Heinz-Walter Hoetter

Der alte Mann auf dem Markt

Auf einem belebten Wochenmarkt kam ein junger Mann an einem Verkaufsstand vorbei, der etwas abseits in einer kleinen Seitengasse angesiedelt war.

Ein ziemlich betagter Herr mit einem grauen Hut auf dem Kopf saß geduldig auf einer einfachen Holzkiste und wartete auf Kundschaft, die hier allerdings nur selten vorbei kam.

Der junge Mann ging auf den Stand zu und musste zu seiner großen Verwunderung feststellen, dass der Alte keine Ware auf dem Tisch liegen hatte.

"Sie haben hier einen Stand ohne Ware aufgebaut. Was verkaufen sie denn eigentlich?" fragte er den alten Herrn.

"Oh, ich verkaufe hier nichts, sondern verschenke nur alles, was des Menschen Herz so begehrt", antwortete dieser mit ruhiger Stimme.

Der junge Mann war ziemlich verblüfft über diese seltsame Antwort. Er dachte zuerst, dass es sich um einen Scherz handelte.

"Sie verschenken also alles, was das Herz des Menschen begehrt - oder? Aber ich sehe hier keine Geschenke liegen. Der Tisch ist doch leer", erwiderte der junge Mann mit einem mitleidigen Lächeln im Gesicht.

Der Alte zog plötzlich ein Buch aus einer vergilbten Ledertasche hervor, schlug es auf und legte es dem jungen Mann so hin, dass er darin lesen konnte.

"Nun, was ich hier anbiete, kann man eigentlich nicht sehen. Aber in diesem Buch steht alles Wichtige drin, wonach des Menschen Herz begehrt. Sie können sich davon das aussuchen, was ihnen für ihr eigenes Leben wichtig erscheint."

Der junge Mann sah sich Seite für Seite genau an. Überall standen Begriffe wie Gesundheit, Liebe, Fürsorge, Glück und vieles andere mehr. Er blättere im ganzen Buch herum, bis er sich schließlich dazu entschieden hatte, wonach sein Herz begehrte. Er wollte den alten Mann nicht enttäuschen und nahm sich deshalb vor, das Spielchen bis zum Ende durchzuziehen.

"Sie haben sich entschieden?" fragte der Alte stirnrunzelnd.

"Ja, das habe ich", antwortete der junge Mann mit einem gequälten Lächeln im Gesicht.

Dann sprach er weiter: "Ich wünsche für mich in erster Linie Gesundheit, für meine Seele stets Frieden, Ruhe, Liebe, Zufriedenheit und Glück. Ich möchte ein weiser Mensch werden und keine Angst mehr in meinem Leben haben, egal was auch immer kommen mag."

"Oh, Sie haben eine gute Wahl getroffen, junger Mann. Ich habe bereits all ihre Wünsche als Samen in ihr Herz gepflanzt. Sie werden sehen, wie er im Verlauf ihres Lebens in ihnen wächst und gedeiht, bis er sich schließlich zur vollen Reife ausgewachsen hat. Sie werden nicht enttäuscht werden, denn ich stehe immer zu meinem Wort. Außerdem ist alles kostenlos gewesen", sprach der Alte lächelnd und steckte das Buch wieder weg.

Dem jungen Mann war auf einmal etwas seltsam zumute, weil er dachte, dass er das Spiel mit dem alten Herrn einfach zu weit getrieben hatte.

Dann sagte er: "Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, da meine Wünsche doch nur Gott erfüllen kann. Sie sind ja nur ein Mensch, und Menschen können so etwas nicht. Sie haben es zwar gut mit mir gemeint, doch ich denke, dass alles wohl nur eine Art von Scherz war. Meine Wünsche werden daher bestimmt nicht in Erfüllung gehen. - Na ja, wie auch immer. Es war auf jeden Fall sehr unterhaltsam mit ihnen. Ich muss jetzt aber wieder gehen."


 

"Sie irren da gewaltig, junger Mann, aber sagen Sie es bitte nicht weiter, denn es soll ein ewiges Geheimnis zwischen ihnen und mir bleiben: "Ich bin Gott."


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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