Olaf Lüken

Willkommen in der Welt des schönen Scheins

Mode und Geld sind schwer zu trennen, jedenfalls dann, wenn man Mode mit Kleidung
gleichsetzt. Kleiden müssen sich alle. Mode soll aber nicht kleiden, Mode will getragen
werden, vor allem sich vor anderen abheben. Grundsätzlich muss Mode nicht teuer sein,
aber sie ist es. Und Geld ist das zuverlässigste soziale Ausschlusskriterium. Es klingt
paradox, aber Markenkleidung ist trotz gewöhnlicher Materialien und Schnitt, kaum zu
bezahlen und scheint mehr den oberen 1 Prozent der Weltgemeinde vorbehalten zu
sein. Gezielt werden heute Menschen angesprochen, die es spannend finden, für eine
Jeans 900 Euro und für ein Sweatchirt mit Aufdruck 500 Euro und mehr auszugeben.

Bargeld und Mode sind sich darin durchaus sehr ähnlich: Ebenfalls aus billigem Material
produziert (Zellstoff oder Kunststoff), funktioniert es nur, wenn man ihm einen gewissen
Wert zuschreibt. Im Grund drücken wir uns gegenseitig bedrucktes Papier in die Hand
und glauben fest daran, dass es etwas Besonderes ist.

Geld beziehungsweise Gold war schon in historischen Zeiten ein wichtiges Bindemittel
der Kommunikation. Römische Imperatoren ließen ihr Profil beziehungsweise ihr Konter-
fei auf Münzen prägen, damit jede Römerin und jeder Römer im Riesenreich wusste, wer
der aktuelle Herrscher war. Später kamen Persönlichkeiten wie Thomas Jefferson, George
Washington und Abraham Lincoln auf die US-Dollarnoten. Der besondere Grund ? Ver-
änderungen in den Gesichtern auf den Geldscheinen fallen auch dem Laien auf. Instink-
tiv. Fälschungen wurden schneller erkannt. Der staatliche Wunsch ? Mehr Fälschungs-
sicherheit.

Heute werden 80 Prozent aller Transaktionen bargeldlos abgewickelt und eine kleine
Geldgemeinde investiert lieber gleich in besonders risikoreiche virtuelle Währungen.
Haben Sie schon einmal den Namen "Bitcoin" gehört ? In der immateriellen und vir-
tuellen Geldwelt hat nicht einmal der Dollar ein Gesicht. Und der Euro ? Er ist völlig
frei von stilisierten Bauten.

Ist Ihnen aufgefallen, dass Banknoten vermehrt als Motive in der Mode auftauchen ?
Die Bargeldwelt zeigt ihre ersten Auflösungserscheinungen. Chefdesigner Demna
Gvasalia ließ bei Balenciaga Dollar- und Euro-Banknoten auf Stiefel drucken. Das
New Yorker Label Vaquera hat Kleider mit Fünf-Dollar-Noten als Prints im Programm.
Hätte man vor zwanzig Jahren Kleidungsstücke mit abgebildeten Banknoten getragen,
so hätte man sie als selbstherrliche Geste "Neureicher"identifiziert. Heute spekuliert
der Jetset darauf, dass Mammon sein Gesicht dreht und allen sein Janusgesicht zeigt.
Was Washington auf der Dollarnote . zeigt jetzt als virtueller Bitcoin sein Nichtgesicht
Neuartig kommt in unseren Tagen hinzu: Wer Stiefel, wie jene von Balenciaga
kaufen will, darf dem Geld allein nicht mehr vertrauen. Man muss auch wissen, wann
sie wo angeboten werden. Erst dann klopft Ihnen Mammon anerkennend auf die
Schulter und heißt Sie als neues Mitglied in der Avantgarde des Informationszeitalters
herzlich willkommen.

(c) Olaf Lüken (2017)

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