Hans Raasch

Eine fast wahre Wilderergeschichte

Schorsch wusste nicht, sollte er über das Gespräch mit Förster Fiedler lachen oder sollte er sich ärgern. Der Forstbeamte hatte den bald Neunzehnjährigen ernsthaft gewarnt, er würde ihn demnächst bei der Wilderei „in flagranti“ erwischen und es würde noch böse enden, wenn er nicht schleunigst mit dem Schwarzjagen aufhören würde. Der Förster schaute ihn noch einmal mit eindringlichem Blick durch seine dunkle Hornbrille an. Dann stapfte er hörbar laut mit seinen wuchtigen mit Eisennägeln beschlagenen Bergschuhen in Richtung Forsthaus davon. Fiedler hatte den Jungen schon einmal vor dem Richter in Tölz der Wilderei bezichtigt, aber das Verfahren musste wegen Mangels an Beweisen eingestellt werden. Weder Waffen noch Wildbret oder Trophäen wurden in Schorschs Haus gefunden. Und das Spazierengehen im Wald - das konnte im niemand verbieten. Das einzige Indiz, welches der Dorfpolizist Schönberger bei der Hausuntersuchung finden konnte, waren Rußspuren am Hals des Angeklagten.

Obwohl keine Notlage herrschte, hatte Schorsch die Leidenschaft gepackt. Er war noch keine Fünfzehn als ihn der ältere Wildschütz Sepp mit auf die Pirsch nahm und ihn lehrte, wie man Gämsen oder Hirsche erlegt und weidgerecht aus dem Fell zieht. Der schwierigste Teil war das fachgerechte Aufbrechen und das Auseinandernehmen der Tiere. Die Trophäen bestehend aus Hirschgeweih oder Gamskrücke und Bart mussten beim älteren Jagdkameraden im Keller präpariert werden. Sepp kümmerte sich auch um den Verkauf des Wildbrets. Wirte und Privatleute waren willige Käufer des Fleischs. Und Schorsch eignete sich in Rekordzeit eine gediegene Fertigkeit in Sachen Wilderei an. Früher in der Schule war der schmächtige Kerl eher unauffällig gewesen. Die Mutter wollte sich um den unehelich Geborenen nicht kümmern und sein Vater lebte in den Tag hinein. Deshalb kam Schorsch zu Pflegeeltern. Dort wurde er mit deren eigenen Kindern aufgezogen. Früh zog es ihn von der Fürsorge der Ersatzeltern weg zu seinen Wildererfreunden. Dort und bei seiner Freundin Traudl fand er die Bestätigung, welche ihm in der Schule und zu Hause fehlte. Später wollte er Traudl heiraten, musste ihr aber in die Hand versprechen, dass er nach der Hochzeit kein Gewehr mehr in die Hand nehmen würde. Er liebte die Freiheit der Berge, ihre Tiere und Pflanzen. War er mit Gleichaltrigen unterwegs, leuchteten seine braunen Augen vor Glück und Freude, wenn er ihnen Edelweiß und Enzian, Gämse und Hirsch oder auch ein in den Lüften schwebendes Steinadlerpärchen zeigen konnte. Von seiner Ausrüstung zum Jagen wussten nur die Gleichgesinnten. Die letzte Errungenschaft des Jünglings waren ein Paar Bergschuhe, welche eine eigenartige Besohlung hatten. Der Abdruck derselben zeigte in die entgegengesetzte Richtung. Dazu musste ein eingeweihter Schuhmachermeister die Sohlen von links nach rechts und der Absatz nach vorn verdreht werden. Die Jagdaufseher sollten anhand dieser Spur in die verkehrte Richtung geführt werden. Seinen Stutzen hatte der junge Wildschütz dem Sepp abgekauft, ein in zwei Teile zerlegbares Gewehr, welches an einem Riemen um den Hals gehängt wurde. Gut versteckt unter der Jacke konnte es bei Bedarf schnell zusammengeschraubt und geladen werden. All
diese Utensilien waren zusammen mit einem mit Ruß gefüllten Gefäß hinter dem Nebenhaus einer Almhütte Richtung Rauchberg unsichtbar für neugierige Augen aufbewahrt. „Gschwinda lebt ma gsinda“ war das Motto der Isarwinkler Wilderer. Und schneller bedeutete, sich ohne große Diskussion mit irgendeinem Kameraden in die Büsche schlagen zu müssen, falls die Jagdaufseher einem Wildschützen auflauerten. Deshalb war der Schorsch in den letzten Jahren meist allein auf der Pirsch.

Im Herbst dieses Jahres trieb er es besonders schlimm. Der junge Wilderer wurde unvorsichtig, obwohl ihn Braut und Pflegemutter inständig baten, mit der Wilderei endlich aufzuhören. Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr an der Schloßschänke vorbei zu den Hohenburger Weihern. Die weite Feldstrecke bis zum gemeinsamen Aufstieg des Seekars und Hirschbachsattels konnte der Junge weiter strampeln, bevor er sein Rad irgendwo zwischen den Büschen versteckte. Traf er unterwegs den Waldbeamten, grüßte er diesen über das ganze Gesicht grinsend mit einem hurtigen „Grüß Gott, Herr Förster Fiedler“.

Düstere Wolken taten sich am Himmel auf. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch den Isarort. Fiedler hatte mit dem Dorfgendarmen Schönberger am frühen Morgen eine Hausbegehung im Ortsteil Anger durchgeführt. Sie suchten nach einem Wilderer, welcher vom Förster in der Nacht angeschossen worden war. Nun wurde nach der Identität des Schützen geforscht. Am Morgen darauf meldeten Bergsenner, dass sie schwache Hilferufe im Bereich des oberen Rauchbergaufstiegs vernommen hatten. Dem Protokoll des Revieraufsehers zufolge hatte dieser einen Wilddieb gestellt. Hinter einer Fichte versteckt forderte ihn der Beamte mehrmals auf, seine Waffe von sich zu werfen. Das rußverschmierte Gesicht des Wilderers konnte Fiedler nicht erkennen, zumal dieser einen breitkrempigen Hut tief in seine Stirn gezogen hatte. Plötzlich riss der Maskierte sein Gewehr gegen die Fichte und schoss. Fast zeitgleich donnerte ein auf das Knie des Wilderers gezielter Schuss aus der Jagdbüchse des Försters. Ein lauter Schrei, dann war der Wildschütze unter einer Böschung verschwunden. Sollte der Jagdaufseher nun nach dem wahrscheinlich angeschossenen aber auch bewaffneten Wildräuber suchen? Er wischte den Schweiß aus seiner Stirn und entschloss sich aus Sorge um seine eigene Gesundheit, nur Meldung zu machen und tags darauf nach dem Unbekannten suchen zu lassen. Schorsch wurde am Nachmittag gefunden. Er war tot - verblutet. Beim Versuch, sich umzudrehen und abzuhauen, hatte es ihn durch einen Lungenstreckschuss von hinten erwischt. Der einzige Vorwurf, der ihm gemacht werden konnte, war der Besitz und das Führen einer Feuerwaffe. Zum Abschuss eines Wildbrets war es noch nicht gekommen.

Förster Fiedler hatte künftig keine gute Zeit in Lenggries. Schorschs Kameraden schikanierten ihn auf das Äußerste. Am Tag der Beerdigung behängten sie sein Forsthaus mit den im Isarwinkel üblichen Sterbebildern, ballerten mit ihren Jagdgewehren um das Anwesen herum und befahlen ihm, aus dem Haus zu kommen. Dort würde er seine gerechten Strafe bekommen. Fiedler bat um seine Versetzung weit weg vom Isarwinkel. Diese wurde ihm unter diesen Umständen sofort bewilligt.

 

 

 

Hirschrücken mit Grünpfeffer-Aromen

Einkaufsliste;

750g Hirschaußenlende am Stück
2 El grüner Pfeffer, Salz

1 Stück Backpapier
1 Dose Wildfond
ein Stück Ingwer, 1 El Kirschkonfitür, Saft von 1/2 Orange
Zwiebelstücke , Schuss Rotwein, Salz und einen Tl Pfefferkörner

Die Parüren (Sehnen und Abschnitte) von der Lende befreien und mit den Zwiebelstücken in etwas Rapsöl anbraten. Mit dem Rotwein ablöschen und mit dem Wildfond aufgießen. Ingwer, Kirschkonfitür, Orangensaft und die Pfefferkörner dazugeben und köcheln lassen.

Inzwischen die Hirschlende salzen und mit dem zerdrückten Grünpfeffer einreiben. In einer Pfanne Rapsöl erhitzen. Die Außenlende von allen Seiten anbraten, dann in Backpapier einpacken. Im Ofenrohr bei ca. 85°C etwa 60- 120 Minuten garen, bis die Kerntemperatur 65°C erreicht hat. Das Fleisch einige Minuten ruhen lassen, so dass die scharfe Grenze zwischen rosa und grauem Fleisch verschwindet.

Die Sauce schwach abbinden und würzen. Als Spiegel auf einen Teller geben. Die Lende tranchieren und auf dem Sößchen anrichten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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