Hans-Jürgen Rüstau

Stammtischzeit


Ja, die Zeit war wie im Fluge vergangen. Wir hatten die gesamte Woche
gedürstet,die Erfahrungen, welche wir in den vergangenen Tagen mit den
lieben Frauen gesammelt hatten,so richtig schön am Stammtisch breit zu
tratschen.
Aber, dass ist ja am Ende ein wenig falsch ausgedrückt. Frauen tratschen,
Männer würden das niemals tun.
Sie würden höchstens ein ganz klein wenig über die in diesem Zusammenhang
bestehende Probleme diskutieren und nach gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten
suchen.


Es ist Freitag Abend
Stammtischzeit.
Der Karl-Heinz,
der Hans-Dieter,
der Klaus-Dieter
und ich
sind für tiefgründige Diskussionen bereit.
Wir reden über Frauen,
Männer, die sich nach Liebe sehnen,
sich doch so gern an eine breite Frauenschulter lehnen.
Testen das eine oder andere Bier.
Wo können wir Mensch sein?
Unter uns Männern allein?
In unserer Lieblingskneipe hier!
Stammtischzeit.
Stunden später ausgelaugt und breit.

Wir waren doch wirklich vier gut aussehende Wonneproppen, stellte ich
wiederum in einem durch die Runde kreisenden Blick fest.
Karl-Heinz hatte einen langen ausgeleierten Rollkragenpullover mit
Karomustern an.
Den trug er meiner Ansicht nach schon bei unseren frühen Diskussionsrunden
im Studentenclub vor mehr als dreißig Jahren.Qualität hat halt Bestand.
So ist das mit Pullovern, wie auch mit Frauen.
Sie brauchen nach einigen Jahren mal wieder eine Auffrischung, obwohl sie
ängst ausgewechselt werden müssten.
Dieder brachte uns die erste Runde Bier und erzählte auch gleich warum er
den ungewöhnlichen Namen innehatte.
Seine Mutter wusste kurz vor der Geburt noch nicht, ob es ein Die
oder ein Der werden würde und so nannte sie ihn kurz entschlossen Dieder
und so blieb es dann auch bei diesen Namen.
Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es heute auch noch nicht und schaute ihn
kritisch über den Brillenrand an.
Er lachte verlegen und sagte, das diese Runde aufs Haus geht.
Na dann runter mit dem Scheiß, brüllten wir übermütig und jagten den
kurzen gelben Strom in uns hinein.
Karl-Heinz ließ von allen hörbar einen kräftigen Rülpser los und nörgelte
auch gleich wieder. „Seit den Tagen, wo ich sagte ich bleibe zu Hause,
da Brigitte nun einmal einen gut bezahlten Job hatte, seit dem hat sich
in meinem Leben so viel verändert. Frauen sind ja so unordentlich, lassen
überall und alles irgendwo herum liegen und der Blöde muss es dann
wieder wegräumen. Erst gestern habe ich fünf Strumpfhosen in der Wohnung
verteilt gefunden und in die Wäsche gelegt“.
„Da haste bestimmt ooch meene gefunden“, warf Hans-Dieter ein und alle
schauten ihn erstaunt an.
Keiner wollte aber eine nähere Erklärung von ihm haben, denn wir wussten
ja, Hans-Dieter war manchmal ein wenig seltsam.
So beließen wir es bei dem Einwurf und wanden uns lieber wieder der
Schlampigkeit der Frauen zu. Ich hatte auch festgestellt, wenn ein derartiges
Geschöpf mal meine Wohnung aufsuchte oder gar darin nächtigte, hatte ich
meine Probleme sofort auf dem Tisch.
Wenn sie mal die Pipibox benutzten, klappten sie den Klodeckel nicht runter,
sie machten keine Zahnpastatube wieder zu und überall standen dann auf einmal
leere Bierflaschen rum.
Bei mir standen nicht einmal irgendwo volle.
Sie hatten gar keine Chance dazu.
Alle pflichteten mir bei, denn so etwas ähnliches hatten sie auch schon erlebt.
Frauen, sagten wir dann kopfnickend, Frauen, kennst du eine, kennst du alle.
Klaus-Dieter, der perfekte Hausmann, sagte, wenn er zu seiner Heidemarie kommt,
dann muss er erst einmal Fenster putzen, Staub saugen und Staub wischen.
Hör doch auf, sagte ich. Wenn du nur einmal nicht nur zur Heidemarie kommen
würdest, sondern einmal mit ihr, dann würde sie bestimmt diese Aufgaben gern
auch allein übernehmen.
„Das stimmt gar nicht“, rief Klaus-Dieter völlig aufgelöst, „ich mache
das doch gerne für Heidemarie, da bleibt dann immer keine Zeit mehr für das
andere!“
Wie er das schon sagte, für das Andere. Als wenn Sex das Andere wäre.
„Sex ist halt Sex und Putzen ist Putzen und Punkt, sagte ich darauf hin und
fügte hinzu, „poppe mal mit ihr und ihr ist völlig egal wie die Wohnung
aussieht“ .
So sind sie nun mal, die lieben Frauen, sie müssen nur in Bewegung gehalten
werden.
Da kommen sie nicht auf dumme Gedanken.
Klaus - Dieter gab sich aber noch nicht geschlagen. Außerdem, unternehmen
wir ja sehr viel gemeinsam.
Wir fahren oft zusammen einkaufen oder ich laufe mit Heidemarie zur Tank-
stelle, um unsere Biervorräte wieder aufzufüllen. Sie lächelt dann immer
sehr glücklich, ihr Blutkreislauf kommt so richtig in Wallung und sie ist
zufrieden.
Also, mein Blutkreislauf kommt, wenn ich mit meiner Herzensdame einkaufen
gehe auch so richtig in Wallung, vor allem, wenn ich bezahlen muß.
Und außerdem, Heidemarie sollte nicht nur zufrieden sein, vielleicht auch
einmal befriedigt werden.
Das hatte aber jetzt so was von gesessen.
Klaus - Dieter war platt und sagte keinen Ton mehr.
Jedenfalls die nächste Viertelstunde.
Ich nahm den Gesprächsfaden wieder als erster auf.
Einkaufen und das mit Frauen.
Eine Tourtour ohne Gleichen, ein Erlebnis der besonderen Art.
Vorgemerkt, wir Männer gehen ja einkaufen, wenn wir etwas dringend
benötigen, aber für Frauen ist ja der Einkauf eine Art Ersatzorgasmus.
Sie zwängen sich mit bragialer Gewalt in die Konfektionsgröße Achtunddreißig,
obwohl sie wissen, daß die Vierzig noch geschmeichelt wäre.
Alle Belehrungsversuche durch das Verkaufspersonal sind zwecklos, denn
ihrer Meinung nach hat gestern in einem anderen Geschäft noch die
Sechsunddreißig gepaßt. Es muß also an diesem Geschäft liegen.
Ich sehe mich bei dem Wort Einkaufen schon schwitzend durch die Gänge
von Konfektionsgeschäften rennen und ein Kleidungsstück nach dem anderen zur
in der Kabine stehenden Frau schleppen. Von ihr sieht man eh nur den Kopf
aus dem Vorhang herausragen und das Mienenspiel zeigt mir, ob ich richtig
oder falsch mit meiner Auswahl liege und ich weiß, daß ich oder die arme
Verkäuferin das alles wieder zurück bringen muß. Eine Horrorvorstellung und
bei mir, wie auch bei den anderen drei Herren kullerten die Schweißtropfen
die verlängerte Stirn herunter.
Sie litten mit mir.
In ihren Köpfen spielten sich wahrscheinlich ähnliche Horrorszenarien ab
wie bei mir.
Aber ich bin ja schon wesentlich cooler geworden. Erst letztens war ich
mit so einer Zauberfrau zum Schuheinkauf.
Das ist natürlich dann die absolute Steigerung in den Einkaufsformen
der Neuzeit. Stunden in schlecht gelüfteten, nach Fußschweiß riechenden
Geschäften zubringen. Eine Strafe, noch vor Freiheitsentzug, denn den
hat der gebundene Mann ja schon.
Ich habe da eine ganz neue Methode gefunden, wie sich dies ertragen läßt.
Erst einmal stießen wir zum zigsten male an und dabei fühlten wir uns
ganz wohl und nicht einmal von den Frauen allein gelassen.
Zurück zum Schuhkauf. Sofort nach Eintreffen in diesem Konsumtempel setzte
ich mich auf einem Stuhl inmitten des Verkaufsraumes, lehnte mich zurück
und entspannte mich sichtbar. Frau nahm Besitz von den Lederschätzen im
Geschäft. Sie kam dann hin und wieder aus einem der zahlreichen Gänge
angerannt.
Das spannende daran war, die Möglichkeit, wie sie sich mir näherte und
wie sie meine Aufmerksamkeit zu erregen versuchte.
Einmal auf Socken, dann wieder mit einem alten Schuh an den einem Bein,
einen neuen an dem anderen. Zwei neue Schuhe an und noche inen in der Hand.
Meine Aufgabe bestand nur darin, kritisch zu gucken und zu nicken oder den
Kopf zu schütteln und das ging bei aller Entspanntheit noch sehr gut.
Am Ende hat sie dann sowieso Schuhe gekauft, die sie gar nicht benötigt
und schon Dutzende Paar zu Hause rumstanden.
Aufregen werde ich mich dabei aber nicht mehr, denn das würde Mann ja
ohnehin nicht
Ändern, denn Schuhkauf liegt in dieser Form in den weiblichen Genen.
Alle nickten nach meinen dieses mal etwas längeren Ausführungen und
fingen an darüber nachzudenken.
Hans - Dieter hatte dabei seine Stirn, um richtig tiefgründig nachzudenken,
auf das Bierglas gelegt und die Augen geschlossen.
Karl - Heinz hatte seinen Rollkragenpullover um eine Nuance Senf verbessert,
was ihm noch unwiderstehlicher machte, natürlich nur für Bockwürste.
Klaus-Dieter wollte seiner Heidemarie am Morgen gleich einen Kuchen backen.
Ich dachte mir nur, hoffentlich bekommt er auch mal was anderes gebacken und
sagte laut, „schiebe deinen Kuchen ruhig mal in die heiße Röhre, Heidemarie
wird sich bestimmt freuen!“.
Ich glaube aber, der Depp hat das noch immer nicht begriffen, denn er
sagte: „Ich werde eine Obsttorte machen, den Boden habe ich noch fertig da
und da ist alles erfrischend kalt.“
Da fällt einen nichts mehr ein!
Hans-Dieter war von seinem Bierglas erwacht, hatte noch den Ring und Schaum
auf der Stirn und sagte: „een vertel Kuchen tätsch abber ooch nehm!“
Bloß gut, daß kein Wessi in der Kneipe war, denn der hätte am Ende gar nicht
gewußt wieviel von dem Kuchen er bekam.
So ist nun aber das Leben, am Ende waren wir wirklich auch am Ende und
lösten für diesen Freitag endgültig unseren Stammtisch auf und vier Gestalten
von männlicher Schönheit, so werden es später einmal die Analen berichten,
wankten nach Hause und bekamen an diesem Tage garantiert nichts mehr in die
Reihe.
Das mußten sie aber auch nicht, denn alle wußten ja, es war Stammtischzeit.


© by hajürü 2003

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.07.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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