Heinz-Walter Hoetter

Die Insel des Schreckens

 

Wenn das Böse kommt, gibt es kein Entrinnen

***

Mary Ellison hatte die Arme fest um ihren Körper geschlungen und starrte auf die unruhige See hinaus. Die Wellen wurden immer höher. Der Himmel war mit dunkelgrauen Wolken verhangen. Es sah nach Regen aus. Ganz plötzlich zuckte ein greller Blitz einsam am Horizont. In seinem Licht leuchtete das Wasser graugrün auf und in der Ferne grollte ein heftiger Donner. Dann fuhr wieder ein Blitz herab. Diesmal schlug er ganz in der Nähe der Insel ein und man merkte, dass das Gewitter direkt auf sie zusteuerte.

Mary wandte sich fröstelnd von der herannahenden, bedrohlich wirkenden, schwarz-grauen Gewitterfront ab, drehte sich auf der Stelle herum und murmelte ein paar unverständliche Worte vor sich hin. Sie marschierte den Strand hinauf.

Mark Cameron befand sich weiter oben. Als Mary vor ihm stand sagte er kopfschüttelnd: „Ein Sturm zieht auf und kommt direkt auf uns zu. Wir hocken hier einsam und allein auf einer weit abgelegenen Insel und wissen nicht, was wir machen sollen.“

Mark machte ein kleine Pause, schaute sich auf einmal suchend nach allen Seiten um und fragte Mary: „Wo ist eigentlich Ben?“

„Keine Ahnung. Vorhin stand er noch unten am Strand. Vielleicht sucht er nach Muscheln. Vor dem herannahenden Sturm scheint er keine große Angst zu haben“, gab Mary dem jungen Mann achselzuckend zur Antwort.

Plötzlich erschien Ben Conner auf der Bildfläche. Die beiden schauten ihn verdutzt an. Er muss offenbar eine längere Strecke gelaufen sein, denn er atmete sehr schnell und seine Stirn war mit dicken Schweißperlen übersät. Langsam erholte er sich wieder.

„Es sind keine Boote mehr unten in der Bucht. Ich bin auch den ganzen Strand abgelaufen. Von der Ferienakademie scheint offenbar niemand mehr auf der Insel zu sein. Ich komme mir vor wie der Passagier eines Kreuzfahrtschiffes, den man einfach zurückgelassen hat. Könnt ihr euch das vielleicht erklären, warum die nicht mehr da sind?“ sagte er mit aufgeregter Stimme.

„Was, es sind keine Boote mehr da? Das ist unmöglich!“ antwortete Mary Ellison dem ratlos da stehenden Ben Conner und schüttelte ungläubig den Kopf. Dann fuhr sie fort: „Aber wenn das wahr ist, sitzen wir hier fest und niemand wird kommen um uns abzuholen.“

Schließlich meldete sich Mark Cameron zu Wort.

„Mister Bill Allen ist ein gewissenhafter Geschäftsmann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einfach so mir nichts dir nichts davon ist und uns hier allein zurückgelassen hat. Bestimmt hat er sich irgend so ein nettes Spielchen ausgedacht, um unsere Ferien spannend zu gestalten. Vielleicht gehört das zum Programm“, sagte er zu den beiden anderen.

In diesem Augenblick ließ ein ohrenbetäubender Donnerschlag alle drei zusammenschrecken. Blitze zuckten wie wild vom Himmel und ein heftiger Platzregen setze gleichzeitig ein. Er prasselte mit Wucht auf die Planken des Steges etwas weiter unten am Strand und immer höher werdende Wellen brandeten gegen das überwiegend steinige Ufer. Die Situation wurde langsam gefährlich.

„Wir müssen hier weg!“ schrie Cameron den anderen beiden zu. „Wir müssen zurück in die Feriensiedlung, wo wir in Sicherheit sind. – Kommt, beeilt euch!“

Mit eingezogenen Köpfen liefen die drei jungen Leute im strömenden Regen über den Strand zu den Bungalows des Feriendorfes weiter oben auf einer kleinen Anhöhe. Bis sie endlich das erste Flachdachgebäude erreicht hatten, waren sie bereits klatschnass.

Mark Cameron öffnete hastig die Tür und zusammen traten sie gleich nach dem Ende des kurzen Ganges in das geräumige Wohnzimmer des spartanisch eingerichteten Ferienbungalows.

Ben Conner testete die Lichtschalter nacheinander durch, doch das Licht ließ sich nicht einschalten

„Anscheinend geht nichts mehr. Die Leitungen sind tot. Irgend jemand hat das Dieselaggregat abgeschaltet. Mann oh Mann, das kann doch alles nicht wahr sein. Die Boote sind weg und jetzt stehen wir auch noch ohne Strom da“, sagte er verärgert.

Mary Ellison kam gerade aus der Küche. Sie sah etwas blass im Gesicht aus. Ihre langen dunkelbraunen Haare waren völlig durchnässt. Sie schüttelte das Haar nach hinten, bevor sie sprach: „Alles ausgeräumt! Nichts mehr da! Der Kühlschrank und die Eistruhe mit dem eingefrorenen Frischfleisch in der Küche sind total leer. Ebenso die übrigen Küchenschränke und alle Regale. Was hat das bloß alles zu bedeuten?“ In ihrer Stimme lag eine gewisse Verzweiflung.

Draußen war es mittlerweile stockdunkel geworden. Der Wind heulte ums Haus und der Regen klatschte an die Fenster. Das Gewitter befand sich jetzt unmittelbar über der Insel.

„Na, das ist ja super“, stöhnte Ben Conner. „Wir werden ohne Nahrung verhungern. Das hat mit einem Spielchen nichts mehr zu tun. Der reinste Alptraum. Ich bin fix und fertig. Aber vielleicht finden wir noch Proviant in den übrigen Häusern. Wenn die allerdings auch noch ausgeräumt worden sind, dann krieg’ ich die Krise. Was hat sich dieser Typ überhaupt dabei gedacht? Bill Allen ist in meinen Augen ein krimineller Halunke. Lässt uns hier einfach ohne Nahrung allein auf der Insel zurück, dieses Schwein. - Trotzdem, wie auch immer. Ich hänge meine Klamotten zum Trocknen auf und gehe schlafen. Für heute habe ich genug.“

„Du übertreibst ein wenig, Conner. Vielleicht tust du Mr. Allen Unrecht. Es wird sich bestimmt bald alles aufklären. Und was die Versorgung mit Nahrung betrifft; irgendwo in diesem Feriendorf wird es bestimmt noch etwas zu essen geben. Wir werden morgen früh danach suchen. Dann werden wir weiter sehen“, sagte Mark zu Ben und Mary.

Mary war etwas erbost und schaute Ben verständnislos an.

„Wie kann man bloß nur an Schlaf denken, wo doch jeder einzelne von uns weiß, dass wir ganz allein auf dieser Gott verdammten Insel sind? Wir sollten uns lieber einen Plan zurecht legen und darüber nachdenken, was zu tun ist, wenn wir für eine unbestimmte Zeit hier bleiben müssen“, erwiderte sie mürrisch.

Draußen krachte ein mächtiger Blitz ganz in der Nähe des Bungalows ein. Er explodierte förmlich und erhellte die Dunkelheit für den Bruchteil einer Sekunde mit grellweißem Licht.

„Der war nah. Ist nur gut, dass wir in diesem Haus sind. Da draußen ist es jetzt richtig lebensgefährlich. Aber was das Schlafen angeht, bin ich ebenfalls ziemlich geschlaucht. – Ben hat Recht. Wir sollten unsere Sachen irgendwo zum Trocknen hinhängen und uns aufs Ohr hauen. Morgen können wir in aller Ruhe einen Plan schmieden. Mit einem klaren Kopf lässt es sich besser denken“, antwortete Mark Cameron, der nachdenklich vor dem Fenster stand und hinaus in die Dunkelheit starrte.

Insgeheim dachte Cameron darüber nach, dass hier irgendwas nicht stimmten konnte. Er versuchte mutig zu klingen, aber dennoch stieg ein unterschwelliges Angstgefühl in ihm hoch. Er fand einfach keine Erklärung dafür, warum man sie allein auf der Insel zurückgelassen hatte. Dafür muss es einen Grund geben und Mr. Bill Allen, der Vermittler dieser Ferieninsel, hat im Auftrag der Ferienakademie gehandelt, die ebenfalls über alles genauestens informiert war. Unregelmäßigkeiten dieser Art würden binnen kürzester Zeit den Aufsichtsgremien der Ferienakademie bekannt werden, denn alle Urlaubs- und Feriengruppen wurden äußerst streng überwacht, ganz gleich, wohin auch immer die Reise ging.

***

Ben, Mark und Mary schliefen die ganze Nacht durch. Mary wachte zuerst auf und nachdem sie sich ihre getrockneten Kleider angezogen hatte, ging sie gleich nach draußen vor die Tür.

Der Regen hatte aufgehört, das Gewitter weitergezogen, doch der Himmel war noch von grauen Wolken überzogen. Ein frischer Wind wehte über den Strand, der ihr die Haare zerzauste. Zum Glück wärmte die dicke Wolljacke gut und Mary fröstelte diesmal überhaupt nicht.

Der Sturm hatte das Meer tüchtig aufgewühlt. Die junge Frau beobachtete, wie eine schaumige Welle nach der anderen an die schroffen Felsen des steinigen Ufers klatschte und dort, wo der weiße Sand den felsigen Untergrund verdeckte, dieselben Wellen friedlich und leise, ja schon fast geräuschlos, darüber hinweg rollten und sich am Ende im weichen Strandsand verloren.

Nach einer Weile ging Mary wieder ins Haus zurück und lenkte ihre Schritte in Richtung Wohnzimmer.

„Morgen“, muffelte sie beim Hereinkommen. Ihre beiden Freunde waren mittlerweile ebenfalls aufgestanden, hatten einen Esstisch in die Mitte des Raumes gezogen und saßen schon drum herum.

Ben diskutierte aufgeregt mit Mark.

Als sie Mary hereinkommen sahen, grüßten sie freundlich zurück und baten sie an den Tisch.

„Worüber habt ihr euch unterhalten?“ wollte das junge Mädchen wissen.

„Wir haben von dem Boot geredet, mit dem Mr. Allen und seine Assistentin um die Insel herum geschippert sind. Es muss noch da sein. Es liegt von uns aus gesehen auf der anderen Seite in einer kleinen, steinigen Bucht, wo die beiden ihre Zeit hier in einer einsam gelegenen Hütte verbrachten. Das war ihr Liebesnest sozusagen. Alle wussten es, aber keiner sprach darüber. Dort gibt es auch ein Funkgerät soviel ich weiß“, sagte Ben auf einmal gut gelaunt.

„Wenn das so ist, dann können wir ja Hilfe herbeirufen! Ich übertreibe bestimmt nicht wenn ich behaupte, dass wir einen Notfall haben,“ antwortete ihm Mary und lächelte zum ersten Mal wieder.

„Toll!“ rief Mark. „Wir sollten uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg machen und vor allen Dingen nach dem Boot schauen, ob es noch wirklich da ist. Danach gehen wir in die Hütte, rufen über Funk jemanden herbei und die Sache ist damit erledigt.“

„Habt ihr etwas zum Essen gefunden?“ frage Mary in die Runde und schaute auf den leeren Tisch.

„Ja“, antwortete ihr Mark Cameron, zog einen kleinen Karton mit Fischdosen unter seinem Stuhl hervor, öffnete ihn und schob jedem eine oval geformte Dose mit geräucherten Heringen darin über den Tisch.

„Mehr habe ich nicht gefunden. Der Karton stand im Keller ziemlich weit hinten in einer kleinen, dunklen Nische, gut geschützt vor neugierigen Blicken durch eine Mauer. Ich denke mal, dass es einen Dieb unter den Ferienteilnehmern gab. Da lagen auch noch andere Dinge herum. Er hat sie hier unten im Keller versteckt und wohl vergessen. Na ja, wie auch immer, lasst es euch schmecken. Wenn wir gefrühstückt haben, gehen wir los und suchen nach dem Boot.


***


Der Fußmarsch auf die andere Seite der Insel dauerte knapp eine Stunde. Sie fanden das Boot gut vertäut bei den felsigen Ausläufern der Bucht. Es war mit Regenwasser vollgelaufen, weil die Abdeckplane fehlte.

„Ist es beschädigt?“ fragte Mary Ellison.

Mark Cameron untersuchte das Boot. Ben Conner half ihm dabei.

Dann sagte Mark: „Soweit ich sehen kann, ist es unbeschädigt geblieben.“

„Und der Tank ist voll mit Benzin“, rief Ben kurz danach.

Mary jubelte.

„Ein Grund zum Feiern“, rief sie. „Vielleicht wird jetzt wieder alles gut und werden schon morgen bei unseren Eltern sein. – Also packt mal mit an! Wir ziehen das kleine Boot auf den Strand, kippen es auf einer Seite um und lassen das Wasser einfach abfließen.

Schon kurze Zeit später war das Boot wieder einsatzbereit. Auch der Motor war im allerbesten Zustand und tuckerte schon nach dem ersten Anlassversuch munter drauflos. Mark schaltete den Motor vorsorglich wieder ab und ging mit den beiden anderen hinüber zur Hütte.

Als sie dort ankamen, war die Tür zwar verschlossen, aber Mary wusste wo der Türschlüssel lag. Er musste sich irgendwo in einer kleinen, schmalen Mauerspalte am Fundamentsockel gleich neben der Holzbank befinden. Sie hatte Mr. Allen nämlich einmal dabei beobachtet, wie er sich bückte und den Schlüssel irgendwo dort versteckte.

Der Putz war im Laufe der Zeit schon ziemlich bröckelig geworden. An vielen Stellen lag das nackte Mauerwerk frei. Aus den Steinfugen quoll der Mörtel wie lockerer Sand hervor. Risse und Spalten taten sich auf. Sie fingerte in jeder davon herum.

„Ausgezeichnet, hier ist er ja“, sagte sie nach einer kleinen Zeitspanne des fieberhaften Suchens. Dann hielt sie den eisernen Schlüssel triumphierend in ihrer rechten Hand, steckte ihn ins Schloss und sperrte die Tür mit einem knarrenden Geräusch auf.

Die alte Ferienhütte hatte nur zwei große Räume: ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Zusätzlich gab es noch eine kleine Kochnische. Mark ging zusammen mit Ben nach hinten in den Anbau und suchten nach dem Stromgenerator. Er stand verlassen in einer Ecke und war mit einer schweren Kunststoffplane abgedeckt. Die jungen Männer entfernten die Plane und beugten sich über den Stromgenerator.

„Das kann doch nicht so schwierig sein, den zum Laufen zu bringen“, sagte Mark, legte einen Schalter vorne am Anlassergehäuse um, wartete einen Moment und drückte schließlich auf den roten Knopf am Blechgehäuse.

Nichts.

„Probier es noch mal“, forderte Ben ihn auf.

Mark drückte ein zweites Mal auf den rot markierten Startknopf.

Und dann erwachte der Generator summend zum Leben. Die beiden jungen Männer hörten ein schwirrendes Geräusch aus dem großen Metallgehäuse und dann sprang die Maschine ratternd und brummend an.

„Ja, wir haben Strom“, rief Mark vor lauter Freude und klopfte Ben auf die Schulter.

Ben wandte sich vor Aufregung an das Mädchen.

„Wo ist das Funkgerät, Mary?“ fragte er.

Sie deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung einer kleinen Nische mit einem braunen Vorhang davor.

„Das Funkgerät befindet sich hinter dem Nischenvorhang. Rechts an der Wand ist ein Schalter, den du auf „EIN“ umlegen musst. Danach läuft das Ding. Strom ist ja schon da“, gab Mary prompt zur Antwort.

Ben schob den Vorhang zur Seite, holte sich einen Stuhl und setzte sich vor das Funkgerät. Dann drückte er den Schalter rechts an der Wand in die Stellung „EIN“, schnappte sich das Mikrofon und wartete.

Mark und Mary standen dicht hinter ihm. Sie lauschten gespannt.

„Wir kommen von hier weg. Wir stellen den Kontakt zu jemanden her, der uns auf der Hauptinsel hört. Dann erzählen wir, was mit uns passiert ist und in ein paar Stunden sind welche hier, die uns abholen. – Also, ich werde jetzt mal versuchen, eine Verbindung herzustellen“, erklärte Ben Conner, hielt sich den Zeigefinger an den Mund und drehte am Lautstärkenknopf herum.

Aus dem Funkgerät ertönte tatsächlich ein Knacken.

Ben grinste die beiden anderen an.

„Was wollt ihr als Erstes essen, wenn wir wieder was zu mampfen kriegen?“

„Ich bestelle mir einen Apfelkuchen mit Schlagsahne“, schoss es aus Mary heraus. Sie lachten alle drei.

„Ich lasse mir eine knusprige Pizza mit allen Beilagen direkt nach Hause liefern“, warf Mark dazwischen und rieb sich genüssliche den Bauch.

Ben widmete sich wieder dem Funkgerät. Er hielt sich das Mikrofon vor den Mund, drehte an dem Abstimmknopf und suchte nach einer freien Frequenz.

„Was soll ich eigentlich sagen?“ fragte er seine Freunde. „Soll ich Mayday oder so was rufen, wie in diesen Katastrophenfilmen?

„Sag einfach mal zuerst ‚Hallo’, dann werden wir schon hören, was als Antwort zurückkommt“, sagte Mary zu Ben.

„Ja. Sag einfach so lange ‚Hallo’, bis jemand antwortet“, erwiderte Mark und fügte hinzu: „Aber jetzt fang endlich mal an! Ich bin gespannt, wer sich meldet.“

Ben starrte auf das knackende Funkgerät. Das Mikrofon zitterte in seine Hand. Dann hob er es an seinen Mund.

„Hallo? Hallo? Hallo? Kann mich jemand hören?”

Aus dem klobigen Kasten ertönte zuerst ein sirrendes Pfeifen, das bald in ein krächzendes Geräusch überging. Ben änderte die Tonhöhe und drehte danach am Abstimmknopf herum.

„Hallo? Kann mich jemand hören? Bitte melden! Wir sind in Schwierigkeiten und brauchen Hilfe“, rief er ins Mikrofon.

Wie gebannt horchten alle drei, als eine tiefe Stimme erklang. Eine Männerstimme. Sehr weit weg. Sie ging fast im Knistern und Rauschen des Gerätes unter.

„Hallo?“ schrie Ben ins Mikrofon. „Können Sie mich hören?“

Wieder erklang die Männerstimme. Das Rauschen wurde schwächer. Ben und die anderen konnten den Mann jetzt deutlich hören. Seine Stimme schwoll an und wurde wieder leiser.

„Der Kerl singt!“ rief Ben erstaunt. „Hört euch das bloß mal an!“

Der Mann sang tatsächlich mit einer tiefen, kratzigen Stimme ein Lied in einer fremden Sprache, die keiner von den jungen Leuten je gehört hatte. Sie kam ihnen auch nicht bekannt vor und hörte sich irgendwie fremdartig an. Die Melodie klang sonderbar, immer die gleichen seltsam abgehackten Worte.

Die drei lauschten dem Lied, das so langsam und quälend aus dem Lautsprecher drang. Ganz ohne Musik, nur ein Mann, der allein vor sich hin sang.

„Geh mal auf eine andere Frequenz – schnell!“ sagte Mark zu Ben.

Ben drehte am Frequenzknopf.

Und dann kam der Mann zurück, der immer noch sang mit seiner tiefen, kratzigen Stimme.

„Hallo? Hallo?“ plärrte Ben abermals ins Mikrofon.

Das Zirpen und Rauschen wurde schwächer. Dann war plötzlich der Kerl wieder da.

„Nein! Das gibt es doch nicht! Egal welche Frequenz ich einstelle, der Typ ist überall drauf. Er lässt sich nicht ausblenden!“ schrie Ben voller Wut. Er verlor langsam die Beherrschung.

Ben versuchte es noch einmal.

„Bitte verlassen Sie den Kanal!“ flehte er jetzt. „Wir sind in Not und brauchen dringend Hilfe. Man hat uns auf einer einsamen Ferieninsel zurückgelassen. Wir wissen nicht, was passiert ist und warum die Leute weg sind. Bitte, holen Sie Hilfe! Bitte!“

Ben suchte eine neue Frequenz. Aber auch dort war der Mann zu hören.

Wieder eine andere Frequenz. Der Mann sang weiter sein seltsames Lied.

„Verdammt noch mal, aufhören!“ schrie jetzt auch Mark ins Mikrofon. „Seien Sie endlich still!“ kreischte er.

Mary schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber – aber das ist nicht möglich. So was kann es nicht geben!“ murmelte sie verstört vor sich hin.

Und dann hörten sie alle drei über den Lautsprecher, wie der Mann plötzlich zu lachen begann. Es war ein tiefes, kaltes, grausames Lachen.

„Schalte das verdammte Ding aus!“ schrie Mary voller Entsetzen. Doch das Lachen ging weiter, auch dann noch, als Ben den Schalter in die Stellung „Aus“ zurücklegte.

Es war ein eisiges Gelächter, spitz wie ein Eiszapfen, das da von den Wänden der alten Ferienhütte hallte und in ihren Ohren schwang.

Ben, Mary und Mark drehten sich fast gleichzeitig herum und blickten gemeinsam zur Eingangstür rüber. Sie erschraken so heftig, dass sie augenblicklich zu schreien anfingen und am liebsten weggelaufen wären. Aber zwischen Tür und Angel stand ein hagerer Mann, der aussah wie Mr. Bill Allen. Er verwandelte sich nach und nach in eine echsenartige Kreatur, die jetzt langsam auf die drei völlig verängstigten jungen Leute zuschlich und ihnen im nächsten Augenblick aus einer Distanz von mehr als zwei Metern spontan eine schwarze Säure ins Gesicht spritzte.

Es war der reinste Horror.

Schreiend vor Entsetzen versuchten die drei jungen Leute noch aus dem Zimmer zu fliehen. Aber sie hatten keine Chance. Die Säure des grausigen Ungeheuers zerfraß in sekundenschnelle die Haut und das darunter liegende Fleisch ihrer schreckensverzerrten Gesichter. Sie fraß sich dampfend weiter und legte schon bereits Teile des Gebissknochens frei, bis sie letztendlich zuckend vor Schmerzen einer nach dem anderen zu Boden stürzten und noch an Ort und Stelle qualvoll starben.

Die Bestie aber grunzte zufrieden, als sie sich über die drei warmen Leichen hermachte und genüsslich verspeiste. Zurück blieben nur ein paar Knochen.

Nachdem die fürchterliche Kreatur ihre blutige Fressgier endlich befriedigt hatte, nahm sie einen silberfarbenen, Bumerang ähnlichen Gegenstand zwischen ihre scharfen Klauen und drückte sanft eines der vielen kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberfläche, die plötzlich alle rot aufleuchteten. Im nächsten Moment löste sich der Körper des unheimlichen Monster wie ein sich stetig verblassendes Bild langsam auf. Dann verschwand es im Nichts.

Zurück ließ die Bestie einen Ort des Grauens.


***

Viel später.

Unter den zahlreichen Passagieren eines modernen Kreuzfahrtschiffes befand sich auch ein großer, hager aussehender Mann in einem langen hellen Mantel und einem weiten Sonnenhut auf dem Kopf, der sein bleiches Gesicht verbarg. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.

„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der Bordcrew des Kreuzfahrtschiffes auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.

Als der Mann in seiner kleinen Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.

Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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