Gertraud Widmann

Hamstern oder betteln?

Als ich neulich den Artikel "Hamster-Chinesen bringen uns die
Babymilch
-Krise"
... in einer Tageszeitung las, fiel mir das Wort
"Hamstern" ganz besonders auf. Heute bedeutet es ja: "Vorräte
beschaffen, über den eigenen Bedarf hinaus anhäufen". Aber in der
Nachkriegszeit, da kam Hamstern dem "Betteln" gleich.
Und sofort musste ich an meine Mutter denken. Mein Gott, wie oft
hat sie uns erzählt, wie sie damals mit meinem Bruder (2) und mir
(5) zum Hamstern gefahren ist ...
   Im Herbst 1946 war die Versorgungslage sehr schlecht, um nicht
zu sagen "hundsmiserabe"“. Durch öffentliche Aushänge und übers
Radio wurde an den Wochenenden bekannt gegeben, welche Waren
man in der kommenden Woche kaufen könnte. Allerdings hatte man
zuvor die Rationen, die man auf Lebensmittelmarken erhalten sollte,
extrem gekürzt!
*Ein Normalverbraucher bekam pro Tag bloß noch 650 (!) Kalorien
- etwa ein Fünftel dessen, was ein Mensch zum Leben braucht -
pro Woche zum Beispiel 1778g Brot, 2l Magermilch, 10g Fett, 222g
Fleisch und 25g Kaffee-Ersatz.*
* Über Wikipedia ermittelt.

Eine schlimme Zeit war`s schon - damals. Aber wenn ich es genau
betrachte, hungern mussten wir eigentlich nicht, weil in puncto
Essen ist den Eltern immer etwas "eingefalle". Mein Vater, der zum
Beispiel in dieser Zeit meistens als Tagelöhner arbeitete, weil seine
eigentliche Arbeitsstätte, das Münchner Residenz Theater, noch in
Schutt und Asche lag (wurde erst zwischen 1949 und 1951 wieder
aufgebaut), hängte schon mal einen Zettel an die Haustür: "Tausche
Trachtenjoppe (Jacke) gegen fünf Pfund Mehl"!
Unsere Mutter, die abends oft zum Putzen ging und frühmorgens für
eine Bäckerei unterwegs war, um den "Hochherrschaftlichen" - wie
sie nannte - Stoffsäckchen mit frischen Semmeln an die Türen zu
hängen, fuhr halt dann ab und zu zum Hamstern. Das war damals
zwar verboten und wurde streng bestraft, aber was sollte sie denn
machen?

Und so packte sie eines Tages meinen Bruder in den Kinderwagen,
legte vorne ein Brett quer drüber, setzte mich drauf - und los ging`s.
   Zuerst folgten ein fasr halbstündiger Fußmarsch zum Münchner
Hauptbahnhof und anschließend eine lange Fahrt mit eBummelzug
und  Omnibus bis in den Bayerischen Wald. Die restlichen drei, vier
Kilometer bis zu Mutters Heimatort mussten wir zu Fuß zurücklegen.
Weil`s andauernd bergauf ging, musste ich leider meinen "Hochsitz"
verlassen und auch zu Fuß gehen! Auf alle Fälle, dort in dem kleinen
Dorf "Messnerschlag", direkt an der Tschechisch/ Österreichischen
Grenze, wollte unsere Mutter Nahrungmittel "hamstern".

Ihr Elternhaus, das war ein kleiner Bauernhof mit ein paar Hühnern,
2 Ziegen und einer Kuh, der von meinen Gr0ßeltern bewirtschaftet
wurde. Unterstützt wurden sie dabei von ihrem jüngster Sohn Willi.
Dem hatte man kurz vor Kriegsende den Unterkiefer zerschossen,
weshalb er frühzeitig aus der Gefangenschaft entlassenworden war.
   Da sich dieser kleine Bauernhof am anderen Ende des Dorfes
befand, mussten wir auf dem Weg dorthin an allen Häusern vorbei ...
Wie ein Spießrutenlauf muss das für meine Mutter gewesen sein.
Denn alle kannten sie hier, waren mit ihr aufgewachsen und zum Teil
mit ihr zur Schule gegangen.  Und ausgerechnet sie - die in jungen
Jahren dem Dorf den Rücken gekehrt hatte, nach Berlin gegangen
war und später in München geheiratet hatte - ausgerechnet die kam
jetzt als "Bittstellerin"zurück. 
   Schließlich hatten wir`s geschafft. Die Oma und Onkel Wili warteten
schon vor der Tür. Alle umarmten sich, mein Bruder im Kinderwagen
wurde geknuddelt und ich ein ums andere Mal hoch gehoben. Nur gut,
dass mein Opa nicht daheim war, denn der konnte kleine Kinder "ums
Verrecken" nicht ausstehen - soll er einmal gesagt haben. Ud das hat
sich bis zu seinem Tod auch nicht geändert.
    Ich weiß es zwar nicht mehr, aber sicher gab es dann "Krautsuppe"
(ein verwässertes Sauerkraut mit Schnittlauch). Dazu ein Stückchen
Geräuchertes und Bauernbrot. Das gab`s nämlich später, als wir dort
unsere Ferien verbrachten, auch fast täglich. Nach der Brotzeit warf
sich unsere Mutter den großen, alten Rucksack ihres Vaters über die
schmalen Schultern und machte sich schweren Herzens auf den Weg
zu den umliegenden Bauernhöfen. Tapfer ging sie vpn Haus zu Haus
und um etwas Zucker, Mehl und sonstige Lebensmittel zu bitten - zu
"erbetteln" ...

Sie bekam überall eine Kleinigkeit, auch von den allerärmsten Bauern,
den sogenannten "Kleinhäuslern" und wenn`s auch nur ein Krautkopf,
eiin paar Kartoffel, oder ein halbes Brot gewesen war. Keinem dieser
Menschen kam auch nur ein abfälliges Wort über die Lippen. IGanz im
Gegenteil, sie umarmten meine Mutter und klopften ihr aufmunternd
auf die Schulter.
Nur - und das wurmte meine Mutter viele Jahre später immer noch -
beim größten und reichsten Bauer des Orts hörte sich das so an:
   »Du liaba Gott, des is ja net zum glaubn, geht`s eich denn wirklich
so schlecht in Minga (München)? « fragte die Bäuerin scheinheilig.
Dann ging sie in die Kuchl. »Da schau her Rosa, da hast a Oa (Ei),
pfüd di nacha! « dann schloss sie die Tür.
Was? Ein einziges Ei? Vom reichsten Bauern? Sie hätte das Ei zwar
am liebsten an die Tür geworfen, aber man muss Gott für alles danken.
Fix und fertig und mit verweinten Augen, kam sie spät abends zurück,
freute sich aber dann doch über den recht gut gefüllten Rucksack und
den kleinen Kissenbezug (!) mit Mehl!

Am nächsten Tag machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause.
Damit sie nicht so schwer würde tragen müssen, hatte Mutter schon
mal einen großen Teil der Sachen - bis auf das Ei, logisch - zuunterst
in den Kinderwagen gepackt. Dann kam die Matratze und mein Bruder
oben drauf und zuletzt, vorne quer darüber, wieder "mein" Brett. Als ich
oben saß, bauschte sich hinter mir das Bettchen gewaltig auf und mein
Bruder lag so wie die "Prinzessin auf der Erbse" in dem gleichnamigen
Märchen von H. C. Andersen.
   Derart aufgepackt kamen wir drei schließlich wieder am Münchner
Hauptbahnhof an - und da wimmelte es nur so von Polizei. Denn wie
gesagt, "Hamstern" war in der Zeit strengstens verboten, weshalb alle
Ankommenden penibel dahingehend kontrolliert wurden - so auch wir.

Der Polizist, der uns überprüfte, muss aber ein ganz besonders netter
Mensch gewesen sein. Zuerst begutachtete er mit Kennerblick diesen
Kinder wagen mit  "Kutschboc". Dann klopfte er auf das Bett -  patsch,
patsch, patsch - und genau in diesem Moment muss das Mehl-Sackerl
aufgeplatzt sein, denn auf beiden Seiten stoben kleine weiße Wölkchen
heraus! Der Beamte schüttelte den Kopf, man sah ihm direkt an, dass
er krampfhaft überlegte. Dann verzog er sein Gesicht zu einem breiten
Grinsen.
   »Ja du liaba Himme, des Buzzerl hat aber "staubige" Windeln an! «
Dann tippte er zum Gruß - immer noch schmunzelnd -  an seine
Dienstmütze und winkte uns durch. Niemehr wieder sind wir so schnell
durch den Münchner Hauptbahnhof gerannt …

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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