Artur Reimus

Traumpartner

Mhhhh... Traumpartner per SMS finden. Hört sich erst einmal gut an. Erst einmal!
Traumpartner per WhatsApp finden, das wäre mir wesentlich lieber. Nicht nur aus Kostengründen. Aber: Das wird schon mit der Traumpartnerin, denke ich, während mein Blick träumend aus dem Fenster schweift, denn: Ich müsste mal wieder einige Erledigungen tätigen. Dazu muss ich kreuz und quer durch die Stadt. Bei einer durchschnittlichen Erledigungszeitspanne von zwei Stunden verliebe ich mich dabei meist fünf- bis siebenmal. Schön, aber auch schön anstrengend, dieses ewige Verlieben. Vielleicht verliebt sich ja heute endlich mal eine Traumpartnerin zurück. In mich. Nur, wie erkenne ich das? Lächelt sie mir zu? Kommt sie auf mich zu? Fragt sie mich nach der Uhrzeit? Nach einer Straße? Einem Fahrplan? Oder wird sie mich versehentlich berühren? Mich anrempeln? Mit einem gespielt-überraschenden und doch forschen Blick. Werde ich ihn zu deuten wissen? Den forschen Blick. Was, wenn er nicht forsch ist? Sondern forschend? Wie weiß ich, wie ich ihn deuten muss? Was ist Deutung? Und welche Bedeutung hat Deutung überhaupt?

Die grellen Spiegelungen eines vorbeifahrenden Busses reißen mich aus meinem Gedankenstrom. Ich gehe jetzt einfach los und werde den Dingen, ganz keck, ihren freien Lauf lassen. Dabei fühle ich mich sogar etwas männlich und verwegen. So müssen sich auch Männer fühlen, die regelmäßig DMAX schauen. Mannhaft und zeugungsfähig!
Total zeugungsfähig verlasse ich schließlich die Wohnung...

Ich betrete einen Ein-Euro-Laden, den Neo-Konsumtempel für das Prekariat. Also auch mich. Sehe ich all' die übergroßen Traktoren in schrillem gelb und grün, angeboten für lediglich zwei Euro, überkommt mich der Impuls, einen für meinen kleinen Sohn zu kaufen. Jedoch erinnert mich schrill-gelb-grünes Plastik aus Taiwan sofort an Weichmacher, die mit der Zeit prima das Hirn weich machen. Ich stelle den Traktor wieder in das blaue Regal. In der gleichen Sekunde huscht eine blonde Mitarbeiterin, blau-gelb gekleidet, in Richtung Kasse an mir vorbei. Ich strahle kurz zurück und bin für heute schon das erste mal verliebt. Verdammt. Das ging ja schnell. Aber habe ich wirklich aus Sympathie zurückgelächelt oder waren das nur mal wieder die Spiegelneuronen? Man sollte sie Lügenneuronen nennen! Aber sympathisch ist sie mir trotzdem. Und attraktiv ist sie auch. Um sie in so etwas wie ein Gespräch zu verwickeln, wäre der Kauf eines Artikels natürlich förderlich. Ich könnte sie aber auch um ein Beratungsgespräch bitten...
Ein Beratungsgespräch im Ein-Euro-Laden?
Wie soll das aussehen?

"Entschuldigung. Aber kostet dieser Artikel wirklich nur drei Euro?"
"Ja, stimmt. Drei Euro."
"Ahhh, die Ausschilderung ist also korrekt. Super, Danke!"

Ich sehe sie vorne an der Kasse. Sie reicht der Kassiererin kurz einen Schlüssel und kommt wieder in meine Richtung.
Leichte Panik macht sich in mir breit. Ich muss sie etwas fragen. Ich muss das Bedürfnis an einer Produktinformation vortäuschen ohne zu auffallend das Bedürfnis an einer Traumpartnerin preiszugeben. So ein bisschen darf und soll sie es natürlich schon merken. Zwischen den Zeilen, der Mimik, der Gestik. Sie ist jetzt nur noch wenige Schritte von mir entfernt. Sie macht recht kleine Schritte, was natürlich noch etwas weiblich-femininer wirkt. Ihre Schritte messen ungefähr eine Länge von dreißig Zentimeter. Entfernt ist sie noch etwa sechs Meter. Das macht lediglich zwanzig Schritte. Bei einem Schritt pro Sekunde habe ich nur noch zwanzig Sekunden. Rechne ich die Zeit ab, die ich für Beobachtung und Analyse verbraucht habe, bleiben mir nur noch zwölf bis fünfzehn Sekunden. Das führt so zu nix, wird mir schnell, also innerhalb einer weiteren Sekunde, klar. Es verbleiben nur noch elf bis vierzehn Sekunden!
Ich muss sie etwas fragen. Etwas relevantes! Was brauche ich unbedingt? Eine Traumpartnerin! Und eine neue Klobürste! Gibt es hier Klobürsten? Ich könnte sie fragen? Doch sind Klobürsten verdammt suboptimal, um mit Traumpartnerinnen ins Gespräch zu kommen. Plötzlich biegt sie links ab und lächelt einen anderen Kunden an. Er sieht sehr männlich aus. Sicher ein DMAX-Zuschauer. Er scheint sie etwas zu fragen. Ich habe ihn völlig übersehen. Ich bin fassungslos. Meine Analyse war unvollständig. Und sofort muss ich an John Nash in "A Beautiful Mind" denken. Die Szene im Pub, wo auch er plötzlich, aus allen Wolken fallend, von sich gibt, dass Adam Smith sich geirrt hat und revidiert werden muss. "Unvollständig, unvollständig!", sind seine Worte.

Unvollständig, unvollständig...

Während ich den Ein-Euro-Laden wieder verlasse, nehme ich mir fest vor, beizeiten einen neuen Plan zu schmieden. Das Vorhaben muss besser geplant werden, Beobachtung und Ausführung flüssiger ineinander greifen. Vielleicht habe ich es hier ja auch mit regulierender Dynamik zu tun...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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