Heinz-Walter Hoetter

Die Mutter

Es war einmal eine alleinerziehende Mutter, die einen kleinen Jungen hatte, den sie über alles liebte. Wenige Jahre nach der Geburt ihres einzigen Sohnes wurde aber ihr Mann plötzlich unheilbar krank und erlag nur wenige Monate später seinem schlimmen Krebsleiden. Seit der Zeit lebte die Frau nur noch für ihren Sohn, den sie hingebungsvoll und mit viel Liebe großzog.

Eines Tages jedoch bekam ihr Junge heftiges Fieber und musste ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte fest, dass er von der gleichen Krebsart befallen war, wie seinerzeit sein Vater.

Die Mutter setzte Himmel und Erde in Bewegung, um das Leben ihres einzigen Kindes zu retten. Die besten Ärzte im Land bemühten sich um den jungen Krebspatienten. Sie versuchten mit allen Mitteln seine Gesundheit wiederherzustellen.

Es stellte sich leider heraus, dass alles nichts half. Der Junge starb schon bald an den Folgen der überaus aggressiven Krebsform.

Die verzweifelte Mutter war untröstlich. Sie vergoss unendlich viele Tränen. Schon bald zog sie sich nach diesem schrecklichen Schicksalsschlag aus dem Leben zurück und wurde zu einer verbitterten Einzelgängerin, die sich von ihren Verwandten, Bekannten und Freunden abschottete. Anscheinend gab es nichts auf der Welt, was der armen Frau das Lebensgleichgewicht wieder hätte zurück bringen können.

Eines Nachts jedoch hatte die Frau einen seltsamen Traum. Sie stand vor einem großen Portal, aus dem helles Licht strömte. Ein Engel stand davor und winkte ihr zu, sie solle doch näher kommen. Als sie neben ihm stand, nahm dieser ihre Hand und führte sie durch den Licht durchfluteten Torbogen.

Auf der anderen Seite befand sich eine unendlich wunderschöne Landschaft, die aussah wie ein einziger herrlicher Garten. Plötzlich deutete der Engel auf einen Festumzug mit vielen Kindern unterschiedlichsten Alters hin. Sie marschierten in einem langen Zug an einem hohen Thron vorbei, auf dem der Geist der Schöpfung höchst persönlich saß. Überall flanierten Engel die vorbeiziehenden Kinder, die leise andachtsvolle Lieder sangen.

Jedes der kleinen Seelen war mit einem weißen Umhang gekleidet und trug eine brennende Kerze in der Hand.

Auf einmal entdeckte die Mutter ihren kleinen Sohn in dem vorbeiziehenden Festzug, dessen Kerze aber aus war. Sie eilte auf ihn zu, umarmte ihn leidenschaftlich, streichelte immer wieder sanft seine Wangen und fragte ihn schließlich, warum ausgerechnet seine Kerze nicht brenne.

"Ach Mutter", sagte der Junge mit leiser Stimme zu ihr, "sie zünden das Licht meiner Kerze immer wieder von neuem an, doch deine Tränen machen es immer wieder aus."

"Mein Schatz, ich verspreche dir, dass deine Kerze ab jetzt nicht mehr durch meine Tränen ausgehen wird. Deine Mama wird dich für immer lieben...!"

Plötzlich stand der Engel wieder neben der Mutter, nahm sie sanft an die Hand und führte sie zurück zum Lichttor hinaus.

Hier endete der Traum.

Als die Frau am nächsten Morgen aufwachte, erinnerte sie sich sofort daran, was sie in der Nacht geträumt hatte. Sie war tief beeindruckt davon. Sie beschloss daher, dass das Licht der Kerze ihres kleinen Jungen durch ihre nutzlosen Tränen nie wieder ausgelöschte werden sollte. Auch würde sie sich ab jetzt nicht länger vor dem Leben zurückziehen, sondern endlich wieder daran teilnehmen wollen.

Und so kam es auch.

ENDE


(c)Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Geschnitzt, bemalt, bewegt: Mechanische Wunderwerke des sächsischen Universalgenies Elias Augst von Bernd Herrde



Eine in musealer Recherche und volkskundlicher Feldarbeit vom Autor erstellte und geschilderte Entdeckungsgeschichte eines sächsischen Universalgenies. Elias Augst (1775 - 1849) ein "Landbauer in Steinigtwolmsdorf", wie er sich selbst nannte, fertigte nicht nur ein mechanisches Figurentheater, "Das Leiden Christi" in sieben Abteilungen (Heute noch zu sehen im Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden), sondern noch weitere mechanische biblischen Szenen, aber auch ein Planetarium, für welches er auf der Dresdner Industrie-Ausstellung 1825 vom König Friedrich August I. eine silberne Medaille zugesprochen bekam, versuchte sich mit Ölgemälden, baute Draisinen und machte Flugversuche...!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Trauriges / Verzweiflung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Unheimlicher Besuch bei Lisa von Heinz-Walter Hoetter (Unheimliche Geschichten)
Das Kind und "der liebe Gott" (kein religiöses Werk!) von Alina Jeremin (Trauriges / Verzweiflung)
Vom Harz in die Rocky Mountains von Karl-Heinz Fricke (Geschichten aus der Heimat)