Olaf Lüken

Kinder und Verbote

Regeln müssen sein. Sagt man. Kinder müssen lernen sich in der Gesellschaft und in der
Welt zurechtzufinden und das geht nun mal nicht ohne Ver- und Gebote. An dieser
Stelle denke ich: Weniger ist oft mehr und Verbote, die ausgesprochen werden, sollten
für das Kind nachvollziehbar und einleuchtend sein. Kinder sind Pioniere und Entdecker.
Sie müssen es sein, um die Welt kennenzulernen. In hoch zivilisierten und reglementier-
ten Gesellschaften können Eltern der Entdeckerfreude ihrer Kleinen nicht immer einen
freien Lauf lassen.

Regeln und Vorschriften bestimmen den Alltag des Kindes und sollen sein Verhalten
steuern. Eines darf man dabei jedoch nicht vergessen. Je mehr Verbote man einem
Kind auferlegt, desto mehr bremst man seine natürliche Bewegungsfreiheit - körperlich
wie geistig - und man bremst auch das Entwicklungspotenzial. Darüber hinaus reizen gerade
Verbote zum Widerstand und sorgen oft für mehr Ärger als Entspannung.

Neulich besuchte ich eine norddeutsche Kirche. Backsteingotik und protestantisch.
Ich stehe in der Nähe des Altars. Ein junges Paar steht vor den Stufen des Altars.
Zwischen den beiden ein kleiner Junge. Der Gottesdienst ist längst vorbei, die Kirche
ist nahezu leer. Der Dreikäsehoch reißt sich plötzlich los und klettert Richtung Oster-
kerze. Er fällt hin, rappelt sich wieder hoch und grinst mir freundlich zu. "Weich !"
ruft er entzückt und zeigt auf den Teppich. "Komm sofort zurück", sagt die Mutter
und hebt ihren kleinen Filius zu sich hoch. "Hier darfst du nicht hin. Das ist verboten."

Seine blauen Augen sehen fordernd zum Vater. Das "Waaarum ?" kündigt sich schon
an, bevor es ausgesprochen ist. Ja warum ?, denke ich. Um den Altarbereich zieht
sich eine unsichtbare rote Kordel, die auf schweren Messingständern liegt, ähnlich
den touristischen Hotspots in Italien, Spanien oder Frankreich. Daran hängt ein
Schild: "Betreten verboten !". Das gibt es sonst nur auf Baustellen oder Rasenflä-
chen in Parks. Der Altarraum erinnert immer noch an das Allerheiligste im Tempel,
ein Areal mit Aura. Hier kommen die wenigsten je hin, und wenn, dann zu besonde-
ren Anlässen. Das Kind wird hier über den Taufstein gehalten, das Paar kniet
nieder zur Segnung. Lektoren steigen die Stufen hoch, manchmal auch Chöre,
regelmäßig der Küster. Dieser besondere Einzugsbereich bleibt auch dann erhalten,
wenn es nicht einmal Stufen gibt. Gut protestantisch gibt es gar kein Allerheiligs-
tes, jedenfalls keines, das mit religiösen Möbelstücken, besonderen Blumenschmuck
oder anderen besonderen Gegenständen auszustatten wäre, schon gar nicht eines,
das nur für einen auserwählten Personenkreis vorbehalten wäre.

Das Allerheiligste ist die Erfahrung der Gottesnähe in der Versammlung der Gemein-
de. Aber vielleicht braucht es diese abgezirkelten Orte, ein paar Quadratmeter, die
anders sind, weil Menschen sie zu besonderen Orten machen. Vielleicht.

Andererseits ist es diese ganz eigene Perspektive auf die Kirche, die alle zwischen-
durch haben sollten.

Der Pastor kommt. Er dreht sich in die Richtung des jungen Mannes:
"Komm ruhig hoch." Das lässt sich der kleine Mann nicht zweimal sagen. Seine
Eltern kommen hinterher. Wir studieren die Schnitzfiguren im Altarbild und
besteigen die Kanzel wie einen Aussichtsturm. "So haben wir unsere Kirche noch
nie gesehen," sagt das Paar, während der Kleine lacht.

(c) Olaf Lüken (2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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