßen gut, schließlich pendelt er seit ewigen Zeiten zwischen diesen Welten hin und her, um die Seelen an ihrem Bestimmungsort abzuliefern.
Das Positive seines Wirkens erfährt leider so gut wie keine Würdigung. Dabei wirkt er zum Beispiel einer Überbevölkerung der Erde entgegen. Ohne seine Existenz würde man auch den Wert des kurzen Daseins nicht zu schätzen wissen. Die bewusste Endlichkeit spornt nicht selten zu ungeahnten Leistungen an und stärkt den Mut zu Veränderungen.
Auch auf die Familienplanung nimmt der Tod gehörigen Einfluss. Tickt die biologische Uhr immer lauter, entscheiden sich bisher zögerliche Frauen oftmals doch noch zu einer Schwangerschaft. Etliche „5-Minuten-vor-12-Entscheidungen“ sind dem mahnenden Zeigefingers des Todes geschuldet.

Ein endloses Leben erträumen sich viele Menschen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Der Tod beneidet die Sterblichen, denen durch sein Tun ewige Ruhe zuteil wird, die ihm wahrscheinlich vergönnt bleiben wird. Vielleicht wird eines Tages eine Explosion des Erdballs das Leben auslöschen und dann käme auch der Tod ein für allemal zur wohlverdienten Ruhe. Aber wer weiß, ob nicht irgendwann, auf irgendeinem Planeten neues Leben entstehen wird und dann wäre – Ironie des Schicksal - der Tod gefragt wie eh und je.


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