Diethelm Reiner Kaminski

Aufgeholt

„Ich möchte mich endlich auch mal beweisen“, forderte Regina. „Du hattest es mir versprochen. Nun warte ich schon eine Ewigkeit, doch jedes Mal hast du eine Ausrede. Mal ist es zu weit, mal zu schwierig, mal zu gefährlich. Sei doch ehrlich und sag, dass du es mir nicht zutraust. Und warum nicht? Nur weil ich eine Frau bin.“

Heinrich, Reginas Lebensgefährte, blickte unwillig von der Zeitung auf und knurrte: „Du stellst dir das etwas zu einfach vor. Ich habe jahrelange Erfahrung und eine Menge Routine. Ich gehe nicht das kleinste Risiko ein. Aber du als blutige Anfängerin … Ich möchte nicht, dass du blind in dein Unglück rennst. Außerdem habe ich vorgesorgt. Die nächsten fünf Jahre können wir sorglos davon leben. Möchtest du das alles aufs Spiel setzen?“

Regina schüttelte empört mit dem Kopf: „Darum geht es mir nicht. Ich möchte nicht auf deine Kosten leben, immer von dir abhängig sein. Ich möchte dir ebenbürtig sein. Aber du gibst mir ja keine Chance, das zu beweisen.“

Heinrich wurde langsam sauer: „Mach, was du willst, aber erwarte keine Hilfe von mir. Keine Tipps, kein Alibi und erst recht nicht meine Walther. Wenn sie dich schnappen, kenne ich dich nicht, darauf kannst du dich verlassen.“

„Deine Walther kannst du dir sonst wo reinstecken. Mir reicht meine kleine süße Gaspi, und was du kannst, kann ich schon lange, darauf kannst du Gift nehmen. Wart´s ab und lass das Radio eingeschaltet.“

Mit diesen Worten eilte Regina aus dem Wohnzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Heinrich schaute aus dem Fenster und sah fassungslos, wie sich Regina auf das im Hof abgestellte Fahrrad schwang und in Richtung Innenstadt fuhr. Er kochte vor Wut, in die sich aber auch Sorge und Angst um seine neue Lebensgefährtin mischten. Dieser Frau war alles zuzutrauen. Sie würde doch hoffentlich nicht so dumm sein, ohne Planung und sorgfältige Vorbereitung in die nächste Bank zu stürmen, nur um ihm, Heinrich, zu beweisen, wie mutig sie war.

In der nächsten Stunde wählte er ein Dutzendmal ihre Nummer, aber sie hatte ihr Smartphone offenbar ausgeschaltet. Es kam nur jeweils die Meldung: „Der Gesprächsteilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Wenn Sie eine Nachricht hinterlassen möchten, sprechen sie nach dem Signalton.“

Zwecklos. Stur, wie Regina war, würde sie die Nachricht heute nicht mehr abhören.

Heinrich verbrachte unruhige Stunden. Der Regionalsender brachte die übliche Dudelmusik, die nur von Verkehrsdurchsagen und Nachrichten unterbrochen wurde.

Es wurde Mittag, Heinrich hatte vor lauter Wut und Sorge noch keinen Bissen zu sich genommen, nur mindestens sieben Tassen Kaffee getrunken. Sein Herz begann schon zu flattern. Er hasste es, zur Untätigkeit verurteilt zu sein. Aber was sollte er anderes tun als warten, bis Regina sich bequemte anzurufen oder zurückzukommen.

Schon wieder Nachrichten, die meisten Meldungen waren alt, Wiederholung von längst Bekanntem. Beim Wort „Banküberfall“ horchte er auf und drehte den Ton lauter:

„Ein bewaffneter Banküberfall auf die Genossenschaftsbank in Friedrichstadt wurde durch das beherzte Eingreifen einer Kundin vereitelt. Die etwa 40-jährige Räuberin konnte überwältigt und der alarmierten Polizei übergeben werden. Die Beute in fünfstelliger Höhe wurde sichergestellt.“

Nun ist alles zu spät, dachte Heinrich. Das konnte ja nicht gut gehen. Wie kann man nur so naiv sein und ohne jede Planung in eine Bank marschieren, am Schalter die Knarre ziehen und höflich murmeln: Haben Sie vielleicht ein wenig Kleingeld für mich? Hoffentlich hält sie wenigstens die Klappe und zieht mich nicht mit hinein. Gemeldet war sie nicht in seiner Wohnung, aber ein paar Nachbarn kannten sie natürlich als Paar. Doch eine Beteiligung war ihm nicht nachzuweisen, und offiziell war er noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dank seiner Vorsicht und seiner Schlauheit hatte er nach wie vor eine weiße Weste und zudem ein solides Barvermögen.

Ein Klingeln schreckte ihn auf. Trotz der Aufregung musste er eingenickt sein. Verschlafen rappelte er sich auf und eilte zur Tür. Das Klingeln wurde stürmischer. Waren das etwa schon … ?

„Entschuldige“, sagte Regina, „ich habe meinen Schlüssel vergessen. Was ist? Hast du geschlafen?“

„Ich, ich …“, stotterte Heinrich, „ich dachte, sie hätten dich bei deinem Versuch … ich dachte, sie hätten dich geschnappt. Da kam doch die Meldung in den Nachrichten …“

„Ich war auch in der Genossenschaftsbank, aber ohne meine Gaspi, schau nach, die liegt in meiner Nachttischschublade, sondern nur, um das Terrain abzuklären und die Umgebung auszubaldowern, oder denkst du, ich bin so blöd, völlig unvorbereitet eine Bank zu überfallen? Grad, als ich die Schalterhalle betrat, rennt mir eine Frau entgegen, in der einen Hand eine Pistole, in der anderen eine Plastiktüte. Ich hab sofort geschaltet: Banküberfall. Ich hab mich ihr vor die Füße geworfen, sie knallt der Länge nach hin, verliert dabei Pistole und Tüte. Da springen auch schon zwei oder drei Männer hinzu, fixieren die Frau am Boden, helfen mir auf die Beine.

Ich bin natürlich die Heldin des Tages, Reporter waren auch da, morgen findest du mich mit Foto in der Zeitung. Eine Belohnung von der Bank ist mir auch in Aussicht gestellt worden.“

„Aber das Risiko … Die Frau hätte doch auf dich schießen können.“

„Daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht, nur daran, dass man sich seine Konkurrenz vom Hals halten muss. Wie ich die Bank kenne, speist die mich mit einer lächerlich mickrigen Belohnung ab. Der Direktor hat nur vage angedeutet: Wir werden uns erkenntlich zeigen. Wo ich doch mein Leben riskiert habe, bloß damit die ihre Kohle behalten. Aber die Knauser sollen sich nicht zu früh freuen. Ich hole mir meine Belohnung schon noch. Vielleicht schon bald.“

31 - 03 - 2018

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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