Doris E. M. Bulenda

Weihnachtlicher Presslufthammer

Es war ein eiskalter Wintertag, der 27. oder 28. Dezember. Einer der Tage, an denen es gar nicht richtig hell wird und den ganzen Tag graues, trübes Dämmerlicht herrscht. Ich arbeitete damals in einem gigantischen Handwerkerhof. Das waren 5 oder 6 miteinander verbundene, 6-stöckige Altbauhäuser, in denen Dutzende von Firmen angesiedelt waren.

An diesem Nach-Weihnachtstag waren aber meine zwei Kollegen – einer männlich und eine weiblich – und ich wohl die einzigen lebenden Seelen im ganzen Gebäude. Es war unnatürlich still, draußen rieselte leicht der Schnee durch das Wintergrau.

Unser Kollege begann, uns von einem Horrorfilm zu erzählen, den er am vorherigen Abend auf DVD gesehen hatte. Da ging es um einen verrückten Mörder, der sich den Zugang zu verschüchterten Tussies mittel Presslufthammer erzwang. Er ging also direkt durch die Wände, hinter denen seine Opfer saßen.

Der Kollege konnte auch noch so wunderbar plastisch erzählen und schilderte uns gerade, wie das Blut über die diversen Körperteile lief, wie erst die Wände, dann die Körper der Opfer mit dem Presslufthammer durchbohrt wurden. Meine Kollegin und ich hörten atemlos zu, so spannend war die Erzählung.

Es war totenstill im ganzen Handwerkerhof – bis urplötzlich das Brüllen eines Presslufthammers ertönte und die Wände erzitterten, als ob sie gleich einstürzen würden. Dass wir alle drei erschraken, war zu wenig gesagt. Wir mussten uns erst mühsam aus dem Einfluss der Horrorerzählung des Kollegen lösen, dann atmeten wir auf und schauten uns entsetzt an.

Der Presslufthammer verstummte kurz, begann wieder. Wie es bei Altbauten gerne vorkommt, zitterten die Wände dabei erneut. Unser Kollege erhob sich entschlossen in einer Lärmpause und ging zur Tür. „Jetzt will ich aber wissen, was da los ist!“ Tapfer stand er schon vor der Flurtür.

Wir beide Damen kreischten auf: „Nein, da können Sie doch nicht raus.“ „Nein, Mann, nicht rausgehen, Sie wissen doch, was da lauert.“ „Sind Sie lebensmüde?“ Der Kollege zuckte zusammen und beinahe hätte er sich von uns verunsichern lassen.

Dann lachte er gequält auf, machte eine wegwerfende Handbewegung und meinte: „ach, Sie sind beide blöd“ und verließ das Büro. Meine Kollegin und ich riefen ihm noch nach: „Passen Sie bloß auf sich auf, um die Ecken schauen.“ „Ob wir sie wohl lebend wiedersehen“, dann war die Tür zu.

Kurz danach kam der tapfere Kollege zurück und lachte. Er hatte den Hausmeister getroffen und der hatte ihm erklärt, dass die Hausverwaltung sich entschlossen habe, eine sehr aufwändige und lärmstarke Renovierung durchzuführen. Natürlich hätte man sich für die Tage nach Weihnachten entschieden, weil, Zitat: „Da sowieso kein Schwein arbeitet und wir niemanden stören.“

Unser Kollege erklärte ihm zwar, dass drei Leute tatsächlich arbeiten müssten, aber natürlich konnte die Renovierung wegen uns nicht mehr gestoppt werden. Als wir unser Erlebnis in der nächsten Wochen unseren anderen Kollegen, die Urlaub gehabt hatten, erzählten, konnten wir schon wieder kräftig über den Schreck, den wir da bekommen hatten, lachen.

 

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