Wolfgang Küssner

Zeichensetzung

Der Lehrer schreibt die Worte sehr gut und seine Initialen unter den Deutschaufsatz der Schülerin. Der Rüde hebt das Bein und markiert mit einem Urinstrahl sein Revier. Der Richter folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verhängt das gesetzlich vor-gesehene Hoechstmaß an Strafe wegen Steuerhinterziehung. Der Diktator läßt die Gefängnisse mit seinen Widersachern, mit seinen Kritikern füllen. Mit bunten Prospekten und riesigen, immer auf Neun endenden Beträgen, offerieren Supermärkte und Discounter die woechentlichen Sonderangebote. Juden hatten unter den Nazis den Davidstern zu tragen, Homosexuelle mußte sich im KZ mit einem deutlich sichtbaren Rosa Winkel zu erkennen geben. Der Gorilla schlägt mit den Fäusten auf die Brust und signalisiert dem Eindringling, einen Schritt weiter und der Spaß hoert auf. Die in abgeriegelten Räumen zur Papstwahl versammelten Kirchen-väter geben durch weißen oder schwarzen Rauch ihr Wahlergeb-nis bekannt. Zu nächtlicher Stunde bieten leicht bekleidete Damen auf den Straßen ihre Koerper an. Grundstückseigentümer heben nicht das Bein, sondern bringen durch einen Zaum zum Ausdruck, was zu ihnem Territorium gehoert. Ein Staat zieht Grenzen. Der Metzger zeigt an, wer rein darf und wer draußen zu bleiben hat.

Zeichensetzung – wo immer das Auge auch hinschaut. Mal wird gelockt, mal geprotzt, dann wird eingeschüchtert oder gewarnt, mal wird gelobt, dann wieder gedroht; mal erscheinen sie voller Erwartung, dann voller Aggression; mal geht es ums Geld, mal auf Leben und Tod. Zeichensetzungen wollen erkannt werden.

Inhaltsangaben und Kalorienwerte sollten auf den Verpackungen der Produkte leicht und für jedermann verständlich lesbar sein. Leuchtfeuer, Bojen, Funkradar weisen Schiffen den sicheren Weg durch schwieriges Gewässer. Spielfilme mit der Freigabe FSK 18 zeigen den Schniedelwutz in einer Position von über 90 Grad. Das Betreten von Baustellen durch Außenstehende ist auch außerhalb der Arbeitszeit nicht gern gesehen. Türme, Brücken, hohe Gebäude, Kräne tragen zur Kroenung ein rotes, blinkendes  Warnlicht. Flugzeuge bekommen Flugrouten und –hoehen zugewiesen. Ampeln, ungezählte Gebots-, Verbots- und Hinweis-schilder sollen neben Straßenbemalungen der Verkehrssicherheit dienen. Jugendliche unter 18 sollten keinen Alkohol bekommen. Und so koennte es fortgesetzt werden.

Trotz all der Zeichensetzung – die eigentlich Schlimmes, Unfälle etc. verhindern sollte – gibt es Unglücke, Katastrophen, Tote und Verletzte zu vermelden.

Die Kunst des Schreibens, auch als Grammatik bekannt, kommt ohne Zeichensetzung nicht aus. Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. Doch ganz so einfach ist es dann auch nicht. Das Mondgesicht ist natürlich kein geläufiges Zeichen der Interpunktion, obwohl - bei falscher Anwendung, das eine oder andere Gesicht schon die Blässe des Mondes annehmen müßte.

Da gibt es zum Beispiel den Gedankenstrich. Der Leser sollte sich jetzt nicht mit seinen Gedanken auf dem Strich befinden. Das hier ist etwas anders gemeint. Ein Gedankenstrich steht vor und hinter einem eingeschobenen Satz - oder er soll eine Gedankenpause beim Leser ermoeglichen. Da gibt es zum Beispiel das Simikolon. Man hat fast den Eindruck, es sei ein wenig in Vergessenheit geraten. So ein Simikolon soll gleichrangige Sätze verbinden. Es ist eindeutig stärker als ein Komma, aber schwächer als ein Punkt. Und schon wären wir beim Punkt angekommen. Er beendet einen Aussagesatz. Und drei Punkte hintereinander, deuten eine Auslassung an, koennen sogar die Fantasie des Lesers anregen...

Da gibt es zum Beispiel das Komma – und das hat es in sich. Es sturkturiert einerseits Sätze; trennt einen Haupt- vom Nebensatz; dient der besseren Lesbarkeit eines Textes; stellt sich deutlich sichtbar zwischen Worte einer Aufzählung; und entscheidet u.U. über Leben und Tod. Kommafehler sind keine Nebensächlich-keiten. Zweifel? Hier ein paar Beispiele:

Da ist zu lesen: Er will sie nicht. Ein Komma verändert diesen Satz fundamental: Er will, sie nicht. Hin und wieder kann man lesen: Schüler sagen, Lehrer haben es gut. Mit einer leicht variierten Interpunktion koennte es auch heißen: Schüler, sagen Lehrer, haben es gut. Beim Schein der Kerze sagt sie zu ihm: Hier, nimm ein Gummibärchen. Wirklich? Oder hat sie nicht gesagt: Hier, nimm ein Gummi, Bärchen. Und manchmal geht es beim Komma an der richtigen Stelle auf Leben und Tod. Da verkündet die Tochter stolz: Jetzt koch ich Mama! Die arme Mutter. Mit Komma wäre das nicht passiert: Jetzt koch ich, Mama. Der total überraschte Großvater muß seinen Enkel rufen hoeren: Wir essen jetzt Opa! Ein Komma würde Leben retten: Wir essen jetzt, Opa. Einst hoerte ein Koenig vom Todesurteil für einen Verbrecher und er schickte unverzüglich eine Depesche an den Vollstrecker mit den Worten: Wartet nicht, hängen! Sein Sekretär hatte – Glück für den Verurteilten - das Komma falsch gesetzt und so hieß es jetzt: Wartet, nicht hängen!

Ein längst vergessener Bühnenautor namens Ludwig Fulda (1862-1939) schrieb im April 1894 ein Sinngedicht mit den Worten: „Weiß nicht, was echte Künstler sollen / Mir eurem theoretischem Schwulst; / Kunst kommt von Koennen, nicht von Wollen: / Sonst hieß es Wulst.“ Auch die Kunst des Schreibens will gelernt, will gekonnt sein. Einen kleinen Einblick in moegliche Tücken kann das Beispiel Zeichensetzung vielleicht vermitteln.

 

Mai 2017

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