Hans Raasch

Anglerglück an der Isar

Die neugierigen Blicke der wenigen Passanten an diesem frühen Herbstmorgen waren Herbert ziemlich gleichgültig, als er seine kleine Wohnung in einer Mietskaserne bei München verließ. Der fast zwergenhaft kleine Mann hatte sich heute als leidenschaftlicher Fischer eine Tageskarte zum Angeln an der Isar geleistet und war deshalb in grünem Ölzeug gekleidet. Seine bis zu den Oberschenkeln reichenden Gummistiefel, ein Rucksack, der kaum dicker als sein Bauch war und ein überdimensionaler Trachtenhut rundeten seine Erscheinung ab. Der graue Vollbart ließ vermuten, dass er die Sechzig schon überschritten hatte. Bevor er am Supermarkt Richtung S-Bahn abbog, griff seine Rechte in eine seiner zahllosen Taschen und brachte eine Dose Schnupftabak zum Vorschein. Eine kräftige Prise in jedes der beiden Nasenlöcher ließen seine ansonsten listig kleinen Schweineaugen feucht werden und verfärbten seinen Bart oberhalb des Mundes dunkelbraun.
Die Fahrt zum Fischereigewässer an der Isar dauerte nicht lange. Schon um sechs konnte Herbert seine zerlegbare Angelrute aus dem Rucksack nehmen und zusammenschrauben. Heute wollte er sein Glück mit Blinker auf Forelle versuchen. Immer wieder schleuderte er den Köder in das Fließwasser. Als er nach drei Stunden immer noch keinen Fisch gefangen hatte, beschloss er griesgrämig, seinen Standort zu wechseln. Er konnte sich den Genuss mit der Tageskarte nicht allzu oft leisten. Einige Fische im Gefrierschrank würden seinem Speiseplan Abwechslung bescheren. An die Blamage von heute Abend mochte er gar nicht denken. Hatte er doch seine Freundin Gisela zum Fischessen eingeladen. Er würde die Forellen in einer Mandelkruste backen und dazu in Butter geschwenkte Petersilienkartoffeln reichen. Obwohl er nie kochen gelernt hatte, gelangen seine Fischgerichte meistens recht gut. Gisela sorgte für die Getränke. Sie hatte von ihrem verstorbenen Mann noch ein stattliches Lager Pfälzer Riesling im Keller und es war ausgemacht, eine der Flaschen dem heutigen Schmaus zu opfern. Wenn er keinen Fisch angelte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich am Viktualienmarkt mit Zuchtforellen zu versorgen.
Herbert wanderte am Isarweg einige Minuten flussaufwärts. Plötzlich hörte er ein lautes Geräusch. Es klang, als wenn ein Fischkörper auf einen Stein klatscht. Leise schlich der Angler die Böschung hinunter auf das Gebüsch zu. Ein junger schlaksiger Blonder war gerade dabei, einen kapitalen Huchen vom Angelhaken zu lösen und dies mit einer Ausrüstung, welche zu einem Gelegenheitsfischer passen konnte. An einer Haselnussrute war eine Nylonschnur befestigt und als Beschwerung dienten einige kleine Kieselsteine, die an die Schnur geknotet waren. Diese war gerade lang genug, dass sie einen guten halben Meter unter das Wasser reichte. Der Junge hatte seine rote Schirmmütze unter die Stirn geschoben und war in seine Arbeit vertieft. Er bemerkte Herbert nicht und bereitete die Angel für die nächste Fangaktion vor. Nun ließ er sie wieder in die Isar gleiten. Die Rute beschwerte er mit einem großen Stein, weshalb sie halbwegs gesichert war. Erst jetzt beschäftigte sich der Fischer mit seinem Fang. Der Huchen wurde mit einem Stock getötet und geschickt ausgenommen. Dann wusch er ihn sorgfältig aus. Dies sorgte dafür, dass seine durchlöcherten Jeans und sein nicht mehr so reines T-Shirt vor Nässe trieften. Herberts Augen vergrößerten sich erstaunt, als der junge Blonde den Deckel eines gelben Plastikeimers öffnete, in welchem noch weitere erbeutete Fische verstaut waren. Herbert fand es an der Zeit, sich bemerkbar zu machen:

„Petri Heil!“

Der Schlaksige fuhr erschrocken zurück und stotterte:

„P..Pe..Pe-tri Dank!“

Ängstlich wollte er sein primitives Anglergerät verschwinden lassen. Jetzt war sich der Alte sicher, er hatte einen Schwarzfischer gestellt.

„Südbayrische Fischereigenossenschaft, Meier, ich bin der Kontrolleur dieses Gewässers. Den Fischerschein und die Tageskarte bitte!“

„Ha..habe ich zu Hause vergessen, soll ich sie schnell holen?“

„Wenn Sie hier illegal fischen, werden sie nach Paragraph 4 Fischereigesetz mindestens ein halbes Jahr einsitzen müssen, von der Geldstrafe ganz zu schweigen. Machen Sie sofort den Eimer auf!“

Herbert konnte außer dem Huchen noch sechs stattliche Forellen in dem Gefäß bestaunen. Der junge Raubfischer schien die maßlosen Übertreibungen des Bärtigen genauso zu schlucken, wie sein zuvor geangelter Huchen den Köder.

„In diesem Gewässer dürfen laut Fischereiverordnung höchstens drei Fische pro Tag gefangen werden, das wird eine saftige Geldstrafe geben.“

Der alte Angler griff zur Tabaksdose um sich erneut mit einer Prise zu stimulieren. Der Schnupftabak gab ihm nicht nur eine herrliche Anregung, es folgten meist auch gute Ideen. Er hatte keine Sekunde daran gedacht, den Schwarzfischer anzuzeigen, aber ein anderer Plan reifte in seinem Gehirn heran.

„Name und Adresse!“

„Jürgen Schmid aus Geretsried“, log ihn der Jüngling an.

„Wie weit haben Sie denn nach Hause?“

„Höchstens zehn Minuten“.

„Kann ich mich auf Sie verlassen, dass Sie mit Ihren Papieren unverzüglich zurückkommen?“ „Selbstverständlich.“

„Die Fische und Ihre Werkzeuge bleiben hier! Und jetzt schnell nach Hause, damit ich weiter arbeiten kann.“

Der Blonde schob sichtlich erleichtert seine Schirmmütze in den Nacken und hastete die Böschung zum Isarweg hinauf. Herbert hörte seine dahineilenden Schritte. Er war sicher - der junge Mann würde nicht wieder kommen. Gemächlich zerlegte der Alte seine Angelrute und verstaute sie in seinen Rucksack. Für seinen eventuellen Fang hatte er eine große Plastiktüte mitgenommen, in welche er die „beschlagnahmten“ Fische steckte und sie in seinem Rucksack verschwinden ließ. Sein Anglerglück hatte ihn heute doch nicht ganz verlassen und das kleine tête-a-tête mit seiner Freundin Gisela war gesichert.

 

In Rapsöl pochiertes Huchenfilet auf einem

Krebs-Sößchen

 

Einkaufsliste:
1 Huchen aus Zucht (wird im GH angeboten) ca. 1,5 kg
1 Dose Fischfond (oder von den Fischkarkassen selbst einen Fond ziehen)
1 Glas Krebsbutter (w.o.)
1 Kaffeetasse trockenen Weißwein
2 Kaffetassen kalt gepresstes Rapsöl
1/2 Tasse Kochsahne
1 EL Weinbrand
Salz, PfefferSauce Hollandaise aus 1 Eigelb, 4 El erwärmtes Rapsöl mit Buttergeschmack, etwas Zitronensaft, etwas Weißwein.
ev. 4 Flusskrebse und einige Krebsschwänze als Garnitur.

Zubereitung:

Den Huchen filetieren und mit einer Fischpinzette oder einem Messer die seitlichen Gräten (wie bei Lachs, Forelle oder Saibling) entfernen. Die Haut abschneiden und aus jeder Seite zwei Portionen schneiden. Fischfond und Wein aufsetzen und auf etwa die Hälfte reduzieren. Leicht binden. Jetzt mit Krebsbutter und Weinbrand abschmecken. Vorsicht beim Salzen, der Saibling-Kaviar ist auch salzig. Das Huchenmedaillons in eine leichte Salzlake legen und einziehen lassen. Dies ist notwendig damit der Fisch beim poschieren kein Öl aufnimmt. Das Rapsöl in einer passenden Pfanne auf etwa 110°C erhitzen. Inzwischen den Huchen auf Haushaltspapier trockentupfen und mit der Pfeffermühle leicht würzen. Wenn der Fisch in die Pfanne kommt, sollte max. 90°C erreicht werden. Wenden sobald die Medaillons seitlich weiß werden. Garzeit beträgt höchsten 7-8 Min. Währenddessen die Krebssauce mit der Hollandaise verfeinern. Nicht mehr kochen lassen!
Die Krebsschwänze zum Erhitzen dem Fisch beigeben. Sowohl Fisch als auch Krebsfleisch auf Krepp-Papier abtrocknen. Die Sauce auf einen heißen Teller als Spiegel geben und darauf Huchenfilet und Krebsschwänze anrichten. Wenn gewünscht, kann ein Flusskrebs als Garnitur aufgelegt werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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