Olaf Lüken

Irgendwo im Urwald

Margret arbeitet als Schwester bei der Steyler Mission, irgendwo in Papua Neuguinea,
und irgendwo im südwestlichen Pazifik. Einmal im Jahr kommt sie für ein paar Tage
ins Spitalhaus nach Sankt Augustin. Vor ein paar Tagen lud ich Margret zu einem
Essen in ein Bonner Landgasthaus ein.

Margret erzählt mir jedes Mal Geschichten aus ihrer neuen Heimat: "Olaf, weißt du,
dass der tropische Regenwald einem gierigen Verdauungsapparat gleicht ? Er trinkt
Himmel voller Licht und schwitzt sie aus dampfenden Wolkentürmen, und ver-
schlingt gleich wieder Massen modernder Tier- und Pflanzenteile, verdaut sie und
spuckt sie wieder aus als wuchernde, schlingende, fliegende, krabbelnde Lebewesen
in grotesken Farben und Ausmaßen. Ich trinke ihre Worte und bilde mir ein zu sehen,
wie Margret in eine Art "Alice im Wunderland" zusammenschrumpft.

"Olaf! hörst du mir überhaupt noch zu ?" "Dort, in meiner Heimat gibt es Blätter von
der Fläche eines Badezimmers und Bäume, deren Luftwurzelsysteme einer Großfami-
lie Wohnräume geben könnte. Da taumeln tellergroße Schmetterlinge in Neonfarben
um Blüten in unglaublichen Größen. Der Regenwald und das Leben, das er beher-
bergt sind überwältigend in ihrer Intensität - blühendes, schwärmendes, jagendes,
sterbendes Leben. Nichts bleibt so wie es ist. Alles entsteht und vergeht in einem
fortwährenden Taumel."

Das Essen wird serviert und auf meinem Teller prunkt eine saftige Forelle nebst Kar-
toffeln und Salat:" "Omega-3-Fettsäure", kommentiert Margret und weist mit ihrer
Gabel auf meinen Fisch. "Kartoffeln verfügen über reichlich Vitamin C, man glaubt
es gar nicht", sagt sie, während Margret ihre Gabel wie einen lustigen Taktstock
durch die Gegend schwingt.

Margret hat recht. Ich ziehe es aber vor Forelle mit Butterkartoffeln zu essen, statt
Omega 3 und Vitamin C. Ich will leben und nicht unter einem Fitness- und Gesund-
heitsplan leiden. Ja, Gesundheit ist schon sehr wichtig. Kann man sie aber
bewahren ? Vielleicht. Kontrollieren ? Eher nicht. Margret fährt fort: "Manche meiner
Bekannten finden es schwer zu verstehen, dass ich freiwillig in Papua Neuguinea
lebe, umschwärmt von Malaria-Mücken und sonstigen Krankheitserregern, die in
den Tropen - wie alles andere auch - besonders zahlreich gedeihen. Ja, es stirbt
sich dort unter Umständen schneller als bei euch in Sankt Augustin". Aber soll ich
darum alles missen, was ich hier - im Regenwald leben und erleben darf ?"

"Nie im Leben", sage ich. Ich denke, dass ich Menschen wie Margret gut leiden
kann. Menschen, denen man ihr Leben ansieht. Menschen mit weißen Haaren und
Falten im Gesicht vom Lachen, vom Grübeln, von Sonne und Wind. Menschen,
vielleicht auch mit Falten und Narben in der Seele. Menschen, die Risiken eingehen,
sich den Wechselfällen des Lebens aussetzen und wahrscheinlich auch Fehler
machen. Menschen wie Margret sind lebendige Menschen. Irgendwo im Urwald,
um anderen Menschen bei Krankheit und Not menschlich helfend beizustehen.

(C) Olaf Lüken (2017)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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