Heinz-Walter Hoetter

Die unglaubliche Story vom jungen Jack Morgan

Es war bereits später Nachmittag geworden, und die Sonne brannte nicht mehr so erbarmungslos heiß vom wolkenlosen Himmel. Ein leichter Wind kam sogar auf, der jetzt durch die tiefen Straßenschluchten der Wolkenkratzer der pulsierenden Millionenstadt wehte. An einigen Stellen wirbelte er lose herumliegende Zeitungsblätter durch die Luft, die irgendwelche Leute hier einfach achtlos weggeworfen hatten.

Der junge Jack Morgan stand im kühlen Schatten eines alten Torbogens, hielt einen kleinen Pappbecher mit heißem Kaffee in der rechten Hand und beobachtete von seinem sicheren Standort aus den ganz in der Nähe vorbeifließenden Großstadtverkehr, der mit gleichmäßigem Hintergrundgeräusch in einer schier endlosen Folge von Fahrzeugen an ihm vorbei zog.

Erst als der auffrischende Wind den widerlichen Gestank einer dichten Abgaswolke zu ihm hinüber wehte, zog sich der junge Mann ein Stück weit in die hinter ihm liegende Nebenstraße zurück, wo es außerdem viel ruhiger war.

Gerade in dem Moment, als er einen Schluck Kaffee zu sich nehmen wollte, vernahm er einen äußerst seltsamen Ton, der offenbar aus der Einfahrt einer nah gelegenen Tiefgarage zu kommen schien. Es hörte sich fast so an, als würde jemand mit hoher, abgehackter Stimme rufen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Der junge Mann drehte sich interessiert herum, blickte mit eng zusammen gekniffenen Augen suchend die schmale Einbahnstraße ab, bis er schließlich nach einer Weile direkt auf das ungewöhnliche Geräusch zu marschierte, das immer lauter wurde, je näher er kam. Schließlich stand Jack vor der breiten Tiefgarageneinfahrt und war ziemlich erstaunt, was er da ein paar Meter weiter unten liegen sah.

Vor dem breiten, geschlossenen Garagentor entdeckte er auf dem harten Betonboden einen seltsam aussehenden, kastenförmigen Gegenstand, der von seinem äußeren Aufbau her eigentlich ehr wie ein riesiges Handy aussah. Aber auch dieser Vergleich hinkte ein wenig. So ein Ding hatte Jack noch nie zuvor gesehen. Auch war der komische Ton plötzlich verstummt, dafür hatte jetzt ein bläuliches Blinklicht des eigentümlichen Gerätes eingesetzt, das an Intensität ständig zunahm. Es schien fast so, als wollte dieses ungewöhnliche Etwas unbedingt von jemanden gefunden werden.

Jack Morgan trat an das blinkende Ding heran, nahm es vorsichtig in seine Hände und betrachtete das mattschwarze Gehäuse neugierig von allen Seiten.

Auf der glatten Vorderseite befand sich ein roter Druckknopf, der nach oben hoch gewölbt aus dem Gerät hervor ragte. Erst jetzt bemerkte Jack, dass das blaue Licht aufgehört hatte zu blinken.

Dann geschah etwas, womit der junge Mann nicht gerechnet hatte.

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich eine grölende Horde verwahrloster Halbstarker am anderen Ende der Straße auf, die offenbar Streit suchten.

Erschrocken steckte Jack seinen unbekannten Fund schnell in die rechte Jackentasche, warf den Pappbecher samt restlichem Kaffee einfach oben in einen offen stehenden Müllcontainer, der gleich neben der Garageneinfahrt stand, und rannte so schnell er konnte auf der schmalen Einbahnstraße bis zum alten Torbogen zurück. Als er ihn wenige Minuten später mit keuchendem Atem erreichte, mischte er sich unauffällig in eine gerade vorbei kommende Gruppe von Passanten, bis er schließlich in einem U-Bahn Eingang verschwand, um sich schleunigst auf den Weg nach Hause zu machen.

***

Das schöne Reihenhaus seiner Eltern lag am äußersten Rand der gewaltigen Millionenstadt. Hier war es ruhig und überall gab es wunderschöne Parkanlagen mit großen, schattigen Bäumen inmitten weitläufig angelegter Rasenflächen, die von breiten Spazierwegen durchzogen waren. Es gab sogar kleine Seen, auf dessen silbrig glänzendem Wasser sich eine große Anzahl Enten, Blesshühner und Schwäne tummelten.

Als Jack zu Hause ankam und die Eingangstür leise aufschloss, lauschte er angestrengt einen Augenblick lang in den gähnenden Flur. Offenbar waren seine Eltern immer noch arbeiten, denn alles war ruhig. Er zog die Schuhe aus, ging kurz darauf schnell nach oben in den ersten Stock und verschwand auf seinem Zimmer. Dann schloss er die Tür hinter sich ab, weil er auf gar keinen Fall gestört werden wollte, schon gar nicht von seinen Eltern.

Einen Augenblick lang stand Jack etwas verträumt in seinem Zimmer, bis er kurz darauf spontan in seine ausgebeulte Jackentasche griff. Vorsichtig holte er das schwarze Ding daraus hervor, legte es behutsam vor sich mit dem roten Knopf nach oben auf den gläsernen Tisch, wobei er sich heimlich fragte, was es wohl für eine Funktion haben könnte. Er dachte auch darüber nach, ob es sich möglicherweise nur um eine ganz normale Fernsteuerung für das Garagentor handelte, die einer der Mieter des Hauses vielleicht dort versehentlich verloren hatte. Wie auch immer, er würde es schon noch heraus bekommen, wozu man dieses ungewöhnliche Gerät gebrauchen konnte.

Ein Weile später.

Jack hatte sich inzwischen umgezogen. Immer wieder betrachte er das schwarze Ding auf dem Tisch. Schließlich konnte er sich nicht mehr zurück halten und nahm es wieder in die Hände. Dann drehte er es nach allen Seiten, wobei Jack sich fragte, welche Funktion wohl der rote Druckknopf haben mochte, der sich auf der glatten Oberseite des mattschwarzen Gehäuses so auffällig davon abhob.

"Was kann schon passieren, wenn ich da drauf drücke? Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Fernsteuerung für die Tiefgarage, vor der dieses Ding lag. Wenn ja, dann werde ich morgen den zuständigen Hausmeister aufsuchen und ihm das Gerät zurück geben. Möglicherweise springt sogar dabei eine kleine Belohnung für mich heraus", murmelte Jack halblaut vor sich hin und musste bei diesem Gedanken ein wenig grinsen.

Kurz bevor der junge Mann auf den roten Knopf drücken wollte, fiel ihm plötzlich eine U-Bahn Fahrkarte entgegen, die offenbar auf der anderen Seite des Gerätes irgendwo in einem der schmalen Schlitze eingeklemmt worden war. Jack nahm sie auf und las, bei welcher Station er die Fahrkarte abgestempelt hatte. Sie hätte ja vielleicht noch gültig sein können. Im selben Moment drückte er so ganz nebenbei auf den roten Knopf des schwarzen Gerätes. Dann geschah das schier Unglaubliche. Ohne es genau mitbekommen zu haben, war Jack plötzlich von einer Sekunde auf die andere verschwunden.

Als er wieder auftauchte, fand er sich in jener U-Bahn Station wieder, wo er das besagte Ticket entwertet hatte. Diese Gegend war ihm gut bekannt. Zum Glück befanden sich um diese Zeit nur wenige Fahrgäste auf dem hell erleuchteten Bahnsteig. Keiner von ihnen muss wohl von seinem plötzlichen Erscheinen etwas mitbekommen haben, weil alles einfach unglaublich schnell gegangen war.

Jack schlich sich hinter einer der breiten Stützsäulen der U-Bahn Station und betrachtete ungläubig staunend den schwarzen Kasten. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er mit diesem Ding teleportieren konnte, wohin auch immer er wollte. Das war jedenfalls seine momentane Einschätzung. Trotzdem wollter er noch mal einen Sprung ausprobieren, denn er hatte vor, so schnell wie möglich wieder nach Hause zurück zu kehren.

Doch wie sollte er das bewerkstelligen? Jack dachte kurz nach. Dann fiel ihm sein Haustürschlüssel ein. Er zog ihn aus der Hosentasche hervor und betrachte das kleine Foto mit dem Reihenhaus seiner Eltern, das sich in einer durchsichtigen Plastikplakette befand. Er schaute es an und drückte sofort auf den roten Knopf. Im nächsten Augenblick rematerialisierte er wieder in seinem Zimmer. Alles war noch so, wie er es verlassen hatte. Jack überkam ein unglaubliches Glücksgefühl. Mit diesem seltsamen Ding konnte er anscheinend ohne Zeitverlust überall hinteleportieren. Also wollte er es gleich noch einmal ausprobieren.

Vor ihm auf dem Glastisch lagen mehrere Zeitungen. Auf einer der Zeitungsseiten erkannte er einen wunderschönen Strand irgendwo auf einer weit abgelegenen, einsamen Urlaubsinsel im fernen pazifischen Ozean. Er blickte auf das Bild und drückte den roten Knopf. Im Nu war Jack abermals verschwunden. Ohne Zeitverzögerung tauchte er am sandigen Strand jener Insel wieder auf, die er in der Zeitung als Urlaubsfoto gesehen hatte. Alles war absolut real. Jack genoss das Rauschen der herein kommenden Wellen am feinen, goldgelben Sandstrand in vollen Zügen. Eine leichte Brise kam auf, die ihm sanft durch die blonden Haare strich, wodurch sie durcheinander gebracht wurden. Am fernen Horizont ging gerade die blutrote Sonne unter, begleitet vom kreischenden Gesang eines großen Mövenschwarms am Himmel.

Nachdem er von diesem überwältigendem Erlebnis genug hatte, holte er seinen Haustürschlüssel wieder aus der Hosentasche hervor, betrachtete das Bild des Reihenhauses und drückte auf den roten Knopf. Im nächsten Moment stand er auch schon in seinem Zimmer. Jack konnte es immer noch nicht fassen, was er da für ein außergewöhnliches Artefakt in seinen Händen hielt. Ein unglaublicher Fund war es allemal, und bestimmt war dieses Ding nicht von dieser Welt, dachte er so für sich. Aber darüber wollte er sich jetzt keine Gedanken machen. Euphorisch warf er den schwarzen Kasten auf den weichen Sessel, der direkt vor dem Glastisch stand. Dann ging Jack nach nebenan ins Bad, zog sich aus und duschte sich ausgiebig. Er wollte später noch ein paar Teleportationen ausprobieren, die ihn zu den bekanntesten Großstädten dieser Welt bringen sollten, noch bevor seine Eltern nach Hause kommen würden.

***

Jack kam eine halbe Stunde später fröhlich pfeifend aus dem Badezimmer zurück. Seine Haare waren bereits trocken, die er vorher noch schnell geföhnt hatte. Er wollte einfach keine Zeit verlieren. Nebenbei warf er das Badehandtuch auf den Sessel, ging rüber zum Kleiderschrank und zog sich komplett neu an.

Als er soweit fertig war, marschierte er zum Glastisch rüber, wo etliche alte Tageszeitungen mit faszinierenden Urlaubsbildern aus aller Welt herum lagen. Während Jack noch im Stehen die verschiedenen Fotos in aller Ruhe betrachtete, stieß er durch Zufall dabei auf eine Zeitungsseite, auf der ein Planet abgebildet war, den das Hubble-Weltraumteleskop bei seiner Suche nach erdähnlichen Welten vor einiger Zeit entdeckt hatte.

Jack war von der Möglichkeit eines erdähnlichen Planeten, der viele Millionen Lichtjahre weit weg von der Erde des Menschen einsam und allein seine Bahn um eine fremde Sonne zog, derart begeistert, dass er sich einfach rücklings in den Sessel fallen ließ, ohne an den schwarzen Kasten zu denken, der unter dem Badehandtuch lag. Während er noch gebannt auf das Bild mit dem fremden, erdähnlichen Planeten starrte, drückte er mit seinem Hintern auf den roten Knopf, der sofort die Funktion des Teleportierens auslöste.

Der junge Mann bemerkte noch seinen fatalen Fehler, aber es war schon zu spät. Zwar versuchte er noch, sich in seiner grenzenlosen Verzweiflung am Sessel festzuhalten, was ihm jedoch nicht gelang. Es kam, was kommen musste. Jack verschwand von der Bildfläche. Keiner hörte seinen entsetzlichen Schrei, den er mit in die Unendlichkeit nahm. Zurück blieb der schwarze Kasten mit dem roten Knopf, der auf dem Sessel unter dem Badehandtuch lag.

***

Viele Millionen Lichtjahre weit weg von der Erde des Menschen.

Auf einem erdähnlichen Planeten, mit einer ausreichenden Sauerstoffatmosphäre und einer frühzeitlichen, aber üppigen Flora und Fauna, sitzt der junge Jack Morgan am weiten Strand eines urzeitlichen Meeres und blickt hinüber zum fernen Horizont, wo gerade zwei blutrote Sonnen untergehen.


 

Dann schaute er hinter sich.

 

Im gebührenden Abstand um ihn herum hatte sich eine große Gruppe affenartiger Wesen eingefunden, die sich laut kreischend einer nach dem anderen mit fest geschlossenen Augen unterwürfig und voller Ehrfurcht vor dem jungen Mann der Länge nach auf den Boden warfen, der wie aus dem Nichts plötzlich vor ihnen aufgetaucht war.



ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 


 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Septemberstrand: Gedichte Taschenbuch von Andreas Vierk



Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das dunkle Geheimnis des Schriftstellers Mark Hollester von Heinz-Walter Hoetter (Fantasy)
Der Kuss, der auf seinen Lippen loderte von Margit Farwig (Fantasy)
Mordlust 1956 von Paul Rudolf Uhl (Autobiografisches)