Stefan Läer

In der Rabattszene

Mein Einstieg in die Rabattszene begann im vergangenen Dezember mit der harmlosen, einem Mantra ähnlich gestellten Frage, die die arme Dame an der Kasse des Supermarkts meines Vertrauens Tag für Tag bestimmt ungefähr zweihundert Mal herunterbeten musste.

„Haben Sie eine Payback-Karte?“ Ne, habe ich nicht und will auch keine, hatte ich die nervtötende Frage bislang immer abgetan, oder einmal Rheinisch auf den Punkt gebracht: Wat soll dä Quatsch?

Überhaupt, was war das eigentlich für ein Wort? Natürlich so ein „modernes“ Wort aus dem Angelsächsischen, das mich sehr an „to pay back“, freimütig mit „zurückzahlen“ ins Deutsche übersetzt, erinnerte, wobei ich meine Gedanken immer schon in Richtung des Wortes „heimzahlen“ – im Sinne einer revanchistischen Tat – weiterspann. Was irgendwie keinen Sinn ergab, denn weshalb sollte ich mich an dem Supermarkt meines Vertrauens rächen wollen? Dafür, dass man mich ständig nach dem Besitz dieser Karte fragte und mir damit auf die Nerven ging?

Man wollte mich doch nur zum Kaufen und Wiederkaufen animieren und durch diese hypermegacoolmoderne Aktion zeigen, wie sehr der Supermarkt meines Vertrauens doch um seine Kundenbindung besorgt war. Nicht mit mir! So dachte ich … Bis ich schließlich einwilligte. Warum, wieso und weshalb, das weiß ich eigentlich gar nicht mehr so genau, aber wahrscheinlich hatte es eher etwas mit Breitschlagen lassen als mit purer Neugierde zu tun. Trotzdem: Nie wieder würde ich die mitleidigen Blicke der anderen Sammler auf mich ziehen müssen, weil ich immer „nein“ sagte. Also sagte ich diesmal einfach „ja“.

Und schon war ich drin in der Szene. Punkte sammeln, das kann jeder, mittlerweile ja sogar der 1. FC Köln. Wie großartig und bedeutsam diese Szene aber wirklich war, erkannte ich erst mit der Zeit. Bei der Registrierung meiner Karte in einem eigens errichteten Payback-Automaten stand mir zum Glück eine sehr freundliche und nicht minder hilfsbereite Dame vom Supermarkt meines Vertrauens treu zur Seite (sonst hätte ich das wohl nicht geschafft). Aber einmal aktiviert, konnte der Sammelspaß endlich beginnen. Im Laufe der Wochen erhielt ich an der Kasse neben den Punkten noch zahlreiche kleine Zusatzcoupons, mit denen ich mir Zusatzpunkte für mein Gemüse, das ich kaufte, sichern konnte. Das Fieber stieg und steigerte sich zu einem regelrechten Rausch. Payback war allgegenwärtig und machte mich abhängig.  Überall fühlte ich mich von den Punkten verfolgt, eines Tages landete sogar ein Heftchen mit Zusatzcoupons samt wertvollen Tipps für eine gesunde Ernährung in meinem Briefkasten. Woher nur wusste der Supermarkt meines Vertrauens mittlerweile sogar, wo ich wohnte? Ach ja richtig, das hatte ich ja bei der Registrierung meiner Karte angegeben …

Einmal fragte mich eine anscheinend besonders motivierte Verkäuferin sogar, ob ich außer den Payback- noch so genannte Treuepunkte sammele. „Hm, ja klar!“, antwortete ich geblendet von überbordender Euphorie, ohne zu wissen, dass diese Treuepunkte in Wirklichkeit nur kleine Aufkleber für ein Sammelheftchen waren, mit deren Hilfe ich im Falle weiterer treuer Käufe eines Tages mal einen rabattierten Toaster oder Ähnliches kaufen könnte.

Natürlich blieb ich dem Supermarkt meines Vertrauens immer treu, von daher hatten die Treuepunkte für mich schon ihre Daseinsberechtigung. Trotzdem fiel mir mit der Zeit auf, dass ich meine Payback-Karte ja auch in Geschäften der Kooperationspartner des Supermarkts meines Vertrauens einsetzen konnte, was mir beim Einkaufsbummel mit meiner Freundin im Kaufhaus meines Vertrauens wertvolle Punkte auf eine hochpreisige Summe sicherte. Meine Freundin war schon ein bisschen länger in der Rabattszene zu Hause und wollte mir ihren Zehn-Prozent-Rabatt-Coupon, den sie ganz kartenlos per App auf ihr Handy laden konnte, als Zeichen ihrer Liebe überlassen. Zu dumm nur, dass die App nicht funktionierte, sodass es uns leider trotz mehrfacher Versuche nicht möglich war, den Coupon einzulösen. Trotzdem wurde sie nicht müde, bei jeder sich bietenden Möglichkeit von den Vorteilen der Szene zu schwärmen.

Aber das hatte eigentlich nichts mehr mit ein bisschen Payback zu tun.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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