Hans Raasch

Ein Liebesbrief

 

Meine geliebte Sofie,

ich sitze vor einer leeren Seite, leer und nüchtern wie der Gerichtssaal, in welchem wir uns heute das letzte Mal als Ehepaar trafen. Die Scheidung wurde zügig vollzogen. Es war eine Routinesache für die Richterin.

„Herr Oberbinder, sind Sie mit der Scheidung von Ihrer Ehefrau einverstanden?“

Nein, wollte ich schreien. Nein, ich möchte mich nicht scheiden lassen. Aber hatte ich eine Wahl? Nach allem, was in der letzten Zeit vorgefallen war?

„Ja, ich willige ein.“

„Frau Oberbinder, möchten Sie sich scheiden lassen?“

„Ja.“

Kurz und bündig kam die Antwort, obwohl wir neunundzwanzig Jahre verheiratet waren, der größte Teil war wohl glücklich. Musste es tatsächlich so weit kommen?

Die Entscheidung zu unserer Trennung war vor eineinhalb Jahren von Dir getroffen worden. Unsere Kinder Sebastian und Franziska hatten unser Haus längst verlassen und Du wolltest zurück in Deinen Beruf, weil Dir die Decke auf den Kopf zu fallen schien. Nur Hausfrau - das konnte es nicht sein. Und Du hattest auch sofort einen neuen Job in Deinem ehemaligen Beruf als Sekretärin. Die Überstunden häuften sich in der neuen Arbeit, Seminare am Wochenende. Ahnungslos glaubte ich an alle Deine Ausflüchte.

Er war acht Jahre jünger als ich - ich hatte keine Chance. Nach all der Zeit mit unseren Kleinen, der Erziehung und dem Schulstress gab letztlich meine Arbeitslosigkeit unserer Ehe den Rest. Ich wurde nicht mehr gebraucht im Betrieb, man schickte mich nach Hause. Fortan gab ich eine Zeit den Hausmann ab. Natürlich mehr schlecht als recht. Wie sollte ich auch, ich war überfordert, war vom „Hotel Mama“ ohne Umwege in das „Hotel Sophie“ gezogen. Zugegebenermaßen war zu diesem Zeitpunkt keine Luft mehr in unserer Beziehung. Es gab keine Umarmung, keine Liebkosungen mehr - keine Sinnlichkeit. Meine neue vielverheißende Arbeit kam zu spät, um noch irgendetwas retten zu können

„I can´t stop loving you“. Sophie, das war unser Lied von Tom Jones, als wir uns seinerzeit kennenlernten in der Disco. Der erste zarte Kuss, wir brannten lichterloh vor Hingabe. Zukunftspläne wurden geschmiedet und wir waren die ersten in unserem Bekanntenkreis, welche in eine gemeinsame kleine Wohnung zogen, ohne verheiratet zu sein. Bei unserer Franzi ist das heute kein Thema mehr.

Zu konservativ war unser kleines Städtchen und es war auch keine Frage zwischen uns. Wir heirateten als Du schwanger warst. Gleich nachdem ich in der Arbeit ein neues Aufgabengebiet übernommen hatte, wurde Sebastian geboren. Ich war bei der Entbindung dabei und war mächtig stolz auf unseren Sohn. Hatten wir doch in einem Kursus Atemübungen gelernt, um die Presswehen zu lindern. Ich musste Deinen Rücken massieren, weil es Erleichterung brachte. Als unser Sebastian kam, bin ich fast in Ohnmacht gefallen.

Das Grundstück Deiner Eltern und die Beförderung im Betrieb ermöglichten es uns, ein Häuschen zu bauen. Viel Arbeit wurde durch unsere eigenen Hände erledigt. Tatkräftig halfen wir mit und fielen abends ermüdet vom Schubkarrenschieben und anderen Hilfsarbeiten in die Federn. Aber irgendwann stand es dann: Unser Traumhaus. Der Einzug wurde mit einer riesigen Fete für alle Mithelfer und Verwandten gefeiert und wie Du schon auf der Baustelle bewiesen hattest, sorgten Deine Fähigkeiten bei der Proviantbeschaffung für helle Begeisterung. Die traute Zweizimmerwohnung tauschten wir gegen großzügige Räumlichkeiten mit so vielen Zimmern, dass wir uns anfänglich beinah verliefen. Durch unseren Fleiß wurden wir zügig schuldenfrei.

Mit Freude denke ich an unseren ersten Sommerurlaub in Griechenland. Deine Eltern kümmerten sich um Sebastian und wir durften zwei Wochen lang nach Korfu fliegen. Blauer Himmel und Sonne pur, Badespaß bis zum Abwinken und um die Verpflegung brauchten wir uns auch nicht kümmern. Am Abend noch einen Sunsetdrink- es war wie im Schlaraffenland. Braungebrannt und erholt kamen wir mit dem Charterflug wieder zurück.

Kurze Zeit später kam unsere Franziska sehr geplant auf die Welt. Ein Liebeskind - entstanden während eines Liebesurlaubs. Ich bin sehr stolz auf unsere Kinder und ich liebe sie. Leider sehe ich die Beiden viel zu selten. Franzi ist dabei, mit Ihrem Partner eine Existenz aufzubauen und Basti geht zielstrebig seinem Job als Computerprogrammierer nach. Für Mama und Papa bleibt nur wenig Zeit übrig.

„Urteil im Namen des Volkes – in der Familiensache Sofie Oberbinder, geborene Zeisler, geboren am 19. Mai 1958,

gegen Peter Oberbinder, geboren am 27. September 1954,

wegen Ehescheidung hat das Familiengericht durch die Richterin Dr. Fischler für Recht erkannt:

Die am 24. Juni 1981 am Standesamt geschlossene Ehe der Parteien wird geschieden.“

Nüchtern und sachlich war die Stimme der Frau Dr. Fischler, als sie das Scheidungsurteil verlas. Ich dagegen empfand die halbe Stunde im Gerichtssaal wie emotionale Faustschläge ins Gesicht. Neunundzwanzig Jahre Ehe mit einem Federstrich ausgelöscht. Wo hatte ich versagt? Warum konntest Du das Trennungsjahr und die Scheidung so konsequent durchziehen, während ich jämmerlich durchsackte und als seelische Baustelle mehr und mehr dahinsiechte? Dass Dein neuer Partner Dich verließ, gab mir die Hoffnung, Dich wieder zurückgewinnen zu können. Deine Begründung, eine Rückkehr würde in nicht enden wollende Vorwürfe ausufern, kann ich noch heute nachvollziehen. Ich war nicht einfach mit meiner Eifersucht, eine psychologische Aufarbeitung der Problematik wäre vonnöten gewesen. Du hast lieber die Scheidungssache durchgezogen, an Rückkehr hast Du nie gedacht.

Waren unsere gemeinsamen Jahre so schlecht? Der stetige Aufbau unserer finanziellen Lage, unsere Freizeit und zuletzt unsere prächtigen Kinder. Auch meine insulinpflichtige Diabetes konnte uns nichts anhaben. Zusammen meisterten wir alle Gefahren des Lebens.

Aus Trotz suchte ich nach unserer Trennung neue Partnerinnen. Ein Arbeitskollege nahm mich sogar mit in ein Bordell. Der verheiratete Mann war gerade mit einer Blondine mit osteuropäischem Akzent in ein Zimmer verschwunden, als sich eine zweite Dame in der kleinen Bar anbiederte. Sie bat um einen Drink.

„Wenn Du nicht mit mir auf mein Zimmer kommst, werde ich Probleme mit dem Kerl da hinten bekommen.“

Ich sah mich um und erblickte einen Hünen mit unzähligen Tattoos auf seinen Oberarmen und am Nacken. Ich steckte der verschüchterten jungen Frau einen Fünfziger zu und verließ fluchtartig das Etablissement.

Später traf ich auf Veronika. In Aussehen und Wesen ähnelte sie Dir. Wenn ich sie von der Seite oder die Art ihrer gesteckten Frisur betrachtete, konnte ich glauben, deinen Zwilling vor mir zu haben. Nur ihre braunen Augen unterschieden sie von Deinen graublauen. Auch Vroni hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich. Leider hatte sie nicht den Willen meinen Seelenschmerz abzuwarten, mich wieder aufzubauen. Mein Neuanfang mit Veronika scheiterte vor allem an meinen ständigen Vergleichen mit Dir. Wieder versagt!

Meine geliebte Sophie, ich muss mich beeilen, ich habe nur noch eine kurze Weile. Die Überdosis Insulin fängt an zu wirken. Ich werde müde, die Ohnmacht naht. Ohne Dich gibt es keine Zukunft, ohne Dich möchte ich nicht weiter leben. Alles ist so leer. Aber vergiss bitte niemals: Ich habe nur Dich geliebt und werde nur Dich lie…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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