Hans Raasch

Kirchenspektakel

Ein Dorf am Alpenvorrand im Isarwinkel. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte der Fünfziger. Die Schulkinder sind streng getrennt nach Geschlecht. Es existiert eine Mädchenvolksschule und eine Knabenvolksschule. Beide Institutionen sind in Kirchennähe und - wie sollte es anders sein, die Mädchen werden ausschließlich von Lehrerinnen erzogen, die zum Großteil katholische Nonnen sind und die Buben müssen sich mit vom Kriege verbrauchten Lehrern begnügen.
Unsere Schulklasse besteht aus Zwölfjährigen, nur der um einen halben Kopf größere Hubert ist ein Jahr älter. Vor drei Jahren musste er eine Ehrenrunde drehen, seither haben wir ihn am Hals. Er unterdrückt uns Kleineren, wann immer er kann. Hin und wieder schlägt er uns. Viele Jahrzehnte später würde man sein Verhalten „Mobbing“ nennen.

An diesem Sonntag bin ich in der Kirche in einem Nebenraum. Vom Altar aus kann man mich gut sehen - und das ist gewollt so. Weil wir vorigen Sonntag lieber auf den Jahrmarkt gegangen sind, bin ich beim Herrn Pfarrer in Ungnade gefallen. Die heilige Messe ließen wir ausfallen, gebrannte Mandeln und Schiffschaukeln waren interessanter als die sonntägliche Kinderliturgie. Irgendjemand hat uns verraten. Am Dienstag nach dem Religionsunterricht müssen wir zwei Stunden nachsitzen. Als Strafaufgabe schreiben wir dreißig Mal den Satz: „Ich bin einsichtig geworden und werde künftig am Jahrmarkttag lieber die Kindermesse besuchen, denn das reinigt meine Seele.“
Der Geistliche züchtigt uns selten - und wenn dann zieht er uns höchstens einmal an den Haaren. Da sind wir bedeutend härtere Behandlungen gewöhnt. Unsere Lehrer sind Superbeispiele der angewandten Pädagogik in den Nachkriegsjahren. Die schlimmste angekündigte Strafe ist „die Tatze“, ein Schlag mit dem Bambusrohr auf die linke Hand - die Rechte benötigt man zum Schreiben. Bis zu fünf dieser Schläge sind nichts Ungewöhnliches. Dazu kommen Spontanohrfeigen oder warum nicht ein gekonnter Wurf mit dem Schlüsselbund, der ausgerechnet den Kopf des Missetäters trifft. Auch der Geigenbogen ist ein probates Hilfsmittel für unruhige Lausbuben. Nur der Überleger stellt eine noch schlimmere Strafe dar.

Nein, unser Herr Pfarrer gehört nicht zu den strengen und harten Lehrern, nicht zu den Schlägern. Schon bei der Predigt erblickt er mich und lächelt mich mit milden Augen an. Die Absolution ist mir sicher. Die Eucharistifeier nimmt ihren Verlauf und endlich verkündigt Hochwürden den Schluss-Segen: „In nomine patris et filii et spiritus sancti. Ite, missa est.“ Ja, gehet in Frieden.
Die Messebesucher strömen dem Ausgang zu. Ich bin der Letzte. Da erblicke ich nur wenige Schritte vor mir meinen Widersacher Hubert. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Ich klopfe Hubert kräftig auf die Schulter. Er dreht den Kopf zu mir und ich schlage den Größeren mit aller Gewalt ins Gesicht. Die linke Seite wird sichtbar und schon setzt es noch eine Ohrfeige. Beide Wangen verfärben sich in ein kräftiges Dunkelrot. Erst jetzt wird mir bewusst, ich habe in der Kirche Unrecht begangen. Hubert verschwindet heulend in der Menschenmenge. Er wird mich nie wieder ärgern, auch meine Gleichaltrigen lässt er künftig in Ruhe. Noch Jahrzehnte nach diesem Vorfall schaut er bei jeder unserer Begegnungen betreten zu Boden.

Am Dienstag nach dem Religionsunterricht muss ich drei Stunden nachsitzen. Schon wieder war ein Denunziant am Werk. Diesmal bin ich allein in der Strafkammer und kann mich konzentriert meiner fünfzigfachen Strafaufgabe widmen, die da lautet: „Ich habe gesündigt, denn ich habe den Kirchenfrieden gestört. Aber ich bin einsichtig und werde es nie wieder tun.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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