Heinz-Walter Hoetter

Die Fliege

Vorsicht! Tu keiner Fliege was zuleide!

***

Mr. Adolf Goldmann, der in die Jahre gekommene Handelsvertreter, lag nur mit einer dünnen Sommerhose bekleidet entspannt auf der weichen Couch seines Hotelzimmers und blickte mit müden Augen der Fliege nach, die schon seit einer Weile in dem kleinen Raum herum summte. Manchmal flog sie frech über seinen Kopf hinweg oder setzte sich ganz in seiner Nähe mutig auf die tapezierte Wand und krabbelte munter auf ihr herum. Richtige Angst vor Mr. Goldmann schien sie nicht zu kennen.

Ehrlich gesagt störte sie ihn nicht wirklich, aber lästig war sie irgendwie schon.

Mr. Goldmann sah missmutig auf die Uhr. Er konnte einfach nicht einschlafen obwohl es schon kurz nach Mitternacht war.

Vielleicht mag es an dem starken Kaffee liegen, den ich unten an der Bar getrunken habe und der mich jetzt wach hält, dachte der alte Handelsvertreter so für sich, sinnierte noch ein Weilchen weiter, gab sich schließlich einen inneren Ruck und stand auf.

Er tapste schläfrig hinüber zum Sessel, der auf der anderen Seite des kleinen Rauchtisches gegenüber der Couch stand, griff nach der restlichen Bekleidung, wie Oberhemd, Jacke und Strümpfe, und zog sich an.

Gerade wollte er sich die rechte Socke überziehen, da entdeckte er die Fliege wieder, die sich völlig unbekümmert auf dem Tischchen vor ihm niedergelassen hatte. Das kleine Tierchen saß neben dem Glas mit Wasser, das er sich gleich nach dem Betreten des Zimmers aus einer vollen Karaffe eingeschenkt hatte.

Ein großer Tropfen war beim Einschenken auf die getönte Glasplatte gefallen und die Fliege tauchte nun begierig ihren Rüssel ins Wasser hinein, um zu trinken.

Das ist eine gute Gelegenheit ihr den Garaus zu machen, dachte sich Mr. Goldmann und griff instinktiv nach der zusammengefalteten Zeitung, die direkt hinter ihm in unmittelbarer Reichweite auf einem breiten Wandregal lag. Vorsichtig nahm er sie in die rechte Hand, drehte sich behutsam wieder herum und schlug noch aus der Drehung heraus damit blitzschnell auf die Fliege ein.

Klatsch!

Für einen kurzen Moment herrschte Ruhe im Raum, dann triumphierte Mr. Goldmann.

„Aha, hab’ ich dich also erwischt, du kleines Mistvieh“, sagte der alte Handelsvertreter mit gurgelnder Stimme siegesgewiss, hob die Zeitung etwas nach oben und schaute neugierig darunter.

Und tatsächlich.

Neben dem verschütteten Wassertropfen, der ihm entgegen schimmerte, lag die Fliege mit gebrochenen Flügeln hilflos auf dem Rücken und rührte sich nicht mehr. Nur ihre kleinen Beinchen zuckten noch hin und her, als suchten sie nach einem festen, rettenden Untergrund.

Mr. Goldmann runzelte die Stirn. Dann beugte er sich nach vorne über die getönte Glasplatte des Tisches.

„Tja, so schnell kann es gehen, mein kleiner Freund. Eben noch quicklebendig und gleich darauf in Agonie“, grinste er zynisch, holte noch ein zweites Mal mit der Zeitung aus und gab der zappelnden Fliege den Rest. Den zerquetschen Fliegenkörper trug er rüber ins Badezimmer und spülte ihn in der Toilette achtlos runter.

Danach verließ Mr. Goldmann das Hotelzimmer, um einen kleinen Nachtspaziergang zu machen. Er hoffte, vielleicht danach besser schlafen zu können.

***

Die Nacht war klar. Ein bleicher Vollmond stand am Himmel und schickte gerade sein gespenstisches Licht auf die Erde, als der alte Handelsvertreter nach draußen durch die gläserne Drehtür des Hotels auf die einsam da liegende Straße trat. Schon nach wenigen Schritten spürte er, dass sich die Welt um ihn herum auf seltsame Art und Weise verändert hatte. Sie war einfach irgendwie anders geworden. Er spürte das genau. Irgendwas stimmte mit ihr offensichtlich nicht. Die gesamte Umgebung wirkte auf Mr. Goldmann wie eine künstliche Bühnendekoration, deren Erbauer allerdings für ein hohes Maß an Detail- und Wirklichkeitstreue gesorgt hatten.

Unsicher blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um.

„Ach was. Mach dich nicht selbst verrückt, Goldmann. Du denkst dir doch bloß wieder nur einen haarsträubenden Unsinn aus. Deine Fantasie geht mit dir durch“, murmelte er mit leiser Stimme in sich hinein und wollte sich offenbar damit selber Mut machen.

Kaum hatte er den letzten Gedanken zu Ende gedacht, als er im gleichen Augenblick vor Schreck wie zu einer Salzsäule erstarrte. Im ersten Moment wähnte sich Mr. Goldmann in einem bösen Albtraum. Er konnte nicht glauben, was er sah.

Keine zwanzig Meter vor ihm auf dem weitläufigen Parkplatz des Hotels stand eine Insekten ähnliche Gestalt im schwarzen Kaftan mitten in einem großen Kreis aus riesigen Steinquadern. Eine eigenartige Stille umgab sie. Etwa drei Dutzend mannshohe Fliegenwesen mit leise surrenden Flügeln standen schweigend und erwartungsvoll im gebührenden Abstand um diesen furchterregenden Insektenschamanen herum. Ein leises, geheimnisvoll anmutendes Wispern ging von ihnen aus. Es lag eine seltsame Anspannung in der Luft, die man fast mit Händen greifen konnte. Ein Feuer brannte knisternd und beleuchtete die unheimliche Szene mit flackerndem Licht.

Die Gestalt begann plötzlich unverständliche Beschwörungsformeln aufzusagen, steigerte die Intensität noch bis ins Unerträgliche, um schließlich abrupt mit weit geöffnetem Mund innezuhalten. Wie auf ein unhörbares Kommando hin drehte sich der Insektenschamane langsam zu Mr. Goldmann herum und blickte den alten Handelsvertreter aus glutroten Facettenaugen böse an.

Dann geschah etwas Unheimliches, ja geradezu Furchterregendes.

Aus dem weit geöffneten Mund der Insektengestalt kroch auf einmal laut summend eine pechschwarze, hässlich aussehende Fliege, die sofort auf Mr. Goldmann zuflog und sich direkt vor ihm niederließ.

Eine Weile passierte nichts, doch dann wuchs das schwarze Insekt schubartig und unaufhaltsam zu einer monströsen Riesenfliege heran, die bald den alten Mr. Goldmann um mehr als das Zwanzigfache seiner Größe übertraf. Der alte Handelsvertreter wurde jetzt leichenblass im Gesicht, wankte taumelnd nach hinten und stürzte mit einem lauten Aufschrei rücklings auf das harte Steinpflaster, wo er benommen liegen blieb. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er voller Entsetzen das albtraumhafte Fliegenmonster an, das mit seinem gewaltigen Saugrüssel nach ihm suchte.

Mr. Goldmann riss noch instinktiv seine Arme schützend nach oben, als das gigantische Fliegeninsekt eines seiner hässlich beharrten Beine anhob und es mit einer einzigen schnellen Bewegung auf den wehrlos zuckenden Körper des alten Mannes niedersausen ließ. Ein schrecklicher Todesschrei ertönte noch, dann spritzten Blut und Fleischreste fontänenartig nach allen Seiten.

Der Körper von Mr. Goldmann war wie eine faule Tomate unter der Wucht des alles zermalmenden Trittes des Monsters zerplatzt und was von ihm noch übrig geblieben war, hatte jetzt keine Ähnlichkeit mehr mit einem Menschen. Kurz danach fielen Miraden von kleinen Fliegen über seine verstreut herumliegenden Überreste her und taten sich sichtbar gütlich daran.

Mittlerweile war auch das knisternde Feuer abgebrannt und eine unheimlich anmutende Dunkelheit breitete sich über den stillen Parkplatz aus. Das Surren und Wispern der seltsamen Fliegenwesen wurde zusehends leiser, bis es bald schließlich ganz verstummte.

Düster schien das fahle Licht des Vollmondes vom nächtlichen Himmel, der plötzlich wieder hinter einer dunklen Wolkendecke hervorlugte.

***

Laut Schreiend und schweißgebadet wachte Mr. Adolf Goldmann auf. Er lag nur mit einer dünnen Sommerhose bekleidet auf der Couch seines Hotelzimmers und blickte wie ein gehetztes Tier mit weit aufgerissenen Augen im Zimmer herum. Schnell beruhigte er sich wieder, riss sich mit aller Kraft zusammen, griff nach seinem Taschentuch und wischte sich damit den perlenden Schweiß von der Stirn.

Die kleine Lampe auf dem Rauchtisch brannte noch. Ihr trübes Licht erhellte den Raum nur schwach. Eine kleine Fliege umsurrte den beigefarbenen Lampenschirm und ließ sich schließlich darauf nieder. Sie krabbelte nach innen und kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Dann flog sie zu einem Tropfen Wasser auf der getönten Glasplatte, wo sie sich abermals niederließ und mit ihrem Rüssel gierig das köstliche Nass in sich einsog.

„Was war das bloß für ein beschissener Alptraum?“, fragte sich Mr. Goldmann mit leiser Stimme selbst. „Ich wurde von einer Riesenfliege einfach totgetreten. Zum Schluss fielen auch noch Miraden von diesen kleinen Drecksviechern über mich her und fraßen mich auf. Das war ja richtig ekelhaft! Wie kann man so was nur träumen...“

Auf einmal erblickte er die kleine Fliege vor ihm auf dem Tisch und wie sie dort eifrig mit ausgefahrenem Rüssel um einen Wassertropfen herumkrabbelte. Schon wollte er instinktiv mit dem schweißnassen Taschentuch nach ihr schlagen, als er sich wieder an diesen Albtraum mit der Riesenfliege erinnerte.

Zögerlich nahm er die Hand mit dem Taschentuch zurück und erhob sich von der Couch, um sich im Badezimmer frisch zu machen. Er schob die hölzerne Schiebetür zur Seite, stellte sich vor das Waschbecken und drehte die Wasserhähne der Mischbatterie langsam auf. Dann griff er nach Zahnpasta und Zahnbürste.

Als er seinen Mund zum Zähneputzen öffnete, quoll plötzlich im gleichen Augenblick ein nicht abreißender Strom von kleinen Fliegen laut summend daraus hervor.

Mr. Goldmann taumelte schreiend und mit schrecklich verzerrtem Gesicht zur Seite, fasste sich mit beiden Händen in panischer Angst an den Kopf und fiel kurz darauf rücklings der Länge nach in die Badewanne, wo er mit dem Kopf voran hart auf dem Boden aufschlug. Es gab ein hässliches Geräusch, als würde jemand mit einem großen Hammer auf seinen Schädel einschlagen.

Aus einer großen Platzwunde heftig blutend und halb bewusstlos versank der alte Mr. Goldmann in einem wabernden und wogenden Meer aus Milliarden von kleinen schwarzen Fliegen, die seinen krampfartig zuckenden Körper schmatzend gnadenlos langsam verspeisten, bis nur noch seine Knochen übrig blieben.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Gott gibt keine Zeichen ... oder? von Wolfgang Luttermann



Eine gesellschaftskritische Betrachtung über Terror und Menschen.
Die tragischen Ereignisse vom 11. September 2001 in New York und Washington haben Wolfgang Luttermanns Leben komplett umgekrempelt. Die menschenverachtenden Taten der Terroristen und die drastische Gegenmaßnahme der US-Regierung störten sein inneres Gleichgewicht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Insel des Schreckens von Heinz-Walter Hoetter (Horror)
Bohrender Schmerz - Teil 1 von Klaus-D. Heid (Horror)
Die Magische Feder von Barbara Greskamp (Zauberhafte Geschichten)