Heinz-Walter Hoetter

Das Eichhörnchen und der Zwerg

Der Herbst war schon längst ins Land gezogen. Nach und nach fielen auch die letzten Blätter von den Bäumen, und es wurde von Tag zu Tag kälter.

Überall stellte sich Mutter Natur auf den kommenden Winter ein. Die meisten Tiere hatten sich bereits eine dicke Speckschicht angefressen und suchten nun zum Winterschlaf ihre Behausungen auf.

Meister Petz, der Braunbär zum Beispiel, zog sich in seine warme Höhle zurück, rollte sich gemütlich zusammen, steckte seine Schnauze unter die pelzbehaarten Vorderpfoten und schlief bald tief und fest ein.

Reinecke Fuchs dagegen dachte überhaupt nicht daran, den ganzen Winter über nur zu schlafen. Deshalb war er wie immer stets aktiv und jagte gerne Kaninchen oder kleine Mäuse, die seine Lieblingsspeise waren.

Isegrim, der Wolf, wollte ebenfalls nichts von einem Winterschlaf wissen. Er zog es dafür lieber vor, auch bei kältestem Frost noch nach Beute zu jagen und schlich deshalb überall in seinem weit ausgedehnten Revier suchend herum.

Grimbart, der Dachs, dagegen lag schon längst, wie sein Kollege Meister Petz, in seinem unterirdischen Bau und schlief den Schlaf des Gerechten.

Mutter Natur sorgte gut für ihre Schützlinge und jedes Tier folgte brav seinen angeborenen Gewohnheiten,

Doch halt! Jedes Tier?

Da gab es ein übermütiges Eichhörnchen, das einfach nicht schlafen wollte. Offenbar war es noch nicht so weit. Es sprang munter von Ast zu Ast, raste an den verschneiten Baumstämmen rauf und runter, wälzte sich ausgelassen im Schnee hin und her oder schlug vor lauter Lebensfreude manchmal sogar lustige Purzelbäume. Eigentlich war das Eichhörnchen ein ziemlich quirliges Tierchen und alle Tiere im Wald hatten es gern, weil es so lieb und putzig aussah.

Eine kleine Maus, die gerade aus ihrem verschneiten Loch schaute, sah das quirlige Eichhörnchen draußen herumtollen und fragte mit piepsender Stimme: „Was ist mit dir los, Eichhörnchen? Du bist noch wach? Warum gehst du nicht schlafen wie die anderen Tiere auch, die ihre Winterruhe oder ihren Winterschlaf brauchen?“

Das braunrot gefärbte Eichhörnchen hielt abrupt inne, sah die graue Maus verdutzt an und lachte noch im gleichen Moment los.


„Hahaha!“ rief es. „Was soll diese dumme Fragerei, mein kleiner Freund? Ich hab’ mich schon längst auf den Winter vorbereitet und viele Nüsse gesammelt. Sie liegen überall versteckt im weichen Waldboden. Ich brauche sie nur zu suchen und wenn ich sie gefunden habe, grabe ich sie wieder aus. So einfach ist das! Ich muss nicht hungern, denn ich finde meine vergrabenen Nüsse immer wieder, weil ich eine sehr gute Nase habe. Außerdem macht mir das Suchen viel Spaß. Das ist meine einzige Unterhaltung im Winter“, sagte das Eichhörnchen zur Maus, tollte einfach weiter auf den Bäumen herum oder jagte lose herumliegenden Blättern nach, die vom kalten Wind getrieben über die harsche Schneedecke rutschten.

„Trotzdem solltest du dich ausruhen und schlafen gehen“, antwortete die Maus nachdenklich und verschwand wieder unter die Erde, wo sie sich eine kleine, aber warme Höhle eingerichtet hatte.

Doch das Eichhörnchen gab jetzt erst recht keine Ruhe. Es war einfach nicht gewillt, in seinen schützenden Kobel zurück zu gehen, wo es seinen nötigen Schlaf in Ruhe und Geborgenheit hätte angenehm verbringen können. Selbst dann noch, als es am späten Nachmittag immer kälter wurde und der klirrende Frost den Waldboden hart wie eine Betonplatte werden ließ, konnte man das Eichhörnchen noch draußen im tiefsten Schnee herum flitzen sehen.

Schließlich wurde es draußen dunkel. Zusätzlich heulte ein eisiger Wind durch die kahlen Äste der Bäume und der Himmel war mit dicken Schneewolken angefüllt.

Aber das Eichhörnchen hatte noch immer nicht genug. Es tollte weiterhin herum und kümmerte sich nicht die Bohne darum, wie kalt und ungemütlich es draußen mittlerweile geworden war. Erst als es heftig zu schneien begann und vor lauter Schneeflocken nichts mehr sehen konnte, wollte es zurück in sein warmes Nest, das hoch droben in einer großen, mächtigen Tanne untergebracht war. Dort oben war es vor allen Gefahren in Sicherheit.

Aber plötzlich knurrte der Magen des Eichhörnchens.

„Ach was, das ist doch kein Problem für mich. Ich suche noch schnell ein paar Nüsse und schlage mir den Magen damit voll. Dann lege ich mich schlafen und verlasse mein Nest erst wieder, wenn es aufgehört hat zu schneien und die Sonne scheint“, sagte das Eichhörnchen zu sich selbst und kletterte von seinem Baum.

Doch der Boden war schneebedeckt und hart wie Stein. Das Eichhörnchen versuchte verzweifelt überall seine Vorratsplätze zu finden, aber schon bald musste es einsehen, dass es keine Chance hatte an sein vergrabenes Futter heran zu kommen.

Traurig und zitternd vor Kälte irrte es nach seinen Nüssen suchend im dunklen Wald herum.

„Was soll ich jetzt bloß machen? Wenn ich nicht bald etwas zu fressen finde, werde ich verhungern und elendig erfrieren“, jammerte das Eichhörnchen.
Sein schöner, buschiger Schwanz war schon ganz nass und schmutzig geworden. Schlaff und kraftlos lag er im Schnee und das sonst so quirlige Pelztierchen sah schon das Ende nahen.

Noch einmal schreckte es hoch. War da nicht ein Geräusch gewesen? Dann hörte es plötzlich eine zarte Stimme, die irgendwo aus dem Schnee kam.

„Hey Eichhörnchen!“ sagte das liebe Stimmchen. „Wenn du nicht bald zu mir kommst, wirst du bestimmt hier draußen in der kalten Nacht erfrieren. Ich weiß auch, dass du kein Futter findest, um deinen Hunger zu stillen. Noch hast du genug Kraft, um dich zu mir durch den Schnee zu graben. Fang am besten gleich damit an, bevor es dafür zu spät ist!“

Weil das Eichhörnchen genau wusste, dass es sich nicht mehr zurecht fand, folgte es einfach der Stimme und fing bald an zu graben. Schon bald gelangte es an eine kleine Holztür, die von dicken, knorrigen Baumwurzeln umwuchert war. Jemand öffnete sie von innen. Das Eichhörnchen schlüpfte hindurch und stand bald in einem gemütlichen Zimmer. Ein Feuer brannte im Kamin und davor saß ein kleiner Zwerg mit einer roten Zipfelmütze.

„Ich habe von einigen Tieren gehört, dass du da oben im Wald herumgeirrt bist. Es war dumm von dir, so spät nach dem Futter zu suchen. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand gerne den ganzen Tag draußen im Schnee herumtollt, aber ein bisschen aufpassen solltest du schon auf dich und darauf hören, was andere dir zu sagen haben. Die Maus hat es ja nur gut mit dir gemeint. Du hättest besser auf sie hören sollen! Aber was soll’s? Es ist nicht mehr zu ändern. Komm her und wärme dich erst einmal am Kaminfeuer.“

Das Eichhörnchen nahm dankbar an und war schon bald warm und trocken.

Der Zwerg holte einen kleinen Sack voller Haselnüsse aus der Vorratskammer, öffnete ihn und die Nüsse rollten auf den Fußboden.

Eine Weile später, während das Eichhörnchen genüsslich aß, erzählte das Zipfelmützenmännchen seine Geschichte.

„Leider ist das hier nicht mein eigenes Zuhause. Ich habe mich wie du im Wald verirrt, als es heftig zu schneien begann. Aber ich kenne mich hier einigermaßen gut aus. Die Wohnung gehört einem Dachs. Der schläft jetzt aber tief und fest und hätte bestimmt nichts dagegen, dass wir bei ihm Unterschlupf gefunden haben. Vielleicht ist es sowieso besser, wenn wir den Winter über hier bleiben und abwarten, bis der Frühling kommt. Der Schnee wird bis dahin geschmolzen sein und du kannst mich auf deinem Rücken nach Hause bringen. Jetzt finde ich den weiten Weg im tiefen Schnee bestimmt nicht mehr zurück. Außerdem ist es draußen bitterkalt und wir Zwerge mögen die Kälte nicht besonders gern.“

„Mein lieber kleiner Freund! Ja, ich gebe zu, dass ich ziemlich dumm war“, sagte das Eichhörnchen und senkte beschämt den Kopf. „Wenn du mich nicht gerufen hättest, wäre ich wohl da draußen im eisigen Schnee elendig verhungert oder erfroren. Du hast mich gerettet. Ich stehe tief in deiner Schuld. Ich würde gerne hier bei dir bleiben und mit dir zusammen auf den Frühling warten. Der Dachs hat genug zu essen in seiner Wohnung. Ich könnte ja auch hin und wieder draußen nach Nüssen suchen.“

„Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn du hier bleibst“, sagte der Zwerg. „Ich freue mich über deine Gesellschaft. Allein wäre es mir sowieso langweilig geworden. Zusammen macht alles viel mehr Spaß.“

Das Eichhörnchen nickte mit dem Kopf, aß noch eine ganze Menge Nüsse, bis es richtig müde wurde. Augenblicklich fiel es in einen tiefen Schlaf. Auch der Zwerg ging bald zu Bett und zusammen schnarchten sie gemeinsam um die Wette.

Viele Tage und Nächte vergingen, bis der Zwerg eines Tages den Kopf durch die Tür steckte und rief: „Hurra Eichhörnchen! Wach auf! Der Schnee ist geschmolzen, die Sonne scheint und der Frühling ist da!“

Das Eichhörnchen rieb sich die Augen und verließ seine Schlafecke. Bald stand es draußen mit dem Zwerg vor der kleinen Holztür und beide schauten nach oben in einen wunderschönen blauen Himmel.

„Tatsächlich, der Frühling ist da“, jubelten die zwei, und die Freude war groß.

„Pack deine Sachen und setzt dich auf meinen Rücken. Ich werde dich sofort nach Hause bringen!“ sagte das Eichhörnchen zu seinem Freund, dem Zwerg.

Der kleine Zipfelmützenträger ließ sich das nicht zweimal sagen, holte seine Sachen und kletterte auf den Rücken des Eichhörnchens.

„Halte dich bloß gut fest!“ rief es dem Zwerg noch mit lauter Stimme zu, erklomm in Windeseile den nächsten Baum bis in die Krone, und schon ging es flugs von einem Ast zum nächsten.

Der Zwerg kniff vor lauter Angst die Augen zu und hielt sich mit aller Kraft am Fell seines Freundes fest. Als er zwischendurch für einen kurzen Moment die Augen wieder öffnete, sah er die weite Landschaft unter sich. So etwas hatte er in seinem ganzen Leben als Zwerg noch nicht gesehen. Zu seinen Füßen erstreckten sich hohe Berge, glitzernde Seen, breite Flüsse, auf denen alle möglichen Boote fuhren. Es gab große Wälder und weite Felder, die von fleißigen Bauern bestellt wurden.

Auf einmal jubelte der kleine Zwerg.

„Da, Eichhörnchen! Da unten ist mein Zuhause! Ich kann es ganz genau sehen! Und so was! Da sitzt ja meine Frau auf der Terrasse und lässt sich von der Sonne wärmen. Ich muss sofort zurück zu ihr! Sie hat sich bestimmt schon große Sorgen um mich gemacht“, rief er aufgeregt und deutete mit der rechten Hand auf ein Häuschen am Ende eines tiefen Tales mit vielen Bäumen, die dicht an dicht standen.

Als die beiden endlich das Häuschen erreicht hatten, war die Freude groß. Herr und Frau Zwerg fielen sich sofort in die Arme und drückten sich ziemlich lange ganz lieb.

„Ich freue mich, dass du wieder da bist“, sagte Frau Zwerg und blickte ihren Zwergenmann glücklich in die Augen. „Wo warst du die ganze Zeit?“ fragte sie ihn schließlich.

„Mein Freund das Eichhörnchen und ich waren den ganzen Winter über zusammen. Wir beide verirrten uns bei einem Schneegestöber im Wald und fanden Unterschlupf bei Herrn Grimbart, dem Dachs. Als es endlich wieder Frühling wurde, nahm mich Eichhörnchen auf seinen Rücken und brachte mich nach Hause. Ja, ich bin ziemlich froh darüber, einen so guten Freund gefunden zu haben.“

„Wir haben noch viele Nüsse im Keller“, sagte Frau Zwerg freundlich. „Wir laden Eichhörnchen ein, mit den Tieren des Waldes ein großes Frühlingsfest zu feiern. Auch die übrigen Zwerge werden kommen und dabei sein. Dann könnt ihr ihnen eure Geschichte erzählen, die ja noch mal gut ausgegangen ist.“

Das Eichhörnchen senkte den Blick und sagte: „Ich werde bestimmt nie wieder so dumm sein, wie im letzten Winter. Ich habe dazu gelernt und werde mich in Zukunft anders verhalten. Doch lasst uns jetzt alle unsere Freunde einladen, damit das Frühlingsfest bald beginnen kann.“

Einige Tage später.

Die Tiere des Waldes hatten sich bei der Familie Zwerg eingefunden und feierten ein lustiges Frühlingsfest bis tief in die späte Nacht hinein. Es ging ziemlich hoch her. Auch die vielen anderen Zwerge waren gekommen. Man konnte es gar nicht fassen, dass es von ihnen so viele gab.

Und wenn ihr mich jetzt fragt, liebe Kinder, wo sich das denn alles zugetragen hat, diese kleine Geschichte vom Eichhörnchen und dem Zwerg, dann kann ich euch nur wahrheitsgemäß darauf antworten: „Im Land der Fantasie, das es in jedem von uns gibt. Ihr müsst nur die Augen schließen und anfangen zu träumen...“


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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