Ingo R. Hesse

Betreutes Töten

Sie sind weg gestorben. Die vielen Männer und einige Frauen, die mich in meiner Kindheit so traurig machten. „Kriegsversehrte“. Damals wohl als ein schöneres Wort für „Krüppel“ eingesetzt.

 

Ohne Beine. Ohne Augen. Ohne normales Leben. Einige hatten geschafft, trotz dieser Einschränkungen erfolgreich zu sein. Mehrere fallen mir spontan ein, wenn ich an Krieg und die damit verbundenen Folgen für die dafür benutzten Menschen denke. Ich erinnere mich an Augenklappen, gelbe Binden mit drei schwarzen Punkten, knarrende Bein-Prothesen, Krücken.

 

Als Kind machte mich das einfach nur traurig. Später, als Jugendlicher kamen Überlegungen dazu. Warum können Politiker und Diplomaten verfeindeter Länder in Fernsehstudios mehr oder weniger friedlich miteinander umgehen, ohne ein Messer, eine Handgranate zu zücken, während die jeweiligen Soldaten sich gegenseitig ermorden oder zu „Kriegsversehrten“ machen?

 

Es ist also nicht der Hass des Einzelnen auf Einzelne, der zum Krieg führt. Dieser Hass entsteht erst, wenn die ersten Kameraden oder Familien-Mitglieder vom von Oben verordneten Feind getötet oder „versehrt“ wurden. Damit haben Diplomaten und Politiker geringere Probleme. Deshalb können sie, sofern es ihre Intelligenz ermöglicht, zivilisiert miteinander reden, während andere immer mehr zu Bestien mutieren.

 

Als sich 1974 auf Zypern Griechen und Türken bewaffnet und entschlossen gegenüber standen, saß ich in meiner Lieblings-Kneipe zwischen Türken und Griechen, die sich friedlich unterhielten und teils auch freundschaftlich verbunden waren. Sie machten sich Sorgen um ihre Angehörigen und um den Frieden in ihren Ländern.

 

Inzwischen habe ich begriffen, dass Politiker und Diplomaten Kriege nicht nur anzetteln sondern auch verhindern oder beenden können. Dafür ist es notwendig, dass sie un-“versehrt“ bleiben. Und weil es wenige sind, werden sie geschützt und verhalten sich untereinander friedlich. Während Soldaten und Soldatinnen immer ausreichend vorhanden sind und im Laufe eines längeren Krieges nachwachsen. Da macht es nichts aus, wenn viele von ihnen sterben. Zumal die „Gefallenen“ (auch so ein schönes Wort) nach Kriegsende, wenn die Diplomaten und Politiker sich geeinigt haben, nicht so hohe Kosten verursachen wie die „Versehrten“.

 

Nicht vollständig begriffen habe ich aber bis heute, was die verschiedenen „Regelwerke des anständigen Tötens“ bezwecken und erreichen sollen. Mir scheint es irrsinnig zu sein, wenn ich schon mit dem Vorsatz zu töten ins Feld ziehe, über die Art der Waffen ein Abkommen zu schließen. Ein Duell unter Ehrenmännern wie Anno Dazumal? Was für ein Unsinn!

 

Wenn jemand mit einer edlen Waffe auf mich schießt, nehme ich was ich gerade greifen kann um mich zu wehren. Von der Zaunlatte bis zur Chemiewaffe. Wenn sich der Gegner mit teurem Tötungs-Kram eindecken kann, ich aber nur meinen Chemie-Baukasten habe, wehre ich mich mit dem, was ich aufbringen kann.

 

Ich weiß nicht ob das noch gilt, damals hieß es, feindliche Fallschirmspringer dürfe man im Krieg nicht abschießen, solange sie sich noch in der Luft befinden. Hahaha, gerade dann, würde ich sagen. Denn das ist der Moment in dem sie noch nichts angerichtet haben und in dem man sie gut sehen kann!

 

In Syrien töten Syrer Syrer. Wer da im Recht ist, kann ich nicht entscheiden. Aber dass dort Kinder getötet werden, ist schon länger klar. Wobei mir diese Verlogenheit gegen den Strich geht. Kinder als Begründung für das Ende des Tötens anzuführen. Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wir alle waren irgendwann Kinder. Und alle haben ein Recht auf Leben! Soldaten wie Zivilisten. Erwachsene wie Kinder!

 

Ein Krieg kann nicht nur mit Waffengewalt beendet werden. Es kann sich auch eine Seite ergeben. Was aber schwer fällt, wenn Freunde und Familienangehörige getötet wurden. Es braucht Generationen bis eine Aussöhnung stattfinden kann. Also müssen wieder die Politiker und Diplomaten entscheiden. Und ihre Entscheidung notfalls mit Waffengewalt durchsetzen. Was wieder nichts anderes ist als Krieg.

 

Mord ist Mord. Ob mit Gas, Blei, einem Knüppel oder Messer. Und erst einzuschreiten, wenn ein Kontrahent „unanständig“ tötet, weil sein Angreifer ihm „fair“ die Beine weg geschossen hat, ist nach meiner Meinung ebenso verwerflich wie die Verwendung aller Waffen zum Durchsetzen politischer Ziele.

 

Aber vielleicht täusche ich mich ja. Vielleicht treffe ich die Opfer eines Tages in einer anderen Welt. Und dann werde ich sie fragen, ob ihnen der Reise-Antritt mit einer Streubombe oder mit Giftgas schmackhafter und angenehmer gemacht wurde. Und ich werde sie fragen, ob es das wirklich wert war. Denn nach dem ersten Schuss ist niemand mehr unschuldig an der Situation. Niemand. Zugegeben, außer den Kindern. Aber Eltern sollten nicht erst jammern, wenn die eigenen Kinder sterben. Als sie noch aus sicherer Deckung ins andere Lager schossen, starben die Kinder der Gegner.

 

Irrsinn pur!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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