Heinz-Walter Hoetter

Nur ein Spielzeug

Einleitung

Androiden


Die Frage nach der Möglichkeit von intelligenten Maschinen entstand schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wird bis heute diskutiert. Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung wird es bald soweit sein, dass die Menschheit über Computer verfügt, deren Gedächtnis- und Rechenleistung es mit derjenigen des menschlichen Gehirns aufnehmen kann.

Intelligente Maschinen. Besäße eine solche Maschine Bewusstsein? Wie entsteht eigentlich Bewusstsein? Wir wissen über dieses Phänomen noch zu wenig, um in näherer Zukunft zielgerichtet „bewusste Maschinen“ konstruieren zu können. Was ist aber, wenn unsere Computer erst einmal so raffiniert geworden sind, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir mit einer Maschine oder mit einem Menschen kommunizieren? Könnten wir ihnen da noch eine gewisse Form von Bewusstsein absprechen?

Und wo führt diese Entwicklung in Zukunft hin, wenn eines fernen Tages Roboter oder Androiden über neuronale Netzwerke verfügen, die das Verhalten der Neuronen eines menschlichen Gehirns nachahmen?

Werden diese hochkomplexen, empfindungsfähigen Maschinenwesen dann irgendwann einmal dazu fähig sein, träumen zu können?

***
Letzte Nacht träumte ich davon, ich wäre wieder auf dem herrlichen Landgut, dort, wo ich bei den reichen Leuten wohnte, die so viele Kinder hatten. Eine Allee mit alten Bäumen, in der beginnenden abendlichen Dämmerung schimmernd, die Pferde, die hinter einem Holzzaun stehen und aussehen wie Scherenschnitte. Und dann das schöne Gutshaus umgeben von grünen Wiesen inmitten der heran kriechenden Schatten. Es sind Abendschatten nach einem Tag voll sengender Sonne, deren heiße Glut ich immer noch spürte. Ich konnte sogar die vielen Kinderstimmen hören, glockenhell in der frischen Abendluft, und sehe ihre fröhlichen Gesichter, die böse Gedanken dahinter nicht vermuten lassen würden.

Sie spielen und lachen und gemeinsam gehen sie auf Verfolgungsjagd, bis einer von ihnen laut ruft: „Da ist er, der Verräter! Fangt ihn!“

Einige aus der Gruppe drehen sich zu mir herum.

Ich schreie. Es sind Schreie der Gewissheit, dass es wieder geschieht und alles von vorne beginnt.

Fernes Donnergrollen setzte ein, als Vorbote von Regen. Düster aussehende Wolken ziehen am blitzenden Horizont herauf. Das hält die Kinder aber nicht davon ab, ihre Verfolgungsjagd abzubrechen.

Die dunklen Abendschatten werden länger und schwärzer. Gleichzeitig wird das Spiel der Kinder noch ausgelassener und wilder.

Ich spurtete los und laufe mit großen Schritten auf den Schutz des nah gelegenen Waldes zu, versuche zu entkommen. Die Horde der großen Jungen und Mädchen rennt hinter mir her, besessen von der wahnsinnigen Lust, mich zu fangen, um mich dann endlich fesseln zu können.

Wir haben ihn gleich“, ruft jemand direkt hinter mir mit keuchender Stimme.

Ich schreie wieder, als sich einige meiner Verfolger auf mich stürzen. Im Wald ist es jetzt ganz finster, den ich nicht mehr ganz erreichen konnte. Dort hätten sie mich nicht gefunden.

Das letzte Licht der untergehenden Sonne am Horizont wird von schweren Gewitterwolken geschluckt. Ich wehre mich nicht mehr, lasse alles über mich ergehen, weil ich einfach keine Kraftreserven mehr habe. Dann packen mich meine Verfolger und zerren mich brutal mit.

Ihr sollt mich los lassen! Bitte! Ich habe euch doch nichts getan!“ rufe ich in meiner Verzweiflung.

Schweig!“ zischte mich der Anführer der Gruppe böse an, schlug mir mit der flachen Hand so heftig ins Gesicht, dass mein Kopf nach hinten wirbelte und meine weiche Kunsthaut hässliche Risse bekam.

Übertreib’ nicht, Mollek!“ sagte eines der Mädchen. „Wir wollen ihn nicht verletzen. Vater wird darüber nicht gerade erfreut sein. Du weißt, was er uns gesagt hat.“

Der große Junge beachtete seine Schwester zuerst nicht, sondern grinste sie nur hämisch an. Dann sagte er missmutig zu ihr: „Spielverderberin! Wir sagen einfach, dass er einen Unfall hatte. Vater wird sich damit zufrieden geben.“

Ich dachte über das Gehörte nach. Warum tun sie das ausgerechnet mit mir? Vielleicht deshalb, weil ich nur ein Spielzeug für sie bin?

Innerlich habe ich mich bereits mit meinem Schicksal abgefunden. Aber ich spüre so etwas wie Angst in mir, obwohl ich eigentlich keine Emotionen haben dürfte. Ich möchte etwas sagen, will sprechen, bleibe aber stumm. Meine Programmierung verhindert jede Selbstverteidigung und gegenüber menschliche Wesen darf ich keine Gewalt anwenden.

Zünden wir ihn an!“ ruft ein anderer Junge aus der Gruppe und hat plötzlich Streichhölzer in der Hand.

Das große Mädchen schüttelt den Kopf und stellt sich schützend vor mich.

Nein, nein! Er ist noch nicht verurteilt. Lasst ihn in Ruhe!“ sagte sie mit warnender Stimme. „Außerdem ist doch alles nur ein Spiel“, ruft sie den grölenden Burschen zu.

Ich werde trotzdem niedergestoßen und mit trockenem Gras überworfen. Der Junge mit den Streichhölzern zündet es an. Rauch steigt empor, und dann lecken kräftige bläulichgelbe Flammen an mir empor.

Macht sofort das Feuer aus!“ schreit das Mädchen. „Schnell, sonst wird er verbrennen.“

Wieder hörte man ein heftiges Donnergrollen, das diesmal ganz nah zu sein scheint. Ein heftiger Windstoß erfasst die lodernden Grasbüschel und wirbelt sie durch die Gegend.

Gefesselt liege ich im hohen Gras. Überall um mich herum brennt es auf einmal. Das Feuer ist außer Kontrolle geraten und lässt meine Haut schmoren, die mir bald in langen Fetzen am metallenen Laufskelett herunterhängt.

Der Verräter soll in der Hölle schmoren! Er gehört nicht zu uns! Er ist nur eine dreckige Maschine“, schreien die Kinder aufgebracht durcheinander, die mich jetzt mit Hass erfüllten Blicken anstarren. Dann bildeten sie einen Kreis um mich herum.

Durch den beißenden Qualm kann ich auf einmal tanzende Gestalten erkennen. Die Flammen schlagen immer höher. Und jetzt höre ich mich plötzlich selbst in Todesangst laut schreien. Es sind grauenhafte Schreie, die sich tief in mein Gedächtnisspeicher eingegraben haben und von denen ich weiß, dass sie eigentlich nicht zu meiner primären Programmierung gehören dürften. Ich habe mich wohl auf irgendeine unerklärliche Art und Weise verändert und werde meinen menschlichen Erbauern anscheinend immer ähnlicher.

Ich höre die Kinder, ich sehe sie springen, lachen und schreien. Dann, von einer Sekunde auf die andere sind sie plötzlich fort. Ein heftiger Regenschauer setzt abrupt ein. Ich sehe nichts mehr, es wird dunkel um mich herum.

***

Schreiend erwache ich in meiner stabilen Panzerglasbox, immer wieder verfolgt von diesen schrecklichen Erinnerungen. Ich höre eine ruhige Stimme neben mir und sehe in das Gesicht eines älteren Servicetechnikers der Cyborg Corporation, der mich kopfschüttelnd von oben bis unten nachdenklich betrachtet. Hinter ihm steht ein vornehm gekleideter Mann in einem hellen Anzug, von dem ich weiß, dass er mein Besitzer ist.

Tja, Mister Holland. Der Androide hat ganz schön was abbekommen. Tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass ein großer Teil seiner Kunsthaut stark verbrannt ist und von Grund auf erneuert werden muss. Ich bedaure sehr, dass Ihre Kinder ihn so zugerichtet haben. Die Reparatur wird einige Zeit in Anspruch nehmen und Ihnen einen ziemlichen Batzen Geld kosten. Wollen Sie ihn denn überhaupt noch reparieren lassen?“

Ich denke nicht. Nehmen Sie den Androidenjungen einfach wieder mit. Für meine Kinder ist er nur ein Spielzeug wie jedes andere auch. Irgendwie scheinen sie keinen Respekt vor diesem kleinen Roboter zu haben. Ich begreife einfach nicht, warum sie ihn ständig quälen wollen. Es wird daher wohl besser sein, wenn ich ihn an die Cyborg Corporation zurückgebe.“

Der Servicetechniker nickte mit dem Kopf, griff mir darauf hin in den Nacken und drückte sanft auf einen verborgenen Sensor unterhalb des Haaransatzes. Noch im gleichen Moment begann der Abschaltprozess. Ein heller Lichtschein in meinen Augen blitzte kurz auf, dann wurde es dunkel um mich herum.

Tief in meinem Gedächtnisspeicher allerdings lebten meine Erinnerungen weiter. Ich konnte nichts dagegen tun.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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