Wolfgang Küssner

Befoerderungserschleichung

Mit Ach und Krach, verdammt viel Gedoens, mit Pauken und Trompeten kommt sie daher. Manchmal ist sogar Gesang zu ver-nehmen. Knall und Fall und Schall, Schuss und Schiss, Tränen und Freude (des einen Leid, des anderen Freud), sind Begleiter der Revolution. In Ausnahmefällen präsentiert sie sich stolz mit Blumen in Kanonen und Gewehrläufen.

Bei der Evolution fehlt nicht nur das anfängliche R (R wie rasant, riskant, wie rennen), es mangelt auch in punkto Dynamik. Alles sieht hier anders aus. So eine Evolution läßt sich Zeit, viel Zeit. Das kann schon mal ein paar Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Sie kommt auf leisen, kaum sichtbaren Sohlen, zoegernd, schleichend, langsam, ganz langsam daher. Da ist nichts mit Blumen. Die würden welken. Was heißt welken? Selbst die aus Plastik würden sich während des Prozesses zersetzen. Dem Tempo der Evolution gegenüber mutet die schleimende Fortbe-wegung einer Schnecke wie ein Formel-1-Rennen an. Die Evolution ist ein schleichender Prozeß und so darf es nicht wundern, daß sie bei dem Schleichtempo neben dem Eigentum, dem Vermoegen, auch diverse Besonderheiten hervorbrachte: Schleichwege, Erbschleicher und – Thema dieser Geschichte – die Befoerderungserschleichung.  

Eine Revolution hat es eilig. Da drängt etwas auf Veränderung. Somit würde die Revolution das Flugzeug, zumindest aber die Autobahn benutzen, um moeglichst zügig und schnell zum Ziel der ausgerufenen, angestrebten neuen Situation zu gelangen. Die Evolution nimmt - kaum wahrnehmbar, nur im Nachhinein zu re-gistrieren - den Schleichweg. Ansonsten werden Schleichwege gern von Schmugglern und polizeilich gesuchten Personen fre-quentiert; alkoholisierte Autofahrer und Jugendliche ohne Führerschein meinen sich dort sicher fühlen zu koennen; Wanderer und Reiter nutzen die Wege; Hundeführer verschaffen ihren Lieblingen hier Auslauf und Platz für die Darmentleerung. Diese Gesellschaft kann man der Evolution sicherlich nicht anlasten. Selten wird an diesen Orten allerdings Schleichwerbung gesehen – wofür auch? Und die schleichende Inflation kennt andere, direktere Wege.

Dieser schleichende, langatmige, evolutionäre Prozeß hat – es wurde schon angedeutet - eine ganz spezielle Gattung des Homo Sapiens entstehen lassen, den sogenannten Erbschleicher. Bei näherer Betrachtung müssen wir allerdings erkennen, daß diese Spezies menschlicher Existenz in zwei Untergruppen zu gliedern wäre: Einerseits den allgemeinen Erbschleicher mit einem geringen, einfältigen Spektrum an zielführenden Maßnahmen; meist auf den natürlichen Gang der Dinge setzend (also eher zur evolutionären Methode neigend); und andererseits den besonderen, speziellen Erbschleicher, dem eine konkrete Kreativität und viel kriminelle Energie eigen sind, um das angestrebte Resultat zu erreichen (also eher eine revolutionäre Methode praktizierend).

Doch es gibt Gemeinsamkeiten, die über den Gattungs-Begriff des Erbschleichers hinausgehen. Beide Unterarten verbindet das Gemeine, das Heranschleichende ihres Handelns, der Vertrauensmißbrauch bei den meist älteren Opfern. Als Trieb, Motivation, als Motor dient allen Erbschleichern das Eigentum, das – versteht sich von selbst – fremde Vermoegen natürlich, das sie gern vom momentanen zum neuen Besitzer transferieren moechten.

Schleichen, erschleichen – das klingt so sanft und weich, so soft und irgendwie sogar geduldig, fast Mitleid erweckend. Heimlich erwerben, wäre wohl eine verniedlichende Umschreibung des Handelns; das Erwischen klingt so, als ob Glück bzw. Pech mit im Spiel wären. Sich bereichern kommt recht sachlich daher, was meistens ja auch zutrifft; muß aber nicht immer etwas Negatives oder Kriminelles sein, oder? Genügend Gesetze wird der Kundige finden, die eine Bereicherung legitimieren. Nee, es dürfte schon ein bißchen mehr Deutlichkeit, mehr von der kriminellen Energie der Taten in der Sprache zum Ausdruck kommen: Man koennte an ergattern oder erlisten denken, noch besser wären wohl raffen oder gar ergaunern, erbeuten, sich durch Betrug etwas Eigentum, Vermoegen zu verschaffen – das ist doch allemal treffender. Nun zum Titel dieser kleinen Geschichte.

Beim Thema Befoerderungserschleichung - (wir belassen es jetzt beim gewohnten, bekannten Terminus und verzichten auf Begriffe wie Beutezug, Gaunerei oder anderes als Alternative) - geht es klar um Bewegung; da soll etwas von einem zum anderen Punkt gebracht, befoerdert werden. Um eventuell aufkommende Miß-verständnisse zu vermeiden:  Berufliches Weiterkommen ist hier nicht gemeint. Es geht nicht um die Befoerderung eines Beschäftigten zum Abteilungsleiter, Karriereschübe  – davon soll hier nicht die Rede sein. In der Regel sind in solchen Fällen Bildung und Ausbildung, nachgewiesene Qualifikationen und Leistungsbelege dem Prozeß dienlich. Okay, manchmal sind kleine oder groeßere Geschenke und Beziehungen – das sogenannte  Vitamin B - von Nutzen. Sicher, Dokumenten koennte nachgeholfen worden sein; vielleicht wurden sie variiert, zielführend aufgehübscht. Aber das wäre dann eine Geschichte, die später einmal erzählt werden koennte. Zurück zum Thema.

Bei der Befoerderungserschleichung geht es um das Erschleichen einer Leistung. Da koennte ein simpler Automat überlistet oder -wohl richtiger formuliert -  ausgetrickst werden, um etwas von seinem Innenleben zwar nicht preis-, wohl aber freizugeben. Eine Zahlung war nicht Bestandteil der Trickserei. Eine technisch versiertere Person koennte das Telekommunikationsnetz manipulieren, um gebührenfrei und ohne Flatrate oder SIM-Card an den IT-Errungenschaften teilzuhaben. Ganz knauserige, geizige Mitmenschen koennten sich u.U. unentgeltlich Zutritt zu Veranstaltungen verschaffen, um endlich einmal ihren Helden, ihren Star auf der Leinwand, auf der Bühne zu erleben, oder ein Werk von ihnen hängend an der Wand des Museums oder stehend davor, beziehungsweise davorstehend, so richtig zu geniessen.

Und dann wäre da noch diese ganz einfache, direkte Absicht einer Befoerderung mittels häufig überholter, alter, klappriger, unpünktlicher, bei Hitze kollabierender Technik von einem Punkt zum anderen, von einem Ort zum nächsten. Hier erweckt der sich bewegende Mitbürger – bei dem es in punkto Zahlung gewaltig hapert, er läßt sich bekanntlich beim eigenen Transport bewegen – den Eindruck, er verfüge über ein für die Nutzung des Verkehrsmittels auf der geplanten Strecke erforderliches, entsprechendes Billett. Doch er täuscht. Meistens mit Absicht. Denn die Realität sieht etwas anders aus. Mal soll sein Handeln ein ganz bewußter Akt, eine politische, antikapitalistische, soziale Aktion sein, mal sind es seine schläfrigen Synapsen; die einem Ticketerwerb im Wege stehen; mal läßt er es einfach auf einen Test, einen kleinen Versuch ankommen. Das kribbelt ein wenig vor Spannung.

Gerät er nun in eine Kontrolle „Die Fahrausweise bitte!“ und kann das geforderte Dokument nicht vorweisen, so zählt er zu der nicht kleinen Gemeinde von „Schwarzfahrern“ (orts- und tarifunkundige heißen bei den Kontrolleuren meist „Graufahrer“) und – Bumms! - hat er die Erschleichung einer Befoerderung begangen. Das führt meistens zum Abbruch der Reise noch vor dem Erreichen des anvisierten Zieles. Es liegt ein klarer Verstoß gegen Paragraph 265 a StrafGesetzBuch vor. Dem Betreiber der Strecke und der Technik ist ein Vermoegensnachteil entstanden. Dafür kann er – sie natürlich auch - verurteilt werden. Eine Geld- oder  Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr winken. Winken paßt ja gut zum Reisen, zum Verreisen. Eine Befoerderungserschleichung ist  also ein Vermoegensdelikt, da gibt es kein Pardon. Somit wären wir leider wieder bei der Frage des Eigentums. Von klugen Koepfen wurde errechnet, daß den Verkehrsbetrieben allein in Deutschland jährlich Einnahmen in Hoehe von 250 Millionen Euro durch diese Befoerderungserschleichung entgehen würden.

Auf einem solchen Nährboden müßten doch neue, revolutionäre Ideen reifen koennen, oder? Doch: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen, kaufen sie sich noch eine Bahnsteigkarte.“ Dieses Zitat wird dem in Sachen Revolution nicht ganz untätigen Lenin zugeschrieben. Bahnsteigkarten wurden zwischenzeitlich weitestgehend abgeschafft. So etwas wie ein kleines Geschenk der Evolution an die Deutschen. Doch bitte Vorsicht: In München befindet sich die Evolution auf dem vertrauten Schleichweg; beim MVV beginnt das „Schwarzfahren“ unverändert bereits auf dem Bahnsteig. Von einer Befoerderungserschleichung kann da eigentlich  noch gar keine Rede sein. „Schwarzstehen“ und auf den Zug wartend, müßte es wohl treffender heißen. Doch der Gesetzgeber weiß sich zu helfen: Da hat der Handelnde die Absicht , eine Leistung zu erschleichen. Und das ist schon strafbar. Wenn „Schwarzstehen“ bei den Münchnern schon „Schwarzfahren“ bedeutet, so muß man für eine Revolution in der Landes-Hauptstadt der Bayern wohl eher „Schwarzsehen“.

 

Mai 2017

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