Heinz-Walter Hoetter

Helden lügen nicht, mein Präsident

Wahrheit und Lüge liegen oft dicht beieinander
und hinter List verbirgt sich oft eine noch größere Hinterlist.


Unbekannter Verfasser



***

 

Wie ein gigantisches Auge starrte die rote Sonnenscheibe auf die uralte Metropole des kleinen Planeten herab, auf dem die Luft kalt, dünn und trocken geworden war. Man musste sie mit hastigen Zügen in die Lungen einsaugen, um genug von dem lebenswichtigen Sauerstoff abzubekommen.

 

Schon vor etwas mehr als zweihundert Jahren stellten einige skeptische Atmosphärenwissenschaftler mit Entsetzen fest, dass der Sauerstoffgehalt in der Luft des Planeten Meridian I langsam aber sicher abnahm. Niemand konnte sich anfangs dieses lebensbedrohliche Phänomen erklären, bis man schließlich herausfand, dass sich die Sauerstoff produzierenden Planktonorganismen in den Meeren dramatisch verändert hatten. Den Grund dafür sah man unter anderem auch darin, dass sich die empfindliche Ozonschicht in der Hochatmosphäre ihres Planeten stark verdünnte, sodass sie bald keinen Schutz mehr vor der harten Sonneneinstrahlung bot, was dazu führte, dass die Mikroorganismen ihre geschädigte Erbinformation (DNA) nicht mehr schnell genug reparieren konnten. Sie starben einfach ab.

 

Die meisten Bewohner von Meridian I ließen sich trotz der drohenden Gefahr, in der sie schwebten, nicht aus der Ruhe bringen, weil sie fest davon überzeugt waren, dass die Elite ihrer Wissenschaftler, denen eine hochentwickelte Supertechnik zur Verfügung stand, schon rechtzeitig alle Probleme, auch jenes der geschädigten Atemluft ihres Planeten, in den Griff bekommen würden.

 

Aber die mächtige Zentralregierung hatte anders entschieden. Niemand wollte gegen ihre Pläne und Entscheidungen ernsthaft opponieren. Es wäre sowieso zwecklos gewesen.

 

Durch ein ausgeklügeltes Losverfahren legte die Regierung in regelmäßig wiederkehrenden Zeitabständen ein ganz bestimmtes Kontingent an Auswanderern fest, die irgendwo da draußen in der unendlichen Weite des Universums in gut ausgestatteten Raumschiffen ganz allein auf sich gestellt nach einer neuen, lebensfreundlichen Welt suchen sollten. Wenn es wieder einmal so weit war, dass mehrere hundert Tausend Meridianer ihren geliebten Heimatplaneten unter großer Anteilnahme der übrigen Bevölkerung verlassen mussten, veranstalteten sie eine lange Abschiedsprozession.

 

***

 

Einige uniformierte Beamte der hiesigen Stadtpolizei drängten mehrere besonders neugierige Zuschauer mit drohend aufgerichteten Elektrostäben zurück auf den breiten Gehweg, wo eine bedrohlich wirkende Masse von Leibern dicht gedrängt und schweigend die Straßen säumten.

 

Gehen sie zurück! Halten sie die Straße frei! Die Prozession muss jeden Augenblick eintreffen. Wer sich meinen Anweisungen widersetzt, der wird den Stromschlag meines Elektroknüppels zu spüren bekommen.“ schnarrte einer der Polizisten.

 

Die Leute wichen tatsächlich zurück. Offenbar war ihnen bewusst, dass der Elektroschocker ziemlich schmerzhaft und unangenehm sein konnte.

 

Plötzlich wurde es laut. Die bunte Prozession zog vorbei und erreichte den Rand des großen Raumhafens, wo mindestens an die dreißig oder vierzig kugelförmige Raumschiffe der gewaltigen A-Klasse warteten.

 

Dann wurde das Schweigen der stummen Masse jäh durchbrochen.

 

Einige Meridianer am Kopf der Prozessionsschlange drehten sich plötzlich um und fingen an zu schreien.

 

Wir wollen Meridian I nicht verlassen. Dieser Planet ist unsere Heimat! Warum müssen wir gehen? Weil ausgerechnet das Los bestimmt hat? Die Regierung macht es sich zu leicht…!“

 

Ein alter Mann mit müden Augen am Straßenrand wandte sich den aufgebrachten Demonstranten zu und sagte: „Die „Große Lotterie“ hat euch durch Zufall ausgewählt. Ihr seid es nun einmal, die mit den Raumschiffen hinaus ins All müssen. Fügt euch eurem Schicksal! Oder wollt ihr, dass wir alle sterben?“

 

Aber warum soll überhaupt jemand von uns Meridian I verlassen müssen? Unsere Zentralregierung hält diese verfluchte Lotterie ab und Tausende von uns werden dazu verurteilt in diese Raumschiffe zu gehen. Wir wissen noch nicht einmal, ob wir da draußen überhaupt eine neue lebensfreundliche Welt vorfinden werden. Was ist aus den anderen Schiffen geworden, die vor uns abgereist sind? Viele von ihnen sind nach langer Irrfahrt irgendwo in Raum und Zeit gestrandet und weder von der Besatzung noch von den Auswanderern hat man je wieder was gehört.“

 

Dann deutete der Wortführer der Protestler mit ausgestreckter Hand auf einige klobige, riesenhaft aussehende Bauwerke am fernen Rand des Raumhafens, die weit in den düsteren Himmel aufragten.

 

Das sind doch die neuen Atmosphärenwandler, die bald frischen Sauerstoff produzieren werden, wenn sie nicht sogar schon welchen herstellen!“ erklärte er. „Sie sind längst erprobt und können auf jeden Kontinent eingesetzt werden. Sie werden unser Volk auf Meridian I retten und mit frischer Luft versorgen. Deshalb ist diese Zwangsevakuierung nichts weiter als reine Willkür der Regierung.“

 

Eine größere Gruppe von Stadtpolizisten eilte herbei. Ihre finster wirkenden Gesichter ließen nichts Gutes ahnen. Sie versuchten die Demonstranten zu beruhigen. Ein Polizeioffizier trat hervor.

 

Wir verstehen, wie Ihnen zumute ist“, räumte er ein. „Aber die Zentralregierung von Meridian I weiß genau, was unter den derzeit gegebenen Umständen zu tun ist. Es gibt keine andere Lösung. Jedem von euch ist doch klar, was passiert, wenn die Bevölkerung nicht drastisch reduziert wird. Der Bau der Atmosphärenwandler auf allen Kontinenten, die für uns den neuen Sauerstoff produzieren, kann noch sehr lange dauern. Bis es soweit ist, dass alle in ausreichender Menge installiert worden sind und ihre Arbeit aufnehmen können, müssen Teile der Bevölkerung evakuiert werden.“

 

Alles Unsinn!“ schrie ein Mann aus der Auswandererschlange. „Die Atmosphärenwandler funktionieren doch schon. Die Regierung will doch nur, dass wir andere Planeten besiedeln. Die hohen Herren wissen bestimmt ganz genau, dass sich keiner von uns für solche Himmelfahrtsreisen freiwillig melden würde. Wie können wir uns darüber hinaus sicher sein, dass die Reduzierung des Sauerstoffgehalts in unserer Atemluft nicht absichtlich herbeigeführt worden ist? Wem können wir denn in dieser Angelegenheit schon vertrauen? Wir Bürger kriegen doch nur die Messergebnisse unter die Nase gehalten, ohne sie kontrollieren zu können. Das ist Betrug!“

 

Der Mann hat recht! Die Atmosphärenwandler arbeiten ja schon und überall entstehen neue. Wir weigern uns zu gehen! Wir bleiben hier! Wir müssen denen da oben klarmachen, dass wir uns nicht einfach so ohne weiteres abschieben lassen. Es muss Schluss mit der verdammten Lotterie sein! Zerstört die Raumschiffe, dann können sie uns nicht mehr wegschicken!“

 

Von überall her war plötzlich zustimmendes Geschrei zu hören. Nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die am Straßenrand stehenden Zuschauer, die der Abschiedsprozession beigewohnt hatten, gingen plötzlich solidarisch offen zur Ablehnung über.

 

Die Los bestimmten Auswanderer ließen jetzt wie auf ein geheimes Kommando hin ihre persönlichen Habseligkeiten fallen, griffen sich irgendwoher Knüppel oder andere Hieb- und Stichwaffen oder gruben Pflastersteine der Gehwege aus, um sie als Wurfgeschosse einzusetzen. Dann ging eine Flut von Leibern auf die wartenden Raumschiffe zu, die in gleichmäßigen Abständen auf der endlos langen Start- und Landebahn abgestellt waren. Eine schwache Linie sofort herbei georderter Stadtpolizisten versuchte noch, die wütende Menge zurückzuhalten, was aber nur mäßigen Erfolg zeigte.

 

Ein hoher Regierungsbeamter des Innenministeriums betrachtete vom nahen Tower aus die Szene. Er war äußerst beunruhigt. Er durfte seine Männer nicht anweisen, gegen die aufgebrachten Demonstranten mit Waffengewalt vorzugehen, was mit Sicherheit zu einer offenen Revolte geführt hätte. Andererseits war ihm klar, dass, wenn er diesen Aufruhr nicht unter Kontrolle brächte, die Regierung an Glaubwürdigkeit verlieren und von nun an von der Bevölkerung ignoriert werden würde. Das durfte aber nicht geschehen.

 

Über Lautsprecher forderte er in einem letzten, verzweifelten Appell die Auswanderer dazu auf, ihre Feindseligkeiten einzustellen. Er würde alles tun, um die Sicherheit der Raumschiffbesatzung zu gewährleisten. Dann gab er seinen unterstellten Beamten den Befehl, die Waffen durchzuladen.

 

Er wurde aber nicht beachtet. Die Menge strömte hinaus auf die Start- und Landebahnen des Raumhafens, wild dazu entschlossen, die Schiffe zu zerstören.

 

In diesem Augenblick fauchte ein silbrig glänzender Strahlenjäger heran, landete eine halbe Drehung machend zwischen den Emigranten und den wartenden Kugelraumern, stand da ein Weile einfach so herum, bis sich plötzlich leise surrend eine schmale Ausstiegsluke öffnete.


 

Heraus trat ein junger, muskulöser Mann mit brauner Haut, blonden Haaren und stechend hellgrauen Augen, die suchend hin und herfuhren. Sofort zog er die Aufmerksamkeit der Massen auf sich.


 

Nachdem er auf einen der imposanten Stummelflügel seines raumtüchtigen Jägers gestiegen war, ließ er seine voll tönende Stimme erklingen.

 

Liebe Meridianer, liebe Auswanderer wider Willen! Hört mir zu, was ich euch zu sagen habe. Wollt ihr eure Frauen und Kinder sterben lassen?“

 

Die Vorhut der Demonstranten blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, denn die Frage verfehlte nicht ihre Wirkung, waren sie doch fast alle Ehemänner und treusorgende Väter. Sie hielten einer nach dem anderen inne und blickten mit Erstaunen zu dem jungen Mann hinüber, der ihnen so furchtlos entgegen getreten war und wegen seines Mutes die Menge wie magnetisch anzog.

 

Dann sprach er weiter.

 

Wollt ihr denn wirklich, dass eure Familien langsam ersticken? Die Luft auf Meridian I wird zusehends dünner und die Atmosphärenwandler können noch nicht genug frischen Sauerstoff erzeugen. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung dieses Planeten muss zwangsevakuiert werden. Wenn das nicht geschieht, wird er zu einer Todesfalle für alle Meridianer werden. Wollt ihr das wirklich? Zuerst werden die Schwächsten unter uns sterben, dann die Alten und die Kinder.

 

Unterbrecht deshalb die angeordnete Auswanderung nicht und lasst die Raumschiffe unversehrt. Ihr Start ist für diesen Planeten lebenswichtig. Es werden euch noch andere Meridianer folgen, weil wir keine andere Chance haben.

 

Der Mann, der den Aufruhr angezettelt hatte, trat aus der vordersten Reihe der Demonstranten heraus und erwiderte: „ Warum sollte es denn soweit kommen? Die Atmosphärenwandler arbeiten doch zufriedenstellend und sind darüber hinaus äußerst leistungsfähig.“

 

Der junge Mann auf dem Stummelflügel des furchterregend aussehenden Strahlenjägers schüttelte den Kopf.

 

Das mag alles richtig sein. Aber ihre Leistung ist abhängig von der Versorgung mit Rohstoffen, die aber von der Bevölkerung verbraucht werden. Es ist alles ein Rennen gegen die Zeit. Wir können mit unseren Raumschiffen nicht genug Rohstoffe für die Energieerzeugung heranschaffen, um diesen Mangel auszugleichen. Das wäre zudem auch unsinnig, da sämtliche Raumschiffe des Systems dafür nicht ausreichen würden. Daher ist im Augenblick nur dieser einzige Weg möglich einen Teil der Bevölkerung von Meridian I hinaus ins Weltall zu schicken, um andere lebensfreundliche Planeten zu bevölkern. Die Überlebenschancen sind sehr gut, wenngleich ich zugeben muss, dass einige unserer Raumschiffe verloren gegangen sind. Leider haben wir bis heute noch immer kein Lebenszeichen von den havarierten Schiffen erhalten. Wir wissen daher nicht, was mit ihnen wirklich geschehen ist.“

 

Für einige Sekunden unterbrach er seine kleine Rede und schaute hinüber zu den rumorenden Atmosphärenwandlern am Ende des gigantischen Raumflughafens. Dann sprach der junge Raumpilot weiter, dessen markantes Gesicht jetzt ernste Züge annahm.

 

Und sollte es der Zentralregierung gelingen, das Rohstoffproblem ebenfalls zu lösen, könnte jeder von euch nach Meridian I zurückkehren.“

 

Zum Teufel mit den Versprechungen! Wer bist du eigentlich, dass wir dir ein solches abkaufen sollen?“ schrie ein Vater, der ein kleines Kind auf seinen Armen trug.

 

Ich bin Major Cyrix von Orion. Ich habe die Kämpfe von Malaha gegen die Selurier gefochten. Ich habe den Krieg damals gewonnen und euch damit die Freiheit erhalten.

 

Die staunende Menge vergaß für einen Augenblick ihre Wut und Verzweiflung. Sie konnten es einfach nicht glauben, so verblüfft waren sei.

Vor ihnen stand der Held von Malaha, Major Cyrix von Orion, den jeder auf Meridian I kannte, ob alt oder jung. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende.

 

Ja, ich bin auf Wunsch der Zentralregierung hierher gekommen, um euch von der Richtigkeit der Maßnahme zu überzeugen. Ich lüge euch nicht an. Geht zu euren Raumschiffen und tut, was euch gesagt worden ist. Irgendwie, irgendwann und irgendwo werden wir eine Lösung finden! Aber bis es soweit ist, müsst ihr den Anweisungen der Zentralregierung Folge leisten. Die zur Auswanderung Bestimmten müssen den Planeten Meridian I verlassen, um ihn und den Rest der Bevölkerung zu retten. Wir werden euch nicht vergessen und später wieder zurückholen. Das verspreche ich euch. – Helden lügen nicht!“

 

Zunächst überwog ein ungläubiges Schweigen. Doch langsam begriff jeder der stumm da stehenden Leute die Bedeutung der einfach gehaltenen Rede des legendären Kriegshelden, der trotz seines relativ jungen Alters den Planeten Meridian I im Krieg gegen die Selurier so tapfer verteidigt hatte, bis die Angreifer endlich im Raumquadranten Malaha entscheidend vernichtet werden konnten. Major Cyrix von Orion würde niemals die Unwahrheit sagen.

 

Wir werden in die Raumschiffe gehen und vertrauen darauf, dass alles das eintreten wird, was die Regierung uns versprochen hat. Wir glauben auch Ihren Worten, Major. Enttäuschen Sie uns nicht! Es wäre mehr als schlimm. – Kommt Leute, es wird Zeit. Gehen wir an Bord.“

 

In weniger als zwei Stunde waren alle Emigranten in die jeweils ihnen zugeordneten, gewaltigen Kugelraumer eingestiegen. Kurz danach erhob sich einer nach dem anderen im sicheren Abstand in den dämmrig gewordenen Himmel hinein. Erst als sie den Orbit erreicht hatten, schaltete die Besatzung die mächtigen Antigravitationsplattformen ab und ließen im gleichen Moment die Antimateriereaktoren hochfahren. Fauchend stieß jeder einzelne Kugelraumer mit dröhnenden Antriebsmotoren hinaus in die unendlichen Weiten des Alls.

 

Irgendwo da draußen würde eine neue Welt auf die Auswanderer warten. Das jedenfalls hofften die meisten von ihnen.

 

 

***

 

 

In ihrem einzig verbliebenen geheimen Domizil, weit unter der Oberfläche ihres Mondes, hielten gerade die vier größten Wissenschaftler und sechs der ranghöchsten Generäle des selurischen Volkes eine Ratssitzung ab, als Major Cyrix von Orion den getäfelten Saal mit schallenden Stiefelschritten betrat.

 

General Falon Creck, der neu gewählte Oberkommandierende aller selurischen Streitkräfte, empfing den Major auf das Allerherzlichste.

 

Ich grüße Sie, mein edler Freund. Bitte nehmen Sie doch Platz in unserer Runde und berichten Sie den werten Herren von unseren Geheimplänen. Sie können sich hier ganz sicher fühlen. Niemand wird uns zuhören.“

 

Die übrigen Generäle und Wissenschaftler begrüßten den Major ebenfalls sehr freundlich und manche hielten es sogar für nötig, ihm persönlich die Hand zu schütteln. Dann setzten sie sich alle wieder an den runden Tisch und nur Major Cyrix von Orion blieb hinter seiner schwebenden Sitzgelegenheit stehen.

 

Nun ja, wo soll ich anfangen, meine Herren?“ fragte der Major und kratzte sich dabei nachdenklich hinter dem rechten Ohr.

 

Dann fuhr er konzentriert fort.

 

Vielleicht an der Stelle, wo wir den absichtlich herbeigeführten Krieg gegen die Meridianer vom Zaun gebrochen haben. Ihr Anführer war ein gewisser Major Cyrix von Orion, ein ziemlich junger Heißsporn, den wir in einem Verteidigungsbunker gefangen nehmen konnten.

 

Dann kam uns eine Idee, die so neu gar nicht ist.

 

Unser Plan war nämlich der, den meridianischen Offizier durch einen völlig identischen Klon zu ersetzen. Eben durch mich.

 

Ich muss ihnen dazu sagen, dass wir schon seit langem über diese unglaubliche Technik des Duplizierens von Lebewesen verfügen, die wir in den zurückliegenden Jahrhunderten immer weiter perfektioniert haben und vor den neugierigen Meridianern bisher geheim halten konnten.

 

Also..., wir legten den Klon anstelle des echten Majors in den zerstörten Bunker zurück, wo er später von seinen eigenen Leuten gefunden wurde und ließen es absichtlich zu, dass seine meridianischen Truppen über unsere Armee siegte. Dadurch wurde er, bzw. ich, der Klon natürlich, zu einem der größten Volkshelden in ihrer Geschichte, dem dadurch faktisch jede nur denkbare politische und geheimdienstliche Tür offen stand.

 

Genau das war auch unsere Absicht.

 

Das war aber schon Teil 2 unseres groß angelegten Planes.

 

Teil 1 ist da schon wesentlich älter.

 

Vor etwas mehr als zweihundert Jahren fingen unsere Wissenschaftler damit an, die Ozonschicht des Planeten Meridian I chemisch sukzessive zu manipulieren. Sie wurde sozusagen „schleichend ausgedünnt“. Sie verlor damit automatisch immer mehr ihre schützende Funktion gegenüber der harten Sonneneinstrahlung aus dem All, was natürlich nicht ohne Folgen blieb.

 

Das Sauerstoff produzierende Plankton der Meere wurde zusehends geschädigt und konnte sich nicht mehr aus eigener Kraft regenerieren. Die kontinentale Flora und Faune auf Meridian I kümmerte dahin und begann zu vertrocknen. Der Sauerstoffanteil in der Atmosphäre sank rapide von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und liegt heute bei ca. 13 Prozent. Das ist zu wenig für eine technisch hochentwickelte Zivilisation. Die Bevölkerung auf Meridian I wird langsam ersticken, da ändern auch die von ihnen installierten Atmosphärenwandler nichts mehr, die wir jederzeit zerstören können, wenn wir nur wollten. Aber das ist auch gar nicht unser Ziel, denn diese Anlagen könnten später von uns selbst genutzt werden.

 

Und nun zu Teil 3 unseres planerischen Vorhabens.

 

Ich konnte als sog. Volksheld auf äußerst wichtige Entscheidungen der meridianischen Zentralregierung starken Einfluss nehmen. Ich überredete die Regierung dazu, einen Teil ihrer riesigen Flotte für die Evakuierung der Bevölkerung abzustellen, was sie auch tat. Sie führten schließlich eine sog. „Große Lotterie“ ein, um die Bürger auf die sanfte Tour zu evakuieren und schickten in den letzten zwanzig Jahren mehr als 80 ihrer kugelartigen Raumschiffe mit insgesamt zehn Millionen Meridianern an Bord hinaus ins Weltall.

 

Diese Raumschiffe sind von eingeschleusten Klonen manipuliert worden und treiben nach etwa einem halben Lichtjahr energie- und steuerlos im Weltall herum, wo wir sie dann gefahrlos entern bzw. einsammeln können. Die Besatzung samt Emigranten werden gefangen genommen und als Zwangsarbeiter in unseren Bergwerksminen überall im Raumquadranten eingesetzt.

 

Zur Zeit bewohnen noch etwa fünfzig Millionen Meridianer ihren dahin siechenden Planeten ohne zu wissen, dass wir sie immer weiter dezimieren. Ihre Kriegsraumflotte ist zwar noch immer im Kern vorhanden und sehr gefährlich, aber wir haben schon sehr viele unserer Klone in den oberen und unteren Führungsebenen etablieren können, die nur auf ein Zeichen von uns warten, um endlich in Aktion treten zu können.

 

Aber alles zu seiner Zeit. Wir wollen ja schließlich auch noch ein bisschen Spaß an der ganzen Sache haben und den Exodus von Meridian I solange hinauszögern, bis wir keine Lust mehr an diesem Rachespielchen haben.

 

Nun denn, meine Herren, so sieht also unser langfristig angelegter Plan aus. Die Strategie lautet dabei: „Verliere eine Schlacht, um den Krieg gewinnen zu können.“

 

Aber bitte entschuldigen Sie mich jetzt! Ich muss mich leider wieder an die Front begeben, um einen neuerlichen Aufruhr renitent gewordener, emigrationsunwilliger Meridianer unter Kontrolle zu bringen. Wer kann das nicht besser, als ein Volksheld wie ich?“

 

Dann drehte sich der Klon Cyrix von Orion auf der Stelle um und schritt dem Ausgang zu.

 

Die selurischen Generäle und Wissenschaftler erhoben sich begeistert von ihren schwebenden Sitzgelegenheiten und applaudierten noch, als der falsche Major plötzlich stehen blieb und seltsame Verrenkungen machte, die ihn aussehen ließen wie einen tanzenden Clown. Im nächsten Augenblick explodierte die versteckte Mini-Fusionsbombe im Innern seines Körpers, die den selurischen Mond in seinen Grundfesten erbeben ließ und sogar eine kleine Abweichung der Umlaufbahn verursachte.

 

Das Hauptquartier der selurischen Raumflotte gab es nicht mehr und viele ihrer Großraumkampfschiffe ebenfalls nicht, die in den zahllosen Mondhangars untergebracht waren und wie in einer Kettenreaktion gleich mit detoniert waren.

 

***

 

 

Auf Meridian I saßen in einem Geheimbunker tief unter dem Regierungsgebäude etwa ein Dutzend Ratsmitglieder der Regierung zusammen und besprachen gerade die aktuelle Lage, als ein Informationsdiener hereinkam und dem grauhaarigen Präsidenten eine elektronisch gespeicherte Nachricht auf einem 3D-Medium zukommen ließ, die er gleich in eines der bereit stehenden Monitore steckte, um die Information abspielen zu lassen. Nach einigen Sekunden erschien der selurische Mond auf dem Anzeigegerät, wie er von einer gewaltigen Explosion geschüttelt und in einer dichten Staubwolke eingehüllt fast aus seiner Bahn geworfen worden wäre.

 

Im gleichen Augenblick wurde eine kleine Nebentür des Konferenzraumes leise geöffnet und herein trat der legendäre Major Cyrix von Orion, dem die Störung offenbar sehr peinlich war.

 

Dann ging er auf den Präsidenten zu, der sich jetzt von seinem Platz erhoben hatte und den Major freudig begrüßte.

 

Der große Held von Malaha. In diesem Raumquadranten wurde unser Schicksal entschieden. Was täten wir ohne Sie, mein Freund? Wir wären schlichtweg verloren gewesen, das muss ich offen zugeben. Doch dank Ihrer ausgefeilten Kriegslist hat sich das Blatt zu unseren Gunsten gewendet. Können Sie mir eigentlich sagen, der wievielte Klon das war, der für sie gestorben ist, Major Cyrix von Orion?“

 

Nun, mein Präsident, mindestens zwei gehen auf mein Konto, was aber nicht heißen soll, es müssten noch mehr werden. Jetzt, wo wir hinter die schmutzigen Machenschaften der Selurier gekommen sind, wird es langsam Zeit wieder ein normales Leben zu beginnen.

 

Der Planet Meridian I wird sich bald wieder regeneriert haben und in voller Pracht erblühen. Dann lösen wir unser Versprechen ein und holen alle Meridianer zurück, ganz gleich, wohin es sie auch immer verschlagen hat.“

 

Kurz bevor der junge Major den Konferenzraum verließ, schaute er zurück und sagte mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme:

 

Helden lügen nicht, mein Präsident.“

 


 

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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