Heinz-Walter Hoetter

Was wurde aus John Taylor, dem Häftling Nr. 13?

John Taylor war ein brutaler Mörder, den ein Oberstes Gericht seinerzeit zum Tode durch den elektrischen Stuhl verurteilt hatte.

Er lag schon seit den frühen Morgenstunden wach auf seiner harten Zellenpritsche, dachte über sein vergangenes Leben nach und starrte dabei mit leerem Blick unentwegt nach oben an die weißgetünchte Decke.

Seit fast zwei Jahren wartete er nun schon in dieser engen Todeszelle auf seine Hinrichtung, die man eigentlich unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Urteils an ihm vollstrecken wollte, doch der festgesetzte Hinrichtungstermin wurde kurzfristig abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Die eigentlichen Gründe dafür hatte der Todeskandidat Taylor nie erfahren.

Das lange Warten auf die Hinrichtung zerrte bald mehr und mehr an seinen Nerven und es gab Tage, an denen er lieber tot als lebendig gewesen wäre. Doch es existierte da noch ein letzter Funken Hoffnung, der ihn nicht gänzlich verzweifeln ließ, sondern für Taylor vielmehr Anlass und Ansporn dazu war, an seinem Leben eisern festzuhalten.

Allerdings schien es diesmal mit seiner Exekution wirklich soweit zu sein.

Als die Gefängnisleitung den neuen Termin seiner bevorstehenden Hinrichtung allgemein bekannt gab, führte das bei ihm dazu, dass er völlig ungewollt von einer gewissen inneren Unruhe erfasst wurde, die mit jedem zusätzlichen Tag in der schrecklichen Todeszelle weiter zugenommen hatte.

Nein, er wollte nicht sterben, jedenfalls nicht hier auf dem elektrischen Stuhl dieses allseits berüchtigten Gefängnisses. Deshalb wollte er jetzt alles auf eine Karte setzen, um seine einzige Chance zu nutzen, die ihm die Möglichkeit dazu bot, sein Leben tatsächlich selbst retten zu können.

Immer wieder kreisten seine Gedanken daher um die gleiche Frage: Würde sein Vorhaben, das er sich ausgedacht hatte, gelingen oder scheitern? Gelänge es ihm nicht, dann wäre er schon bald ein toter Mann, der sein stilles Geheimnis, das ihn als einziges noch vor dem elektrischen Stuhl hätte bewahren können, ungenutzt mit ins Grab nehmen müsste.

Neben der wachsenden Unruhe kroch zudem noch eine unbestimmte Angst in ihm hoch, die er dadurch zu unterdrücken versuchte, indem er sich nach Kräften einzig und allein nur auf die konsequente Durchführung seines wagemutigen Planes konzentrierte.

Plötzlich zuckte John Taylor zusammen. Jäh wurde er aus seinen tiefen Gedanken gerissen. Aus dem quadratischen Lautsprecher über der grauen Zellentür ertönte wieder einmal die unsympathische, seltsam blecherne Stimme des Gefängnisdirektors Mr. Adam Comberland.

"John Taylor! Jetzt heißt es aufstehen. Ziehen Sie sich die bereit gelegte Gefängniskleidung an! Wenn Sie damit fertig sind, bringt ihnen danach einer der Wärter wie vereinbart die gewünschte Mahlzeit. Unser Koch hat sich extra für Sie noch einmal so richtig ins Zeug gelegt. Ich hoffe daher, dass ihnen das letzte Essen hier bei uns wirklich gut schmecken wird. Nun, Sie haben ab jetzt noch genau eine Stunde und fünfzehn Minuten bis zur Hinrichtung. Nutzen Sie die Zeit, um sich darauf entsprechend vorzubereiten. Nach dem Essen kommt Pater Brown zu ihnen, den Sie persönlich für ein letztes Gespräch zu sich bestellt haben. Er wird Sie außerdem, so lange es geht, persönlich begleiten und während der Hinrichtung dann im Zuschauerraum Platz nehmen. Nachdem der Gefängnisarzt ihren Tod zweifelsfrei festgestellt hat, wird ihre Leiche auf dem hiesigen Gefängnisfriedhof beerdigt. Sollten Sie noch irgendwelche persönlichen Fragen haben, dürfen Sie die direkt an den Geistlichen stellen. Die ihnen zugeteilten Wärter haben allerdings striktes Redeverbot. Damit ist von Seiten der Gefängnisleitung erst mal alles gesagt worden..., Taylor. Die Durchsage ist hiermit beendet!"

Ein kurzer, knackender Ton deutete darauf hin, dass der Lautsprecher permanent abgeschaltet wurde.

John Taylor erhob sich schwerfällig von der harten Pritsche und ging hinüber zum Waschbecken, wo er sich gründlich wusch. Dann zog er sich die frische Gefängniskleidung an, stellte sich geduldig vor die kleine Durchreiche der stählernen Zellentür und wartete auf sein letztes Essen, das wenige Minuten später kam. Ein mürrisch aussehender Gefängniswärter öffnete die Luke und schob es unfreundlich hindurch. Dabei würdigte er dem Delinquenten keines einzigen Blickes. Taylor konnte die offene Verachtung des Wärters gegenüber seiner Person förmlich spüren.

***

Das üppige Essen auf dem extra breiten Keramikteller sah wirklich gut aus. Es war heiß und dampfte noch ein wenig. Das Besteck aus Kunststoff hatte man in einer großen, weißen Papierserviette fein säuberlich eingewickelt. Der Koch musste sich tatsächlich noch einmal für ihn so richtig große Mühe gegeben haben, dachte Taylor.

Die frisch zubereitete Henkersmahlzeit, die extra nach seinen eigenen, persönlichen Wünschen zusammengestellt worden war, bestand aus vier großen Pellkartoffeln, einer schmackhaften Zwiebelsoße, einer Portion Feldsalat und einem kräftigen Rindersteak, das braun gebraten in der heißen Soße lag. Dazu gab es eine Flasche Wasser, die er noch in seiner Zelle stehen hatte. Behutsam trug er sein Essen hinüber an den schmalen Tisch, stellte es vorsichtig darauf ab und setzte sich auf den davor stehenden Stuhl, der aus Sicherheitsgründen fest am Boden verschraubt war.

Auf einmal hatte Taylor keinen richtigen Appetit mehr, als ihm der Gedanke seines bevorstehenden Todes in den Kopf schoss. Sein Magen schien plötzlich die Nahrung zu verweigern, als ahnte er auf irgendeine Art und Weise etwas von seinem bevorstehenden, unabänderlichen Schicksal. Trotzdem griff Taylor zu Messer und Gabel und aß einfach drauflos. Jetzt bloß nicht an den elektrischen Stuhl denken, sinnierte er und riss sich so gut es ging zusammen.

Nach etwa zwanzig Minuten war er mit allem fertig. Dann stellte er das gesamte Geschirr auf die breite Ablage der Durchreiche zurück und legte das verschmutzte Besteck oben drauf.

Nach einer Weile öffnete sich wieder die Durchreiche an der Zellentür und der gleiche mürrische Wärter von vorhin zog das schmutzige Geschirr demonstrativ eilig zu sich heran, stellte es auf eine rollende Ablage und machte sich schleunigst davon.

Keine zehn Minuten später vernahm man plötzlich draußen auf dem blankpolierten Fußboden des meist ruhig und still da liegenden Gefängnisganges das laute Geklapper vieler harter Schuhsohlen. Offenbar war eine Gruppe von Menschen im Anmarsch auf Taylors Todeszelle.

Mehrere uniformierte Männer erschienen bald vor der Zellentür. Einer von ihnen drückte auf einen versteckten Knopf an der gegenüber liegenden Wand, der sich in einer kastenähnlichen Vertiefung befand. Unverzüglich glitt Sekundenbruchteile später die stählerne Gittertür lautlos zur Seite.

Als sie offen stand, bezogen zwei ernst dreinblickende Wachmänner in schwarzen Uniformen, und mit schussbereiten Waffen ausgerüstet, wortlos neben der Zellentür links und rechts ihre Posten. Ein anderer Wachmann war draußen am Schließmechanismus der Gittertür stehen geblieben und beobachtete von dort aus mit Argusaugen das gesamte Geschehen.

Schließlich betrat noch ein kleiner, korpulenter Mann in einem schwarzen Talar als letzter die spartanisch eingerichtete Todeszelle. Er begrüßte den wartenden Häftling Taylor überaus freundlich und hielt ihm dabei die rechte Hand ausgestreckt zum Gruß entgegen. Schließlich stellte er sich höflich vor.

"Ich begrüße Sie, Mr. Taylor. Ich bin Pater Brown. Mir wurde von der Gefängnisleitung mitgeteilt, dass ich Sie als katholischer Geistlicher auf ihrem letzten Weg mit tröstenden Gebeten begleiten soll. Sie bitten außerdem um den Segen und den Beistand der Heiligen Kirche. Die unendliche Gnade des Allmächtigen Gottes wird jedem reuigen Sünder zuteil werden. der inständig darum bittet. Das wird Sie sicherlich trösten. Nun sprechen Sie frei und ungezwungen über alles, was ihr geschundenes Herz jetzt noch belastet. Ich habe absolute Schweigepflicht. Die Wachmänner werden diese Zelle hier sofort verlassen, wenn Sie es wünschen. Wenn wir beide alleine sind, können Sie in aller Ruhe ungestört ihre Beichte ablegen. – Ergreifen Sie nunmehr die angebotene Gelegenheit und befreien Sie ihre geschundene Seele von allem, worunter sie gewiss gelitten hat und bestimmt immer noch leidet. Der Moment ist gekommen um Buße zu tun, Bruder John Taylor!"

"Gewiss Hochwürden. Ich werde Buße tun, aber vorher möge man mir noch einen allerletzten Wunsch erfüllen. Es ist sehr wichtig für mich. - Sie müssen mir jetzt gut zuhören, Pater Brown! - Als ich vor knapp zwei Jahren hier ankam, wurden mir von der hiesigen Gefängnisleitung alle meine persönlichen Dinge abgenommen. Unter den konfiszierten Gegenständen befand sich auch ein goldener Ring mit einem großen roten Stein in der Mitte, den ich noch gerne einmal getragen hätte, bevor ich diese Welt für immer verlassen muss. Er stellt für mich ein höchst wertvolles Andenken dar. Ich habe diesen besonderen Ring, an dem ich so sehr hänge, von einem guten Freund aus längst vergangenen Tagen als Treuegeschenk erhalten. Sie müssen dazu wissen, dass ich mit diesem großartigen Menschen viele Jahre gemeinsam im Circus aufgetreten bin. Ja, er war ein wirklich großartiger Künstler, der die begeisterten Zuschauer durch seine unglaublich erscheinenden Zauberkünste immer wieder in echtes Erstaunen versetzen konnte. Viele Menschen glaubten daher, dass er ein richtiger Zauberer war. Doch plötzlich verschwand mein Freund und Partner ohne nähere Angaben von irgendwelchen Gründen. Wir haben ihn überall gesucht, aber weder die Polizei noch ich konnten ihn damals finden. Er blieb verschollen. Seltsamerweise hat er mir vorher den erwähnten Ring vermacht, den ich später zusammen mit einem kurz gehaltenen Abschiedsbrief von ihm auf dem Tisch meines Circuswohnwagens gefunden habe. Ich persönlich glaube, er hat seinem Leben wohl selbst ein Ende gesetzt. Auch die Polizei ging nach ergebnisloser Suche davon aus. - Bitte Pater Brown, gehen Sie doch zum Gefängnisdirektor und bitten Sie ihn darum, dass ich diesen Ring aus genannten Gründen noch ein letztes Mal in meine Hände nehmen darf. Außerdem erkläre ich hiermit, dass der besagte Ring zu mir in den Sarg gelegt werden soll, sozusagen als immerwährende Erinnerung an einen großartigen Freund, den ich so viele Jahre meines Lebens beruflich und privat begleitet habe. Ich wäre wirklich überglücklich darüber, wenn Sie das für mich noch vor meiner Hinrichtung bewerkstelligen könnten, Pater Brown."

"Ich habe vollstes Verständnis dafür, das Sie nach diesem schönen Andenken ihres ehemaligen Freundes ein so unendlich tiefes Verlangen haben. Unter diesen besonderen Umständen wird unser Gefängnisdirektor sicherlich nichts dagegen haben. Er handelt zwar immer streng nach Vorschrift, aber diesmal wird er eine Ausnahme machen, wenn ich ihm diesen besonderen Fall schildere. Er ist nämlich kein herzloser Mensch, wie ich weiß. Ich werde daher dafür sorgen, dass der Ring unverzüglich herangeschafft wird. Das dürfte wirklich kein Problem für mich sein, Mr. Taylor. Als Geistlicher habe ich großen Einfluss auf Mr. Comberland. Er ist außerdem mein persönlicher Freund. Ich werde ihn jetzt gleich nach unserem Gespräch in seinem Büro aufsuchen, damit auf seine Veranlassung hin der Ring den Weg zu ihnen findet. In weniger als fünfzehn Minuten bin ich wieder da. Dann setzen wir unser gemeinsames Bußgebet fort."

"Pater Brown, ich bin Ihnen zu allertiefstem Dank verpflichtet. Sie wissen ja gar nicht, wie unendlich glücklich Sie mich damit machen. Ich werde hier in meiner Zelle geduldig auf Sie warten und mich innerlich auf meinen letzten, schweren Gang vorbereiten."

"Ja, tun Sie das, Bruder Taylor! Nehmen Sie die Liebe Gottes im Angesicht des bevorstehenden Todes an! Er wird ihnen gnädig all ihre Sünden vergeben und ihrer gepeinigten Seele den ewigen Frieden schenken. Doch ich muss mich beeilen, sonst wird die Zeit knapp. Ich gehe jetzt zu Mr. Comberland persönlich und werde nicht ohne den besagten Ring zurückkehren. Das verspreche ich ihnen", erwiderte der Pater zuversichtlich und mit außerordentlich ernstem Gesichtsausdruck. Dann verschwand er kurz darauf aus der Todeszelle zusammen mit einem der wartenden Wärter, der ihn mit zum Gefängnisdirektor Mr. Comberland begleiten sollte. Das Gitter der Todeszelle wurde wieder geschlossen und die beiden Wachmänner stellten sich demonstrativ davor.

***

Nach einer Weile öffnete sich die Zellentür wieder.

Tatsächlich kehrte Pater Brown wieder wie versprochen zurück und hatte auch den goldenen Ring mit dem auffällig roten Stein in der Mitte freudenstrahlend dabei. Offenbar hatte es überhaupt keine Probleme mit Mr. Comberland gegeben, der das seltene Stück sogleich von einem Bediensteten seines Büros aus der Verwahrkammer heranschaffen ließ.

Vor den Augen der anwesenden Wachmänner übergab der Geistliche den seltsam rot leuchtenden Ring an den geduldig wartenden Delinquenten, der ihn mit Tränen im Gesicht entgegennahm und ihn eine Zeit lang wie hypnotisiert von allen Seiten betrachtete. Der rötlich schimmernde Stein auf dem Ring schien dabei irgendwie an Leuchtkraft zu gewinnen.

"Ein wunderschöner Ring mit einmalig außergewöhnlichen Kräften", sagte John Taylor plötzlich mit leiser, ruhiger Stimme und von einer tiefen Ehrfurcht ergriffen.

"Ich habe ihn so sehr vermisst. Nun ist er wieder in meinem Besitz. Ich werde ihn nie wieder hergeben."

Im gleichen Moment berührte er mit dem ausgestreckten Zeigefinger der linken Hand den äußeren Rand des mittlerweile blutrot gewordenen Steines und fuhr mehrmals kreisförmig darüber hinweg.

Dann geschah das Unfassbare, ja das Ungeheuerliche, woran niemand der hier anwesenden Personen in der Todeszelle auch nur im Traum gedacht hätte.

Der Häftling Nr. 13, John Taylor, verschwand plötzlich im Nichts, direkt vor den Augen eines völlig ungläubig dreinblickenden Pater Browns und den wie vor Entsetzen gelähmten Wachmännern, die einfach nicht glauben konnten, was sie soeben gesehen hatten. Die Männer blickten sich gegenseitig kopfschüttelnd und fassungslos an. Einer der total verwirrten Wachmänner schoss sogar vor lauter Schreck in die gegenüberliegend Wand der Todeszelle, sodass absplitternde Putzteile aus der Wand fielen und in einer Staubwolke zu Boden rieselten.

Kurz darauf gerieten Pater Brown und die Wachmänner in helle Panik. Sie stürmten in heillosem Durcheinander aus der Todeszelle nach draußen auf den Gang, wo sie schreiend den Generalalarm auslösten.

Als der Gefängnisdirektor Mr. Adam Comberland von dem unglaublichen Verschwinden des Häftlings Nr. 13 erfuhr, hielt er das anfangs für einen bösen Scherz, ließ aber dennoch gleich darauf in aller Eile den gesamten Todestrakt absperren und ordnete eine sofortige Verlegung aller anderen Häftlinge bis zur Aufklärung des mysteriösen Falles an, der allerdings schon kurze Zeit später von der obersten Justizbehörde der Regierung als absolute Geheimsache behandelt wurde, als man aufgrund von eingehenden Untersuchungen dahinter kam, was wirklich geschehen war. Das unglaubliche Vorkommnis widersprach nämlich allen bekannten Naturgesetzen.

Damit war allen klar geworden, dass Mr. John Taylor nie wieder auftauchen würde. Seine Hinrichtung wurde heimlich und in aller Stille wieder abgesagt. Die verbliebenen anderen Todeskandidaten verlegte man ohne großes Aufsehen nach und nach in andere Gefängnisse.

Ein paar Jahre danach ließ man das Gebäude mit den besagten Todeszellen auf geheime Anordnung des Justizministeriums einfach abreißen. Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Dann überzog man das gesamte Areal mit Humus und legte dort einen weitläufigen Rasen an.

Den Männern des beteiligten Wachpersonals hatte man lebenslang, unter Androhung hoher Strafen bei Verstoß dagegen, zur absoluten Geheimhaltung über das mysteriöse Geschehen verpflichtet und frühzeitig mit hohen finanziellen Abfindungsbeträgen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. So auch den Gefängnisdirektor
Mr. Adam Comberland. Alles lief im Geheimen ab. Nichts davon durfte jemals an die Öffentlichkeit dringen, was auch im Nachhinein betrachtet besonders gut gelang.

So geriet der Fall John Taylor bald in Vergessenheit.

Doch was wurde aus John Taylor, dem Häftling Nr. 13? Was geschah mit ihm nach seinem mysteriösen Verschwinden aus der Todeszelle an jenem Tag, der eigentlich sein letzter werden sollte?

Hier folgt das Ende seiner Geschichte.

***

Die Hitze war schier unerträglich. Die gesamte Landschaft glich einer verbrannten Wüste. Außerdem war alles so seltsam still. Es gab auch kein Leben an diesem Ort. Am fernen Horizont schien ein riesiges Feuer zu brennen, das weit in den wolkenlosen Himmel hinein ragte, wenn es denn überhaupt ein Himmel war.

John Taylor hielt den goldenen Ring mit dem roten Stein immer noch in der Hand. Dann sah er sich nach allen Seiten um und fragte sich, wo er eigentlich war.

Das muss ein böser Traum sein, dachte sich Taylor und versuchte ruhig zu blieben. Vielleicht doch nicht? Dieser Zweifel nagte an seinem Verstand. Deshalb berührte er wieder den Ring an der gleichen Stelle wie zuvor in der Todeszelle. Doch diesmal funktionierte die magische Kraft nicht. Das muss an diesem Ort liegen, dachte Taylor und geriet in Unruhe. Nochmals schaute er sich nach allen Seiten um.

Die Umgebung um mich herum sieht absolut echt aus. Ich kann alles berühren, den sandigen Boden, die schroffen Felsen und die ausgetrockneten, verdörrten Gräser zu meinen Füßen. Oder ist alles nur eine Illusion, die ich real erlebe?

John Taylor fühlte sich elendig, hilflos und schwach. Sein Magen rebellierte und ihm wurde plötzlich schwindlig. Die Kehle schmerzte vor Trockenheit, als hätte er Sand gegessen. Dann erbrach er sich mehrmals hintereinander. Das führte dazu, dass er Durst bekam.

Ich muss etwas zum Trinken finden, dachte er so für sich. Ich brauche unbedingt Wasser, sonst verdurste ich hier in dieser schrecklichen Wüste. Er marschierte halb besinnungslos geradewegs dem flammenden Horizont entgegen.

Plötzlich stand er ganz unvermittelt vor einer großen Palme. Eine Kokosnuss fiel im gleichen Moment herunter und klatschte geräuschvoll genau vor seine Füßen in den heißen Sand.

John Taylor bückte sich und hob sie verwundert auf. Dann warf er sie gegen einen harten Felsen, der direkt vor ihm aus dem Boden ragte. Aber die harte Schale hielt. Er warf noch einmal und noch ein drittes Mal. Doch die Kokosnuss platzte einfach partout nicht auf.

"Ich bin zu schwach. Meine Kräfte lassen nach", murmelte er halblaut vor sich hin und starrte auf das braune runde Ding in seiner Hand. Er konnte förmlich die süße Milch in der Kokosnuss schmecken. Das feste Fruchtfleisch dachte er sich, befände sich schon in seinem Mund. Taylor kaute plötzlich instinktiv auf den Zähnen herum, bis er merkte, dass alles nur reine Einbildung war. Es gab keine Palme und auch keine Kokosnuss. Alles nur eine schreckliche Täuschung, hervor gerufen durch die gnadenlose Hitze und einem grauenvollen Durst.

Dann nahm er plötzlich eine Gestalt wahr, die ihm irgendwie bekannt vor kam. Er blickte schließlich in das Gesicht der geheimnisvollen Person und erschrak bis ins Knochenmark. Es war sein ehemaliger Freund, der legendäre Zauberkünstler Marlin.
Er saß in einer schwarzen Richterrobe auf einem schroffen Felsen und hielt den goldenen Ring demonstrativ zeigend in der Hand.

Taylor betrachtete sofort seine Hände. Der Ring war nicht mehr da. Im gleichen Moment fragte er sich, wie lange sich Marlin wohl schon hier an diesem unheimlichen Ort aufhielt. Er hat mir zuerst den Ring abgenommen und mich dann bestimmt schon die ganze Zeit beobachtet. Ich verliere langsam den Verstand, dachte Taylor. In den dunklen Augen Marlins spiegelte sich eine glutrote Sonne, die es am Himmel gar nicht gab.

"Marlin, bist du es? Das kann nicht sein. Du bist doch tot. Ich weiß genau, dass ich dich damals umgebracht habe", kreischte Taylor ängstlich.

Die Antwort folgte auf dem Fuß.

"Tut man das seinem besten Freund an, Taylor, einfach so wie einen Hund erschlagen und dann in einen tiefen Brunnen werfen? - Ja, ich war verschwunden", antwortete Marlin mit tonloser Stimme, die anscheinend nicht seine eigene war, "aber ich bin wieder da, wie du siehst."

"Aber wohin bis du verschwunden? Warst du hier an diesen verdammten Ort? Was ist aus deinem Körper geworden? Er müsste doch schon längst verwest sein. – Und wo bin ich hier", fragte Taylor Marlin außer sich vor Entsetzen. Seine Stimme überschlug sich dabei vor lauter Angst.

"Du stehst vor den Toren der Hölle", erwiderte dieser ihm ungerührt. "Deine verfluchte Seele wird bald im ewigen Feuer schmoren. Mir wird das nicht passieren, denn ich werde gleich deinen Körper übernehmen und mit Hilfe des Rings wieder zur Erde zurückkehren. Ich wusste genau, dass du eines Tages kommen würdest. Der Ring hat dich zu mir geführt. Er hat alles eingefädelt."

"Nein!", schrie Taylor hysterisch. "Das ist ein Alptraum. In will nicht in die Hölle. Das kann und darf nicht sein! Du bist nicht real, Marlin. Ich habe dich erschlagen und in den kalten Brunnen geworfen. Kein Mensch kann das überleben!"

"Was du nicht sagst, Taylor. Du hast ja gar keine Ahnung, was mein Ring alles kann, auf den du so scharf warst. Dafür hast du mich getötet, du Mörder! Du und ich, wir waren mal die besten Freunde gewesen, aber du hast durch deine grenzenlos Gier nach der Macht des Ringes unsere Freundschaft für alle Zeiten zerstört. Du hast mich umgebracht, einzig und allein des Ringes wegen. Du bist in die Irre gegangen, du Narr. Was hättest du alles mit mir zusammen erreichen können! Leider hast du nichts, aber rein gar nichts verstanden, Taylor. Der Ring kommt immer wieder zu mir zurück. Er ist mein Eigentum bis in alle Ewigkeit. Aber für das, was du mir angetan hast, wirst du jetzt büßen müssen und bald in der Hölle schmoren, wohin ich dich schicken werde."

Marlin lachte plötzlich satanisch. Dann schwebte er wie ein Geist auf John Taylor zu, kam näher und näher und verschmolz schließlich mit seinem Körper, der nichts dagegen unternehmen konnte.

Dann trat Taylors Seele einen Augenblick später aus dem willenlos gewordenen Körper heraus und fiel als milchig weißer Widerschein seines alten Ichs in den heißen Wüstensand, wo sie jammernd und bitterlich flehend kraftlos liegen blieb.

"Lass' mich hier nicht alleine zurück“. Ich will nicht in die Hölle! Ich mache alles wieder gut. Hilf mir doch! Bitte habe Mitleid mit mir! Ich war doch mal dein bester Freund! So lass' Gnade walten, Marlin“" schrie die gepeinigte Seele Taylors schrill in entsetzlicher Panik. Dann wurde sie nach und nach wie von unsichtbarer Hand langsam in Richtung des brennenden Horizonts gezogen.

"Ach Taylor! Warum sollte ich einem Mörder helfen, der mich umgebracht hat? Weißt du eigentlich, dass selbst meine Seele nie die Macht über den Ring verloren hat und verlieren wird? Du hast mich erst getötet und mir danach auch noch den Ring gestohlen. Du Narr! Während du schliefst, löste er sich jedes mal unbemerkt von deinem Finger und suchte in den mondhellen Nächten nach meiner Leiche. Er fand sie schließlich in dem Brunnen und brachte sie hierhin in diese Zwischenwelt, wo sie nicht verwesen konnte. Auf diese Art und Weise blieb mir vorerst der Weg in die Hölle erspart, weil Tod und Teufel in dieser Sphäre keine Macht haben. Meine Seele hat sozusagen die ganze Zeit hier in meinem scheintoten Körper überlebt. Der Ring jedoch kehrte schließlich zu dir zurück. Dann brachte er dich geschickt mit dem Mord an einer stadtbekannten Hure in Verbindung. Du hattest plötzlich eines Nachts ihr Blut an den Händen, Taylor. Auch das tat der Zauberring für mich! Alle Welt glaubte daher, du seist der brutale Hurenmörder und wurdest kurz darauf von einem Gericht zum Tode verurteilt. Meine Rache an dir stand kurz vor dem Höhepunkt. Mit der Inbesitznahme deines Körpers durch meine Seele wird sie schließlich hier an diesem Ort vollendet. Die Dämonen des Teufels werden dich am Eingang zur Hölle gierig in Empfang nehmen. Sie streifen überall herum wie wilde Tiere auf der Suche nach quälbarer Beute. Deshalb verschwinde ich lieber von hier so schnell es geht. Man weiß ja nie, wozu diese fürchterlichen Viecher sonst noch fähig sind. Was bleibt mir also noch zu sagen Taylor? Ach ja, dein Körper gefällt mir. Ich fühle mich ziemlich wohl darin. Er wird für lange Zeit mein irdisches Zuhause sein, jedenfalls solange, wie ich den Ring trage. Er lässt mich sehr lange leben, vielleicht sogar eine Ewigkeit lang. Außerdem wird er deinen Körper nach und nach wieder in meinen zurück verwandeln und alle Erinnerungen an dich löschen. Nicht umsonst heißt er nämlich MARLINS RING."

Die hin und her zuckende Seele John Taylors rutschte derweil immer weiter weg von Marlin, dem Zauberkünstler aus dem Circus, dessen Seele jetzt mit Hilfe von Taylors Körper endlich wieder zur Erde zurückkonnte.

Ein letztes Mal blickte Marlin rüber zu seinem ehemaligen Freund, dessen verdammte Seele der Flammenwand immer näher kam.

Plötzlich tauchten einige Dämonen auf, die auf der andauernden Suche nach verlorenen Seelen in dieser glutheißen Gegend waren. Bald hatten sie die von Taylor entdeckt und machten sich sofort über sie her wie blutrünstige Wölfe über ihre hilflose Beute.

Marlin berührte schnell den roten Stein auf seinem goldenen Ring und verschwand im gleichen Moment noch aus der Zwischenwelt, als wäre er hier nie gewesen. Seinen eigenen Körper ließ er im untoten Zustand zurück – sozusagen für alle Fälle. Man kann ja nie wissen, was einem auf der Erde noch alles so passieren kann.

***

Irgendwo in einer großen Stadt gastierte ein glanzvoll heraus geputzter Circus. Als die erste Vorstellung begann, waren mittlerweile schon alle Plätze ausverkauft. Das Licht ging aus und das helle, konzentrierte Licht eines einzelnen Scheinwerfer erfasste einen bärtigen Mann, der mitten in der Manege stand.

Ja, es trat nämlich ein Zauberkünstler auf, der sich Marlin nannte und die unglaublichsten Zaubertricks auf Lager hatte, die alle Zuschauer auf der Tribüne in helle Begeisterung versetzte. Nach jeder Vorstellung wollten die Leute eine Zugabe nach der anderen von ihm, bis der Herr Circusdirektor ein Machtwort sprechen musste und den Zauberkünstler Marlin aus der Manege schickte. Die anderen Darsteller wären sonst nicht dran gekommen.

Bei einer abendlichen Sonntagsvorstellung trat Marlin wieder einmal auf. Ein alter Mann saß gebeugt in der ersten Reihe direkt unten am Manegenrund und wartete auf die Ankunft des beliebten Zauberkünstlers. Alle Scheinwerfer waren auf den sich langsam öffnenden Vorhang gerichtet. Die Musik spielte bereits in vollen Tönen als der Zauberkünstler Marlin die Manage betrat und mit schwungvoll winkenden Armen an den frenetisch applaudierenden Zuschauern langsam vorbeischritt.

Als er auf Höhe des alten Mannes war, schaute ihn dieser immer wieder von oben bis unten musternd aus ungläubigen Augen an, gerade so als stünde vor ihm ein Geist in der Manege. Das Gesicht des Zauberers kam ihm irgendwie bekannt vor, das ihn an das Gesicht eines zum Tode verurteilten Häftlings namens John Taylor erinnerte. Aber das war schon sehr, sehr lange her. Trotzdem schauderte der Alte bei dem Gedanken, dass hier jemand möglicherweise vor ihm stand, der ein dunkles Geheimnis mit sich herum trug, von dem er, Pater Brown, in der Tat etwas wusste. Wer glaubte schon an jene unheimlichen Kräfte, die denen der Natur und der Kirche entgegenstanden?

Marlins Seele, die jetzt im Körper von John Taylors wohnte, kannte diesen alten Mann nicht, der sich Pater Brown nannte. Sie ignorierte den Alten einfach, als wäre er nicht da.

Deshalb schenkte Marlin ihm auch kein besonderes Interesse und begann mit seiner Vorstellung.

Pater Brown war sowieso keine Gefahr für ihn, denn er würde bald sterben.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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