Heinz-Walter Hoetter

Der Dieb Drag Baron

 

Gehetzt und atemlos lief der junge Dieb Drag Baron auf der Suche nach einem Versteck über den feuchtnassen Sand. Er wandte seinen Kopf nach allen Seiten – fast schon ohne Hoffnung, denn weit und breit sah er keinen sicheren Unterschlupf.

Nach dem fürchterlichen Sturm, der fast den ganzen Tag über gewütet hatte, war das Laufen über den matschig gewordenen Strand ungefähr so, als ob man sich in einem Bottich mit dickem Brei bewegen würde. Drag rannte trotz allem weiter, denn ein Unbekannter verfolgte ihn verbissen – und der Bursche wusste auch warum.

Drag hatte den großen, hager aussehenden Mann in der schwarzen Raumfahreruniform erst vor wenigen Minuten abschütteln können, als er geistesgegenwärtig zwischen zwei eng zusammenstehenden Gebäuden hindurch zum nah gelegenen Meer gestürmt war. Für ihn war das der einzig sichere Fluchtweg gewesen, der ihm noch geblieben war.

Natürlich war ihm klar, dass sein hartnäckiger Verfolger diese Finte bald durchschauen und schnell merken würde, welche Richtung er eingeschlagen hatte. Drag Baron blieb jetzt ein paar Sekunden stehen und schaute sich hastig um. Dann sah er ganz plötzlich seine Rettung: direkt vor ihm lagen mehr als zwanzig Fischerboote fein säuberlich in einer langen Reihe nebeneinander gereiht am Strand.

Drag, der Dieb, hielt immer noch den gestohlenen Gegenstand fest in seiner rechten Hand und sah schnell nach hinten über die Schulter. Sein Verfolger hatte anscheinend den Strand noch nicht erreicht. Ohne länger nachzudenken ergriff Drag seine Chance und stürzte sich kopfüber in das erstbeste Boot, kroch schnell unter ein schweres Fischernetz, deckte sich damit zu und verhielt sich mucksmäuschenstill.

Die Zeit kroch dahin wie ein träger Fluss. Wenn jemand auf der Flucht ist, vor lauter Anstrengung fast nicht mehr Atmen kann, noch dazu bis zum Hals in einer salzigen Pfütze liegt und ein großes Fischernetz wie Blei auf seinem Körper lastet, dann bewegt sich nichts langsamer als die Zeit. Aber Drag blieb im Augenblick nichts anderes übrig, als zu warten. Er beruhigte sich etwas.

Doch plötzlich begann sein Herz wieder schneller zu schlagen, als er draußen vor dem Boot eilige Schritte hörte, die schnell näher kamen. Der Dieb verkroch sich noch weiter unter das Netz und verhielt sich so still wie irgend möglich. Das salzige Meerwasser auf dem Holzboden bedeckte seinen Mund, sodass er durch die Nase atmen musste.

Die Schritte kamen während dessen näher und näher.

Es schien sinnlos zu sein. Der Unbekannte in der schwarzen Uniform hatte ihn bestimmt dabei beobachtet, wie er in das Fischerboot gekrochen war und sich dort versteckt hatte. Außerdem lief ihm gerade das brackige Meerwasser der Bootspfütze in die Nase. Er hob deshalb ein wenig den Kopf, um besser atmen zu können. Nebenbei schaute er auf den metallenen Gegenstand in seiner rechten Hand, den er immer noch fest umklammert hielt. Was hatte er dem Fremden da bloß gestohlen? Das Ding sah aus wie ein silberner Bumerang, auf dem sich einige nicht identifizierbare Zeichen befanden, die hin und wieder schwach zu leuchten begannen.

Da!

Die Schritte stockten direkt neben dem Boot. Drag Baron hielt den Atem an und schloss die Augen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und eine unterschwellige Angst machte sich in ihm breit, wie er sie zuvor noch nie empfunden hatte.

Im nächsten Moment bewegte sich das schwere Fischernetz über ihn ruckartig hin und her, bis es schließlich Stück für Stück weggerissen wurde. Während der junge Dieb Drag noch um Luft rang und sein Gesicht krampfhaft hinter beiden Armen verbarg, wartete er auf die Unvermeidlichkeit seiner Entdeckung durch seinen Verfolger, den er bestohlen hatte.

Aber es tat sich nichts.

Ein Weile später lugte Drag vorsichtig zwischen den Armen hervor und sah zuerst überhaupt nichts. Wo war der Fremde? Plötzlich ließ ihn eine sonore Stimme erschrocken zusammenfahren.

„Hey Bursche, was machst du da in meinem Boot?“ fragte ihn ein alter Mann, der verblüfft auf Drag herabstarrte. „Und was ist das da für ein Ding in deiner Hand. Wo hast du das her, mein Junge? Ist das eine Waffe?“ fragte er vorsichtig mit hintergründiger Neugier und gespieltem Respekt.

Drag Baron antwortete nicht, sondern bekam auf einmal einen heftigen Hustenanfall. Dann spuckte er mehrmals hintereinander Meerwasser auf den Schiffsboden.

Der alte Mann schüttelte bedächtig den Kopf und klopfte ihm dabei ein paar Mal kräftig auf den Rücken.

Als Drag schließlich wieder normal atmen konnte, schaute er an dem alten Fischer vorbei und stellte zufrieden fest, dass der Strand leer war. Er konnte seinen Verfolger nirgendwo entdecken. Trotzdem blieb der Dieb vorsichtig.

„Bist du in Schwierigkeiten?“ fragte ihn der Alte argwöhnisch.

Drag nickte und deutete in eine bestimmte Richtung.

„Ich werde nur von jemandem verfolgt. Aber so wie es aussieht, habe ich ihn abschütteln können.

Der alte Fischer bohrte weiter.

„Wie heißt du?“ fragte er.

„Drag Baron. Mein Zuhause liegt eigentlich in Slateport City. In den großen Ferien wohne ich aber immer bei meinen Großeltern in Oldale.“

„Das ist alles, mein Junge?“

„Ist das nicht genug?“ fragte Drag spontan zurück.

Der Alte lachte etwas barsch. Dann deutete er auf den Gegenstand in Drags rechter Hand.

„Und das Ding da? Wo hast du das her?“

„Gefunden!“ antwortete Drag wie aus der Pistole geschossen.

„Ehrlich? Ich kenne mich in Oldale aus. Das ist überwiegend eine Hotelstadt mit vielen Reisenden aus Slateport City, die einen großen Raumflughafen hat. In Oldale treiben sich eine Menge Burschen deiner Sorte herum, die den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben als herumzulungern und auf eine günstige Gelegenheit warten, arglose Hotelgäste zu bestehlen.“

„Ich hab’s wirklich gefunden, ehrlich!“ log Drag ein zweites Mal und blickte verlegen um sich.

„Na gut, mein Junge. Aber wenn du schon einmal hier bist und dich in meinem Boot versteckt hast, aus welchem Grund auch immer, dann lass dir wenigstens eine kleine Geschichte von mir erzählen.“

„Nur zu, alter Mann! Ich bin ganz Ohr. Aber wenn du mit damit fertig bist, dann verschwinde ich und lass mich hier nie wieder sehen.“

Der Alte schaute den frechen Burschen mit einem seltsamen Grinsen an. Dann blickte er hinauf aufs offene Meer und begann mit seiner kleinen Erzählung. Doch vorher stellte er Drag noch eine seltsam anmutende Frage.

„Hast du schon mal von einem Monster gehört, das sich hier am Strand oder da draußen auf dem Meer herumtreiben soll?“

„Nein“, fiel ihm Drag ins Wort. „Wie soll denn dieses Monster aussehen?“

„Ich weiß es auch nicht genau“, sprach der alte Mann weiter. „Niemand hat dieses Ungeheuer je gesehen. Und jene, die es gesehen haben, haben es nicht überlebt.“

„Woher wissen Sie dann, dass es überhaupt existiert?“ lächelte Drag Baron affektiert. Irgendwie kam ihm plötzlich der Alte nicht ganz geheuer vor.

„Doch, doch..., es existiert“, sagte der alte Fischer ganz entschieden. „Ich bin mir dessen sogar ganz sicher. Obwohl niemand das Monster je direkt gesehen hat, gibt es doch Geschichten darüber. Ich glaube sogar Hunderte von Geschichten, die von dieser schrecklichen Kreatur erzählen.“

Der Alte wandte seinen Blick abrupt vom Meer ab und starrte plötzlich Drag an.

„Manche behaupten sogar, diese Bestie könne die Gestalt eines Menschen annehmen. Es verwandelt sich von einer Sekunde auf die andere und lockt seine Opfer entweder ans oder sogar aufs offene Meer hinaus. Andere wiederum sagen, es sei eine außerirdische Kreatur, die mit langen Zähnen und Klauen ausgestattet ist und auf Menschenjagd ginge. Aber niemand weiß es genau. Ich kannte jedoch mal einen Kerl, der behauptete stock und steif, er hätte dieses Monster zufällig in einem Spiegel gesehen. Er meinte, es sähe aus wie eine aufrecht gehende Echse und hätte ein schuppiges, blutunterlaufendes Gesicht. Es spuckt schwarzen Eiter aus, der so giftig sein soll, dass jedes Lebewesen daran augenblicklich stirbt. Wenn es sein Opfer gefressen hat, verschwindet es wieder und taucht lange Zeit nicht mehr auf.“

„Eine nette Geschichte, die Sie mir da erzählt haben. Aber jetzt werde ich besser verschwinden“, sagte Drag hastig mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend und machte Anstalten schleunigst zu gehen.

Der alte Fischer faste ihn jedoch am Arm und hielt ihn zurück.

Seine Stimme klang auf einmal viel tiefer als vorher.

„Die Bestie, von der ich erzählt habe, lauert ganz in deiner Nähe. Genauer gesagt: sie steht direkt vor dir, mein Junge. Und jetzt gib mir meinen Besitz wieder, den du mir in Oldale gestohlen hast. Dieser Gegenstand ist ein uraltes Familienartefakt. In deinen Händen ist es nutzlos.“

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte Drag verstört und wurde leichenblass im Gesicht.

„Das wirst du auch nicht müssen, denn ich werde dich jetzt töten“, entgegnete ihm der Alte, der sich langsam Schritt für Schritt in eine echsenartige Kreatur verwandelte und wenige Sekunden später den vor Schreck wie gelähmt da stehenden Dieb eine schwarze Säure mitten ins Gesicht spuckte.

Mit einem schauerlichen Schrei des Entsetzens kippte Drag schlagartig nach hinten weg und schlug mit dem Kopf gegen den harten Bootskörper. Noch bevor er in den nassen Sand fiel, war er schon tot.

Die Bestie grunzte zufrieden, als sie die Leiche des jungen Burschen in Stücke riss und genüsslich verspeiste. Dann nahm die Kreatur den silbrig glänzenden Bumerang an sich, drückte sanft eines der kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberflächen und löste sich im nächsten Moment wie ein verblassendes Bild langsam auf. Dann war sie im Nichts verschwunden.

***

Das tropfenförmige Shuttle „Fire“ des interstellaren Großraumschiffes White On Galaktika war auf der Steuerbordseite angedockt. Es kam direkt vom Raumflughafen Slateport City.

Unter den zahlreichen Passagieren befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.

„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.

Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.

Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die Gestalt eines Monsters verwandeln.

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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