Monika Jarju

WIEDERBEGEGNUNG

WIEDERBEGEGNUNG

Ein Parkbaum zieht meinen Blick an. Er ist kahlästig, wortkarg,

statt der Blätter trägt er die Nummer 123. Von welcher Art er ist,

erkenne ich nicht.
 

Amtlich erfasst ist er wie ich, sein Bestand ist als Vorgang in

einer Akte abgelegt wie meiner. Sollten wir unsere Nummern

vergleichen, uns über ihre Bedeutung austauschen?

Steht EINSZWEIDREI etwa für Einbaum, Astgabelung, Anzahl

der zu erwartenden durchschnittlichen Jahresblattmenge?
 

Vor über drei Jahrzehnten bin ich ihm begegnet, undeutlich

erkenne ich ihn wieder. Am Ufer des Schlossparks wurzelt er,

dem Fluss zugewandt. Damals schon war mir die See stets

weiter als die Stadt, ohne Mauern und Ufergrenzen.

Entstand mein Wunsch weit zu gehen hier?

 

Aufbrechen, rasch fortgehen, zurücklassen, kaum Abschied

nehmen, verlassen, anderen eine Erinnerung hinterlassen,

lernte ich beim Schauen auf den Fluss. Ich wollte da sein,

bleiben, wo ich mich nicht aufhielt. Zurück kann ich überall

sein, an den Küstenrändern meiner Phantasie.

 

Vertrauten Ortsgeruch verströmt er und trägt Jahresringe

wie mein Reisepass Stempel von Meeresländern.

Während ich weitergehe, wächst er mir nach.
 

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