Heinz-Walter Hoetter

Die Zeit der Dämonen oder Des Bösen stählerner Traum

Man schreibt das Jahr 1933. Es ist eine kalte Nacht Anfang Januar. Adolf Hitler ist zusammen mit Hermann Göring und eines ihnen treu ergebenen SS-Offiziers in einer streng geheimen Mission irgendwo in Deutschland unterwegs.


Am Ende des Monats, am 30. Januar 1933, wird der Reichspräsident Paul von Hindenburg den Führer der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“, (kurz NSDAP genannt) Adolf Hitler, zum Deutschen Reichskanzler ernennen.

***

Den dunklen Abgründen von Raum und Zeit entsprungen betrat ein unheimliches Wesen namens Dämonion in jenen wirren Tagen den Planeten Erde.

Und es kam nicht allein.

Es hatte eine gewaltige Armada von bösen Dämonen zur Verwirklichung seines dunklen Planes mitgebracht. Die irdische Sphäre war voll von diesen unreinen Geistern. Immer mehr Menschen gerieten in den Bann ihrer unheilvollen, mörderischen Macht und bald waren es Millionen und Abermillionen, die unter ihrem diabolischen Einfluss standen.

Die größte Seelenernte in der Menschheitsgeschichte stand kurz bevor. Der Führer und seine skrupellose NS-Gefolgschaft begannen zielstrebig damit, des Bösen stählernen Traums von Deutschland aus zu verwirklichen. Der Friede befand sich zu dieser Zeit aber schon längst auf dem Rückzug und wich überall deutlich sichtbaren Kriegsvorbereitungen.

Der 2. Weltkrieg warf seine tödlichen Schatten voraus.


***


Die hünenhafte Gestalt trat schleppend hinaus auf die vom fahlen Mondlicht beleuchtete Pflasterstraße. Irgendwo bellte einsam ein Hund. Es war kurz vor Mitternacht und sehr kalt. Eine leichte Schneedecke lag über der gesamten Landschaft. Mit prüfenden Blicken schaute die unbekannte Person nach allen Seiten und musterte dabei skeptisch den vor ihr liegenden, holprigen Bürgersteig. Dunkle Wolkenfetzen zogen gerade wie fliehende Geisterschiffe an der hellen Mondscheibe vorbei als kurze Zeit später das schwere Eisentor der düster da liegenden Gebäuderuine mit einem quietschenden Geräusch ins rostige Schloss fiel. Der unheimlich aussehende Fremde zögerte noch etwas, trat aber schließlich seinen Weg in die kalte Nacht an, der ihn zu einem geheimen Treffpunkt weit draußen vor der friedlich schlafenden Stadt führen sollte.

Ganz in der Nähe dieses sonderbaren nächtlichen Ereignisses standen zur gleichen Zeit, getarnt im Schatten eines steinernen Torbogens, zwei Männer, die jeden Schritt der mysteriösen Person mit Argusaugen verfolgten.

Plötzlich flüsterte eine Stimme: „Ist er das Meier?“

Die fragende Stimme aus dem Hintergrund kam von dem jungen katholischen Pfarrer Martin Rosenberg, der seinen privat angeheuerten, regungslos da stehenden Detektiven mit der frechen Schiebermütze auf dem Kopf skeptisch anschaute, jedoch im Moment keine Antwort von ihm erhielt.

Eine zeitlang blieb es seltsam still.

Martin Rosenberg war ein Mann der Kirche und gerade mal 36 Jahre alt. Eigentlich hätte er sich ja als Pfarrer um das Seelenheil seiner ihm anvertrauten Menschen in seiner Gemeinde kümmern sollen, doch genau das tat er in letzter Zeit immer seltener, weil er sich viel lieber mit Exorzismus, Besessenheit oder übernatürlichen Erscheinungen beschäftigte. Diese Dinge interessierten ihn im Augenblick mehr als alles andere.

An diesem Abend allerdings arbeitete der fromme Kirchenmann sozusagen auf eigene Faust und selbst der Bischof wusste nichts von seinem heimlichen Tun und Treiben in dieser frostigen Januarnacht. Was war geschehen? Dem jungen Pfarrer waren in letzter Zeit einige seltsame Vorfälle zu Ohren gekommen, die sich nicht nur schier unglaublich anhörten, sondern zudem ausgerechnet auch noch in seinem eigenen Sprengel ereignet haben sollen.

Es waren einige ängstlich gewordene Obdachlose gewesen, die dem Pfarrer Rosenberg immer häufiger von einer monströs aussehenden Person mit hässlich dunkelrot leuchtenden Augen berichteten, welche erst um Mitternacht aus einem unbewohnten, halb verfallenen Gebäude am Stadtrand huschte und zu Fuß bis zu einer vor der Stadt gelegenen Flussbrücke marschierte, dann hinüber auf die andere Seite ging und aufmerksam die umliegende Gegend beobachtete, um wenig später schließlich von einer Sekunde auf die andere plötzlich wieder zu verschwinden. Das ging schon eine ganze Weile so, wie einige ganz mutige Stadtstreicher zu berichten wussten, die dem Monster im Schutze der Nacht heimlich bis zur Brücke gefolgt waren.

Derart haarsträubende Geschichten veranlassten den Pfarrer Rosenberg letztendlich dazu, der ganzen Sache einmal näher auf den Grund zu gehen. Er wollte unbedingt heraus bekommen, ob an den seltsamen Erzählungen der armen Leute überhaupt etwas Wahres dran sei. Vielleicht wollten sich einige von ihnen ja nur wichtig tun oder neigten zur Aufschneiderei. Trotzdem beabsichtigte Rosenberg eigene Nachforschungen in dieser Angelegenheit anzustellen. Und so kam es, dass die Dinge langsam ihren Lauf nahmen.

***

Eigentlich waren sich Rosenberg und Meier vorher noch nie begegnet, obwohl sie schon lange in der gleichen Stadt wohnten.

Der in die Jahre gekommene Herbert Meier arbeitete hauptberuflich schon seit vielen Jahren als Detektiv und stammte ursprünglich aus Berlin. Seine Eltern waren bei einem schrecklichen Hausbrand ums Leben gekommen, doch die ermittelnden Polizeibeamten vermuteten Brandstiftung und hatten sogar eine Zeit lang den damals noch jungen Meier unter Verdacht, seine Eltern aus Habgier absichtlich umgebracht zu haben, um an das elterliche Vermögen heran zu kommen. Aus Mangel an Beweisen musste man ihn jedoch wieder laufen lassen. Meier verließ danach mit dem ererbten Geld seiner Eltern Berlin und tauchte plötzlich im Süden Deutschlands wieder auf, wo er sich in unmittelbarer Nähe Münchens in einer kleinen Stadt als Detektiv niederließ.

Seine unscheinbare Detektei befand sich zwar in unmittelbarer Nähe des großen Marktplatzes mitten im Stadtzentrum, lag aber etwas abseits in einer kleinen Seitengasse, was dazu führte, dass der geschäftige Alltagstrubel hier sozusagen mehr oder weniger an ihm vorbei ging. Trotzdem konnte er von seinem Einkommen relativ gut leben, denn in seiner Branche gab es immer was zu tun.

Eines Tages besuchte ihn in seinem kleinen Büro völlig überraschend Pfarrer Rosenberg und berichtete dem aufmerksam zuhörenden Detektiven Meier von seltsam anmutenden Geschichten, die sich die Leute so untereinander hinter vorgehaltener Hand erzählten. Irgendwas Unheimliches schien sich in seinem Sprengel abzuspielen. Diesem „Spuk“, wie sich Rosenberg auszudrücken pflegte, wollte er unbedingt auf den Grund gehen und genau das war auch der Anlass dafür gewesen, Rat und Tat bei einem Detektiven einzuholen.


Nachdem Rosenberg sein Anliegen vorgetragen hatte, zögerte Meier mit der Übernahme des neuen Auftrags nicht lange und sicherte dem Pfarrer verbindlich zu, ihm ab sofort bei seinen bevorstehenden Nachforschungen zu unterstützen. Nach Erledigung der schriftlichen Formalitäten traf man verschiedene Vorbereitungen, um die detektivische Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen zu können. Die beiden Männer wollten keine Zeit verlieren.

So kam es schließlich, dass sich Meier und Rosenberg in jener ungemütlich kalten Januarnacht des Jahres 1933 am besagten Ort der seltsamen Ereignisse gegenüber eines halb verfallenen, ehemaligen Lagergebäudes eingefunden und schon seit Stunden dort Posten bezogen hatten. Die Gebäuderuine selbst war von einem ziemlich weitläufigen, jedoch stark verwilderten Grundstück umgeben. Zudem lag es fast am Rande der Stadt, wo nicht so viele Leute wohnten.


***

 Draußen wurde es kälter. Der Pfarrer und der Detektiv standen immer noch wartend im dunklen Torbogen einer niedrigen Hofpassage und beobachteten aufmerksam den davon schleichenden Fremden.

Rosenberg wurde auf einmal ungehalten. Dann fragte er den Detektiven ein zweites Mal mit gedämpfter Stimme: „Ist er das Meier? Ja oder nein? – Nun sagen sie schon was!“

Der Detektiv hielt sich jetzt plötzlich ein kleines Nachtfernglas vor die Augen und sagte dann: „Ich schau’ gerade rüber. Einen kleinen Moment noch, Rosenberg!“

Nach einer Weile fuhr er bestätigend fort: „Ich habe diesen Kerl schon zwei Mal in dieser Woche ohne sie observiert. – Ja, er ist es! Ich erkenne ihn eindeutig wieder. Nicht zu übersehen ist seine ungewöhnlich große Statur, sein seltsam anmutender, mechanischer Gang und sein auffällig langer Mantel, der fast bis zum Boden herunter reicht. Seinen weiten Schlapphut trägt er eigentlich nur, um sein hässliches Gesicht zu verbergen.“

Die unbekannte Person, von der Meier redete, war jetzt unter einer schummrig leuchtenden Straßenlaterne angekommen, in deren trüben Lichtkegel sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. Erst jetzt konnte man erkennen, wie riesig der Fremde wirklich war. Seine Körperhöhe maß wohl über zwei Meter und der lange Mantel ließ ihn nur noch größer erscheinen. Für einen kleinen Moment drehte er sich um, blickte forschend hinunter in die leere Straße und setzte schließlich kurz darauf seinen Weg fort. Unter dem weiten Schlapphut blinzelten mehrmals seine zusammen gekniffenen Augen tiefrot wie kleine Feuerflämmchen hervor, die sich bösartig zuckend hin und her bewegten.

Wir müssen diesen verfluchten Bastard so schnell wie möglich unschädlich machen! Das ist unsere heilige Pflicht!“ sagte Rosenberg auf einmal zu Meier, der die ganze Zeit dicht vor ihm stand.

Sachte, sachte, Rosenberg! Ich weiß, sie möchten den Kerl am liebsten jetzt gleich hier auf der Stelle den Garaus machen. Aber damit hätten sie kein Glück. Schauen sie sich doch mal um! Eine laute Schießerei würde auf jeden Fall nur eine Menge Leute aus dem Schlaf reißen. Früher oder später träte die Polizei auf den Plan. Damit wäre unsere Mission zum Scheitern verurteilt, noch bevor sie richtig begonnen hätte. Lassen sie also ihre Pistole stecken!“ antwortete Meier dem sichtlich nervös gewordenen Pfarrer, der sich in seinen Ansichten bestätigt sah, dass Teufel und Dämonen keine Produkte der menschlichen Phantasie waren, sondern real existierten.

Doch nicht auf offener Straße und schon gar nicht hier, Meier. Das waren auch nicht meine Überlegungen. Ich dachte ehr weiter draußen…, bei der alten Stahlbrücke. Denn genau in diese Richtung geht er nämlich. Und nur dort bietet sich für uns meiner Meinung nach die günstigste Gelegenheit, ihn ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Niemand wird etwas mitbekommen. Die Gegend um die Flussbrücke herum liegt sowieso hinter einem bewaldeten Hügel. Ich weiß, dass keine Menschenseele da draußen wohnt. Wir sollten daher unsere Chance nutzen! Das könnte wohlmöglich die letzte sein. Sie wissen doch selbst, um was es geht. Ersparen sie mir weitere Erklärungen, Meier. Und wenn alles geklappt hat, werfen wir dieses Ungeheuer einfach in den Fluss. Die schnelle Strömung und die Fische werden für uns den Rest besorgen.“

Hoffentlich haben sie damit Recht, Rosenberg! Wir spielen auf jeden Fall ein gefährliches Spiel. Ehrlich gesagt, ist mir nicht ganz wohl dabei. So wie es aussieht, wird es nicht leicht sein, das Monster da vor uns zu töten. Haben sie sich denn schon mal Gedanken darüber gemacht, dass es den Spieß möglicherweise umdrehen könnte? Vielleicht verfügt es über Kräfte, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Was dann, mein Guter? Und was ist, wenn unsere Schusswaffen keine Wirkung zeigen? – Ach ja! Haben sie denn schon mal auf jemanden geschossen, Rosenberg? – Sie sind doch Pfarrer!“

Plötzlich legte Rosenberg den rechten Zeigefinger auf seine schmalen Lippen und sagte mit gepresster Stimme zu Meier: „Still jetzt! Hören sie auf zu reden! Fangen sie bloß nicht an zu diskutieren! Dazu haben wir jetzt keine Zeit! Wir sollten uns lieber wieder auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren und tun, was getan werden muss.“

Dann schwiegen die beiden Männer wie auf Kommando. Die klaren Worte des Pfarrers hatten ihre Wirkung auf den Detektiven offensichtlich nicht verfehlt.

Während des kurzen Gesprächs hatten sie vorübergehend den unheimlichen Fremden aus den Augen verloren, der jetzt auf einmal die Straße überquerte. Wie Rosenberg richtig vermutet hatte, schlug die Gestalt genau den Weg zur Flussbrücke ein. Dann, nur wenige Augenblicke später, wurde sie von der Dunkelheit der Nacht verschluckt, weil es hier draußen am Ende des Stadtrandes keine Straßenbeleuchtung mehr gab.

Rosenberg ärgerte sich darüber, dass er mit dem Detektiven viel zu lange geredet hatte. Schließlich sagte er mit leicht hektischer Stimme: „Meier, wir verlieren ihn aus den Augen. Los, hinter ihm her! Versuchen sie so gut wie möglich im Schatten der Häuser zu bleiben! Also vorwärts! Worauf warten sie noch?“

Der Detektiv gab sich plötzlich einen Ruck und schlich wie eine geschmeidige Katze davon, immer dicht an den grauen Hauswänden entlang. Rosenberg hatte Mühe ihm zu folgen. Als die beiden Männer endlich am Ende der gepflasterten Straße angekommen waren, die jetzt in einen breiten, verfestigten Schotterweg überging, empfing sie von einer Sekunde auf die andere eine Dunkelheit, die schwärzer nicht sein konnte. Um nicht zu stolpern schlichen sie vorsichtig hinter einen am Wegrand stehenden Baum, der seitlich von einigen dichten Büschen flankiert wurde und warteten ab, bis sich ihre Augen an den lichtlosen Zustand gewöhnt hatten. Erst dann hielten sie Ausschau nach dem Fremden, den sie direkt vor sich vermuteten. Das Glück war auf ihrer Seite. Die dahin ziehenden Wolkenfetzen am winterlichen Nachthimmel gaben den Mond für einige Augenblicke frei, der jetzt plötzlich mit seinem fahlen Licht die weite Winterlandschaft matt ausleuchtete. Und da! Keine zwanzig Meter vor den beiden Männern entdeckten sei einen dunklen Schatten, der sich offenbar zielstrebig auf eine in der Ferne abzeichnende Flussbrücke zu bewegte.

Meier und Rosenberg trauten sich wegen der geringen Entfernung zum Unbekannten im Augenblick nicht aus ihrer Deckung. Sie blieben deshalb eine Weile fast regungslos hinter dem dicken Straßenbaum stehen und gaben nicht den leisesten Mucks von sich. Der unheimliche Fremde durfte ihre Anwesenheit auf gar keinen Fall bemerken.

Der Pfarrer zupfte den Detektiven jetzt vorsichtig am Ärmel. Dann sagte er zu ihm: „Also Meier, hören sie zu! Ich komme jetzt noch mal kurz auf meinen Plan zurück. – Wir warten ab, bis dieser Bastard die Brücke erreicht hat. Rechts befindet sich etwa zwei Meter unterhalb der Fahrbandecke ein kleiner Reparatursteg, der ebenfalls auf die andere Seite des Flussufers hinüber führt. Ich habe die Brücke auf einigen meiner Spaziergänge genau ausgekundschaftet. Der Steg kann über eine Eisentreppe erreicht werden, die sich in einem Betonschacht befindet. Wenn wir schnell genug sind, werden wir noch vor der Bestie die andere Seite des Ufers erreicht haben und schlagen uns dort in das dichte Unterholz. Wir warten ab, bis sich diese widerwärtige Kreatur direkt vor uns befindet. Dann feuern wir aus nächster Nähe mit unseren 9mm-Pistolen aus unserem Versteck auf sie, bis sie sich nicht mehr rührt. Sollte der Angriff aus irgend einem Grunde schief gehen, bleibt uns immer noch die Flucht runter zum Wasser, wo sich ein kleines Anglerboot befindet. Der Fluss ist Gott sei Dank nicht zugefroren. Wir lassen uns von der Strömung abtreiben und gehen erst wieder weiter unten ans Ufer, wo wir in Sicherheit sind.“

Der Detektiv nickte mit dem Kopf. Eigentlich kannte er den Plan des Pfarrers schon, aber er wollte Rosenberg aus ganz bestimmten Gründen nicht unterbrechen. Schließlich gingen sie mit der nötigen Vorsicht schleichend weiter.

***

Die wuchtige Stahlbrücke war sehr breit. Anscheinend sollte sie auch für spätere militärische Zwecke dienen. An ihren beiden Enden befanden sich nämlich zwei hölzerne Wachhäuschen über denen jeweils eine elektrische Lampe angebracht war. Seltsamerweise brannte das Licht und leuchtete die umliegende Gegend an den beiden Brückenenden hell aus.

Meier und Rosenberg erreichten fast gleichzeitig den schmalen Reparatursteg der Brücke. Sofort kletterten sie in den Betonschacht und stiegen die Eisentreppe hinunter bis zum Steg. Sie verhielten sich dabei äußerst leise, denn sie wussten, dass sich der unheimliche Fremde direkt über ihnen auf der Brücke befand. Drüben angekommen, schlugen sich die beiden Männer sofort ins dichte Unterholz, zogen ihre 9mm-Pistolen, luden sie durch und warteten geduldig auf die unheimliche Gestalt, die jeden Moment in Erscheinung treten müsste.

Doch so lange sie auch warteten, es regte sich nichts. Hatte der unheimliche Fremde wohlmöglich etwas bemerkt?

Rosenberg wurde langsam nervös. Seine Ungeduld wuchs von Minute zu Minute. Er schaute den Detektiven enttäuscht an und sagte schließlich: „Dieser Bastard müsste doch eigentlich schon längst zu sehen sein, Meier! Lange warte ich nicht mehr! Ich denke mal, wir sollten ihm einfach entgegen gehen, um ihn direkt anzugreifen, bevor er uns noch entkommt. Der Überraschungseffekt wäre jedenfalls auf unserer Seite.“

Vielleicht hat er uns bemerkt und ist auf der Brücke einfach stehen geblieben.“ antwortete der Detektiv. Eine bessere Erklärung fiel ihm momentan auch nicht ein.

Soll das ein Witz sein, Meier? Ich halte es hier nicht mehr länger aus. Meine Hände frieren mir ab! Wenn das Biest nicht bald kommt müssen wir nachsehen, wo es geblieben ist. – Verdammt noch mal! Wir können es nicht entkommen lassen!“

Rosenberg,“ antwortete der Detektiv mit ziemlich harscher Stimme, „machen Sie jetzt im letzten Moment bloß keine Fehler! Haben sie noch etwas Geduld und verhalten sie sich endlich ruhig! Wenn es soweit ist, wird mir schon das Richtige einfallen.“

Plötzlich tat sich doch noch etwas. Aber ganz woanders. Das Geräusch eines laufenden Motors war aus der Ferne zu hören. Hinter ihnen kam ein Auto auf dem breiten Schotterweg langsam auf sie zu, dessen beide Scheinwerfer sich zitternd durch die Dunkelheit tasteten.

Der Pfarrer schreckte auf. Er versuchte mit aller Gewalt ruhig zu bleiben. Die Situation wurde zunehmend unübersichtlicher und schien Rosenberg zu überfordern.

Meier, da kommt ein Fahrzeug auf uns zu. Verstehen sie, was das soll? Was machen wir jetzt?“

Der Detektiv zögerte mit der Antwort. Schließlich sagte er: „Offensichtlich will sich unser Freund hier mit jemanden treffen. Das kann doch alles kein Zufall sein. Merken sie das denn nicht, Rosenberg? Ich bin gespannt, was wir gleich zu sehen bekommen. – Und verhalten sie sich bitte weiterhin absolut ruhig! Sie gefährden sonst den Fortgang unserer Mission!“

Der Pfarrer wollte noch etwas sagen, ließ aber resignierend davon ab und schaute abwechseln mal zur Brücke und dann wieder hinüber zu dem sich nähernden Fahrzeug.

Das Automobil rauschte heran. Das Motorengeräusch wurde immer lauter. Dann hielt plötzlich mit quietschenden Bremsen ein Mercedes Benz Typ Stuttgart 260 auf dem leicht vereisten Schotterweg direkt neben dem Wachhäuschen an. Das Licht der elektrischen Beleuchtung flackerte etwas und tauchte die ganze Situation in eine gespenstische Atmosphäre. Dann wurde der Motor abgestellt und eine Handbremse angezogen. Sekunden verstrichen, ohne das sich überhaupt etwas tat. Nach einer Weile ging plötzlich die Fahrertür auf und ein zackiger, hoch gewachsener SS-Offizier mit einer entsicherten MP in der rechten Hand verließ den Wagen. Mit schnellen Schritten ging er vorne um den Mercedeswagen herum, öffnete die breite Beifahrertür und ließ zwei weitere Personen in schwarzglänzenden Ledermänteln nacheinander aussteigen. Die beiden Personen setzten sich ihre schnittigen Offiziersmützen auf und schritten zügig zum Wachhäuschen hinüber, wo sie sich direkt in das helle Licht stellten. Am Ärmel ihres linken Oberarmes trugen sie deutlich sichtbare Hakenkreuzbinden, die gut zu erkennen waren.

Rosenberg kniff ungläubig die Augen zusammen, als er die unwirkliche Szene aus seinem seitlichen Versteck heraus beobachtete. Im gleichen Moment wäre ihm fast vor lauter Schrecken die Kinnlade herunter gefallen. Er konnte im ersten Moment nicht fassen, wen er da vor sich sah. Ungefähr zwanzig Meter vor ihnen standen der Führer Adolf Hitler und sein Begleiter, der korpulente Hermann Göring in voller Lebensgröße direkt am Wachhäuschen der Brücke und schienen auf jemanden zu warten.

Rosenberg war völlig durcheinander. Er verstand die Welt nicht mehr und fragte sich, was sich hier abspielte. Dann schaute er zu Meier hinüber, der ebenfalls aus dem Staunen nicht heraus kam.

Ich kann es einfach nicht fassen! Können sie mir erklären, was Hitler und Göring hier an diesem abgelegenen Ort mitten in der Nacht zu suchen haben?“ fragte er so leise wie es ging den Detektiven, der darauf hin den Kopf schüttelte.

Dafür gab Meier Rosenberg vorsichtig ein warnendes Handzeichen und deutete mit dem rechten Zeigefinger zur Brücke hinüber. Der unheimliche Fremde war plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht und ging direkt auf Hitler und Göring zu. Der ganz in der Nähe stehende SS-Offizier riss ruckartig die schussbereite MP hoch, ließ sie aber auf ein Fingerzeig Hitlers sofort wieder sinken. Offenbar wusste Hitler genau, mit wem er es zu tun hatte.

Mittlerweile stand das Monster vor Hitler und Göring, nahm seinen weiten Schlapphut ab und hob die rechte Hand zum Deutschen Gruß, wobei seine rot funkelnden Augen deutlich zu sehen waren. Der Führer und sein Begleiter Göring taten es ihm nach.

Hitler ergriff zuerst das Wort.

Heil, Dämonion, mein Gebieter! Ich bin zutiefst darüber erfreut, dich zu sehen! Du bist das Wesen aller Wesen und nur dir allein steht die Macht zu in die göttliche Ordnung einzugreifen. Ausgewählt hast du uns aus dem Geschlecht der Menschen in dieser Zeit, um an deinen weltverändernden Plänen mitwirken zu dürfen. Durch deine Schule sind wir gegangen und unser Geist ist heran gewachsen zu übermenschlicher Größe. Deine Zeit ist gekommen! Dein Weg von der Loslösung aus der Materie hat lange gedauert. Wir haben aber auf dich gewartet, schlafend in Raum und Zeit, bist du uns erlöst hast. Jetzt bist du endlich da und kannst deiner Rache freien Lauf lassen. Die Schöpfung wird erzittern! Die Weltgelüste nehmen den Menschen immer mehr gefangen. Das Reich der Lüge ist bestellt, und die Tore des Todes sind weit geöffnet. Lasst uns nun bald die Seelen ernten, die man uns versprochen hat!“

Das Monster machte einen weiteren Schritt auf Hitler zu und legte seine eidechsenartige Klaue auf seine linke Schulter.

Du bist mir lieb und teuer! Ich schätze deine Dienste sehr, Dämon Adolf Hitler. Ebenso die deines Begleiters Hermann Göring und all jenen Mitgliedern deiner Partei, der NSDAP, die sich meiner Sache in Treue und Hingabe dienlich zeigen. Sie werden belohnt werden! Ich bin gekommen, um euch mit gewaltiger Macht auszustatten, damit bald eine neue Zeit des Bösen anbrechen kann. Mein stählerner Traum wird mir unzählige Seelen bescheren und mein Reich wird durch diese Opfer gewaltig an Größe zunehmen. Böses wird sich auf der Erde in den Köpfen der Menschen verbreiten, weil sie sich blindlings auf fremde Autoritäten verlassen. Das Augenlicht der Vernunft wird zersetzt. Blinde Aggression wird deshalb in sie fahren, weil sie nur glauben und nicht selber denken wollen. Der Durst nach dem Blut ihrer Artgenossen wird deshalb unermesslich sein. Der Hass ist ihre Triebfeder!“

Die Kreatur namens Dämonion blickte plötzlich hinüber in das dichte Unterholz, wo sich Rosenberg und Meier versteckt hielten. Dann stieß sie einen schrillen Schrei aus und sprach mit heller, hasserfüllter Stimme weiter.

Aber wie wir alle wissen, kann unser Plan nur gelingen, wenn auch ganz bestimmte Opfer dargebracht werden. Deshalb hat ein anderer Dämon einen Pfarrer mitgebracht, den wir noch heute Nacht hier an Ort und Stelle töten werden!“

Dann deutete er mit dem Zeigefinger seiner rechten Pranke auf eine ganz bestimmte Stelle des in der Dunkelheit liegenden Waldes, rief nach seinem Dämon und dass er den Mann der Kirche gleich mitbringen solle.

Im dichten Unterholz hörte man auf einmal jemanden in Todesangst schreien. Dann folgten mehrere dumpfe Schläge, als schlüge irgendwer mit einem Knüppel auf einen nassen Sack. Kurze Zeit später schleppte der Detektiv Meier den bewusstlosen Pfarrer Rosenberg aus dem Gewirr der Bäume hinauf zur Brücke, wo sein Herr und Meister, Dämonion, auf ihn wartete. Als er bei ihm angekommen war, warf er den Pfarrer grinsend auf den gefrorenen Boden direkt vor die Füße des Monsters.

Dämonion wandte sich an Hitler, Göring und den anwesenden SS-Offizier. Seine Stimme klang merkwürdig erregt als er sagte: „Meine Herrschaften, ich darf ihnen meinen ergebensten Diener Herbert Meier vorstellen. Er arbeitet schon sehr lange für mich und ist sehr erfolgreich im Beschaffen von Opfern aller Art. Als junger Mann verbrannte er seine Eltern als Beweis seiner Loyalität mir gegenüber. Es war faszinierend für uns, sie qualvoll in den Flammen sterben zu sehen.

Diesmal hat er uns einen ahnungslosen katholischen Pfarrer mitgebracht, der es partout nicht lassen konnte, uns nachzustellen. Das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Ich erwarte von ihnen, meine Herren, dass sie alle an dem nun folgenden Tötungsritual teilnehmen, wenn ich dem Pfarrer bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust reiße. Holen sie Rosenberg nun aus seiner Ohnmacht zurück und halten sie ihn an den Armen fest! Wenn das Ritual vollzogen ist, werfen sie seinen Kadaver einfach über das Brückengeländer hinunter in den Fluss. Wie sagte er nochmal? Ach ja, die schnelle Strömung und die Fische werden für uns den Rest besorgen.“

Kurz nach diesen Worten des Dämonion hallte ein schrecklicher Todesschrei durch die dunkle, eiskalte Januarnacht, dann war der katholische Pfarrer Martin Rosenberg tot. Das elektrische Licht über den beiden Wachhäuschen ging schlagartig aus. Dunkelheit und Stille kehrten ein, wie sie unheimlicher nicht sein konnten. Dann war Dämonion, das Wesen aus der Hölle, wieder verschwunden, als wäre es vom Erdboden verschluckt worden. Der Detektiv Herbert Meier ging an diesem Abend noch einmal in die Stadt zurück, ward aber seitdem nie wieder gesehen.

Nachdem Hitler, Göring und der SS-Mann den toten Körper des Pfarrers in den Fluss geworfen hatten, stiegen sie mit Blut verschmierter Uniform in den Wagen und fuhren noch in der gleichen Nacht nach Berlin.

Das Unheil nahm seinen Lauf.

Des Bösen stählerner Traum wurde immer mehr zur düsteren Wirklichkeit in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt. 


 

Ende


©Heinz-Walter Hoetter


 


Was geschah alles 1933?


30.1.1933: Reichspräsident Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler.

5.3.1933: Reichstagswahlen: Die Nationalsozialisten erhalten 43,9 % der Stimmen. Zusammen mit ihrem Koalitionspartner DNVP haben sie eine knappe absolute Mehrheit (52 %). Der Vertrauensbeweis Hindenburgs für Hitler hatte bei den Wählern tiefe Spuren hinterlassen.

2.5.1933: Zerschlagung der Gewerkschaften

22.6.1933: Betätigungsverbot für die SPD

26.6.1933: Gesetz zur Einziehung kommunistischen Vermögens (zu diesem Zeitpunkt praktisch schon vollzogen!). Die DNVP, die der NSDAP zu einer regierungsfähigen Mehrheit verholfen hatte, löste sich am 27.6.1933 auf (offiziell "Freundschaftsabkommen" mit der NSDAP)

28./29.6.1933: Selbstauflösung von Staatspartei (=DDP) und DVP.

5.7.1933: Selbstauflösung des Zentrums.


***


Mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14.7.1933 wurde die NSDAP zur einzigen zugelassenen Partei in Deutschland.

 

Am 1.12.1933 definierte das Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat die NSDAP als "Trägerin des deutschen Staatsgedankens und mit dem Staate unlösbar verbunden".

 

14.7.1933:"Gesetz gegen die Neubildung von Parteien". Die NSDAP ist nun die einzige Partei (Alleinherrschaft)

 

28.2.1933:Aus Anlass der Brandstiftung im Reichstagsgebäude durch einen Einzeltäter (die NSDAP spricht von einem kommunistischen Komplott!) werden mit einer Verordnung des Reichspräsidenten und mit Zustimmung der monarchistischen Regierungsmitglieder alle aufhebbaren Grundrechte der Weimarer Verfassung "bis auf weiteres außer Kraft gesetzt" (Gesetz "zum Schutz von Volk und Staat"). Der preußische Innenminister Göring (NSDAP) lässt kommunistische Abgeordnete verhaften.

 

23.3.1933:Der neue Reichstag stimmt mit der erforderlichen die Verfassung ändernde Mehrheit dem "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" (Ermächtigungsgesetz) zu; die SPD stimmte gegen das Gesetz; die Mandate der Kommunisten waren nachträglich aufgehoben worden. - Die Weimarer Verfassung bestand immer noch, sie wahr nur stark ausgehöhlt; der Reichstag wird formell nicht aufgelöst

 

Mit dem Ermächtigungsgesetz hatte die Legislative (Parlament) der Exekutive (Regierung) für 4 Jahre die Befugnis erteilt, Gesetze zu erlassen. Das Prinzip der Gewaltenteilung war aufgehoben. Auch der Reichspräsident war entmachtet. Das Ermächtigungsgesetz etablierte die nationalsozialistische Diktatur und öffnete den Weg zur Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. 1937 wurde das Ermächtigungsgesetz auf weitere vier Jahre, 1943 auf unbestimmte Zeit verlängert.


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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