Michael Geneschen

Dr. Klecks

Wenn die Naturerwacht zieht es mich wie magisch nach draußen. So habe ich auch gestern die Zeit genutzt und einen ausgiebigen Spaziergang gemacht. Die ersten Schmetterlinge die mir um die Nase schwirrten waren noch zu schnell aber man merkte wie wieder Leben in die Welt kommt. Hinter dem Wald hat man einen herrlichen Blick über die Felder. Noch ist kein Korn da dass einem die Sicht versperrt.

 

Ich legte mich ins Gras und genoss die Sonne. Gerade als ich dabei war einzudösen hörte ich Stimmen. Zunächst glaubte ich ja ich würde langsam verrückt, was auf Grund der Ereignisse der letzten Zeit nicht unbedingt verwunderlich wäre. Doch sie waren wirklich da. Waren die Ratten zurück? Das konnte eigentlich nicht sein. Die Müllkippe war beseitigt und eingezäunt. Die Menschen konnten hier keine Farbeimer, Leimdosen oder Sprühflaschen mehr illegal entsorgen. Was sollten also die Ratten dort. Sie hatten doch ein neues zu Hause in der Nähe des alten Bahnhofs gefunden. Dort stand eine alte Ruine wo sie jetzt lebten.

 

Ich folgte den Stimmen und umrundete die Ecke des Waldes. Was ich da sah verschlug mir zunächst die Sprache. Mitten im Gras saßen insgesamt sechs junge Hasen. Jeder hatte einen Eierbecher mit einem Ei darin vor sich stehen. Um sich herum hatte jeder verschiedene Farbtöpfe aufgebaut. Vor der Gruppe stand ein größerer Hase mit einer Brille auf der Nase. „Bevor ihr anfangt“, erklärte er gerade. „beachtet bitte die feinen und die flächigen Farben. Nutzt die Vielfalt Eurer Pinsel. Beobachtet genau, hört die Farbenmelodie.“ Ich fragte mich was das hier war. Eine neue Religion? Rammels Folger oder so was?

 

Der ältere Hase hatte mich bemerkt. „Ah, da haben wir noch einen jungen Künstler!“, rief er. „Willkommen! Herzlich willkommen! Such Dir einen Platz.“ Er schnappte sie einen Eierbecher mit einem Ei drin und brachte ihn mir. „Hier, das Ei wird von der Schule gestellt.“ Schule? Ich verstand immer weniger. „Nein, Sie verwechseln mich…ich…“, stotterte ich. Doch der Hase winkte ab. „Keine falsche Scheu. Jeder hat mal klein angefangen, Van Gogh, Picasso, Mozart.“ „Mozart war aber kein Maler sondern Komponist.“, korrigierte ich. Der Hase sah über seine Brille. „Das weiß ich. Aber er war ein Künstler. Ein Künstler der mit Musik gemalt hat.“ Ich machte noch einen Versuch das Missverständnis aufzuklären. „Hören Sie, ich bin kein Schüler. Ich habe nur die Stimmen gehört und bin aus Neugier hier rübergekommen.“ Doch der Hase hörte mir gar nicht mehr zu. Ich seufzte. Gut, würde ich halt malen. Wenn dabei nichts Vernünftiges rauskam, es war nicht meine Schuld. Ich schaute mich um. Malen! Gute Idee! Doch womit. Ich wandte mich an eine junge Hasendame die neben mir saß. „Hallo! Ich bin Xaver. Kannst Du mir mit ein paar Pinseln und etwas Farbe aushelfen. Ich war nicht darauf eingestellt dass heute Malunterricht ist und habe wohl alles zu Hause liegen lassen.“ Die Hasendame lächelte. „Ich bin Antonia. Natürlich darfst Du meine Pinsel mitbenutzen. Aber pass auf das Dr. Klecks es nicht sieht. Er ist ja sonst sehr nett legt aber großen Wert darauf dass wir vorbereitet zum Unterricht kommen.“ Aha, der große Hase war also Dr. Klecks. „Und der Dr. Klecks ist Euer Lehrer?“, fragte ich. Antonia guckte mich entsetzt an. „Nein, eigentlich ist er der beste und berühmteste Ostereiermaler der Welt. Wir sind ein freiwilliger Kurs. Jeder von uns träumt davon einmal so berühmt zu werden wie Dr. Klecks.“

 

Der Hase sprach noch einige Worte. Ich hörte aber nicht zu. Zu sehr war ich damit beschäftigt wie ich aus dieser Misere herauskam. Ich konnte nicht malen. „So, dann mal los. Lasst Eurer Kreativität freien Lauf.“, forderte Klecks uns auf. Die Hasen nahmen ihre Pinsel in die Hand. Einige malten sofort drauf los, andere saßen noch etwas Gedanken verloren da und schauten sich die Landschaft an. Auch Antonia legte gleich zu. Ich schaute mal was sie da auf das Ei malte. Es raubte mir den Atem. Mit sanften Strichen hatte sie die Szenerie vor uns aufs Ei übertragen. Gerade fing sie an die Bäume des Waldes grün anzumalen. Zwischen zwei Baumwipfeln hatte sie die Spitze des Kirchturms skizziert. Es sah schon toll aus.

 

Ich setzte mich vor mein Ei. Was sollte ich machen. Ich hatte schon Probleme den feinen Pinsel zwischen meinen Pfoten zu halten. Wie sollte ich damit malen? Ich machte einige unbeholfene Striche auf dem Ei. Eigentlich wollte ich, wie Antonia, die Bäume malen. Aber irgendwie sahen sie eher wie die Virenmonster aus der Werbung aus wo für Grippetabletten geworben wurde.

 

Inzwischen hatten alle ihre Arbeit aufgenommen. Meine Verzweiflung wuchs. Ich hatte mal meinem Vordermann über die Schulter gelugt. Er hatte die Szene etwas anders dargestellt als Antonia, aber keinen Deut schlechter. Ich kam mit dem Pinsel einfach nicht klar. Kurzerhand warf ich ihn über die Schulter ins Gras und tauchte meine Pfote in die Farbe. Mit viel Schwung färbte ich das Ei grün. Dann kam etwas gelb und blau hinzu. Mit meiner Kralle ritzte ich einige Strichmännchen in die Farbe.

 

Dr. Klecks lief zwischen den Reihen hin und her, gab hier einen Tipp, lobte und kritisierte. Dann kam er zu mir. Mein Herz begann laut zu schlagen. Gab es ein Handy für Osterhasen? Gleich würde der berühmte Ostereiermaler in Ohnmacht fallen und wir müssten dringend einen Arzt rufen. Und morgen würde in einer oft gelesenen Boulevardzeitung stehen: „Berühmter Maler Dr. Klecks während Schulstunde an Herzinfarkt und Atemnot gestorben.“ Dr. Klecks schaute über meine Schulter. Dann setzte er seine Brille richtig auf und schaute abwechselnd vom Ei zu mir. Dann griff er wieder an seine Brille. „Sehr…innovativ!“, sagte er. Ich versuchte die Sache zu retten. „Ich finde wir sollten diese Örtlichkeit mit Moderner Kunst festhalten. Farben verwischen und verlaufen lassen, Gottes Geschöpfe nur schemenhaft darstellen. Die Sonne als gelbes Band, genau wie die der blaue Himmel und das grüne Gras.“ „Und ein paar grüne Männchen auf einem Osterspaziergang!“, merkte Dr. Klecks an und wies auf meine Strickmännchen. „Das ist das besondere an diesem Bild.“, sagte ich weiter. „Nicht nur ein gemaltes Bild, sondern auch ein Kratzbild.“

 

Den letzten Satz hätte ich mir sparen sollen. Dr. Klecks holte tief Luft. „Kratzbilder sind etwas für Antikünstler!“, polterte er los. „Das hat nichts mit Malerei zu tun.“ Dann wurde er wieder sanfter. „Du hast wirklich einen neuen Weg der Malerei zu beschreiten versucht. Sehr mutig, das muss ich sagen, sehr mutig.“ Antonia hatte sich inzwischen hinter mich gestellt und mein Kunstwerk begutachtet. Sie hatte zwar nicht laut gelacht, aber sie versteckte ihre Nase hinter ihren kleinen Pfoten und tat als ob sie niesen müsste.

 

Am Ende der Stunde kam Dr. Klecks noch einmal zu mir. „Hör mir mal zu mein Junge.“, sagte er väterlich. „Glaub mir, wenn Du von der Malerei leben willst verhungerst Du. Vielleicht liegt Dir ja das Singen mehr. Dr. Ton ist ein guter Freund von mir. Ich könnte Dich in seinem Chor unterbringen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube die Kunst ist nichts für mich. Ich bin ja auch kein Hase. Das habe ich ja die ganze Zeit zu sagen versucht. Meine Ohren sind viel zu klein und mein Schwanz zu lang.“ Zum Beweis senkte ich den Kopf um Dr. Klecks meine Ohren zu zeigen, dann drehte ich mich herum um meinen Schwanz aufzustellen damit er sehen konnte wie lang er war.

 

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Aber es gibt gute Kunst und, sagen wir mal, nicht so gute. Und meine Malerei gehörte wohl eher zur letzteren. Ich belasse es lieber bei der Mäusesachbearbeitung und die einzige Kunst die ich hin und wieder mal ausübe ist es Euch von meinen Erlebnissen zu erzählen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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