Wolfgang Küssner

Mensch Alter

Im antiken Griechenland wurden sie ausgegrenzt; bei den Juden hatten sie den idealen Lebensumstand erreicht; mit einem “Tag der Ehrung” werden sie von den Japaner gefeiert; im Buddhismus gehoert es zu den Leiden; und wer in einer vollbesetzen U-Bahn oder im Bus auf einen ihm angebotenen Platz hofft, muß häufig lange warten, manchmal allerdings auch vergeblich. Die Rede ist – der Leser ahnt es - vom Alter. Ganz allgemein formuliert, sind nachlassende Aktivitäten und koerperlicher Niedergang für diese Lebensphase charakteristisch. - Mensch Alter.

Alles geht langsamer, nur Alkohol und Müdigkeit machen sich schneller bemerkbar. Die Farbe der Bekleidung nimmt ab, in den Haaren wird sie dafür intensiver. Kinder hoffen auf eine baldige Erbschaft; Enkelkinder müssen zuvor jedoch noch betreut, groß-gezogen werden. Kapitalanlage-Verkäufer verlieren bei besten Prämien jegliches Interesse; und Kredit-Offerten tendieren gegen Null. Am Telefon werden Glückwünsche zu Gewinnen aus Spielen übermittelt, an denen man gar nicht teilgenommen hat; es melden sich Enkel, deren Existenz bis dato unbekannt war, in extrem finanziellen Noeten. Natürlich auf sofortige Hilfe hoffend. Man lernt Spanisch zum Überwintern auf den Balearen; hat bereits mehrere Kreuzfahrten absolviert. Bingo und Angora sind keine Fremdwoerter mehr. Warme Unterhosen und Hosenanzüge werden von Jahr zu Jahr länger getragen; Busreisen nehmen zu. Mensch Alter.

Die einen golfen schon, die anderen haben noch Sex; und bei etlichen wird das Dinner zum Sex des Alters. Macht sich bei diversen Altersgenossen so etwas wie Torschlußpanik breit, will man es noch einmal wissen, voll auf die Pauke hauen, läßt bei anderen die Libido merklich nach. Fortan benoetigen Erektionen und Reaktionen mehr Zeit. Jahrestage, Namen, Zahlen geraten zunehmend in Vergessenheit; Termine für Trauerfeiern nehmen zu; gleiches gilt für Besuche des Friedhofs. Das Testament ist geschrieben und Todesanzeigen werden intensiver beachtet. Das Überbrücken von Distanzen erfordert zunehmend mehr Zeit; im Auto wird nicht selten mit Hut gefahren. Skat- und Kegelabende finden häufiger statt; die Würze des Essen nimmt ab und immer oefter wird der Seniorenteller bestellt. Wenn schon Musik, dann bitte leise und ruhig, vielleicht doch eher Oldies oder Blasmusik. Gottesdienste und Nachbarn erleben eine stärkerere Besuchs-frequenz. Ob sich beide über steigende Beliebheitswerte freuen? Mensch Alter.

Zunehmender Haarwuchs in Nase und Ohren; von Mal zu Mal stärkere Brillengläser; weniger elastische, dafür fleckigere Haut. Die Faltenbildung konkurriert mehr und mehr mit dem Knautsch-gesicht eines Shar Pei Hundes, bzw. dem Kilt eines Schotten. Das Hoervermoegen schwächelt zwar, doch was nicht gehoert werden soll, wird bestens verstanden. Die Haarpracht ergraut und verliert zusehends an Fülle, dafür nimmt der Koerper an Volumen bei einem parallel laufenden Schrumpfungsprozess leicht zu. Der so viele Jahre praktizierte aufrechte Gang gerät poe a poe in Vergessenheit. Arthrose, Demenz, Diabetis, Grauer Star, Krebs, Osteoporose, hoher Blutdruck, Schwindel, Erkältungen, Hormon-umstellung, Rheuma greifen den Koerper an. Die Zähne werden gelber; in Wartezimmern entstehen neue Freundschaften und Ärzte entwickeln sich zu guten Bekannten. Die herausgebildete Wetterfühligkeit läßt jeden Frosch mit seinen Prognoseleistungen vor Neid erblassen. Mensch Alter.

Die einen werden altersweise, abgeklärter, geduldiger und auch versoehnlicher; aufgrund reduzierter Erwartungen gar glücklicher und zufriedener. Manchmal kommt in solchen Momenten aller-dings jedoch ein Besserwisser, ein Klugscheißer ans Tageslicht. Andere werden konservativer, aggressiver, rücksichtloser, ego-istischer, hemmungsloser, ungeduldiger, kritischer, grantiger, unruhiger, rebellischer, noergelnder. So etwas wie Nachholbedarf ist zu spüren; sich bloß nicht unterkriegen lassen. Dann wird befürchtet, gar ins Abseits manoevriert zu werden. Nee. Nicht mit den Alten. Auch die Alten haben Power. Wehret den Anfängen. Und dann sind da diese immer häufiger auftretenden Momente zunehmender Sensibilität, bisher nie gezeigte Gefühle werden geäußert; da fließen ploetzlich Tränen; da werden Freude und Glück im Umgang miteinander artikuliert. Da wachsen auf einmal Vertrautheit, Nähe, Liebe. Eine neue Lebensqualität entsteht. Mensch Alter.

Die in geselliger Runde erzählten Witze sind zunehmend bekannt. Die Bartwickelmaschine im Keller gerät ins Rotieren. Doch die an-gesammelten Erfahrungen, das damit verbundene Wissen lassen aufhorchen. Mit den neuesten Errungenschaften der Technik, der Welt des Internet, der Computer kommen viele Ältere nicht klar, andere sind von Neugier getrieben, wollen lernen, verstehen und teilhaben. Nein, sie gehoeren noch nicht zum alten Eisen. Der Streß sollte eigentlich nachlassen, doch eine Audienz beim Papst ist vermutlich eher zu bekommen, als ein kurzfristiger Termin mit einem Rentner. Es gibt so viel zu entdecken, zu erleben. Die Welt ist rund und bunt. Die viele harte Jahre ertragene fremdbestimmte Arbeit tendiert gegen Null, die großen Verpflichtungen werden weniger; das Leben bekommt eine neue Intensität. Man kann, man darf, man muß selbstbestimmen. Auf vieles kann dabei getrost und ruhigen Gewissens verzichtet werden; vieles muß man sich nicht mehr antun. Alles hat seine Zeit und jede Zeit ist schoen. Es ist an uns, was wir daraus machen. Mensch Alter.

 

Juli 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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