Monika Jarju

Regen mit Wasser

Ich lief und lief vorbei an gläsernen Kuben in einem Meer aus

Stein und São Paulo lief mit. Licht zersplitterte an Fassaden,

Häuserfronten aus gefrorenen Wellen umgaben mich, ich irrte

in einer wilden Geometrie. Von Ferne umschlangen Favelas

wie Boas das Labyrinth der Stadt. Irgendwann auf der Avenida

Paulista blieb ich stehen, die Stadt schien grenzenlos, ihre

Straßen schier endlos, alle Wege verstopft und führten direkt

zu mir. Mir begegneten Millionen Menschen aller Farben,

indianische Gesichter und Schönheiten. Welcher Gott hatte diese

Mega-City erträumt, so unfassbar arm, so rätselhaft reich, so

faszinierend wie frustrierend? War sie ein vielsprachiger

Traum der Favelas, aufgestiegen an ausufernden Rändern, aus

dem Rauch der Holzkohlenfeuer und Abwassergräben?

An der Metro Paraíso, mitten im bunten Babel, winkte mir

Ricardo Reis zu, mit einer weißen Lilie. Unter einer Glocke aus

Abgasen und Lärm zog er mich vom Paradies zum Friedhof

Consolação zwischen schattige Jacarandabäume zu Fernando

Pessoas Grab. Ich war beunruhigt. Wer erdachte hier wen?

Und was war mit mir?

See life from a distance, las ich auf dem Grabstein. Dann ein

Wolkenbruch, es schüttete wie aus Kübeln. Regen mit Wasser,

chuva com agua, wie die Brasilianer sagen in der Regenzeit.

Schon begann ich mich aufzulösen und dachte, es ist gut, denn

wenn ich jetzt nicht gehe, bleibe ich vielleicht für immer. São

Paulo zerfloss auch und die Illusion von Ricardo Reis.

Ich saß wieder im Café Brasileira in Lissabon. Pessoas Statue

zwinkerte mir zu. Tudo bem, hörte ich ihn murmeln. Vor mir

lag eine weiße Lilie.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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