Heinz-Walter Hoetter

Wir alle sind nur auf der Durchreise

 

 

 

Der elektrisch angetriebene Zug rollte fast geräuschlos aus der hohen Glas überdachten Bogenhalle des kleinen Kopfbahnhofes. Es war der letzte in dieser Nacht. Auf dem Bahnsteig, ganz vorne, wo sich die Prellböcke am Ende der Gleise befanden, stand ein einzelner Mann und zündete sich gerade eine Zigarette an. Mit traurigem Blick starrte er den roten Schlusslichtern des letzten Waggons hinterher, die rasch immer kleiner wurden.

 

Als er den Zug in der Ferne davon rollen sah, fiel ihm plötzlich der Satz ein: „Wir sind alle nur auf der Durchreise“, den er mal irgendwo aufgeschnappt hatte. Er dachte über die unerbittliche Wahrheit dieses Satzes eine Weile nach, wobei ihm bewusst wurde, wie vergänglich doch alles Leben auf dieser Erde ist.

 

Nebenbei sog er genussvoll an seiner qualmenden Zigarette und dachte über seine Krankheit nach, die ihm die Ärzte vor mehr als einem Monat diagnostiziert hatten. In seiner Lunge wuchs ein bösartiges Karzinom, das man nicht operieren konnte. Ein Todesurteil, wie er wusste. Irgendwie hatte er das schon geahnt, weil seine Hustenanfälle im Laufe der Zeit immer schlimmer geworden waren. Das Rauchen wollte er trotzdem nicht aufgeben. Dafür war es jetzt schon zu spät. Die Ärzte gaben ihm höchstens noch drei oder vier Monate und hatten ihm dazu geraten, sein Leben entsprechend danach einzurichten. Im Endstadium des fortschreitenden Lungenkrebses würde er sowieso ins Krankenhaus müssen, wie man ihm erklärte.

 

Noch vor wenigen Minuten stand er mit seiner einzigen Tochter Maria hier auf dem Bahnsteig. Er hatte mit ihr über alles gesprochen und sie eingeweiht. Jetzt saß sie in dem Zug, der in der Schwärze der Nacht verschwunden war. Für ihn war es eine große Freude gewesen, sie wiedergesehen zu haben. Alles andere war ihm unwichtig gewesen.

 

Sie redeten auch über Mutter, die sich vor mehr als fünf Jahren von ihm hatte scheiden lassen, um einen anderen Mann zu heiraten. Der Schock riss ihn damals in eine tiefe Krise. Er glaubte für einige Zeit, daran zu zerbrechen. Manchmal war er dem Selbstmord nahe. Sein Lebensmut kehrte aber zurück, als er Doris, eine Schneiderin, vor etwa zwei Jahren kennen und lieben lernte. Schließlich schmiedeten sie Heiratspläne, doch Doris konnte ihre kranke Mutter nicht alleine lassen, die zusammen mit ihr in einer großen Stadt hoch im Norden Deutschlands wohnte. Die geplante Hochzeit musste deshalb immer wieder verschoben werden. Dann kam seine schlimme Krankheit dazwischen, die ihn völlig aus der Bahn warf und ihn seitdem in eine tiefe Verzweiflung getrieben hatte. Auch Doris litt sehr darunter und war ebenso verzweifelt wie er. Ihre Lebenspläne konnten beide jetzt sprichwörtlich begraben.

 

Er fühlte sich müde. Der fortschreitende Lungenkrebs zehrte an seinem Körper. Langsam wandte er sich zum Gehen. Es ging ihm im Augenblick nicht so gut.

 

Draußen war es still und Mitternacht schon längst vorbei. Seine Schritte hallten monoton auf dem kalten Asphalt, als er den einsam daliegenden Bahnhof wieder verließ. Er war in einer seltsam melancholischen Stimmung. In Gedanken hörte er die Worte seiner Tochter, als sie zu ihm sagte: „Papa, wir werden uns bald wiedersehen. Ich werde mich um dich kümmern, wenn ich alles mit Klaus zusammen besprochen habe, was wir für dich tun können.“ Dann hatte sie ihm zärtlich die Tränen weggewischt, die ihm über die Wangen gelaufen waren. Sie selbst hatte sich dabei zu einem Lächeln gezwungen.

 

Die Nacht war sternenklar. In dem kleinen Restaurant, in dem sie noch vor wenigen Stunden vor ihrer Abfahrt gesessen hatten, war es jetzt totenstill. Das Licht war erloschen. Wie benommen ging er daran vorbei.

 

Robert Hasslauer erreichte schließlich sein Hotel. Er hatte sich dort für einige Tage ein kleines Zimmer gemietet, weil er in dieser Stadt einen alten Freund besuchen wollte, den er noch aus seiner schönen Studentenzeit her kannte.

 

Auf den Stufen blieb er plötzlich stehen und blickte in die Richtung, von der er gekommen war. Still lag der Bahnhof im trüben Licht seiner eigenen Beleuchtung. Die kühle Nachtluft erfrischte ihn ein wenig. Er hatte das seltsame Gefühl, als würde ihn ein Windhauch sanft über seine schütteren Haare streicheln.

 

Wir sind alle auf der Durchreise“, fiel ihm wieder ein. „Was für eine wunderschöne ruhige Nacht, um weiterzuziehen“, flüsterte er halblaut vor sich hin. Dann ging er auf sein Zimmer.

 

***

 

Am nächsten Morgen gellte der entsetzte Schrei des Zimmermädchens durch den zweiten Stock des Hotels. Einige Gäste waren herbeigeeilt und gafften aufgeregt in den offenstehenden Raum, auf dessen Tür die Nr. 31 zu lesen stand.

 

Dort saß Robert Hasslauer in einem weinroten Sessel direkt am offenen Fenster. Fast sah es so aus, als ob er schliefe, doch er rührte sich nicht.

 

Am nächsten Tag stand ein kleiner Artikel in der örtlichen Tageszeitung, der die Leser über den tragischen Fall eines 56-jährigen Manager informierte, der sich in seinem Hotelzimmer durch eine Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen hatte. Neben dem Toten fand die Polizei einen kleinen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Ich bin jetzt in einer neuen Welt. Wir alle sind nur auf der Durchreise...“


 

ENDE


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