Klaus-D. Heid

Gerhardt Sch.

„Morgen feiere ich meinen achtundachtzigsten Geburtstag.

Oder war es der neunundachtzigste Geburtstag? Egal. Auf jeden Fall bin ich schon ganz schön alt für mein Alter! Wenn ich andere Männer sehe, die noch nicht so alt sind, aber schon im Altersheim verschimmeln, bin ich richtig stolz auf mich. Körperlich bin ich fit wie ein Turnschuh! Jeden Morgen um fünf Uhr mache ich einen kleinen Dauerlauf durch den Park. In meinem Hobbykeller steht eine Hantelbank und hängt ein Boxsack. Abgesehen von einem winzigen Bäuchlein habe ich noch immer die Figur eines durchtrainierten jungen Mannes. Mein Lungenvolumen kann sich noch locker mit jedem Marathonläufer messen! Auf meinem Kopf befinden sich wahrscheinlich mehr Haare, als auf den meisten Köpfen frühgreiser Vierziger! Mein Sexualleben? Ich sage nur: aktiv! Auch als Witwer muss ich nicht auf die angenehmen Seiten des Lebens verzichten, oder? Selbstverständlich bin ich auch geistig rege. Ich lese zum Beispiel gerade die italienische Ausgabe einer Abhandlung zum Thema ‚nonkonformistische Tendenzen in frühsubversiven Gruppenzwängen’. Blutdruck, Puls und Leberwerte sind perfekt. Es gibt keinerlei Anzeichen einer drohenden Gicht. Mein Herz schlägt regelmäßig wie eine Atomuhr. Kreislaufbeschwerden kenne ich nur aus meinem Bekanntenkreis. Ich amüsiere mich königlich, wenn ich meine Bekannten jammern und klagen höre. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie keine anderen Gesprächsthemen als ihre unzähligen Wehwehchen haben. Einige klagen sogar schon über Blasenschwächen und Prostatabeschwerden, obwohl ich mit Abstand der älteste in unserer gemeinsamen Skatrunde bin.

Natürlich bin ich noch immer im Besitz meiner gültigen Fahrerlaubnis, die ich 1931 erworben habe. Wenn ich ab und an mit meinem Triumph Spider durch die Innenstadt heize, genieße ich die irritierten Blicke junger Mädchen und ungläubiger Rentner. Ich liebe es, den Fahrtwind zu spüren, wenn mein Triumph und ich über die Autobahn jagen. Aus den Boxen meines CD-Players ertönt in voller Lautstärke das süße Gestöhne von Kylie Minogue. Hämmernde Bässe erinnern mich mit ihrem Rhythmus an alle Freundinnen, die sich in einer endlosen Warteschlange eingereiht haben, um sich mit mir zu treffen. Da ich in der Auswahl meiner Freundinnen alphabetisch vorgehe, warten noch alle Buchstaben ab -L- auf mich! Vorausgesetzt, dass ich mich auch künftig so glänzend in Schuss fühle, werde ich wohl mindestens 129 Jahre alt werden müssen, um bei -Z- zu landen...

Auf jeden Fall geht morgen die Post ab!

Eigens für meine Geburtstagsfete habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und einfach die Rolling Stones engagiert. Ich war schon immer ein Fan von Mick. Satisfaction, Mr. Jagger! Kylie wäre mir zwar noch lieber gewesen, aber leider war sie unabkömmlich. Schade! Ich hab mir aber fest vorgenommen, sie zu meinem hundertsten Geburtstag einzuladen, falls sie dann noch nicht zu alt für mich ist.
Damit auch alle zweieinhalbtausend Gäste Platz finden, musste ich die Stadthalle anmieten. Na und? Bin ich nun reich oder nicht? Ich bin’s! Steinreich! Geld spielt wirklich keine Rolle für mich. Die Kohle, die ich in meiner aktiven Berufszeit eingeheimst habe, reicht locker, um meinen Lebenswandel noch ein paar Jahrzehnte weiterzuführen.

Eigentlich bräuchte ich auch mal wieder was Neues zum Anziehen. Vier oder fünf neue Anzüge werden wohl reichen. Wenn ich mich etwas spute, kann Signore Armani noch rechtzeitig hier sein, um mir seine neueste Kollektion vorzustellen. Außerdem benötige ich noch dringend einige Hemden und Krawatten. Ich hoffe doch sehr, dass Karl flexibel genug ist, um mich noch heute Abend mit dem Nötigsten zu versorgen? Bislang hatte ich jedenfalls mit Lagerfeld keine Probleme.

Um was ich mich nicht alles zu kümmern habe! Richtig aufgeregt bin ich!

Wenn ich daran denke, wie ich als Bundeskanzler auf die öffentliche Meinung achten musste, wird mir regelrecht schlecht! Aber was soll’s? Hiltrud hab ich geschafft, Doris war auch irgendwann Vergangenheit – und nach Sonia, Maren, Ines, Johanna, Silke, Heinz, Elsbeth, Kylie, Annemarie und Martina habe ich es aufgegeben, mir die Namen zu merken.

Ab und zu besucht mich mein alter Weg- und Kampfgefährte Rudolf. Ist ein Jammer, was aus ihm geworden ist. Ein Jammer! Ohne Krücken kann er keinen Schritt mehr machen. Manchmal vergisst er sogar seinen eigenen Namen. Und wenn er damals schon sehr langsam gesprochen hat, braucht er heute für jedes Wort die zehnfache Zeit. Armer Teufel! Übrigens habe ich Rudolf nicht zu meiner Geburtstagsfete eingeladen. Stellen sie sich nur vor, was Mick denken soll, wenn er krampfhaft überlegt, was ‚äääähhhhh’ auf englisch bedeutet.

Es wird langsam Zeit, Schluss zu machen. Hat mich wirklich sehr gefreut, mit Ihnen zu plaudern, junge Frau. Wie war noch gleich ihr Name? Nanette? Lassen Sie mich kurz nachdenken...! Da war doch mal was mit einer gewissen Nanette...? Was sagen Sie? Wir hatten schon mal was miteinander? Und was reden Sie denn da von später Rache? Verdammt! Jetzt erkenne ich Sie! Legen Sie doch um Himmels Willen...

...die Waffe aus der Hand, Fräulein Kohl...!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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