Hans Fritz

System Mensch


Intro

Schenken wir den Prophezeiungen für die Menschheitsgeschichte der nächsten Jahrhunderte Glauben, so sieht die Sache nicht gerade rosig aus. Doch gibt es auch Anlass zur Hoffnung. Auf schreckliche Zeiten soll eine Periode weltweiten Friedens folgen. Per aspera ad astra. Wer’s glaubt wird selig – nein, er ist es schon.

A propos astra. In nicht allzu ferner Zukunft werden vermutlich Erdenmenschen auf dem Mars angesiedelt. Die Reise dorthin wird vielleicht nur noch sechs Wochen dauern. Es kommt zur Radomisierung des eigentlich lebensfeindlichen Planeten. Riesige Schutzhüllen werden innen mit Metallgerippen ausgesteift, um den Menschen eine vorläufige Unterkunft in aufwendig geschaffener Atmosphäre zu ermöglichen. Beim Verlassen eines solchen Radoms ist das Tragen eines Schutzanzugs inklusive Atemgerät Pflicht. Doch das versteht sich ja fast von selbst.

Als sich herausstellt, dass ein Überleben auf dem Mars dennoch nur bedingt möglich ist, gewinnt die Frage nach möglicher Besiedlung erdähnlicher Planeten in anderen Sonnensystemen wieder an Bedeutung.

Der kürzlich entdeckte Planet Aetaulor kommt in die engere Wahl. Einschätzungen und Hochrechnungen der Astronomen sprechen allerdings dafür, dass dort bereits Menschen, oder zumindest menschenähnliche Wesen existieren. Aber solchen Wesen den Lebensraum streitig machen? Die Zeiten eines Vorherrschaftsdenkens und Kolonistengebarens sollten endlich passé sein. Versuche einer Integration und Assimilation von Bevölkerungsteilen gibt es allein auf der Erde zur Genüge und sind bisher oft schon im Ansatz kläglich misslungen.

Da kommt die Meldung eines interkontinentalen Raumlabors, dass der Planet TYXQI-0896 höchstwahrscheinlich unbewohnt, soll heissen menschenleer ist und ideale Voraussetzungen für das Überleben Irdischer bieten könnte. Sollte eine Reise zum Aetaulor innerhalb von drei Jahren möglich sein, würde auch das schnellste Raumschiff aller Zeiten zum «TYX» stolze 236 Erdenjahre benötigen. Die Raumfahrtbehörde hat das Problem praktisch schon gelöst. Falls ein bemanntes Raumschiff auf die Reise gehen sollte, könnte dies mit tiefgefrorenen Astronauten zu machen sein. Allein der Gedanke ist zunächst einmal schockierend und weckt Erinnerungen an frühere Geschichten der Sparte Science-Fiction. Doch wissen wir heute, was morgen schon nicht mehr als blosse Utopie durch die Medien schwirrt? Wir können es glauben oder nicht, aber ein Gedankenspiel in diese Richtung drängt sich geradezu auf.

Fünf Flugbegleiter der Marsmission, Pioniere ohne spezielle familiäre Bindung, werden unter vierzig Kandidaten ausgewählt, die schrecklich lange Reise in unendliche Weiten anzutreten.

 

Eine gänzlich unerwartete Landung

Einst gab es in einem Wüstengebiet Vorderasiens einen internationalen, so genannten Weltraumbahnhof. Von hier starteten viele Erkundungsflüge in ferne Galaxien und letztendlich auch einige Transportraumschiffe zum Mars.

Heute stehen auf dem Gelände ausgeschlachtete oder zumindest museumsreife Raumschiffe herum. Ausser einer Handvoll Touristen scheint sich kein Mensch für diese altertümelnde Technik zu interessieren. Ein halbzerfallener «Tower» steht in gehörigem Abstand zu den Start- und Landepisten. Wenige Aufsichtsbeamte langweilen sich in den letzten noch erhaltenen Bürozellen. Früher, als draussen Hochbetrieb herrschte, war der Bau mit 18 Beamten pro Raumschiffaktion besetzt.

Eines schönen Abends wird die Atmosphäre der Beschaulichkeit abrupt gestört, als ein Raumschiff zur Landung ansetzt. Fast wäre das Manöver missglückt, aber im letzten Moment gelingt der Stopp knapp neben einer alten zerbeulten Kiste.

Fünf Männer in ziviler Kleidung entsteigen dem Ungetüm und schauen sich erst einmal um. Schon eilt ein Aufseher auf den kleinen Trupp zu und spricht sie in einer Sprache an, die keinem der fünf geläufig ist. Astor, der Leiter der Expedition beherrscht zwar sechs Sprachen, darunter englisch, spanisch und arabisch, aber was hier an Worten fällt bleibt ihm verschlossen.

Ja, es sind die vom Planeten TYXQI-0896 zurückgekehrten fünf Astronauten. Sie haben einen Tag vor der Landung vorsorglich ihre mitgeführte zivile Kleidung angelegt, damit sie nicht für Ausserirdische gehalten werden. Sie wissen nicht, dass die aktuelle Mode mit der vor Jahrhunderten gepflegten nichts mehr gemein hat. Wenn sie auch noch so erdenmenschliche Züge zur Schau stellen, sie werden für Aliens gehalten, die von irgendwoher aus dem All kommen, um die Erde zu inspizieren und für die Invasion Ausserirdischer vorzubereiten.

 

Der Saumpfad

Ein vom Aufseher herbeigerufener Mann im grünen Overall erklärt den vermeintlichen Aliens mit ein paar Brocken Englisch sie seien in Gefahr, sollten so bald wie möglich den Landeplatz verlassen und sich per Bahn zunächst zur Stadt Krjiabol begeben, von dort über einen Bergpfad in die neutrale Zone Panigud, kenntlich am «Roten Obelisk».

Nach kurzem Beraten folgen die Rückkehrer dem Tipp. Sie holen ihre Rucksäcke aus dem Raumschiff und machen sich auf den Weg, das heisst zur nächstliegenden Station der Interregionalbahn. Dorthin kutschiert sie der Grüne in einem Schützenpanzer ohne Ausguck, über eine kaum asphaltierte Strasse. Der Mann besorgt am bahneigenen Kiosk einen Gruppenfahrschein von A3-Grösse. Ein mutmasslicher Bahnangestellter entreisst Bruce, dem Navigator, die Fahne, um sie mittels Brennstab mit einem glänzenden Siegel zu vergolden. Jetzt geht es mit einem Lift von Bauhüttengrösse hinab in die lockende Tiefe der Bahnstrecke. Noch bevor sich die fünf bei ihrem grünen Betreuer bedanken können, trifft der Zug ein. Nicht nur dem Namen nach ein Silberpfeil. Dem Beispiel anderer Reisewilliger folgend, hält Bruce das Siegel vor ein schnell aufflackerndes Lämpchen an der Wagentür und dem Einstieg steht nichts mehr im Weg. Im nur schwach besetzten Wagen finden die fünf Männer bequeme Plätze. Zwar Holzklasse, dafür aber sauber. Unten an der Tür haftet ein kleines Schild in altvertrauter Lateinschrift: Matthiesen Rheinmetall. Nach einer knappen Stunde rasender Fahrt tönt es aus dem Lautsprecher wie «Kschabol». Das heisst also aussteigen. Momente später öffnet sich die Tür und nach mehrminütiger Liftfahrt stehen die Astronauten auf einem staubigen, gottverlassenen Platz. Sie folgen ein paar Leuten, die ebenfalls aus- und aufgestiegen sind und wohl einem Hort neuzeitlicher Zivilisation zustreben. Bald stehen sie vor einem Fachwerkhaus, das sehr an einen Landgasthof längst vergangener Zeiten erinnert. Dahinter ragt ein Gebirge hoch auf. «Endlich wieder Berge», schwärmt Bruce, nicht bedenkend, dass sich die Ex-Erdenbürger erst allmählich an langes Laufen in unebenem und stetig ansteigendem Gelände gewöhnen müssen.

Ein paar Schritte weiter beginnt tatsächlich der Pfad. Bald ist er gerade mal zwei Fuss breit und führt entlang einer schroffen Felswand. Ein Sturzbach unterquert den Pfad durch ein grosses Rohr und rauscht in die Tiefe des Talkessels. Ein vorsichtiger Blick zurück fällt auf ein sich rasch näherndes jäh abbremsendes Fahrzeug, das an ein Hochrad aus dem Technischen Museum erinnert. Ein Lenker des seltsamen Gefährts ist nicht zu erkennen.

Zwei Stunden später lädt ein Plateau zur ausgiebigen Rast. Von einem in den Fels eingelassenen eisernen Tor her tönt plötzlich auf und abschwellendes tiefes Brummen. «Dahinter verläuft die Bahnstrecke», glaubt Bruce zu wissen.

Der weitere Marsch endet bald vor einer Geröllhalde. Ohne die Ausrüstung eines Bergsteigers ist die Tour hier zu Ende. In schier greifbarer Nähe leuchtet der Obelisk, von der Abendsonne beschienen, in mattem Rot auf.

Rückmarsch ist angesagt, wenn auch ungeahnte Gefahren drunten in Krjiabol lauern sollten, die Begegnung mit dem mysteriösen Hochrad eingeschlossen.

 

Eine Rettung

Kaum haben die Astronauten wieder das Plateau erreicht, als sich ein Transporthelikopter nähert, ein langgestrecktes Gefährt mit drei Rotoren. Eine Leiter wird herabgelassen. Von oben gibt eine Person das unverkennbare Zeichen aufzusteigen. Es bleibt nichts anderes übrig, als der Aufforderung zu folgen. «Solche Abenteuer bietet nicht mal die Reise durchs All», meint Astor.

An Bord werden die irdischen Aliens von einer ganz in schwarz gekleideten Dame in gut verständlichem Englisch angesprochen: "Meine Herren, Sie haben unwahrscheinliches Glück. Ein Zeitungsausriss aus dem Jahr 2178 bestätigt Sie als das Team, das sich mit einem Raumschiff auf den Weg zum Planeten TYXQI-0896 begeben hat und nach 236 Jahren dort gelandet sein dürfte, nun aber nach ebenso langer Zeit und ein paar zusätzlichen Jahren auf unsere gute alte Erde zurückgekehrt ist."

Die Astronauten werden im Grandhotel der Stadt Krjiabol untergebracht. Hotels scheinen in dieser Zeit zu den wenigen Einrichtungen mit Tradition zu gehören. Frau Olsen, die Dame in Schwarz, begleitet die fünf in die Lobby und bittet sie demnächst ihre Geschichte aufzuschreiben, die sie dann im Grossen Saal der Avantgardisten in der landesüblichen Sprache vortragen möchte.

Auf Astors Frage, was es mit dem Hochrad auf sich habe, antwortet sie ausweichend: «Es gibt mittlerweile Dinge bei uns, die Sie nicht gleich verstehen würden.»

 

TYXQI-0896 – eine nicht ganz geglückte Mission

Frau Olsen hat Wort gehalten und trägt die Geschichte der fünf Abenteurer mit ruhiger, fester Stimme vor.

Nur etwa hundert Leute sind der Einladung zur Lesung gefolgt. Offenbar ist das Interesse der aktuellen Generation an solchen Weltraumgeschichten eher gering.

***

Und das ist die Geschichte…

 

>Drei Wochen vor der Landung auf dem Planeten TYXQI-0896 wurden wir fünf Astronauten, die 236 Jahre lang in Kühltanks eingeschlossen waren, durch einen erprobten Mechanismus wiederbelebt.<

Nach minutenlangem Geraune setzt Frau Olsen ihre Lesung fort.

>Bruce, der Navigator, bleibt im Schiff. Wir vier Kollegen besteigen die Raumfähre und landen nach drei Umkreisungen des Planeten auf einem grob gepflasterten Platz, den ein grüner Lichtstrahl in unregelmässigen Abständen überquert. Während des Anflugs haben wir das als ein Signal zur Landerlaubnis an dieser Stelle gedeutet.

Die Analyse der Aussenatmosphäre zeigt einen Sauerstoffgehalt von 20,4 Volumenprozent an, einen Kohlendioxidanteil von 0,06. Wasserstoff und Argon sind in Spuren vorhanden. Dazu bei einer Temperatur von 22° Celsius fast irdische Zustände! Der Planet hat etwa 85 Prozent der Erdmasse, sodass sich unsere ersten Schritte auf fremdem Terrain ein wenig leichter als gewohnt gestalten. Die mittlere Distanz zum Zentralgestirn, das eine getreue Kopie unserer Sonne sein könnte, beträgt 180 Millionen Kilometer. Über Nachbarplaneten ist bislang nichts bekannt.

Der vermutliche Leitstrahl ist inzwischen erloschen. Ein paar an Fächerpalmen erinnernde Bäume werfen hin und her schwankende Schatten. Ein katzengrosses geflügeltes Etwas lässt sich auf einem Baumwipfel nieder. Könnte eine Flugechse sein.

In geringer Entfernung vom Landeplatz steht ein imposantes Gebäude. Der auf gut 20 Meter Höhe geschätzte Rundbau wird von achtzehn vierkantigen Säulen getragen. Im Zentrum des Bauwerks steht eine Art Altar, der mit einer roten Decke überzogen ist und ein Kandelaber trägt. Es dürfte sich also um einen Sakralbau handeln. Vor einer blau getünchten Säule steht ein Tischchen. Auf der glatt polierten Platte sind ein paar Münzen ausgelegt worden, alle sechskantig, die grösste mit einer Kantenlänge von viereinhalb Zentimetern, die kleinste von zwei Zentimetern. Es sind schlecht erkennbare Muster eingeprägt, das der grössten Münze könnte eine sechsblättrige Blüte darstellen. Die kleinste Münze trägt einen exzentrisch angeordneten roten Punkt. Unheimlich anmutende Gestalten schmücken die Zwischengrössen. Getreu unserem Vorsatz, keine von Menschenhand gefertigten Dinge aufzuklauben, schiessen wir ein Foto. Die Schnelldeutung der Münzauslage legt nahe, dass auf diesem Planeten eine menschliche Zivilisation besteht und folglich auch hier Geld die Welt regiert. Oder die Bewohner haben uns eine Falle gestellt, im Glauben auch Kosmonauten erlägen dem Wunsch nach glitzerndem Besitz.

Urplötzlich auftauchende Schatten bewegen sich in Richtung Rundbau. Es ertönen schreckliche Rufe, wie heiseres Hundegebell. Gestalten von immerhin menschlichem Aussehen aber gut drei Metern Länge nähern sich uns stablampenschwingend. Beschwichtigende Gesten, das Vorzeigen eines weissen Lappens als Fahnenersatz und das Antönen einer Freiheitshymne scheinen die Riesen nicht zu beeindrucken. Mit letzter Anstrengung gelingt es uns die Fähre zu erreichen. Das war es also. Ausser dem Foto einer Flugechse und einem frisch von einer «Palme» gefallenen Blatt bringen wir kein Indiz unseres Kurzbesuchs auf TYXQI-0896 mit zur Erde. Wir sind kein Risiko eingegangen.

Die Luke ist schon halb geschlossen, als ein Hüne auf uns zueilt und einen gut verschnürten sackleinenfarbenen Beutel überreicht. Wir bedanken uns mit einem synchronen Kopfnicken, der Überbringer nickt ebenfalls und entfernt sich raschen Schrittes. Das Ding, vielleicht ein wirkliches Geschenk, soll im Sicherheitsbehälter verstaut und später auf der Erde von einer mit Sprengstoff und Giftsubstanzen vertrauten Equipe geöffnet werden.

Das Andocken ans Raumschiff gestaltet sich wider Erwarten sehr schwierig, gelingt aber, bevor die Riesen Kampfdrohnen losschicken könnten.

Aus gehöriger Distanz zeigt sich der Planet in einem seltsam grünen Schimmer. Wasserflächen von Grösse und Gestalt her an finnische oder schwedische Seen erinnernd, sind über den ganzen Planeten verstreut. In manchen Fällen mag es sich um mit Niederschlägen aufgefüllte Einschlagkrater handeln. Einen Ozean irdischer Ausmasse scheint es nicht zu geben. Auch fehlen Gebirge. Hügel von höchstens 400 Metern Höhe tragen dichte, vermutlich immergrüne Wälder. An Städte erinnernde Grosssiedlungen suchen wir vergeblich. Die Riesen dürften in verstreuten Flachbauten und hoch aufragenden Pyramiden (!) hausen. Was sich unter jenen Flachbauten befindet, Wohneinheiten, Verkehrswege und so weiter, ist für uns natürlich nicht einsehbar.

Eine abschliessende Messung ergibt, dass der Planet tatsächlich ein paar Kilometer weniger Umfang hat als die Erde. Zwei fast gleich grosse Monde umkreisen den Planeten in kaum voneinander abweichenden Bahnen. Ein dritter Mond ähnelt dem Marsmond Phobos und könnte von der Konsistenz eines monolithischen Felsbrockens sein.

Ein Starker Sturm scheint jetzt da drunten zu wüten. Seen schwappen weit über die flachen Ufer. Der Landeplatz unserer Fähre war wohl eine Mulde, vielleicht die tiefst gelegene und von der Wut der Stürme nicht so stark betroffene Stelle des Planeten. Eine dunkle Masse, angetrieben von einer Art Schaufelbagger der Extragrösse bewegt sich auf ein trichterförmiges Bauwerk zu. Der Sinn der Aktion bleibt uns verschlossen, zumal wir vom Raumschiff aus Gegenstände von, sagen wir Gartenpavillondimensionen, gerade noch erkennen können.

Nun schicken wir den Erkundungssatelliten Punicolud auf die Reise. Der Apparat soll den Planeten in wechselnden Abständen umkreisen, Beobachtungen in Signale umsetzen und zur Erde senden.

Unsere Rückkehr zur Erde steht an und scheint ja einigermassen geglückt zu sein. <

***

Die Astronauten ernten stürmischen Applaus, untermischt mit ein paar Hochrufen. Frau Olsen bittet die Zuhörer, die zum Abschluss der Veranstaltung ein paar Bilder vom fernen Planeten sehen möchten, noch zu bleiben. Und alle bleiben.

Dazu muss eingeschoben werden, dass der geschenkte Beutel sich ohne jede Mühe aufschnüren liess. Der Inhalt wurde unter grössten Sicherheitsvorkehrungen in eine stählerne Wanne gekippt. Es sind, ausser zwei Münzen mit dem roten Punkt, ein faustgrosser Stein und vierzig Plastikteile von Spielkartenformat, die mit miniaturhaften Bildern bedruckt sind.

Mit modernster fototechnischer Raffinesse sind die «Spielkartenbilder» in Grossaufnahmen umgewandelt worden und werden nun hier im Saal auf eine blassgelbe Wandfläche projiziert. Landschaftsbilder mit und ohne Riesen, Flachbauten, aber besonders die Pyramiden sowie der Rundbau samt «Altar» finden reges Interesse. Einen extra Applaus bekommt Bild Nummer 19: Ein Hirte mit Krummstab inmitten seiner Herde. «Die Tiere sehen unseren Schafen verdammt ähnlich», kommt ein Zwischenruf, den Frau Olsen unter einigem Zögern übersetzt. Bei Bild Nummer 32, das eine Gebirgslandschaft darstellt, folgt wiederum ein Zwischenruf: «Typisch Kaukasus, hundertprozentig!» Frau Olsens Stimme kann sich kaum gegen das nun einsetzende, sich in beängstigende Höhen steigernde Stimmengewirr durchsetzen. Das wunderschöne Bergpanorama passt in der Tat eher zur Erde oder zum Aetaulor als zum TYXQI-0896. Ein neues, wahrscheinlich nie zu lösendes Rätsel. Kamen die «TYX-Riesen» einst als Aliens von einem anderen Planeten?

Inzwischen patrouillieren vier bis an die Zähne bewaffnete Aufseher durch den Mittelgang des Saals.

Die restlichen Bilder finden nur wenig Beachtung. Keinem der Zuschauer scheint aufzufallen, dass das vorletzte Bild, also Nummer 39, ein an Felsgestade gestrandetes Schiff und turmhohe Wellen im Hintergrund zeigt.

Zu später Stunde erlöschen die Lichter im Fantastenbunker, wie der Grosse Saal hierzulande gerne genannt wird. Die Astronauten finden mit Mühe durch eine Reihe wie hingewürfelter, fremdartig anmutender fensterloser Klötze zurück zu ihrer Unterkunft. Ein paar Meter vorm Hotelportal hält ein Hochrad für einen Moment an, um sich dann schleunigst zu entfernen. Das archaische Vehikel wird von einer hochgewachsenen, weit nach vorn gebeugten Gestalt gesteuert. «Das ist doch Frau Olsens Helferin, die vom Pult aus die Bildprojektion getätigt hat», meint Bruce, «die Frau mit der knallroten Bluse.» Und sie ist es.

 

Schluss und Schlüsse

Die fünf Gefährten verbringen noch ein paar Tage in der Stadt. Dann trennen sich ihre Wege und sie machen sich auf die Suche nach ihrer jeweiligen ehemaligen Heimat.

Bruce kommt ein paar Monate später nach Krjiabol zurück. Er möchte, bergsteigermässig bestens ausgerüstet, im Alleingang zum roten Obelisk vorstossen und, so ganz nebenbei, nach der Dame mit der roten Bluse Ausschau halten. Doch der Bergpfad wird ihm zum Verhängnis. Nach mehreren Tagen intensiver Suche unter Frau Olsens Beteiligung wird der Astronaut, der die unglaublichsten Abenteuer mit Bravour bestanden hat, als verschollen registriert.

***

Das beim Landeplatz der Raumfähre aufgelesene Blatt zeigt eine Struktur, die für Frühformen irdischer Farne charakteristisch ist. Grobe Vergleiche eines Fotos der Flugechse weist auf flugfähige Reptilien des Erdmittelalters hin.

Die Zusammensetzung der Gesteinsprobe weicht von der eines Erdgesteins gleichen Alters und ähnlich gestalteten Fundorten erheblich ab, denn der Anteil an Kieselzink-Erz ist sehr hoch.

Der Stoff, aus dem die Münzen sind, ist Messing mit hohem Zinkanteil. Der rote Punkt verdankt seine Farbe einer Eisenverbindung organischen Ursprungs.

***

Alles in Allem liefert die fiktive Mission der fünf Astronauten in ihrem Wert nicht zu unterschätzende Beobachtungen und Erkenntnisse, gibt allerdings zu neuen grundlegenden Fragen Anlass. Eines scheint jedoch festzustehen: Für die dauerhafte Besiedlung durch den Erdenmenschen wäre der Planet TYXQI-0896 nicht geeignet.

Vom Satelliten Punicolud kommen auf der Erde nie Signale an. Eine mögliche Ursache beflügelt Glossenschreiber zur Verbreitung abenteuerlichster Verdächte.

Wieder mag die Hypothese Anklang finden, dass das Weltall mehrere Planeten in «habitablen Zonen» bereithält, die sich für die Besiedlung durch Menschen eignen. Die Distanzen zwischen solchen Planeten machen aber Begegnungen ihrer Bewohner prinzipiell unmöglich, da das «System Mensch» verschiedene Wege einer Entwicklung einzuschlagen scheint. Ist der Mensch das Ziel eines für uns allzu Irdische nicht erkennbaren «globalen» Plans? Tritt der Mensch einst seine vermeintliche Herrschaft über alles, einschliesslich der Natur, gänzlich an Maschinen ab? Werden Maschinen das Menschengeschlecht auslöschen und bewohnbare Himmelskörper neu ausrichten und für einen neuen, «besseren» Menschentypen vorbereiten? Fragen über Fragen.

Als Grund für die mögliche Existenz mehrerer von Menschen bewohnter Planeten könnte postuliert werden, dass ein Meteoriteneinschlag oder eine sonstige Katastrophe alles Leben und damit die Grundlage weiterer Entwicklung bis hin zum Menschen auf einem bestimmten Himmelskörper zum Aussterben bringen und den Plan der Menschwerdung zunichte machen könnte. Auf der Erde war das im Perm-Zeitalter fast schon passiert. Die Überlegung setzt natürlich voraus, dass das «System Mensch» als (vorläufige?) Endstufe einer Evolution von einer nie erfahrbaren Macht geplant ist. Damit stünden wir wieder am Anfang aller Fragen.
 

 

Der Planet AETAULOR wird in meiner Kurzgeschichte (Science-Fiction)Tjilumorg erwähnt.Hans Fritz, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans Fritz).
Der Beitrag wurde von Hans Fritz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Glückliche Momente und gemeinsame Wege – Gedichte über Liebe und Leben von Marion Neuhauß



Das Glück bewusst wahrnehmen - Kraft daraus tanken - das Leben genießen. Die 35 Gedichte erzählen von positiven Erlebnissen und erinnern an die Stärke, die durch ein Miteinander zu erlangen ist. Denn mit glücklichen Momenten können wir uns für die schwierigen Augenblicke im Leben wappnen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans Fritz

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hinter den Höfen von Hans Fritz (Lebensgeschichten & Schicksale)
Eternal Love - Band 1 von Tim Klostermann (Fantasy)
Tatsachenbericht (gerettet) von Margit Kvarda (Tiergeschichten)