Heinz-Walter Hoetter

Die andere Welt

Draußen war es bereits dunkel geworden, als der alte Mr. Ron Slater den stehen gebliebenen Citybus an der einsamen Haltestelle am Stadtrand verließ, um den Rest seines Weges zu Fuß nach Hause zu gehen. Gerade in dem Augenblick, als sich die Ein- und Ausstiegstüren wieder zischend schlossen und das schwere Fahrzeug zur Weiterfahrt ansetzte, verspürte der Alte plötzlich einen heftigen Schmerz in seinem Kopf, der ihn wie von der Tarantel gestochen zusammenzucken ließ. Unsicher und benommen blieb Mr. Slater kurz stehen, sah sich um und suchte mit verschwommenem Blick nach der hölzernen Sitzbank, die gleich neben dem Bushalteschild stand, torkelte unbeholfen Schrittes auf sie zu und nahm mit einem Seufzer der Erleichterung darauf Platz.

Es dauerte eine Weile, bis der Schmerz langsam aber sicher etwas nachließ. Der alte Mr. Slater blickte verstört nach allen Seiten, kniff dabei die Augen ein wenig zu und versuchte sich mit aller Gewalt zusammenzureißen. Mit halb geöffneten Augen blickte er sich abermals um. Doch er konnte fast nichts erkennen, obwohl er im hellen Licht der Haltestellenbeleuchtung saß. Es war gerade so, als hätte sich um ihn herum eine milchigweiße Nebelwand aufgebaut. Einige Augenblicke lang saß der alte Mann noch so da, neigte schließlich seinen Kopf nach vorne, um sich etwas zu entspannen und dachte darüber nach, über sein Handy, das sich in seiner rechten Jackentasche befand, den Notarzt anzurufen. Aber er verwarf diesen Gedanken gleich wieder, weil sich sein Zustand überraschenderweise langsam besserte.

Wenig später fühlte sich Mr. Slater fast schon wieder richtig gut. Die Schmerzen waren weg und auch die Sehkraft seiner Augen kehrte zurück, sodass der Alte beschloss, sich endlich auf den Weg nach Hause zu machen. Vorsichtig erhob er sich von der Bank, atmete tief durch und setzte sich schließlich mit vorsichtigen Schritten in Bewegung.

Doch kaum hatte der alte Mann ein paar Meter hinter sich gebracht, erwischte ihn eine zweite, noch heftigere Schmerzwelle. Instinktiv drehte sich Mr. Slater auf der Stelle herum, eilte mit schnellen Schritten zurück zur Bank und erreichte sie gerade noch rechtzeitig, bevor die Schmerzen in seinem Kopf so stark wurden, dass er zu wimmern begann. Mit schlotternden Knien nahm Mr. Slater ein zweites Mal auf der Bank Platz, legte seinen Kopf nach hinten und schaute nach oben in den mit funkelnden Sternen übersäten, klaren Nachthimmel. Im gleichen Augenblick wurde ihm schwindlig. Dann verlor der alte Mann das Bewusstsein.

Irgendwann wachte der alte Mr. Slater wieder auf und hörte zu seiner Überraschung seltsame Geräusche aus der Ferne. Irgendwo im Hintergrund drangen Töne in seine Ohren, die er noch nie in dieser Art gehört hatte. War er gestorben und bereits in der jenseitigen Welt angekommen? Das war sein erster Gedanke, denn er wusste nur zu gut, dass er in seinem Alter jederzeit mit dem Tod rechnen musste.

Dann drangen diese eigenartigen Bilder in sein klarer werdendes Bewusstsein. Ein breiter Rollweg manifestierte sich vor ihm, an deren Ränder Fahrzeuge ohne Räder standen in denen Wesen saßen, die wie Alien aussahen. Von einer Sekunde auf die andere erweiterte sich das Sehfeld seiner Augen und sein Blick fiel auf eine gewaltige, hell erleuchtete, futuristisch aussehende Megastadt, die vor Verkehr nur so wimmelte.

In diesem Moment wurde dem alten Mann bewusst, dass er sich in einer völlig anderen Welt befand. Er bemerkte auch, dass er nicht mehr in seinem eigenen Körper, sondern im Körper irgendeines anderen Lebewesens war, das sich offenbar gerade in jenem Teil dieser Megastadt befand, in der sich eine große Anzahl von Lebewesen der gleichen Art auf breiten Förderbändern in alle Himmelsrichtungen bewegten. Es war einfach unvorstellbar, was Mr. Slater da sah. Trotzdem schien alles ganz real zu sein, denn er erlebte es so, als würde er selbst ein ganz selbstverständlicher Teil dieser pulsierenden Millionenstadt sein, durch die er jetzt in einem fremden Körper spazieren ging, als wäre es das normalste Geschehen auf der Welt.

Überall waren zudem noch breite Straßen, die bis weit in den fernen Horizont hinein verliefen. Futuristische Wolkenkratzer in allen denkbaren Formen und Größen flanierten diese atemberaubenden, weit geschwungenen Fahrbahnen, auf denen sich ein unendlicher Strom radloser Fahrzeuge bewegte. Riesige Leuchtreklamen erhellten außerdem die tiefen Straßenschluchten, die immer wieder von schönen, weitläufigen Grünanlagen unterbrochen wurden.

Das unbekannte Wesen, in dem er sich befand, blieb plötzlich stehen. Ein anderes Wesen kam auf einer schwebenden Miniplattform auf ihn zu und machte erst Halt, als es direkt vor ihm stand. Jedenfalls empfand Mr. Slater es so. Das wunderschön gleichmäßig geformte Wesen auf der Schwebeplattform lachte und deutete ihm an, er solle doch mitkommen in eines der kuppelförmigen Gebäude, die ganz in der Nähe standen und die von allen Seiten frei zugänglich waren.

Der alte Mr. Slater wollte nicht, doch konnte er nichts dagegen tun, denn das Wesen, in dessen Körper er sich befand, folgte dem anderen, als würden sie sich kennen und gute Bekannte sein.

Als die beiden Gestalten das gewaltige Gebäude direkt vor ihnen erreicht hatten, kam im nächsten Augenblick so etwas ähnliches wie ein Roboter heran geschwebt und verteilte leuchtende Kristallgläser mit einer bunten Flüssigkeit darin. Mr. Slater bekam es auf einmal mit der Angst zu tun, da er nicht wusste, was er da trinken würde. Aber auch dagegen konnte er nichts tun, denn in Wirklichkeit trank je das Wesen und nicht er, auch wenn er spürte, wie die farbige Flüssigkeit durch die Kehle in den Magen gluckste. Überall standen diese faszinierenden Wesen herum oder saßen in kleinen, gemütlich eingerichteten Abteilen herum, wo sie aßen und tranken und sich dabei in einer Sprache unterhielten, die der alte Mann nicht verstand. Das weitgespannte Kuppeldach bestand aus einem durchsichtigen Material, das den Blick auf einen wolkenlosen Himmel freigab, der so blau wie Tinte war. Riesige Raumschiffe machten sich gerade auf den Weg ins Universum, andere landeten wieder und erzeugten dabei nicht einen einzigen Laut.

Dann hörte der alte Mann seinen Namen. Jemand rief nach ihm.

Mr. Slater hatte auf einmal den Wunsch, in seine eigene Welt wieder zurücken zu wollen. Er spürte eine tiefe Sehnsucht nach seinem Zuhause und der Stadt in der er lebte, die er doch so liebte und wo er als Kind aufgewachsen war. Er konzentrierte sich auf diesen Gedanken und im nächsten Augenblick veränderte sich die Umgebung um ihn herum und begann sich aufzulösen.

Nach und nach verschwanden die Konturen der fremdartigen Welt. Das unverständliche Gemurmel verklang. Wieder wurde es finster um den alten Mr. Slater, bis plötzlich vor ihm ein heller Lichtpunkt erschien.

"Er kommt wieder zu Bewusstsein", hörte er eine Frauenstimme sagen, die in seiner wohlvertrauten Sprache redete. "Ich glaube, er schafft es. Wir müssen den alten Mann jetzt aber so schnell wie möglich in die Klinik fahren. Dort werden sich die Ärzte um ihn kümmern. Ich denke, er wird sich auf jeden Fall wieder erholen. Es sah schlimmer aus, als wir dachten."

Der alte Mr. Ron Slater öffnete jetzt seine Augen und musste verdutzt feststellen, dass er von einigen Rettungssanitätern gerade auf eine Trage gelegt und festgeschnallt wurde. Dann verfrachtete man ihn in ein Rettungsfahrzeug, das wenige Augenblicke später mit Blaulicht davon fuhr, um ihn in das nahgelegene Stadtkrankenhaus zu bringen.

Noch einmal erhaschte der alte Mr. Slater einen Blick von der Bank gleich neben dem Bushalteschild, auf die er sich wegen der heftigen Schmerzen hingesetzt hatte. Im hellen Licht der Haltestellenbeleuchtung konnte er plötzlich ein Kristallglas erkennen, das zur Hälfte mit einer bunten Flüssigkeit gefüllt war. Es stand gleich direkt neben der hölzernen Sitzgelegenheit auf dem Plattenboden, und der alte Mr. Ron Slater hatte für einen Moment den komischen Eindruck, als würden sich in den geschliffenen Kristallen eine futuristisch aussehende Stadt spiegeln.


 

ENDE


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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