Hans Raasch

Friedhofserinnerungen

Eigentlich ist es recht praktisch für den fünfjährigen Fritz. Vom kirchlichen Kindergarten St. Joseph bis zum Friedhof muß er nur die Straße überqueren. Und - heute ist es wieder soweit. Vorgestern am frühen Nachmittag hat er das Totenglöckerl bimmeln hören und das bedeutet nichts anderes, als dass wieder ein Verstorbener im Leichenhaus aufgebahrt liegt und wahrscheinlich übermorgen früh um zehn beerdigt wird. Nun muss er nach Beendigung seiner Nachmittagsstunden noch schnell einen Blick auf die Leiche werfen und klarstellen, dass die Feier auch tatsächlich am vermuteten Vormittag stattfindet. Dank seiner zwei älteren Schwestern kann er schon recht gut lesen und auch die Uhrzeiten deuten. Er betrachtet die männliche aufgebahrte Leiche und wundert sich immer wieder, wie die den Toten so schön im Sarg herrichten können. Wie die bei einem, der sich nicht mehr rühren kann, den Trachtenanzug anbringen, die spärlichen grauen Haare sauber zu einem Scheitel gekämmt in die Kiste legen. Nur die geschlossenen Augen und das wachsige etwas gelbe Gesicht verraten dem Buben, dass hier ein Entschlafener auf seine letzte Ruhestätte wartet. Nachdem das schmächtige Büblein den Beerdigungstermin bestätigt findet, stampft er mit seinen kleinen Stiefeln heim durch das verschneite Dorf.

„Fritzi, kumm her zu uns, wuist an hoassn Kaukau?“

„ Ui ja, - du Mamma do flackt scho wieda a Hieana drin im Leichahaus.”

”Untaschtäh die, Freindal,dass´d scho wieda an Kindagartn schwanzt. Du woasst scho wos i moan, gei!“

 

Mit Argwohn betrachtet Maria ihren Jüngsten, sieht wie bei dem Blondkopf die roten Bäckchen glühen und die braunen Augen funkeln. Sie kennt seine Leidenschaft für Beerdigungen. Erst vorgestern Abend, als sie beim Altwirt die Kellnerin an ihrem freien Tag zu vertreten hatte, kam nach der Schafskopfrunde Hochwürden, der Herr Pfarrer Westermeier auf sie zu und beschwerte sich über den Kleinen:

„Maria, do muasst da awa jetzt ebbas eifoin lassn, mit deim Filius, so gäht des nimma weida. Sog eam hoid wenigstns, dass a net oiwai vorn zwischen de Trauandn mit seim Kindagartntascherl steh soi. A bissl weida hintn wars doch a ganz recht. I kon eam doch net mittn in da Trauafeia oane runterhaun.“

Maria verspricht dem Geistlichen, sich um diese Sache zu kümmern. Gerade jetzt wäre der rechte Augenblick gekommen um eine Aufarbeitung im Sinne des Pfarrers zu beginnen.

„Sog amoi Fritzi, warum gehst denn gor so gern auf Beerdigungen, wuist vielleicht amoi a Koprata oda gor a Pfarra wern?“

„Ja, entweda a Pfarra oda a Metzga, so genau woas i des no net.“

„Naja Fritzi, host ja no a bissal Zeit. Awa des mit de Beerdigungen muasst bleim lassn, da Herr Pfarra Westermeier hod si bei mir scho wieda beschwert - wos gfoit da denn bei dene Begräbnisse gor so guat?“

„Des schenste is oiwai wenn da Pfarra alle so durchdringlich oschaugt, d´Pratzn auffestreckt und sogt: Wer wird der Nächste in dieser Runde sein, für den werden wir jetzt ein „Vater Unser“ beten.“

Maria ist sich nicht sicher, ob das Gespräch mit ihrem Sohn auch den gewünschten Erfolg haben wird. Komisch findet sie es aber doch, mit dem kleinen Fritz hat sie doppelt so viele Scherereien wie mit den beiden Großen zusammen.

Pünktlich am Donnerstag in der Früh um dreiviertel acht verlässt der kleine Fritz mit seinem Pausenbrot im Kindergartentäschchen sein Elternhaus um sich in die Obhut der Ordensschwester Edeltrudis in der großen Gruppe im Kindergarten zu begeben. Mamma Maria schaut ihm hintergründig nach und denkt sich:

„Du werst di no wundan, mei Liaba.“

Die Zeit vergeht mit Zeichnen und Kneten und was man halt sonst so alles im Kindergarten macht und pünktlich zum Pausenbrot dürfen die Kinder hinaus auf den Spielplatz. Die Gruppe ist viel zu groß als dass die ältere Nonne die Aufsicht allein bewältigen kann. Deshalb gelingt es Fritz ohne Mühe, vom Kindergarten abzuhauen. Die Beerdigung wird bald beginnen. Diesmal scheint es offenbar eine große Begräbnisfeier zu werden, weil schon viele Leute in der Schlange stehen, um der Witwe und der übrigen Trauerfamilie ihr Beileid auszudrücken. Und da kommt auch schon der Pfarrer mit seinem Gefolge. Sein Messgewand ist ganz in schwarz gehalten mit einer passenden Stola und dem schwarzen Birett auf dem Kopf. Vor ihm geht ein Bub im schwarzen Ministrantenrock und einem weißen Chorhemd darüber. In der Hand hält der Junge ein Holzkruzifix mit einem Totenschädel bestückt als trauriges Mahnmal, was die Hauptperson der heutigen Trauerfeier außer dem Paradies sonst noch erwarten könnte.

„Eigentlich kannt i a amoi Ministrant werdn, do kriagt ma so a schens Gwand anglegt. Und auf d´Beerdigunga deaf ma a oiwei geh, do braucht ma dann nimma schwänzn. Awa wahrscheinlich bin i no a bissal z´kloa dazua.“

Nach einem kurzen Gebet setzt sich der Trauerzug mit dem Pfarrer an der Spitze gefolgt vom Wagen mit dem Sarg und den vier Leichenträgern in Bewegung. Die nächsten Angehörigen schließen auf und auch der kleine Fritz möchte sich gerade zu dem Zug begeben, als ihn von hinten eine Hand an der Schulter packt und ganz gewaltig Richtung Friedhofstor hinausschiebt.

„Du Saubua, du elendiga, hab i dir net gsagt, dass’d nimma auf d´Beerdigunga geh derfst?“

Diesmal ist Mamma Maria richtig grantig und kann sich nicht mehr beruhigen. Als Höhepunkt und zur Verstärkung ihrer Empörung setzt es noch dazu eine ordentliche Tracht Prügel. Sie öffnet die Kindergartentür und gibt dem Kleinen einen Schupser.

„Und jetzt schleichst di eini, sunst gibt’s gleich noch a paar!“

Donnernd schmeißt die Entzürnte die Tür hinter dem Buben ins Schloss und dann hört er sie mit knirschenden Schritten den Winterweg enteilen. Fritz trocknet ein par Tränen aus seinen verweinten Augen und bemerkt, dass auch noch Blut aus seiner Nase läuft. Und sein Kindergartentascherl ist auch lädiert, der Lederriemen durchgerissen.

„Da Pappa werds scho richtn,“ denkt sich der Bub und Trotz steigt in im auf.

„Und jetzt erst recht, i hau wieda ab.“

Durch die Hintertür entschwindet er über den Spielplatz zum Friedhof. Auf dem schneebedeckten Weg sieht er frische Blutspuren, die wohl von seiner Nase stammen. An der Grabesstätte muss er aber feststellen, dass das Begräbnis schon beendet ist. Nur noch die Gäste kondolieren der trauernden Witwe und den nächsten Anverwandten. Nicht ohne Enttäuschung geht er wieder in den Kindergarten zurück und grübelt in sich hinein:

„No, dann hoit wieda s´nexste moi, wenns wieda Oan dawischt hod.“

 

Ein Rezept passend zum Kaffee nach dem Begräbnis

Topfenhasnöhrl

Einkaufsliste:

300 g Bauerntopfen (wenn nicht erhältlich fetten Schichtkäse nehmen)
ca. 200 g griffiges Mehl
1/2 TL Backpulver
2 Eier
Prise Salz
Butterschmalz zum Ausbacken , wer will kann auch Öl mit neutralem Geschmack nehmen

 

Zubereitung: Schichtkäse in ein Passiertuch geben und kräftig ausdrücken. Zusammen mit den übrigen Zutaten außer dem Butterschmalz einen geschmeidigen Teig kneten, der nicht klebrig sein darf. Den Teig mindestens eine Stunde ruhen lassen.
Auf einer melierten Fläche den Teig nicht zu dünn ausrollen(ca. 4mm).

Mit einem Raderl gefällige Fleckerl ausschneiden. Das Butterschmalz auf 180°C (wenn möglich in einer Fritteuse) erhitzen. Die Temperatur ist sehr wichtig! Die Topfenhasnöhrl goldgelb ausbacken.Wenn sie mit dem Kaffee serviert werden, reichlich mit Puderzucker stäuben.

Es ist jedoch auch möglich, die ungesüßten Öhrl beispielsweise zu einer Kartoffelsuppe als Fastenspeise zu servieren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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