Wolfgang Küssner

Plaste und Elaste

Klaus und Dieter waren typische Kinder des Arbeiter- und Bauern-Staates. Nur wenige Jahre nach Gründung der Republik geboren, wuchsen sie behütet in der Kinderkrippe auf; wurden von einer Poliklinik medizinisch betreut; gehoerten den Jungen Pionieren an; trugen gemeinsam das Blauhemd der FDJ und nannten sich folglich Jugendfreund. Sie hatten an Spartakiaden teilgenommen; wären fast zur Messe der Meister von Morgen delegiert worden; leisteten ihren Dienst bei VEB Gleichschritt ab. Und da sie Kinder aus der Arbeiterklasse waren, standen ihnen aufgrund der bisherigen Vita Studienplätze sofort zur Verfügung.

Jahre später trugen beide ein Bonbon am Revers. Dieter hatte es zum Abschnittsbevollmächtigten bei der VoPo gebracht. In enger Zusammenarbeit mit der Firma hatte er ein Kollektiv freiwilliger Helfer der Volkspolizei gebildet und seinen Abschnitt bestens im Griff, unter Kontrolle. In keinem anderen Bezirk gab es so viele vorbildliche Gemeinschaften mit Goldener Hausnummer. Dieter war stolz darauf und die Firma war stolz auf ihn.

Dieter hatte nach der frühen Heirat sofort von der Kommunalen Wohnungs-Verwaltung (KWV) eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Altneubau bekommen. Den Ehekredit bekam er natürlich auch und der Nachwuchs zum Abkindern war schnell unterwegs. Ein zweites und ein drittes Kind sollten folgen. Der Ehekredit war somit getilgt. Der Erstgeborene brachte später von der Schule als Belobigung viele Bienchen mit nach Hause. Dieters Frau arbeitete tagsüber in der Poliklinik, gab zusätzlich Stunden in Popgymnastik und arbeitete an Wochenenden als Schallplattenunterhalterin.

Die Miete im Plattenbau war günstig, die Nebenkosten gering. Dennoch ging sie nicht in die Exquisit- oder Delikat-Läden zum Einkauf. Sie tätigte sämtliche Besorgungen im Konsument und als Frau eines Abschnittsbevollmächtigten dachte sie nicht einmal im Traum daran, nach Bückware zu fragen.

Von seinen Eltern hatte Dieter eine kleine Datsche übernommen. Vater und Mutter arbeiteten viele Jahre – auch als Neuerer - in einer Brigade. Vater war sogar als Held der Arbeit ausgezeichnet worden. Jetzt lebten sie als verdiente Arbeiterveteranen in einem Feierabendheim. Dieter konnte nach knapp 16 Jahren Wartezeit endlich einen Trabi sein Eigen nennen. Mit dieser Gehhilfe bzw. Rennpappe besuchte er häufig gemeinsam mit Frau und Kindern die Großeltern am Rande der Stadt.

Bei diesen Gelegenheiten demonstrierten die Kinder gern in Niki und Nietenhose gekleidet ihre neuesten Fähigkeiten in Sachen akrobatischem Volkstanz. Kamen ein paar andere Kinder hinzu, wurde auch schnell Stuhltanz gespielt. Dieter und seine Frau träumten manchmal von einer Fahrt mit einem Urlauberschiff; gern würden sie sich einmal im Brettsegeln versuchen.

Dann ist da Klaus, der alte Jugendfreund. Die Zeit des Studiums verbrachte er im Tal der Ahnungslosen, ohne West-Fernsehen. Mit Bonbon am Revers, war er als Hundertfünfzigprozentiger somit zusätzlich für einen Dienst in der Hauptstadt der DDR qualifiziert. Es war die Aufgabe des Genossen, Diversanten aufzuspüren. Die Partei zeigte sich mit Jahresendprämien erkenntlich. Klaus wurde zum Reisekader ausgebildet; mit dem Klassenfeind in Nichtsozialistischen Wirtschaftgebieten (NSW) sollte er zum Nutzen des Arbeiter- und Bauernstaates verhandeln, kooperieren. Für Privatleben war wenig Zeit; Klaus hatte sich voll und ganz der Partei und dem Aufbau des Sozialismus in der DDR verschrieben.

Doch von Zeit zu Zeit trafen sich die einstigen Jugendfreunde und jetzigen Genossen zu einem gemeinsamen Abend. Mal saß man vor einem Goldbroiler oder vor Griletta; mal vor einer Krusta oder Ketwurst, mal vor Soljanka oder Kochkloepsen zusammen; trank ein Wernesgrüner Bier oder Radeberger Pils dazu. Diesmal hatte man sich im feinen Gastmahl des Meeres verabredet und vom Dispatcher einen bevorzugten, sonst immer prophylaktisch reservierten, Tisch zugewiesen bekommen.

Budweiser Bier war zu haben. Beide nickten zustimmend. Als Vorspeise fiel die Entscheidung zu Gunsten einer Fischsoljanka aus und als Hauptgericht gab es Seelachsfilet in Senfsauce mit Sättigungsbeilage. Klaus und Dieter waren schnell im Gespräch vertieft. Der Kader erzählte von seinen Reiseeindrücken nach Westdeutschland. Von der Werbung zum Beispiel. Da hieße es „Persil – da weiß man, was man hat“. Vorgetragen würde es ganz serioes, wie von einem Nachrichtensprecher. Dann gäbe es eine Tilly, die den Zuschauern wissen läßt: „Sie baden gerade Ihre Hände darin!“ Und überall die Werbung für diese Limonade der Imperialisten: „Besser geht´s mit Coca Cola.“ Ausserdem wolle man den Arbeitern einreden: „Im Asbach Uralt ist der Geist des Weines.“ Und eine Werbung für Rasierklingen käme mit dem fantasievollen Spruch daher: „Für das Beste im Mann.“ Mit aller Raffinesse würde der Kapitalismus sämtliche Register der Volks-Verführung ziehen, um den westdeutschen Klassenbrüdern das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Dieter konnte seine Sicht der Dinge ergänzen, daß das beim Aufbau des Sozialismus grundsätzlich anders aussehen würde. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.“ Ja, sicher, auch in der DDR gebe es noch Werbung. Doch dabei handele es sich um ganz andere Inhalte, da ginge es nicht um Profit. „AKA electric – in jedem Haus zuhause!“ „Apfelmuß schmeckt immer gut!“ „Ei – rund und gesund!“ „Zweimal in der Woche Fisch bereichert jeden Mittagstisch.“ Das seien klare Orientierungen für die Werktätigen. Und außerdem dürfe man auf die Leistungen unseres Arbeiter- und Bauernstaates, seiner vielen Kollektive auch stolz sein. Das drücke sich in Slogans wie „Wartburg: Formschoen und zuverlässig!“ oder in „Plaste und Elaste aus Schkopau.“ aus. In Schkopau wurde 1936 weltweit erstmals Synthesekautschuk hergestellt. Aber das wäre nun eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden koennte.

Klaus und Dieter hatten das dritte Bier fast ausgetrunken, als der Dispatcher erneut an ihren Tisch kam und Ihnen die Rechnung  präsentierte. Es entwickelte sich folgende Dialog. Das muß ein Versehen sein, wir wollten noch nicht zahlen. Im Fernsehen hat der Genosse Schabowski eben verkündet, die neuen Regelungen für Reisen ins westliche Ausland gelten ab sofort, unverzüglich. Die geflügelten Jahresendfiguren sind Geschichte. Ich geh dann mal.  -   Nun, diese Kurzgeschichte hier sollte eigentlich nur von der Sprachkreativität beim Aufbau eines neuen, eines anderen Gesellschaftssystems berichten. Ploetzlich geht der Dispatcher einfach von Bord.

Juli 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Heilerin: Das Licht von Paul Riedel



Heilkunde ist eine menschliche Bestrebung seit es Menschen gibt. Das Unbekannte in den Menschen in eine Mischung aus Interessenskonflikten und Idealen, wo die eigene Begabung, nicht mehr relevant ist.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Mal wieder ohne von Wolfgang Küssner (Wie das Leben so spielt)
Zähne von Norbert Wittke (Satire)
Für eine gute Freundin von David Polster (Freundschaft)