Paul Theobald

Der Schlüssel

Als ich spät am Abend weggegangen war, brachte ich noch den Müll zum Container. Um an diesen zu kommen, benötigte ich einen Schlüssel. Ich dachte: Der Müll ist für die Menschen, die ihn in den Container tun, wert- und nutzlos. Trotzdem sperren sie diesen Raum ab. Und als ich so in Gedanken war, vergaß ich den Schlüsselbund, an dem auch die anderen Schlüssel waren. Als ich nach Hause kam, stellte ich fest, dass ich meine Schlüssel nicht bei mir hatte und somit nicht ins Haus kam. Aber dann fiel mir ein, dass ich zuletzt am Müllcontainer war. Und tatsächlich, dort steckte der Schlüssel noch im Schloss. So fand ich alle meine Schlüssel wieder. Trotzdem beschäftigt mich die Frage: Warum schließen Menschen den Müllplatz ab, wenn der Müll, den sie dorthin bringen, für sie wert- und nutzlos ist?
Meine Eltern hatten sieben Katzen, wie sie auch sieben Kinder hatten. Aber ich war das einzige Kind, das sich um diese Tiere kümmerte. Ich kaufte das Katzenfutter, fütterte sie jeden Tag und brachte sie zum Tierarzt. Aber bei Mohrle, die so wegen ihres Felles hieß, hatte ich einen besonderen Schlüssel in ihrem Herzen. Als sie starb, war sie fast 20 Jahre alt. Immer, wenn ich nach Hause kam und meinen Haustürschlüssel ins Schloss tat, gab es für sie kein Halten mehr. Dann rannte sie los, um mich am Hauseingang zu begrüßen. Sie strich mir um die Beine und miaute, bis ich zur ihr sagte: „Ist ja gut, ich bin wieder da!“
Als ich beim Notariat Schmidt in Worms am Rhein meine Lehre als Notariatsgehilfe absolvierte, musste eine Erbauseinandersetzung durchgeführt werden. Der Bürovorsteher Heinrich Glaser, der aus Rheindürkheim war, das danach zur Stadt Worms am Rhein eingemeindet wurde, und ich hatten diese Aufgabe zu bewältigen. Die Erben waren untereinander zerstritten. Der Erblasser hatte einigen Grundbesitz. Die Erben ließen uns aber die Information zukommen, dass es eine ganze besondere Kassette gibt, in denen der Erblasser seine wertvollen Papiere verwahre. Und sie wussten auch, wo sich diese befand. Aber wo deren Schlüssel aufbewahrt wurde, wussten sie nicht. Der Erblasser hätte ihnen nicht verraten, wo sich dieser befindet, aber immer erzählt, dass in der Kassette seine wertvollen Papiere sind.
Der Erbauseinandersetzungsvertrag hatten wir vorgeschrieben und an einem Samstag alle Erben in das Haus des Erblassers eingeladen. Sie erschienen vollzählig. Und auch mit der Verteilung des Grundbesitzes waren alle einverstanden. Die Kassette mit den wertvollen Papieren hatten wir in Verwahrung genommen, aber da niemand wusste, wo deren Schlüssel war, nicht nach diesem gesucht. Alles war geregelt, nur die Verteilung dessen, was in der Kassette war, musste noch vorgenommen werden. Und so suchten alle Erben nach diesem. Mehrere Schlüssel wurden gefunden, die nicht ins Schloss der Kassette passten, bis man den richtigen hatte. Alle waren gespannt darauf, was nun zum Vorschein kommen wird. Die Erbengemeinschaft rechnete mit Aktienpaketen und Geldvermögen, doch es gab eine riesengroße Überraschung: Die Kassette war leer. Nichts befand sich in ihr. Der Verstorbene hatte seine Erben jahrelang darüber getäuscht, dass neben dem Grundbesitz noch weiteres größeres Vermögen vorhanden ist.
In den 1950er und Anfang der 1960er Jahre spielte der VfR Frankenthal in der höchsten deutschen Spielklasse, was die fünf Oberligen waren. Der Verein spielte in der Oberliga Südwest keine heraus-ragende Rolle, sondern war meistens im letzten Tabellendrittel zu finden. Das ASZ-Sportblatt und die Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ brachten immer ausführliche Spielberichte. In einem solchen war zu lesen: „Die VfR-Sturmreihe fand keinen Schlüssel, um das gegnerische Tor zu öffnen, während das eigene offen wie ein Scheunentor war.“ Bei den meisten Mannschaften, die sich im Tabellenkeller befinden, wird dies auch heute noch der Fall sein.
Es soll in einer deutschen Stadt passiert sein, dass zwei Polizisten bei ihrem Rundgang eine Leiche fanden. Beide standen mit der deutschen Rechtschreibung auf Kriegsfuß und so sagte der eine zum anderen: „Wir müssen darüber auch einen Bericht schreiben. Doch wie schreibt man Sanssouci-straße?“ Es war in der Nacht und niemand war auf der Straße zu sehen. Und so hatte der Kollege den Schlüssel für die Lösung des Problems parat und sagte: „Komm‘ wir tragen den Toten in die Langgasse!“
Nach jedem Krieg sagten die Menschen: „Nie wieder Krieg!“ Und die Malerin Käthe Kollwitz fertigte 1924 eine entsprechende Zeichnung an, die bis heute in Ausstellungen zu sehen ist. Aber kaum war etwas Zeit vergangen, erklärten sich Staaten wieder den Krieg. Dabei kann es in einem Krieg nur Besiegte geben! Der Schlüssel, dass es nie wieder Krieg gibt, wurde bis heute nicht gefunden. Es wäre der wichtigste Schlüssel, den die Menschheit braucht. Es gibt keinen Superlativ, der diesen beschreiben kann.
Und wenn ich gestorben bin: Wie wird es sein, wenn ich vor der Himmelstür stehe? Wird Petrus den Schlüssel zum Öffnen dieser finden oder ihn verlegt haben? Gedanken darüber mache ich mir nicht, denn ich werde zuvor auf Gottes Ratschlag einen solchen Schlüssel angefertigt und bei mir haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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